Lebensfragen

Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?

„Die Zeit heilt alle Wunden“, mit diesen Worten rief einst der französische Philosoph Voltaire sein vielleicht berühmtestes Zitat ins Leben, das von Generation zu Generation so gerne weitergegeben wird – als Trost in schweren Stunden, wenn das Leben einem mehr Zitronen gibt, als man zu Limonade verarbeiten kann.
Aber stimmt seine Aussage tatsächlich? Kann die Zeit wirklich alle Wunden heilen? Oder wenigstens die eine oder andere? Denn spätestens mit dem Mutterwerden kann man die Worte Voltaires nicht mehr einfach so hinnehmen, ohne sie zu hinterfragen; das habe ich bereits kurz nach der Geburt meines Ältesten gemerkt.

Vor allem, wer wie ich, mit einem Bindungstrauma (Anm.: Fachleute sprechen auch vom Entwicklungstrauma) aufgewachsen ist, der weiß, wieviel Wahrheit in den Worten meiner ehemaligen Therapeutin steckt: „Mit der Geburt des Kindes rückt auch die eigene Herkunftsfamilie wieder in den Vordergrund.“

Plötzlich reagiert der eigene Körper mit erhöhtem Puls, Schweißausbrüchen oder gar Panikattacken auf das Dauerschreien des Säuglings, die Trotzanfälle des Dreijährigen oder andere Situationen mit dem eigenen Kind, die sensible Punkte bei uns triggern.

Wir fühlen uns hilflos, überrollt von Emotionen und dauerüberreizt. Bemerken, wie sehr die Beziehung zu unseren eigenen Eltern im Umgang mit unseren Kindern eine Rolle spielt, spüren womöglich alten Schmerz, Belastendes aus unserer eigenen Kindheit in uns hochkommen, als wäre seit damals keine Zeit vergangen.

Die Zeit. Das vielleicht größte Mysterium der Menschheit. Sie kann in schönen Momenten wie im Fluge vergehen, aber auch Minuten sich quälend lang wie Stunden anfühlen lassen. Die ersten Jahre meines Mutterseins waren für mich unerträglich, wie die immerwährende Ewigkeit, wie eine Zeitschleife, die nie enden wollte.

„Genieß‘ die Zeit, solange die Kinder noch klein sind, sie vergeht so schnell!“ Wohlgemeinte Ratschläge dieser Art fühlten sich für mich an wie der blanke Hohn. Gar nichts verging schnell, überhaupt nichts bewegte sich vorwärts, jeder Tag war so aussichtslos wie der vorige. Ich steckte im Sumpf meines Mutterseins und wünschte mir nichts sehnlicher, als dass die Zeit schneller verging.

Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?Und heute? Neuneinhalb Jahre später blicke ich manchmal zurück, erleichtert, dass im Nachhinein vieles doch schneller durchgestanden war als befürchtet. ABER (und ich schreibe es bewusst groß), eben erst im Nachhinein betrachtet. Niemals würde ich meine Erfahrungen von damals deswegen beschwichtigen oder die Jahre gar noch einmal mitmachen wollen, um die Zeit mit Kleinkind noch einmal bewusster zu erleben oder gar zu genießen.

Während man tief drinsteckt in der gefühlten Ausweglosigkeit, dann fühlt es sich an, als bliebe die Zeit einfach stehen.

Wenn ich mir darüber Gedanken mache, was Voltaire wohl damit meinte, dass die Zeit alle Wunden heile, dann muss ich nicht nur an meine Situation als Mutter, sondern unweigerlich auch an meine Kindheit und Jugend denken. An meine unerwiderte Liebe in der Pubertät, an Demütigungen meiner Mitschülerinnen, an die emotionale Distanz meines Vaters, die schlimmer schmerzte als jede körperliche Ohrfeige.

Natürlich geht das Leben weiter. Man trifft eine neue (im besten Fall viel wertvollere) Liebe, begegnet den ehemaligen Mitschülerinnen nicht mehr, versucht, mit den Eltern eine neue Ebene der Beziehung zu erreichen oder baut sich wenigstens etwas weiter entfernt vom Elternhaus ein neues Leben auf.

Mit neuer Familie, neuen Hoffnungen, neuen Lebensinhalten.

Und dennoch kann ich Voltaires Aussage nicht voll und ganz zustimmen:

Die Wunden der Vergangenheit werden nicht alleine durch das Pflaster namens Zeit geheilt. Ich weiß nämlich selbst nur zu gut, wie vermeintliche Narben innerhalb des Bruchteils einer Sekunde wieder aufgerissen werden können. Wenn der alte Schmerz, die überwunden geglaubte Sehnsucht, das verletzte Herz wieder aufschreien, als wären nicht Jahr und Tag vergangen.

Ich glaube zum Verarbeiten von alten Verletzungen braucht es mehr als das berühmte Zeit-verstreichen-lassen. Damit Wunden heilen können, benötigen wir viele Komponenten: Trauer, Wut, Akzeptanz, Mitgefühl, Vergebung und Verständnis (vor allem uns selbst gegenüber, dass es mit dem Vergeben und dem Akzeptieren oft nicht gelingt) und vor allem dabei die Geduld, immer wieder die Geduld, dass Heilung keinen geradlinigen Weg nimmt, sondern sowohl Umwege als auch Rückschritte beinhaltet.

Und um diese Geduld aufzubauen, dazu brauchen wir Zeit. Zeit des Verstehens, des Nachdenkens, des Uns-besser-kennenlernens.

Vielleicht ist es diese Art von Zeit, die Voltaire gemeint hat, nicht nur das bloße Verstreichen von Kalenderjahr zu Kalenderjahr.

Je mehr Zeit vergeht, desto erfahrener und weiser werden wir. Nehmen neue Sichtweisen an, die es uns ermöglichen, alte Geschehnisse oder das Verhalten von bestimmten Personen in einem anderen Licht zu betrachten und somit auch Abstand zu gewinnen.

Abwarten und Tee trinken, um den richtigen Zeitpunkt zu erspüren, sich von Belastendem zu befreien, ohne dabei die Zeit nur wie vom Schmerz betäubt stumpf verrinnen zu lassen.

Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?Nein, ich glaube, die Zeit heilt nicht alle Wunden. Die Zeit ist meines Erachtens dafür da, herauszufinden, wie wir mit unseren Wunden umgehen wollen. Ob Heilung jedesmal heißen muss, etwas zu verändern, damit es sich bessert, oder ob es auch bedeuten kann, alte Verletzungen oder bittere Zustände zu akzeptieren und sie als Teil von uns zu begreifen.

Vielleicht ist es auch nicht nötig oder gar möglich, sich von jeglichem, tiefsitzenden Schmerz zu befreien. Womöglich ist das gar nicht das Ziel im Leben. Erwiesenermaßen gibt es kein Leben ohne Schmerz. Für niemanden.

Vielleicht hilft uns die Zeit dabei, trotz unserer Verletzungen, unserer Narben, zu lernen, dies so hinzunehmen und damit zu leben.

Seit ich mir eingestehen kann, dass ich als Mutter aufgrund meiner eigenen Verletzungen viel schneller an meine Grenzen komme, in manchen Momenten nur schwer mütterlich fühlen kann und lieber allein als in Gesellschaft meiner Kinder bin, fällt auch innerlich eine gewisse Last von mir ab. Weil in dem Moment der innere Kampf aufhört. Weil ich mir erlaube, so zu sein, wie ich bin. Mit all meinen Unzulänglichkeiten.

Michael Ende schrieb in seinem berühmten Roman „Momo“ über die Zeit:

„Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Ich glaube, wenn wir es schaffen, den Zugang zu unserem eigenen Herzen zu bewahren und uns selbst genug Liebe und Mitgefühl schenken, dann erkennen wir die Chance, die uns die Zeit mitgibt: Vergangenes und Gegenwärtiges wertfrei zu betrachten, um zu lernen, damit zu leben und unseren Frieden zu machen.

Und dann ist es egal, wie viele Zitronen sich noch in unserem Leben stapeln.

In der Zuversicht, dass alles seine Zeit hat.

Bücher, die mich zu diesem Thema begleitet haben:

„Ruhe im Kopf“ von Sandy C. Newbigging („Wer bin ich hinter meinen Gedanken?“ Frieden und innere Ruhe finden im hektischen Alltag – das Buch war und ist mir ein wertvoller Begleiter, mich selbst sein zu lassen, wie ich bin und mich nicht mehr so in alles, was um mich herum passiert, hineinzusteigern)

„Momo“ von Michael Ende (Der Kinderbuch-Klassiker entfaltet vor allem erst für den erwachsenen Leser sein ganzes Potential und trifft dabei, trotz seines Ersterscheinungsdatums im Jahr 1973, absolut unseren (schnelllebigen) Zeitgeist!)

Bilder mit freundlicher Unterstützung von © Taisiia Stupak, © Hannah Busing, © Jarek Ceborski (von oben nach unten)

4 Gedanken zu „Heilt die Zeit wirklich alle Wunden?“

  1. Ella sagt:

  2. Anne sagt:

    Moin,
    danke du Liebe für den Text.
    LG

    1. Christine sagt:

      Vielen lieben Dank für die Verlinkung! Der Artikel zeigt mir mal wieder die traumatischen Auswirkungen mehrerer Generationen, nämlich dass Mutterliebe/Mütterlichkeit mit Überbehütung und Aufopferung gleichgesetzt wird, weil niemand mehr ein Gefühl für ein gesundes Fürsorge-Distanz-Verhältnis hat, aber auch, wie sehr der Staat heute noch mit dazu beiträgt, dass die Mutter sich als „die einzig wahre Verantwortliche“ fühlt. Dieses „ach so kinderfreundliche Deutschland“, in dem selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass die Mutter alles alleine stemmt. Kein Platz mehr in der KiTa? Pech gehabt. Kein Geld für eine Tagesmutter? Tja, dann eben irgendwie ohne zurechtkommen. In so manchem Nachbarland funktioniert es doch auch, dass die Mütter ausreichend unterstützt werden und sich (nicht nur nebenbei) selbstverwirklichen können.

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