Gesellschaft

Warum hochsensible Mütter ein schlechtes Gewissen haben, sich Zeit für sich zu nehmen

Der Regen nieselte unablässig auf mich herab. Kein Mensch war zu sehen hier hinterm Deich. Die Bewohner der Campinganlage schienen noch zu schlafen um kurz nach Neun an diesem Samstagmorgen oder sie blieben bei dem Wetter lieber in ihren Zelten und fahrbaren Kleinstbehausungen. Ich war alleine unterwegs, während Mann und Kinder den Vormittag zuhause verbrachten. Nicht, weil es dort etwas Besonderes zu tun gab. Der Grund, warum ich etwas ohne den Rest meiner Familie unternahm, war schlicht und einfach jener, dass ich Zeit für mich alleine benötigte. Ich fühlte mich wie eine Rabenmutter.

Lebensfragen

Im Gefängnis namens Muttersein dennoch ein selbstbestimmtes Leben führen

„Kinder! Kinder! Immer dreht sich alles nur um Kinder!“ Ich schimpfte lautstark vor mich hin und versetzte dem vergessenen Spielzeug vor meinen Füßen wütend einen Tritt. Der Tag war lang gewesen, Mini und Maxi nun endlich im Bett, aber in mir drin tobte noch immer ein Sturm. Eine Mischung aus Frust, Resignation und dem unbändigen Wunsch nach Freiheit. Die Fremdbestimmtheit, der ich Zeit meines Mamaseins ausgeliefert bin, sie brachte mich mal wieder an den Rand des Wahnsinns. Mama hier, Mama da, für die Christine in mir blieb einfach kein Raum. Und das sollte jetzt die nächsten Jahre, womöglich bis zum Auszug der beiden Jungs, so weitergehen? Sollte ich ganz im Nebel meiner Selbst verschwinden, völlig in den Hintergrund gedrängt von dieser Rolle, dieser Last, namens Mutter?

Mama-Momente

Der Boden unter den Füßen weggerissen

Der Boden wurde mir unter den Füßen weggerissen und ich falle. Es fühlt sich an wie die Fahrt mit einem schnellen Fahrstuhl vom Dach eines Hochhauses bis in den Keller in drei Sekunden. Das Herz macht einen unangenehmen Hopser, gelangt aus seinem Rhythmus und deine Knie werden weich, weil du dich im freien Raum befindest, ohne zu wissen, wann du wieder landen wirst. Kennst du das Gefühl? Mit mir ist genau das heute passiert. Das Telefon klingelte. Ein Anruf vom heilpädagogischen Kindergarten, in den unser Sohn Maxi ab übermorgen gehen soll. Dem Jugendamt würden noch Unterlagen fehlen, der Aufnahmetermin müsse daher auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben werden. Die Nachricht löste beinahe einen Nervenzusammenbruch in mir aus.

Mama-Momente

Die Gezeiten des Mamaseins

Ich zog mir die Kapuze noch ein Stück tiefer ins Gesicht und versuchte, nicht auf die spitzesten Muscheln auf dem weißen Sandboden zu treten. Das Meerwasser war trotz des kurzen Regenschauers angenehm warm, so dass ich auf Gummistiefel verzichtet hatte und mir das erfrischende Nass über die nackten Füße spülen ließ. Gerade war Flut, keine Ebbe, wie das an der Nordsee eben alle sechs Stunden (genauer gesagt alle sechseinhalb Stunden) wechselt. Die Chancen stehen also fifty-fifty, wenn man über die Dünen späht und Richtung Ufer läuft. Ein bisschen ähnelt es meinem Gemütszustand mit der Mutterrolle, dachte ich bei mir. Heute war meine Bereitschaft, Mutter zu sein, da, genau wie die Flut. Gestern sah das Ganze noch anders aus.

Gesellschaft

Fernsehen, Fast Food und fieses Spielzeug: Unpädagogische Tage

Ich gebe zu, ich mag es, wenn es bei uns zuhause pädagogisch wertvoll zugeht. Man will die Kleinen ja vorbildhaft aufwachsen sehen und ihnen die bestmögliche Erziehung bieten. Naturbelassenes Holzspielzeug statt ferngesteuertem Schrott aus China, ausgewogene Ernährung vom Bioladen anstelle von Fast Food mit Majo und Ketchup sowie einen strukturierten Tagesablauf, der einen gesunden Mix aus Bewegung an der frischen Luft, Ruhepausen zuhause (ohne Fernsehen natürlich!) und gemeinsamen Familienaktivitäten bietet. Zumindest ist das der Maßstab, mit dem ich früher gerechnet habe, als ich noch naiv und kinderlos war. Jetzt bin ich höchstens noch eins von beiden.

Gesellschaft

Autismus?

Mein lieber Maxi,

zwei Wochen ist es nun her, seit wir die Praxis des Kinderpsychologen mit einer Diagnose für dich verlassen haben: Autismus. Genauer gesagt „Atypischer Autismus“. Es war ein surrealer Moment, obwohl uns der Arzt schon Wochen vorher mit dieser möglichen „seelischen Behinderung“, wie er es nannte, konfrontiert hatte. Wir hatten also Zeit genug gehabt, uns auf einen eventuellen Autismus einzustellen und uns schon einmal einzulesen in die Thematik. Und doch war es wie ein kleiner Schockzustand, in dem ich anschließend schwebte. Und, wie gesagt, surreal. Eben noch die Diagnose erhalten, standen wir beide dreißig Minuten später bei REWE an der Kasse und bezahlten unser Mittagessen. Das Leben musste eben weitergehen, keine Zeit zum Luftholen. Es erinnerte mich an den Zustand nach deiner Geburt.

Kinderkram

Na herzlichen Glückwunsch auch!

Flatsch! Der dicke Schoko-Klecks der süßlich-klebrigen Torte landete genau auf meinem Oberschenkel, während Jemand neben mir penetrant und immer lauter werdend ins Ohr quengelte, er wolle bitte bei der bevorstehenden Schatzsuche mitmachen. Das war er, mein Tiefpunkt des Tages, definitiv. Ein Tag, der einzig und allein aus Kindergeburtstag bestand. Dies musste ein falscher Film sein, zumindest ein ganz schlechter, und ich war mittendrin. Die klebrig-feuchte Schokolade, die mir jetzt jedoch kühl durch die Strumpfhose Richtung Knie rann, sagte etwas anderes. Das war kein Film, das war die bittere Realität!

Mama-Momente

Die Seele berühren

Buntstifte anspitzen und das Ausmalbild in den Lieblingsfarben anmalen. Seifenblasen pusten und beobachten, wohin der Wind die hauchdünnen Wasserbläschen trägt. Eine Kerze anzünden und mich am Tanz der Flamme erfreuen.

Mama-Momente

Fremdbestimmt auch nach fünf Jahren noch

An manchen Tagen überrollt sie mich wieder, die Fremdbestimmtheit. Dieses Gefühl, nur für die Kinder zu leben und nichts für mich machen zu dürfen. Am Freitag war es mal wieder soweit. Der Mann brauchte schon früh morgens das Auto und so brachten mein Sohn Maxi und ich den jüngeren Mini zu Fuß zum Kindergarten. Wir waren nicht mal auf der Hälfte der Strecke angekommen, da schossen mir schon die Tränen in die Augen.