Im Dialog

„Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken?“ Mein Leser-Interview zum Thema Regretting Motherhood

Vor ein paar Wochen bekam ich einen Kommentar von einer Leserin zum Beitrag „Regretting Motherhood – Warum ich mir das Muttersein ganz anders vorgestellt hatte“. In dem Beitrag erkläre ich meinen Frust der Fremdbestimmtheit durch Kinder und dass ich mich so schwer mit der permanenten Forderung nach Aufmerksamkeit tue. Am Ende ihres Kommentars hatte mir die Leserin einige Fragen gestellt, bei denen ich ahnte, dass die Beantwortung dieser erstens länger dauern, zweitens den Rahmen der Kommentarfunktion sprengen würde und drittens die Antworten vielleicht auch andere Leserinnen interessieren könnte. Deshalb werde ich sie heute als Leser-Interview veröffentlichen, in der Hoffnung, dass die verspätete Antwort auch noch den Weg zur betreffenden Fragestellerin findet.

Im Dialog

Wie verläuft eine Psychotherapie für Mütter mit Gefühlschaos rund ums Wochenbett? Katharina aus Graz im Interview

Als ich nach der Geburt meines ersten Sohnes in ein tiefes Loch fiel, wusste ich nicht, wieso. Der Baby-Blues, der typische Heultag aufgrund hormoneller Veränderungen, hielt nun schon seit Wochen an, ich fühlte nur Leere und mich keinesfalls bereit für die Mutterrolle. Meine Hebamme speiste mich ab mit den Worten „Das wird schon wieder!“ und mein Frauenarzt war nicht der Typ Mensch, dem ich von meiner geheimsten Gefühlswelt, meiner Ablehnung gegenüber meines Kindes, erzählen wollte. Postpartale Depressionen sind leider immer noch ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft. Und wenn eine junge Mutter daran erkrankt, benötigt sie dringend fachliche Hilfe und die Gewissheit, dass sie nicht alleine damit ist.

Lebensfragen

Im Gefängnis namens Muttersein dennoch ein selbstbestimmtes Leben führen

„Kinder! Kinder! Immer dreht sich alles nur um Kinder!“ Ich schimpfte lautstark vor mich hin und versetzte dem vergessenen Spielzeug vor meinen Füßen wütend einen Tritt. Der Tag war lang gewesen, Mini und Maxi nun endlich im Bett, aber in mir drin tobte noch immer ein Sturm. Eine Mischung aus Frust, Resignation und dem unbändigen Wunsch nach Freiheit. Die Fremdbestimmtheit, der ich Zeit meines Mamaseins ausgeliefert bin, sie brachte mich mal wieder an den Rand des Wahnsinns. Mama hier, Mama da, für die Christine in mir blieb einfach kein Raum. Und das sollte jetzt die nächsten Jahre, womöglich bis zum Auszug der beiden Jungs, so weitergehen? Sollte ich ganz im Nebel meiner Selbst verschwinden, völlig in den Hintergrund gedrängt von dieser Rolle, dieser Last, namens Mutter?

Mama-Momente

Der Boden unter den Füßen weggerissen

Der Boden wurde mir unter den Füßen weggerissen und ich falle. Es fühlt sich an wie die Fahrt mit einem schnellen Fahrstuhl vom Dach eines Hochhauses bis in den Keller in drei Sekunden. Das Herz macht einen unangenehmen Hopser, gelangt aus seinem Rhythmus und deine Knie werden weich, weil du dich im freien Raum befindest, ohne zu wissen, wann du wieder landen wirst. Kennst du das Gefühl? Mit mir ist genau das heute passiert. Das Telefon klingelte. Ein Anruf vom heilpädagogischen Kindergarten, in den unser Sohn Maxi ab übermorgen gehen soll. Dem Jugendamt würden noch Unterlagen fehlen, der Aufnahmetermin müsse daher auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben werden. Die Nachricht löste beinahe einen Nervenzusammenbruch in mir aus.

Gesellschaft

Autismus?

Mein lieber Maxi,

zwei Wochen ist es nun her, seit wir die Praxis des Kinderpsychologen mit einer Diagnose für dich verlassen haben: Autismus. Genauer gesagt „Atypischer Autismus“. Es war ein surrealer Moment, obwohl uns der Arzt schon Wochen vorher mit dieser möglichen „seelischen Behinderung“, wie er es nannte, konfrontiert hatte. Wir hatten also Zeit genug gehabt, uns auf einen eventuellen Autismus einzustellen und uns schon einmal einzulesen in die Thematik. Und doch war es wie ein kleiner Schockzustand, in dem ich anschließend schwebte. Und, wie gesagt, surreal. Eben noch die Diagnose erhalten, standen wir beide dreißig Minuten später bei REWE an der Kasse und bezahlten unser Mittagessen. Das Leben musste eben weitergehen, keine Zeit zum Luftholen. Es erinnerte mich an den Zustand nach deiner Geburt.

Lebensfragen

Mein Brief an Mütter mit Wochenbettdepression

Liebe traurige Seele,

meine Zeilen gehen an dich, wenn du seit der Geburt deines Kindes keine Freude mehr empfindest. Du hattest dir das Mamasein ganz anders vorgestellt, eigentlich solltest du doch jetzt glücklich sein, oder? Warum fühlt es sich dann so leer an? Du bist erschöpft, von was genau weißt du manchmal gar nicht so recht.

Im Dialog

„Ich nehme mir jeden Abend Zeit zum Danken.“ Ein tiefsinniger Liebster-Award

Um eines mal direkt klarzustellen: Ich kann mit Kettenbriefen genauso viel anfangen wie mit Backen oder Nähen: Nämlich gar nichts. Kettenbriefe, WhatsApp-Spiele, Blog-Stöckchen und mit was die Menschheit nicht noch alles derzeit so um sich wirft, sind wirklich nichts für mich, außer die reinste Zeitverschwendung. Ich habe eine Freundin, bei der nicht ein Tag vergeht, an dem sie mir nicht mindestens einen von diesem „Schicke diese Nachricht an mindestens elf weitere Personen oder du wirst die nächsten sieben Jahre Pech haben“-WhatsApp-Quatsch sendet. Wie gesagt, sie ist meine Freundin aus dem realen Leben. Nur deswegen kann ich ihr diese Liebesbekundungen gerade so verzeihen (und die Nachrichten gekonnt ignorieren). Und jetzt erhielt ich für meinen Mama-Blog bei Twitter eine Liebster-Award-Nominierung und mein erster Impuls war: „JUHU!“ Äh. Moment mal. Wie kommt das jetzt?

Lebensfragen

Manchmal

Manchmal hat ein Tag zu viele Stunden, eine Woche zu viele Tage, ein Jahr zu viele Sekunden. Du fragst dich, wo die Zeit geblieben ist, die du einmal nur für dich hattest. Als kein Kind deine permanente Aufmerksamkeit einforderte, keine Mutterpflichten dich in eine feste Alltagsstruktur zwangen. Die Zeit scheint verronnen, wie in einer Sanduhr.

Mama-Momente

„Mama, hast du mich immer schon geliebt?“ Wie ehrlich antwortet man einem Kind nach schweren postpartalen Depressionen?

Ich sitze in meinem Lieblingssessel, das Notebook auf dem Schoß, und sortiere Kinderfotos. In wenigen Tagen wird Maxi Fünf. Neben einer Auswahl an Spielsachen wird er dieses Jahr auch ein Fotoalbum geschenkt bekommen. Ganz persönlich von mir gestaltet. Es soll ein Album aus den letzten fünf Jahren, von seiner Geburt bis Heute, werden. Bisher hatte Maxi keins, was nicht nur an der beschränkten Auswahl wirklich hübscher Fotoalben in den Geschäften lag (entweder sind sie nicht kindgerecht oder gleich extrem kitschig), sondern vielleicht auch ein klein wenig an meiner Motivationslosigkeit, dem Aussuchen, Bestellen und Einkleben der zig Fotos genug Raum und Zeit zu widmen. Denn was abertausenden Müttern viel Freude bereitet, war für mich lange Zeit undenkbar: Immer wieder Babyfotos anzugucken, um sich an die schöne Säuglingszeit zu erinnern. Die gab es bei mir nämlich nicht.