Gesellschaft

Schon wieder eine Pause? Warum Mütter mit Entwicklungstrauma kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn sie ständig Auszeiten benötigen

Die Idee für dieses Time-Out wuchs in mir heran, als meine Gedanken mal wieder Karussell fuhren. Wild und chaotisch, so nahm ich sie wahr. Vor allem geprägt von negativen Glaubenssätzen („Es wird ja eh nie besser“), durchtränkt von irrationalen Vorhaben („Morgen google ich ernsthaft nach einem Internat für die Jungs oder alternativ nach einer Zwei-Zimmer-Wohnung für mich“). Meinem Körper ging es nicht besser. Der Puls oben, der Zeiger meines imaginären Stressbarometers weit am Anschlag, es fühlte sich an wie kurz vorm Burnout.

„Ich muss hier raus!“ schoss es mir durch den Kopf und ehe ich mich versah, hatte ich bereits mit dem Mann gesprochen und anschließend die Nummer des Notrufs gewählt. Meine Mutter nahm ab und ermöglichte mir kurzfristig eine freie Schlafcouch im „Hotel Mama“.

Ein paar Tage Auszeit nur für mich. Raus aus der Alltagsroutine, weg von dem Kindergeplapper, dem Geschwisterkonkurrenzkampf, dem Geben ohne Dankbarkeit zu erfahren.

Einfach mal nur ich sein dürfen, in den Tag treiben lassen können, ohne, dass etwas im Gegenzug erwartet wird (außer ein bisschen Mithilfe im Haushalt als Gegenleistung der Annehmlichkeiten, die das Hotel Mama mir bot).

Meine letzte Auszeit nahm ich mir im November 2020, als ich ein paar Tage alleine auf der norddeutschen Halbinsel Nordstrand abstieg. Und die Auszeit davor im Januar 2019 verbrachte ich auf meiner Lieblingsinsel Sylt. Die Weite des Horizonts erdet mich genauso wie der Küstenwind, der mir den Kopf freipustet.

Die dunkle Jahreszeit scheint inzwischen meinen Wunsch nach Rückzug regelrecht einzuleiten. Eigentlich hätte ich mir fast ausrechnen können, dass Körper und Seele auch in diesem Winter ihre Auszeit einforderten. Und warum auch nicht? Wenn ich darüber nachdenke, ist es eh bemerkenswert, dass ich elf Monate im Jahr ohne ein paar Tage Alleinsein aushalte. Noch dazu steht der Winter nicht nur äußerlich für Simplizität, Kräfte sammeln und Innehalten.

Je länger ich darüber nachdenke (und zum Nachdenken hatte ich während dieser freien Tage viel Zeit), umso mehr wird mir bewusst, dass es ausschließlich die Momente des Alleinseins sind, in denen wir unser Verhalten reflektieren und zu unseren Bedürfnissen hinspüren können sowie daraus resultierend Veränderungen geboren werden.

Der (kurz- oder mittelfristige) Rückzug einer Mutter von ihrer Familie bedeutet also nicht nur Verzicht und Trennung, sondern genauso die Chance auf innere Fülle und vertiefende Beziehung.

Jede Mutter sollte sich in regelmäßigem Abstand Zeit für sich alleine einräumen – nicht, weil sie dazu ein Recht hat, sondern weil es die einzige Möglichkeit ist, ihre eigensten Bedürfnisse (wieder) zu erspüren und ihr der Abstand dabei hilft, anschließend aus ihrer inneren Mitte heraus ihren Kindern zu begegnen.

Gerade bei Müttern, die in ihrer Kindheit ein Entwicklungstrauma davongetragen haben, scheint es mir bei der Notwendigkeit des regelmäßigen Rückzugs mit kurzem Abstand zur nächsten Erholungspause einen entscheidenden Unterschied gegenüber denjenigen zu geben, die von einer Traumatisierung unberührt blieben.

Das kann man insbesondere daran erkennen, wie schnell die Akkus von traumatisierten Menschen wieder in den Keller gehen können, selbst, wenn man gerade erst aufgetankt hatte.

Schon wieder eine Pause? Warum Mütter mit Entwicklungstrauma (noch mehr) Auszeiten nehmen solltenDa reichen nur wenige, oft sogar lediglich ein einziger heftiger Trigger (zur Erinnerung: Ein Trigger ist ein äußerer Reiz, welcher die betroffene Person an eine äußerst unangenehme Erfahrung erinnert, und der eine massive Störung des inneren Gleichgewichts auslöst sowie binnen Millisekunden eine emotionale und körperliche Reaktion bewirkt (Flucht- oder Kampfreaktion).

Ich versuche das mal, mit einem Bild auszudrücken:

Angenommen, zwei Mütter sitzen jeweils in einem Boot auf dem offenen Meer. Die eine leidet unter einem Entwicklungstrauma, die andere nicht. Plötzlich kommt ein Sturm auf (das Baby schreit unermüdlich, der Dreijährige zeigt mal wieder eine Trotzreaktion, oder was auch immer passiert, dass es dich stresst). Die traumatisierte Mutter hat das Gefühl, die Wellen entern das Boot, der Sturm bräche den Mast ab; es geht gefühlt ums Überleben. Sie fühlt sich geradezu ohnmächtig gegenüber dem Stressfaktor und benötigt ihre ganze Energie, irgendwie (meist übertrieben) darauf zu reagieren.

Ein typischer Satz von traumatisierten Menschen nach einer heftigen Reaktion lautet: „So wie ich reagiert habe, so kenne ich mich eigentlich nicht, das bin doch gar nicht ich!“

Für die nicht-traumatisierte Mutter fühlt sich der Stress nicht überwältigend an, sie bleibt noch handlungsfähig, auch, wenn der Stress natürlich trotzdem sehr unangenehm ist. Sie bleibt aber Herrin der Lage, bewahrt einen kühlen Kopf, setzt die Segel neu, manövriert ihr Boot aus dem Sturm heraus und hat anschließend noch genug Energie, um der nächsten Windbö oder gar einem weiteren Sturm zu trotzen.

Das tückische am Entwicklungstrauma ist, dass es oftmals die kleinen, unscheinbaren Dinge sind, die ein hohes Stresspotential in sich tragen. Ein quengeliger Ton des Kindes, eine Bemerkung, die uns kränkt und tief fällt, mangelnde Wertschätzung und Dankbarkeit im Mama-Alltag. Aber auch das Zuviel an Verantwortung, das Gefühl, mal wieder alles alleine tragen zu müssen, kann dann zum Mama-Burnout führen.

Menschen, die in ihrer Vergangenheit ein (Entwicklungs- bzw. Bindungs-)Trauma erlebt und dieses noch nicht ausreichend aufarbeitet haben, können also in noch so winzigen (und nach außen hin oft noch harmlos scheinenden) Situationen, in denen sie stark getriggert werden, sprichwörtlich den Boden unter den Füßen verlieren und anschließend reif für die nächste Auszeit sein, im Gegensatz zu nicht-traumatisierten Menschen, die eine für sie sehr stressige Situation als nicht so auslaugend empfinden.

Daher ist es für Mütter mit Entwicklungstrauma unerlässlich, so oft wie möglich kleine und größere Auszeiten einzufordern und sich vor allem nicht mit jenen zu vergleichen, die stressresistenter sind.

Oftmals ist dieser entscheidende Nicht-Vergleich die schwerste Hürde von allen.

Denn genau da liegt oft das Problem: Wir bekommen von der Gesellschaft eingetrichtert, dass eine Mutter nicht viel Zeit für sich benötigt, schon gar nicht, wenn sie sich gerade erst für eine Pause vom Familienalltag zurückgezogen hat. Wie sähe das denn aus?

Und so kommt es uns auch verantwortungslos vor, wenn wir am liebsten schon wieder flüchten würden. Dabei wäre so ein Rückzug die beste Lösung für alle, weil wir nur so wieder in unser Gleichgewicht kommen.

Schon wieder eine Pause? Warum Mütter mit Entwicklungstrauma (noch mehr) Auszeiten nehmen sollten„Das ist ja schön, dass du die Möglichkeit hast, je nach Befinden einfach ein paar Tage von zuhause abzuhauen und dein Umfeld dich dabei so großartig unterstützt – aber ich kann das nicht so einfach!“ magst du jetzt sagen.

Es stimmt, ich habe das Glück, einen Mann an meiner Seite zu wissen, der im Notfall Arbeit und Kinder alleine stemmt, wenn ich mal wieder meine Koffer packe.

Aber es müssen ja nicht gleich drei Tage Auszeit sein (wie gesagt, die nehme ich mir in der Regel auch nur einmal im Jahr). Oftmals hilft es bereits, die Prioritäten im Alltag neu zu setzen.

Sich jeden Morgen eine halbe Stunde nur für sich, die geliebten Yoga-Übungen oder eine Tasse Tee freizuräumen, während man seinen Gedanken nachhängt. Zu schauen, wann die Schwiegereltern mal (wieder) einen Nachmittag das Kind übernehmen können und dann zwei Stunden auf dem Sofa reservieren und den Bügelberg wissentlich ignorieren. Den Partner bitten, einmal in der Woche die Kinder alleine ins Bett zu bringen, um in der Zeit ein Entspannungsbad zu nehmen.

Gerade die immer zum gleichen Zeitpunkt gesetzten Termine mit mir selbst sind gut für mein ganzes Körpersystem, denn Routine gibt ein Gefühl von Sicherheit, welches bei traumatisierten Menschen oft zu kurz kommt oder gänzlich fehlt.

Vor allem geht es auch darum, mich selbst als Frau wertzuschätzen und meine Auszeiten als Bereicherung für mich und das Familiensystem zu betrachten.

Das schlechte Gewissen, als Mutter Zeit für sich alleine einzuräumen, ist nämlich nicht nur ein gewaltiges Hindernis auf dem Weg zum Wahrnehmen seines Innenlebens und damit zur Erforschung der eigenen Bedürfnisse und Finden der inneren Ruhe, sondern auch die fast sichere Garantie dafür, Auszeiten nicht zur Regelmäßigkeit werden zu lassen. Man könnte ja die Rabenmutter werden, vor der man sich eh schon fürchtet.

Aber genau da müssen wir Mütter umdenken! Unser Kind verliert nichts, wenn seine gestresste Mutter sich zurückzieht, um wieder zu Kräften zu kommen. Im Gegenteil: Es lernt, dass jede:r mal Zeit für sich braucht und gewinnt im besten Fall eine entstresste Mutter zurück.

Pausen sind notwendig für unser seelisches Gleichgewicht, das wussten wir als (hochsensible) Kinderlose schon instinktiv – nun als Mutter haben wir sie doppelt und dreifach nötig!

Ob kurz, ob lang oder ob „schon wieder“: Nehmt sie euch!

8 Gedanken zu „Schon wieder eine Pause? Warum Mütter mit Entwicklungstrauma kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn sie ständig Auszeiten benötigen“

  1. Ina sagt:

    Hallo Christine, ich verfolge deine Beiträge regelmäßig und frage mich hier Folgendes: Du schreibst von einem Entwicklungstrauma, das in deiner frühen Kindheit entstanden ist und, wie ich annehme, auch mit deinem Elternhaus zu tun hat….Aber wählst den „Notruf“ und gehst ins Hotel Mama? Wie kann man sich an einem Ort oder bei Personen entspannen, die Teil eines Traumas sind? Das ist kein versteckter Vorwurf, sondern eine ernstgemeinte Frage….Alles Gute für dich und viele Grüße

    1. Christine sagt:

      Liebe Ina,
      danke für deine Frage, ich finde sie sehr berechtigt! Das liegt ausschließlich daran, dass ich mit meiner Mutter (bzw. therapeutisch auch an meiner Mutter) viel aufarbeiten konnte und wir inzwischen wieder ein sehr gutes Verhältnis haben. Das Vertrauen ihr gegenüber wächst stetig. Bei meinem Vater hätte ich mich beispielsweise nicht einquartiert, da wäre der Schuss nur nach hinten losgegangen und ich wäre noch unentspannter zurückgekehrt als ich gegangen wäre!

    2. Ina sagt:

      Danke, dir, das ist schön für dich und hört sich zwar einerseits nach einer Menge Arbeit und auch Schmerz für euch beide, aber doch nach einem guten Weg an…..Viele Grüße

  2. Antonia sagt:

    Ach @Christine, du hast ja so Recht! Oh, und gerade schreit mein Sohn wieder nach mir….

  3. Ariella sagt:

    Liebe Christine, ich finde Deine Beiträge immer sehr interessant und sie regen wirklich zum nachdenken an.
    Allerdings werden mir heutzutage viel zu viele Diagnosen und Gründe für gewisse Verhaltensweisen oder Bedürfnisse gesucht. Ich sage nicht, dass es in manchen Fällen nicht zutrifft, sicherlich gibt es viele Menschen mit Traumatischen Erlebnissen und die will ich keinesfalls klein reden.
    Was aber total vernachlässigt wird, sind einfach die Anlagen mit denen wir Menschen geboren werden und damit dann auch wie wir auf negative Erlebnisse unserer Kindheit reagieren. Mich würde mal interessieren wie Deine Schwester mit eurer Kindheit umgeht. Empfindet sie auch wie du? Ist natürlich eine Rhetorische Frage, da zu persönlich. Ich habe auch lange geglaubt, dass meine Eltern speziell meine Mutter an meinen Schwierigkeiten „Schuld“ ist. Bis ich eigene Kinder bekommen habe, die komplett anders aufwachsen und behandelt werden wie das bei mir und meinen Geschwistern der Fall war. Trotzdem zeigt ein Kind von mir die gleichen Probleme, die ich habe. Das andere Kind, das eigentlich die schwierigeren ersten Jahre hatte, dagegen überhaupt nicht. Genauso ist es bei meinen Geschwistern. Einem Geschwisterteil bin ich ähnlich( ist allerdings bei der Oma aufgewachsen und 16 Jahre älter), dem anderen, mit dem ich die Kindheit verbrachte, überhaupt nicht. So gibt es auch unzählige andere Beispiele in meinem Freundeskreis zu finden. Geschwister mit geringen Altersunterschieden, gleiche Kindheit, in dem der eine eine hochgradige Bindungsstörung aufweist, alleine lebt, niemanden an sich ranlässt und die Schwester eine glückliche Partnerschaft führt. Woran liegt das? Ein Kind wird doch nicht komplett anders behandelt, dass solche Unterschiede entstehen.
    Ich bereue heute zutiefst, dass ich einige Jahre mit meiner Mutter verschwendet habe und ihr so viele Vorwürfe gemacht habe, denn sie ist bereits verstorben. Im übrigen halte ich das was Du mit Auszeiten beschreibst als völlig normal. Ich kenne so viele Mütter, die wirklich in ihrer Mutterrolle aufgehen und sich das weitaus mehr als einmal im Jahr gönnen.
    Ich bin heute an dem Punkt, in dem ich nicht mehr in meiner Kindheit suche, diese war sicherlich nicht leicht, aber auch nicht schlimm. Vielmehr weiß sich, dass ich gewisse Anlagen habe und mit denen gilt es bestmöglich zu leben und umzugehen. Viele Grüße aus der Pfalz von Ariella

    1. Antonia sagt:

      Liebe @Ariella, das finde ich auch einen interessanten Ansatz. Ich habe auch eine sehr erfolgreiche Schwester, die ohne jeglichen Selbstzweifel durch die Welt geht, und habe mir die gleichen Gedanken gemacht. Wenn die Erziehung soo entscheidend waere, waeren wir uns doch wohl aehnlicher….Alles praegt, alles ist wichtig, Aber am wichtigsten ist, was wir jetzt und in Zukunft machen…

  4. Jacqueline sagt:

    Liebe Christine, hast du zusätzlich zu deinem Trauma schon mal in Erwägung gezogen eine unerkannte Autismus Spektrum Störung zu haben?

    1. Christine sagt:

      Liebe Jaqueline,
      nein, das habe ich für mich ausgeschlossen.

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