Lebensfragen

Im Gefängnis namens Muttersein dennoch ein selbstbestimmtes Leben führen

„Kinder! Kinder! Immer dreht sich alles nur um Kinder!“ Ich schimpfte lautstark vor mich hin und versetzte dem vergessenen Spielzeug vor meinen Füßen wütend einen Tritt. Der Tag war lang gewesen, Mini und Maxi nun endlich im Bett, aber in mir drin tobte noch immer ein Sturm. Eine Mischung aus Frust, Resignation und dem unbändigen Wunsch nach Freiheit. Die Fremdbestimmtheit, der ich Zeit meines Mamaseins ausgeliefert bin, sie brachte mich mal wieder an den Rand des Wahnsinns. Mama hier, Mama da, für die Christine in mir blieb einfach kein Raum. Und das sollte jetzt die nächsten Jahre, womöglich bis zum Auszug der beiden Jungs, so weitergehen? Sollte ich ganz im Nebel meiner Selbst verschwinden, völlig in den Hintergrund gedrängt von dieser Rolle, dieser Last, namens Mutter?

Mama-Momente

Der Boden unter den Füßen weggerissen

Der Boden wurde mir unter den Füßen weggerissen und ich falle. Es fühlt sich an wie die Fahrt mit einem schnellen Fahrstuhl vom Dach eines Hochhauses bis in den Keller in drei Sekunden. Das Herz macht einen unangenehmen Hopser, gelangt aus seinem Rhythmus und deine Knie werden weich, weil du dich im freien Raum befindest, ohne zu wissen, wann du wieder landen wirst. Kennst du das Gefühl? Mit mir ist genau das heute passiert. Das Telefon klingelte. Ein Anruf vom heilpädagogischen Kindergarten, in den unser Sohn Maxi ab übermorgen gehen soll. Dem Jugendamt würden noch Unterlagen fehlen, der Aufnahmetermin müsse daher auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben werden. Die Nachricht löste beinahe einen Nervenzusammenbruch in mir aus.

Gesellschaft

Autismus?

Mein lieber Maxi,

zwei Wochen ist es nun her, seit wir die Praxis des Kinderpsychologen mit einer Diagnose für dich verlassen haben: Autismus. Genauer gesagt „Atypischer Autismus“. Es war ein surrealer Moment, obwohl uns der Arzt schon Wochen vorher mit dieser möglichen „seelischen Behinderung“, wie er es nannte, konfrontiert hatte. Wir hatten also Zeit genug gehabt, uns auf einen eventuellen Autismus einzustellen und uns schon einmal einzulesen in die Thematik. Und doch war es wie ein kleiner Schockzustand, in dem ich anschließend schwebte. Und, wie gesagt, surreal. Eben noch die Diagnose erhalten, standen wir beide dreißig Minuten später bei REWE an der Kasse und bezahlten unser Mittagessen. Das Leben musste eben weitergehen, keine Zeit zum Luftholen. Es erinnerte mich an den Zustand nach deiner Geburt.

Lebensfragen

Mein Brief an Mütter mit Wochenbettdepression

Liebe traurige Seele,

meine Zeilen gehen an dich, wenn du seit der Geburt deines Kindes keine Freude mehr empfindest. Du hattest dir das Mamasein ganz anders vorgestellt, eigentlich solltest du doch jetzt glücklich sein, oder? Warum fühlt es sich dann so leer an? Du bist erschöpft, von was genau weißt du manchmal gar nicht so recht.

Im Dialog

„Ich nehme mir jeden Abend Zeit zum Danken.“ Ein tiefsinniger Liebster-Award

Um eines mal direkt klarzustellen: Ich kann mit Kettenbriefen genauso viel anfangen wie mit Backen oder Nähen: Nämlich gar nichts. Kettenbriefe, WhatsApp-Spiele, Blog-Stöckchen und mit was die Menschheit nicht noch alles derzeit so um sich wirft, sind wirklich nichts für mich, außer die reinste Zeitverschwendung. Ich habe eine Freundin, bei der nicht ein Tag vergeht, an dem sie mir nicht mindestens einen von diesem „Schicke diese Nachricht an mindestens elf weitere Personen oder du wirst die nächsten sieben Jahre Pech haben“-WhatsApp-Quatsch sendet. Wie gesagt, sie ist meine Freundin aus dem realen Leben. Nur deswegen kann ich ihr diese Liebesbekundungen gerade so verzeihen (und die Nachrichten gekonnt ignorieren). Und jetzt erhielt ich für meinen Mama-Blog bei Twitter eine Liebster-Award-Nominierung und mein erster Impuls war: „JUHU!“ Äh. Moment mal. Wie kommt das jetzt?

Lebensfragen

Manchmal

Manchmal hat ein Tag zu viele Stunden, eine Woche zu viele Tage, ein Jahr zu viele Sekunden. Du fragst dich, wo die Zeit geblieben ist, die du einmal nur für dich hattest. Als kein Kind deine permanente Aufmerksamkeit einforderte, keine Mutterpflichten dich in eine feste Alltagsstruktur zwangen. Die Zeit scheint verronnen, wie in einer Sanduhr.

Mama-Momente

„Mama, hast du mich immer schon geliebt?“ Wie ehrlich antwortet man einem Kind nach schweren postpartalen Depressionen?

Ich sitze in meinem Lieblingssessel, das Notebook auf dem Schoß, und sortiere Kinderfotos. In wenigen Tagen wird Maxi Fünf. Neben einer Auswahl an Spielsachen wird er dieses Jahr auch ein Fotoalbum geschenkt bekommen. Ganz persönlich von mir gestaltet. Es soll ein Album aus den letzten fünf Jahren, von seiner Geburt bis Heute, werden. Bisher hatte Maxi keins, was nicht nur an der beschränkten Auswahl wirklich hübscher Fotoalben in den Geschäften lag (entweder sind sie nicht kindgerecht oder gleich extrem kitschig), sondern vielleicht auch ein klein wenig an meiner Motivationslosigkeit, dem Aussuchen, Bestellen und Einkleben der zig Fotos genug Raum und Zeit zu widmen. Denn was abertausenden Müttern viel Freude bereitet, war für mich lange Zeit undenkbar: Immer wieder Babyfotos anzugucken, um sich an die schöne Säuglingszeit zu erinnern. Die gab es bei mir nämlich nicht.

Lebensfragen

Akzeptieren vom Muttersein ist für mich ein Prozess

Früher war der Fall für mich Sonnenklar. Früher, als ich noch kinderlos war und vollkommen naiv meiner Belastbarkeitsgrenze gegenüber stand. „Was bedeutet für dich Freiheit?“ Über diese Frage brauchte ich nicht lange nachzudenken. „Nicht im Gefängnis zu sitzen“, genau so hätte meine Antwort gelautet. Nicht mehr und nicht weniger. Wieso sollte es unter meinen Lebensumständen auch eine andere Form des persönlichen Freiheitsentzugs geben? Heute würde meine Antwort garantiert differenzierter ausfallen, denn heute bin ich nicht mehr kinderlos. Heute bin ich Mutter von zwei Jungen im Alter von knapp fünf und vier Jahren und hochsensibel.