Gesellschaft

Mütterlich sein, indem wir uns und unseren Kindern die Grenzen unseres Mutterseins aufzeigen

Gestern war ich zum ersten Mal richtig authentisch.

Meinem Sohn gegenüber.

Und mir selbst gegenüber.

Und ich meine richtig authentisch. Dass es wehtut. Und es hat ganze neun Jahre gedauert, bis ich mich zu diesem Schritt durchringen konnte.

Aber bevor ich dir erzähle, was genau passiert ist, muss ich dir vielleicht noch etwas zu mir erzählen, wenn du heute das erste Mal auf meinem Blog bist.

Regretting Motherhood. Oder zu deutsch: Die Mutterrolle bereuen, zumindest sie bedauern, das trifft auf mich seit nunmehr neun Jahren zu, seit mein Ältester das Licht der Welt erblickte.

Zu Anfang deutlich häufiger, heute aber immer noch oft genug kann ich dem Muttersein einfach nichts abgewinnen. Die ständige Fremdbestimmtheit, die das Mamasein mit sich bringt, weil sich alles rund um die Bedürfnisse eines Babys, später Kleinkind, dann Kindergartenkind und nun Schuljunge dreht, macht mir sehr zu schaffen.

Oh ja, natürlich ändert sich die Art und Häufigkeit der Fremdbestimmtheit. Inzwischen muss ich nicht mehr sofort die Flasche reichen, sondern kann das Mittagessen noch um eine halbe Stunde hinauszögern, weil das Gehirn meiner Söhne alt genug ist zu begreifen, dass ein knurrender Magen nicht augenblicklich eine existentielle Bedrohung bedeutet.

Und dennoch richtet sich auch heute noch alles nach den Kindern. Spontane Kurzurlaube übers Wochenende (von Corona mal ganz abgesehen)? Nur, wenn der Babysitter Zeit und Lust hat. Indisches Currygericht zum Mittagessen? Nur, wenn man es aushält, dass der Nachwuchs mäkelnd den Teller weit von sich schiebt (oder wenn man am besten schon vorausschauend ein Ersatzgericht bzw. eine Stulle Leberwurst anbietet).

Was mich aber am meisten stresst, ist die immer wieder auf natürliche Weise auftretende Langweile meiner Kinder, gepaart mit dem Wunsch, dass ich mich als Spielkamerad zur Verfügung stelle, welcher mit meinem Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein kollidiert.

Ja, ich gebe es zu: Ich beschäftige mich generell ungern mit meinen Kindern und Spielen ist dabei das Schlimmste, denn es bedeutet Stress!

Stressig, so würden viele Mutter das Beisammensein mit ihrem Kind sicher nicht beschreiben, und das gönne ich ihnen von Herzen.

Aufgrund meiner eigenen Kindheitsgeschichte, ein durch die Jahre getragenes Entwicklungstrauma und den blockierten Zugang zu mütterlichen Attributen fällt es mir schwer, in Gegenwart meiner Kinder in einem natürlichen Zustand der Entspannung zu bleiben. Wo sich andere Mütter vielleicht bei einem bemerkenswerten Wert von 0-2 (auf einer Stress-Skala von 0-10; 0 bedeutet tiefenentspannt und 10 absoluter Stress) im Beisein ihrer Kinder bewegen, starte ich bereits mindestens bei einer 6.

Für mich fühlt sich alles mit Kindern also einerseits immer grundsätzlich schon stressig und unschön an, zum anderen ist aber auch der Risikofaktor da, schneller gereizt oder gar ungehalten zu reagieren, wenn jetzt noch weitere stressende Umstände hinzukommen. Das kann zum einen Unmut oder gar ein Wutanfall von einem der Kinder sein, zum anderen aber auch mein Empfinden von Sinnlosigkeit und absoluter Unterforderung – und beides widerfährt mir nahezu unablässig im Beisein meiner Kinder, allen voran bei Rollenspielen, die ich mitmachen soll.

Mütterlich sein, indem wir uns und unseren Kindern die Grenzen unseres Mutterseins aufzeigen„Mama, spielst du mit mir Lego?“

Da war er gestern wieder, der gefürchtete Satz, der mein Stresslevel auf der Skala noch um weitere zwei Punkte nach oben schnellen ließ.

Normalerweise flüchte ich mich bei solchen direkten Konfrontationen in geschäftiges Treiben:

„Tut mir leid, ich habe keine Zeit, ich muss jetzt kochen (/ Wäsche waschen/ arbeiten/ (hier ist Platz für weitere Tätigkeiten))!“

Ich glaubte über die Jahre, dass es besser sei, meinem Sohn zu vermitteln, dass eine wichtige Aufgabe zwischen seiner Lust und meinem Bemühen, seinem Wunsch nachzukommen, stünde, als ihn mit der harten Wahrheit zu konfrontieren.

Eigentlich würde ich ja gerne. Wenn nur die blöde Arbeit nicht wäre, die unser beidem Wunsch nach Beisammensein hier im Wege steht.

So ließ ich es jedes Mal durchblicken.

Und machte uns beiden etwas vor.

Allen voran mir selbst. Der Wunsch, meinem Sohn eine gute Mutter zu sein, die sich gerne mit ihm beschäftigt, war zu groß, als dass ich mir eingestehen konnte, wie wenig das mit meinen eigenen Bedürfnissen konform ging.

Und meinem Sohn vermittelte ich zudem zweideutige Botschaften, weil das Gesagte nicht zu meiner inneren (Abwehr-)Haltung passte. Kindern kann man in der Hinsicht nichts vormachen. Kinder merken diese Unstimmigkeiten. Und: Es schadet ihnen auf Dauer!

Glücklicherweise stolperte ich letztens über den wertvollen Blog namens weltfremd.net von Anne, die in ihrem Beitrag „Hör endlich auf, eine „gute Mutter“ sein zu wollen“ über Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und seine Theorie des Lilith-Komplexes berichtete.

Kaum eine Mutter wagt es noch, ihre seelische Überforderung durch die Ansprüche der Kinder und ihre soziale Überlastung durch ihre Mutterfunktion einzugestehen und die Grenzen ihrer Mütterlichkeit offen zu bekennen.
Maaz in „Der Lilith-Komplex: Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit“

Maaz plädiert dafür, für eine gesunde Beziehung zu seinen Kindern auch seine Grenzen und Abneigungen (gewaltfrei) zu kommunizieren, statt dem Ideal einer stets erfüllten und glücklichen Mutter hinterherzujagen.

Bereits beim Lesen und Hinspüren zu meinem eigenen Bestreben, den Kindern authentisch gegenüberzutreten, fühlte ich eine große Erleichterung bei dem Gedanken, fortan ehrlich meine Grenzen aufzuzeigen, selbst, wenn es sich um scheinbar banale Dinge handeln sollte, wo ich früher nach der „Augen zu und durch“-Methode gehandelt hätte. Nach dem Motto „Stell dich nicht so an, Christine, dann hast du es gleich hinter dir!“

Aber nun mag ich mich nicht mehr hintenanstellen. Meine Gefühle nicht jedes Mal übergehen.

Und so folgte gestern auf Maxis Frage, ob ich mit ihm Lego spielen wolle, keine Ausflucht meinerseits, ich müsse dringend etwas anderes erledigen, sondern zur Abwechslung mal die Wahrheit:

„Tut mir leid, ich mag eigentlich nicht gerne Lego spielen.“

Eigentlich mag ich gar nicht spielen, weder Lego noch sonst irgendwas, dachte ich bei mir und merkte, wie ich automatisch schon wieder versucht hatte, das ganze abzuschwächen, um meinem Sohn nicht weh zu tun. Aber immerhin, der erste Schritt war gemacht. Für das nächste Mal nahm ich mir vor, die ganze Wahrheit zu sagen.

Es dauerte keine fünf Minuten.

Als er das nächste Mal zu mir kam („Du musst auch nichts bauen, einfach nur mitspielen!“) wagte ich den entscheidenden Schritt in die Offensive: „Eigentlich mag ich grundsätzlich nicht gerne spielen.“

Huch, da war der gefürchtete Satz ausgesprochen, den ich auszusprechen immer vermieden hatte. Mein Herz klopfte wild.

Als würde ich damit ein Stück Mütterlichkeit verlieren, weil das klassische Rollenbild es verlangt, gerne mit den Kindern auf dem Kinderzimmerteppich herumzurutschen, Polizeieinsätze mit großem Tatütata auszuführen oder im Kaufladen Milch und Kekse zu kaufen.

Allerdings erhoffte ich mir mit meiner neuen Ehrlichkeit eine ebenso ehrlichere Beziehung zu meinen Kindern. Auch, wenn es sich im ersten Moment hart anfühlte, gefühlskalt und egoistisch.

„Warum hast du denn keine Zeit?“

Sehr interessant. Obwohl ich weder einen Ausrede-Termin genannt noch die fehlende Zeit ins Spiel gebracht hatte, glaubte mein Sohn, es läge daran. Ich hatte ihn in der Vergangenheit zu oft mit diesem Grund abgewiesen und nun war es an mir, das ganze richtig zu biegen, auch, wenn es mich erneut Überwindung kostete:

„Doch, ich habe Zeit. Aber ich habe keine Lust zu spielen.“

Maxis Reaktion fiel erwartet aufbrausend aus. Wie unfair das wäre, dass keiner Lust hätte mit ihm zu spielen. Dass er aber unbedingt wolle, dass ich mit ihm spielte und er auf keinen Fall alleine spielen werde. Und überhaupt, alleine könne man gar keine Verbrecher jagen!

Mütterlich sein, indem wir uns und unseren Kindern die Grenzen unseres Mutterseins aufzeigenFrüher hätte ich mich gerechtfertigt.

„Tut mir leid, aber das Mittagessen muss schließlich gekocht werden / die Wäsche hängt sich nicht von alleine auf / das Geld muss ja verdient werden“ und so weiter.

Oder ich hätte versucht, das Ganze zu beschwichtigen. Ihn von der Wut abzulenken.

„Dafür hat der Papa doch vorhin schon über eine Stunde mit dir Lego gespielt!“ Oder: „Du könntest doch auch dieses und jenes machen!“

Aber das alles sagte ich diesmal nicht.

Ich ließ ihm seine Wut, bekundete, dass er zu Recht wütend darüber sein dürfe, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung geht und sagte ihm ganz ehrlich, dass es mir leid täte, dass ich nicht gerne spiele und hier nun an meine Grenze stoße.

Denn genau das war die Wahrheit! Mir tut es leid, dass er nicht so eine spielfreudige Mutter hat. Ich würde mir auch wünschen, dass ich gerne mit ihm Legomännchen hinter Gitter bringen oder eine neue Strecke der Murmelbahn bauen würde.

Aber so ist es (noch) nicht.

Wer dem Kind ehrlich seine Grenzen eingestehen kann und dann auch die Trauer, den Schmerz oder auch die Empörung des Kindes akzeptiert und zulässt, hilft dem Kind sehr, sich in der Wahrheit und der Realität einzuüben und den Umgang mit Konflikten zu erlernen.
Maaz in „Keine Mutter ist perfekt – Der Umgang mit dem Lilith-Komplex“

Und nachdem ich das alles ehrlich gesagt und seine Reaktion ausgehalten hatte, fühlte ich mich zum ersten Mal richtig befreit und entspannt gegenüber meinem Sohn. Die ganze Atmosphäre blieb friedvoll, es lag keine Anspannung in Form von Unwahrheit oder Verlogenheit in der Luft. Weder ein „Die Umstände sind schuld“ noch ein „Sieh doch mal was es sonst noch schönes gibt“ oder ein „Du musst mich doch auch verstehen!“

Stattdessen hielt ich wohlwollend und tröstend mit ihm gemeinsam seinen Schmerz aus.

Und das fühlte sich überraschenderweise für mich vor allem eins an: Mütterlich.

Darüber hinaus entstand aber auch zusätzlich noch etwas Schönes aus dieser (im wahrsten Sinne des Wortes) Ent-Täuschung: Nachdem Maxi sich wieder beruhigt hatte, setzte er sich zu mir an den Tisch, an dem ich gerade ein kleines Geschenk für meinen Mann zu Valentinstag bastelte und fing an, selbst ein Bild zu malen.

So saßen wir beieinander, ich half ihm noch, einen Reiter auf sein Pferd zu setzen und taten plötzlich -oh Schreck- etwas, was sonst doch so einen Stress bei mir auslöst: Wir widmeten uns gemeinsam einer Tätigkeit. Aber diesmal war es anders. Kein Pflichtgefühl, kein aushalten. Einfach ein friedliches Beisammensein.

Vielleicht hatte mein ehrlich empfundenes und ihm entgegengebrachtes Mitgefühl uns beide in diesem Moment wieder mehr zusammengeführt.

Mütterlich sein, indem wir uns und unseren Kindern die Grenzen unseres Mutterseins aufzeigenIch bemühe mich seit Jahren, immer mehr zugewandt und mütterlich zu sein. Aber ich komme bei manchen Dingen einfach immer noch an meine Grenzen. Und die möchte ich zukünftig respektieren und akzeptieren. Und vielleicht ist das genau der fehlende Schlüssel:

Mütterlicher werden, indem wir unseren Kindern (und uns selbst!) die Grenzen unseres Mutterseins eingestehen – Ich glaube es ist ein langer und steiniger Weg.

Aber er fühlt sich für mich persönlich sehr authentisch an.

Und das bin ich mir und sind es mir meine Kinder wert.

Zum Weiterlesen:

Anne’s Blog weltfremd.net beschäftigt sich vor allem mit den Themen Selbstfürsorge als Mutter, bedürfnisorientierte Erziehung, Entwicklungstrauma, Gewalt, Grenzen und Schuldgefühle

Hans-Joachim Maaz „Der Lilith-Komplex: Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit“. Keine leichte Kost und kontrovers diskutiert, aber vor allem deshalb so wichtig für unsere Gesellschaft

Ich lese gerade das „Praxisbuch“ dazu. Den Interviewband „Keine Mutter ist perfekt – Der Umgang mit dem Lilith-Komplex“ von Hans-Joachim Maaz und Ingeborg Szöllösi kannst du dir als Mitglied meiner Mütter-Community auch bequem über die interne Bibliothek bei mir ausleihen.

Fotos mit freundlicher Unterstützung von © Isis Franca, © Mona eendra, © Jordan Whitt, © Aditya Saxena

30 Gedanken zu „Mütterlich sein, indem wir uns und unseren Kindern die Grenzen unseres Mutterseins aufzeigen“

  1. Christiane sagt:

    Großartig! Ich kenne es so, so gut. Ich hasse Spielen, die Langeweile, das Gefühl der Sinnlosigkeit, den Schmerz, das Bedauern, die Überforderung.
    …C
    Ich, alleinerziehend, seit Wochen mit beiden zu Hause, hochsensibel, Entwicklungstrauma. Die ganze Palette also.

    1. Christine sagt:

      Ohje…I feel you!! ♥

  2. Jenna sagt:

    Ich finde du hast die Situation wunderbar gelöst.
    Genau das verstehe ich unter Bedürfnisorientierter Erziehung…. die Bedürfnisse der ganzen Familie zu berücksichtigen, auch der Mutter.
    Ich glaube dadurch entwickeln sich Kinder zu emphatischen Menschen.

    1. Christine sagt:

      Ich danke dir. Das hast du schön ausgedrückt, dass die bedürfnisorientierte Erziehung auch die Mütter (Eltern) mit einschließt.
      Leider ist in unseren Köpfen ja noch zu sehr verankert, dass Mütter immer nur zurückstecken müssen, damit das Kind ja gut aufwächst. Es wird schwer sein, diesen Glaubenssatz auszutauschen.

      1. Antonia sagt:

        Ja, es ist wirklich so, als ob es von vorneherein klar waere, dass die Beduerfnisse des Kindes wichtiger waeren…naja. Ich glaube, Maria Montessori hat am Anfang des letzten Jahrhunderts daas 20. Jahrhundert als das ‚Jahrhundert de Kindes‘ bezeichnet, und Packesel war die Mutter wahrscheinlich schon immer…
        Aber, gute Nachricht! : Meine Mutter sagte immer, und das war das Selbstverstaendlichste der Welt: Mama spielt nicht. Punkt. So einfach ist das. Hat sie sich gar keinen Kopf drum gemacht.
        Bei meiner Tante kamen die Kinder beim Essen an den ‚Kindertisch“, und die Erwachsenen assen erlesenes Essen, und die Kinder bekamn Spaghetti mit Sausse. hat meine Schwester irgendwann drueber gemecktert, aber ich kann meine Tante so gut verstehen jetzt…
        Frueher, als es diese ganzen Psychologie-Ratgeber noch nicht gab und die Leute auch irgendwie noch mehr gesellschaftlich eingebunden waren, wenn ich an die ganzen Treffen mit Kollegen und Freunden meiner Eltern denke, bin ich ziemlich vereinsamt und ich sehe auch bei Bekannten, dass die gar nicht so feste Freundeskreise haben, auf jeden Fall: Frueher hat man sich nicht soo einen Kopf um die Kinder gemacht, die liefen so mit, und ich habe mal gehoert, dass das Kind gar nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen will, das waere eher unnatuerlich…
        Wie auch immer, ich denke wirklich, jede Mutter ist super fuer ihr Kind, so, wie sie ist, und wird sowieso geliebt!
        Viele Gruesse und es ist schoen zu wissen, dass wir alle auf dem Weg sind, mehr fuer uns einzustehen und so zu mehr wahrem Zusammensein mit unseren Kindern zu gelangen, wie du es auch so schoen beschreibst, Christine!
        Alles Liebe,
        Antonia

  3. Vanessa sagt:

    Hallo,

    wow, du sprichst mir mal wieder aus der Seele. Genau dieses Thema beschäftigt mich seit einigen Wochen auch sehr. Dieses ständige Bespaßen vom Nachwuchs und zwar manschmal stundenlang (als Beispiel diesen Samstag: morgens über 2 Std. Monopoly gespielt, dann ab Mittag bis wirklich abends draußen spazieren gewesen und Spielplatz mit Freunden. Der ganze Tag hat nur aus Bespaßung vom Kind bestanden. Zeit für mich, meinen Mann oder mal noch etwas Haushalt war so gut wie gar nicht und so ungefähr sieht fast jeder Tag aus, seit 7 Jahren) und deshalb immer zurückstecken zu müssen, keine Zeit mehr für sonst was zu haben und die ständigen Wutausbrüche wenn es dann nicht nach dem Willen unseres 7-Jährigen Sohnes geht gepaart mit dem Lockdown seit Wochen treiben ich langsam in den Wahnsinn. Ich habe keine Lust mehr nach 7 Jahren immer nur zu spielen, zu toben oder zu machen, was der Nachwuchs will. Hinzu kommt, dass er dadurch leider sich nur sehr schlecht alleine beschäftigen kann und auch im Beisammensein mit anderen immer meint, es muss nach seinem Kopf gehen. Grenzen anderer kann er auch nur schlecht akzeptieren. So war nicht der Plan, eigentlich wollte ich dem Kind damit was Gutes tun….mich macht es aber langsam krank und dem Kind schadet es im sozialen Miteinander. Also stellte ich mir die letzte Zeit oft die Frage: „Wie komme ich bzw. wie kommen wir da raus?“ Die Vermutung lag schon lange nahe, dass ich meiner Familie meine Grenzen deutlich und konsequent aufzeigen muss, aber durch deinen Artikel ist es mir jetzt sehr klar geworden. Ich fühle genau wie du und möchte das nicht mehr. Auch das Stresslevel ist wie bei dir. Wenn nur der Satz fällt „Mama, spielen wir……zusammen?“ bin ich schon direkt sehr gestresst, genervt, gelangweilt beim Gedanken daran und reagiere entsprechend gereizt und genervt leider auch mittlerweile. Das ist aber der falsche Weg.
    Ich versuche es nun wie du, drück mir die Daumen, dass es hilft. Denn die Stimmung ist mittlerweile allgemein grundgereizt in der Familie wegen allem und auch viel wegen mir, weil ich nur noch genervt und gereizt bin.
    Vielen Dank, dass du mir die Augen nochmal mehr geöffnet hast und es tut immer wieder gut zu hören, dass es einem nicht alleine so geht.

    1. Christine sagt:

      Liebe Vanessa,
      ich freue mich sehr, dass mein Artikel für dich zum richtigen Zeitpunkt kommt und ich möchte dir da ganz viel Mut zusprechen, deinen Weg zu erspüren und zu gehen!! Du kannst ja demnächst mal berichten, wie es so läuft; würde mich sehr freuen!
      Lg Christine

  4. Chrissie sagt:

    Christine, du sprichst mir aus der Seele. Ich habe heute mal wieder echt keine Lust mich mit meinem Kind zu beschäftigen. Ich bin gefühlt die ganze Zeit nur auf der Flucht. Ich frage mich nur die ganze Zeit, wie ich den Tag wohl am schnellsten rum kriege. Ich lechze förmlich nach „Ich-Zeit“… brauche einfach mal Abstand. Denke, dass macht es nicht gerade einfacher. Na ja und jeden Tag der gleiche Mist. Corona ermöglicht ja nicht mal viel Abwechslung.
    Ich finde es toll, wie du das mit deinem Sohn gelöst hast. Und schließe mich dem anderen Kommentar an, dass bei der bedürfnisorientierten Erziehung auch die Bedürfnisse der Eltern genauso berücksichtigt werden müssen. Und trotzdem fühlt man sich automatisch schlecht, wenn man auch mal an sich denkt und für seine eigenen Bedürfnisse einsteht. Bitte berichte weiter, wie gut es für dich klappt, das weiter „durchzuziehen“. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Erfolg :)

  5. Vanessa sagt:

    :0) Danke, das werde ich tun.
    @Antonia: Ich sehe das auch wie du mit dem Unterschied von Früher zu Heute. Ich habe schon oft überlegt: „Wie war das eigentlich bei uns früher als Kind?“ Fazit, auch nach Rücksprache mit meinen Eltern: Uns wurde bei Weitem nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie den Kindern Heute und die Eltern haben, wie du auch schon sagtest, sich nie so einen Kopf gemacht was richtig und was falsch ist und was das für Auswirkungen auf die Kinder hat. Meine Mutter sagt zwar, dass sie das Heute auch wiederum mit etwas anderen Augen sieht, aber damals war das halt noch nicht, dass man sich da so viel Gedanken gemacht hat, was das Verhalten der Eltern für Auswirkungen auf das Kind und auch als Erwachsener hat. Damals war das zu wenig Schwerpunkt, heute viel zu viel, laut meiner Mutter. Sehe ich auch so. Wir mussten uns als Kinder damals anpassen ab einem gewissen Alter und nicht umgekehrt. Und meine Eltern haben einmal erklärt warum was nun mal so ist wie es ist und basta. Da wurde nicht ewig erklärt und diskutiert. Erklärung und dann hatten wir das zu akzeptieren. Und hat es uns heute als Erwachsene geschadet? Nein, überhaupt nicht. Zumindest kann ich das für mich sagen. Natürlich lief nicht alles optimal und bei manchen Dingen merke ich heute als Erwachsene auch, es hat Spuren hinterlassen. Aber nicht so, dass ich sage, ich hab ein Trauma und somit ist es für mich ok, dass nicht alles perfekt war. Ich versuche, das was mich als Kind an meinen Eltern gestört hat, heute bei meinem Kind anders zu machen, mehr kann ich nicht tun.
    Wir müssen mehr an uns denken und uns nicht so von den Zwängen und Normen der Gesellschaft verunsichern lassen. Daran sterben unsere Kinder nicht und an dem Spruch „Happy Wife- Happy Life“ (in Hinblick auf die Familie) ist was Wahres dran, wie ich durch das Schreiben mit euch nochmal deutlicher feststelle :0)

    1. Antonia sagt:

      Liebe Vanessa,

      ja, das Motto „happy wife – happy life“ finde ich wunderbar!!! :-)
      Und da ist echt was Wahres dran, also es ist wirklich so!
      Lass‘ uns dran arbeiten, oder heute schon beginnen!
      Liebe Gruesse,
      Antonia

    2. Katharina sagt:

      Hallo Vanessa,
      ich denke nicht, dass das wirklich „überhaupt nicht“ geschadet hat, dass wir als Kinder früher nicht so viel Aufmerksamkeit bekamen. Meine Beobachtung/These ist eher die, dass in unserer Müttergeneration das Thema Bedürfnisse deshalb so stark aufkommt, weil man uns als Kindern kaum eigene Bedürfnisse zugestanden hat, sondern wir nach der Pfeife der Erwachsenen tanzen mussten. Und jetzt, wo wir erwachsen sind und eigentlich unsere eigenen Bedürfnisse erfüllen könnten, haben wir Kinder, die uns wiederum einschränken. Und das ist dann einfach zu viel – deshalb platzt uns der Kragen oder wir kommen in seelische Not.
      Ich kann mir vorstellen, dass es einfacher wäre und gesünder, wenn wir nicht schon als Kinder unsere Bedürfnisse hätten unterdrücken müssen.
      Ich denke auch nicht, dass es stimmt, was Antonia geschrieben hat, dass Kinder eigentlich gar nicht so viel Aufmerksamkeit wollen. Das sieht man zum Beispiel sehr deutlich daran, dass sie so oft „guck mal, Mama!“ sagen oder einem alles zeigen möchten, was sie gebaut, gebastelt etc. haben. Sie wollen gesehen werden. Das ist das Natürlichste der Welt. Das ist in uns Menschen drin – gesehen, angesehen, geliebt werden wollen. Und ich denke auch, ein wichtiger Instinkt: wenn ein Baby nicht gesehen würde und keine Aufmerksamkeit bekäme, würde es verkümmern, es würde nicht überleben. Und das gilt nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.

      1. Birgit sagt:

        Das mag früher durchaus gewesen sein aber heute denke ich dass das Hauptproblem eher darin besteht, dass Mütter dem Kind/Kindern viel zu viel Aufmerksamkeit schenken und sie dadurch ebenfalls Entwicklungsprobleme bekommen wie eine unterentwickelte emotionale Psyche oder ein gesteigertes und unrealistisches, aufgeblähtes Selbst.

      2. Katharina sagt:

        @Birgit
        Ich denke, da muss man eine gesunde Balance finden zwischen dem „das Kind läuft einfach mit und hat sich nach mir und meinen Bedürfnissen zu richten“ und „alle Welt muss sich nach den Bedürfnissen des Kindes richten“.
        Als jemand, der als Kind in seinen hochsensiblen Bedürfnissen kaum wahrgenommen wurde, gibt es mir jedenfalls immer einen Stich ins Herz, wenn ich Mütter darüber reden und scherzen höre, dass sie sich beim ersten Kind ja noch viel zu viel gekümmert haben und dass dann spätestens Kind 3 und 4 einfach so mitlaufen. Kinder sind doch keine Accessoires. Das sind Menschen, Individuen mit ihren je eigenen Bedürfnissen, gesehen und geliebt werden wollende Wesen.

  6. Romy sagt:

    Hallo Christine,

    es liest sich, wie wenn Du von mir schreiben würdest. Ich drück mich auch meistens vor diesen Spielgeschichten, habe aber ein schlechtes Gewissen, weil ich dann keine gute Mutter bin…
    Ich finde diese Lösung wunderbar und es fühlt sich so ehrlich und nah an… so heilend auch für Dich…
    Ich nehm mir das zum Vorbild…
    Ich werde gleich in Deine Buch-/Tipps gucken…
    Es entlastet mich sehr…
    gerade in dieser Zeit…
    Liebe Grüße

  7. Birgit sagt:

    Hallo Christine,

    äähhh, also ganz ehrlich? Ich habe fast noch nie mit meinen Kindern gespielt. Ganz am Anfang als mein Sohn ganz klein war, da habe ich mich auch gezwungen auf dem Teppich rumzurutschen und tatütataa die Autos herumzufahren. Aber ich habe mich dabei so schrecklich gefühlt; angeödet und furchtbar gelangweilt und ich dachte immer: wann ist das endlich vorbei? Deshalb habe ich irgendwann beschlossen: Nein, ich mache mit den Kindern nur noch die Dinge auf die ich selbst auch Lust habe. Spielen sollen Kinder mit ihresgleichen, Geschwister, Kumpels, Nachbarkinder. Aber Mama spielt nicht!
    Ich liebe es z.B. mit meinen Kindern zu backen, Plätzchen z.B. oder Kuchen oder im Garten zusammen zu arbeiten (Erdbeeren, Kartoffeln, Äpfel ernten). Nie würde ich auf die Idee kommen auch nur einen Holzklotz oder Legobaustein in die Hand zu nehmen!
    Und jetzt ist es so, dass mein Grosser (12) immer jeden Samstag für die ganze Familie kocht. Er sucht sich ein Rezept aus, gibt mir die Zutaten weiter und ich kaufe dafür ein. Dann helfe ich ihm ein bisschen beim Kochen. Und das macht wirklich sehr viel Spass und ich wir haben dabei eine Superbeziehung. Er nimmt meine Ratschläge an und ist stolz wenn es danach dann Jedem geschmeckt hat.
    Mein Kleiner (9 Jahre) hilft mir auch oft beim Kuchenbacken oder Kochen. Oder ich habe ihn auch schon ein paarmal an die Nähmaschine gelassen wo er dann aus Stoffstücken Taschentücher genäht hat.
    Aber: ich muss darauf Lust haben und entspannt sein. Wenn ich genervt bin, dann wird das alles nichts, das weiss ich schon, und ich sage ehrlich: „Nein darauf habe ich grade keine Lust“.
    Ich denke, wir sollten nicht so sehr darauf achten, wie die Gesellschaft sich eine „gute Mutter“ vorstellt. Sowieso total unrealistisch. Sondern einfach ehrlich und authentisch sein; so wie Du ja auch in dem Artikel so treffend beschrieben hast. Ja, einfach als Mutter viel mehr Ehrlichkeit wagen und den KIndern einfach ins Gesicht sagen, wie es ist. Ich denke, damit können sie sehr gut umgehen aber mit einer schlechte gelaunten Mutter und einer miesen Grundstimmung und Keiner weiss, wieso kann wahrscheinlich Niemand gut umgehen…

    1. Sarah Z. sagt:

      Liebe Birgit,
      das finde ich wirklich wunderbar auf den Punkt gebracht und es berührt mich, was du schreibst. So handhabe ich das oft auch und gerade heute noch haben mein Großer (5) und ich zusammen einen Kuchen gebacken, während der Kleine (6 Monate) im Tragetuch dabei war. Rühren mit der Knetmaschine, Schüssel ausschlecken, den Kuchen belegen und dann stolz und genussvoll gemeinsam das Ergebnis essen. Wirklich schöne gemeinsam verbrachte Zeit – und letztlich geht es darum doch auch unseren Kindern, oder? Hinter der Frage „Spielst du mit mir?“ steckt doch eigentlich der Wunsch „Verbringst du bitte zufrieden und entspannt Zeit mit mir?“ Das kann ich persönlich auch nicht auf dem Autoteppich, aber eben bei Aktivitäten wie diesen.
      Liebe Grüße, Sarah

      @ Christine: Übrigens danke für das wieder sehr spannende Thema, deinen feinfühligen und reflektierten Kommentar dazu und insgesamt deinen tollen Blog! :-)

      1. Christine sagt:

        Danke dir, liebe Sarah, es freut mich, dass ich dich mit meinem Artikel erneut angesprochen habe! :)

  8. Vanessa sagt:

    Hallo liebe Birgit,

    finde ich toll, wie du das machst und ihr habt ja eine Gemeinsamkeit gefunden. Ich nehme mir eure Vorgehensweise als Vorbild und mir hilft es zu wissen, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin. Man kommt sich ja doch manchmal vor wie ein Alien, denn die meisten Mütter sagen ja immer „Es ist alles toll und total entspannt bei uns“, wenn man frägt und dann fange ich immer an, an mir zu zweifeln was falsch läuft, denn bei uns ist es sehr oft (und durch den Lockdown noch öfter als sowieso schon) sehr angespannt. Wie du sagst, Birgit, das hilft niemandem, im Gegenteil.
    Kurze Rückmeldung zu meinem Vorhaben, es zu ändern. Ich sage immer öfter, dass ich keine Lust zum Spielen habe oder keine Zeit, weil ich meine Hausarbeit mal machen muss oder Erledigungen. Die Stimmung ist meistens jedoch immer noch sehr gereizt dann, weil mein Sohn seine Vorzüge des Bespielt werden etc. natürlich nicht einfach so aufgeben will und erst lernen muss, das zu akzeptieren. Das wird wohl noch ein paar Wochen Kampf sein, aber mir geht es einfach besser so, da müssen wir jetzt alle durch.

    LG

    1. Birgit sagt:

      Hallo liebe Vanessa,

      Bravo! Sehr gut. Du tust Deinem Sohn und Dir damit einen Riesengefallen, denn so lernt er Dich nicht wie einen Gegenstand steuern kann und kommt evtl. vielleicht sogar darauf, was er jetzt mit seinen Ideen aus sich heraus Interessantes machen, spielen könnte. Das fördert im Normalfall die Kreativität und Selbständigkeit. Da musst Du jetzt hart bleiben und konsequent! Natürlich ist es für ihn jetzt total unbequem, denn Du stehst als nützlicher Spielpartner nicht mehr zur Verfügung. Aber auf lange Sicht hast Du keine andere Wahl als das durchzuziehen. Viel Erfolg ! :-)

  9. Daniela sagt:

    Hallo,
    vielen Dank für den tollen Artikel und vor allem deine Ehrlichkeit!
    Es fühlt sich gut an zu wissen, dass man mit den eigenen Problemen nicht allein ist.
    Liebe Grüße
    Daniela

  10. Christina sagt:

    Ich liege hier und mir fließen einfach nur die Tränen… danke für deinen gesamten Blog…ich habe mindestens die Hälfte deiner Beiträge in den letzten 3 Wochen gelesen) ….
    Doch dieser Artikel ist für mich wie ein Wachrütteln…. ein Stück Gesundheit….
    Ich habe stark mit Dissoziationen (Wegdriften bei überfordernden Situationen) zu tun, auf Grund von Entwicklungs- und Schocktraumata und auch meine Hypersensibilität scheint da mit reinzuspielen… ich bin zwar auch in guten psychologischen Händen, suche aber trotzdem nebenbei immer noch „andere Wege“ um mit dieser psychischen Krankheit trotzdem eine gute Mutter für mein geliebtes Wesen (1 1/2 jährige Tochter) zu sein. Neben Dami Charf bin ich dabei auch auf dich gestoßen… ich habe mir immer Kinder gewünscht, doch gaaaanz lange den Wunsch verdrängt-wegen der „Krankheit“… ich kann nämlich auf Grund verschiedener Kindheitstraumata nicht spielen…. (du glaubst gar nicht, wie furchtbar es ist, das zu sagen oder geschrieben zu sehen) Gott sei Dank kann ich aber vieles andere-Bücher lesen, singen,toben)
    und eine Mutter muss doch noch mehr als eine „NUR-FRAU“ (als wenn das nicht schon schwierig ist) alles schaffen, was man von ihr erwartet… so meine Denke seit der Kindheit…
    Und jetzt trauen sich Frauen wie du (Wahnsinns Respekt) einfach so zu schreiben, dass sie aus welchen Gründen auch immer, dieses Bild nicht erfüllen können… und Dami Charf sagt noch dazu, dass vieles von dem was ich fühle gar nicht krank ist…. sondern nur von der Gesellschaft als krank und abartig dargestellt wird, weil man halt als Mutter keine Grenzen haben darf und bis zum Tot umfallen alles ertragen muss (mein Körper fällt für mich um und triftet weg, weil ich es mir nicht erlaube…)
    Ich sehe auch an deinem Blog, dass Veränderung nicht von heute auf morgen möglich ist, sagt ja auch Dami, ABER wie viel Leid hätte ich mir (und meiner Familie) ersparen können, wenn ich mich viel eher getraut hätte, auch mal NEIN sagen zu dürfen (nicht nur zu Süßem oder später beim Handykonsum) sondern zu Grenzüberschreitungen (ich lerne gerade erst kennen, dass ich welche hab und dass es nicht normal ist, dass jeder einfach drüber weggehen darf, mich zwingen darf-ICH DARF stop sagen-HALLELUJA) Um diese vergeudete Zeit und Energie (auch die die es noch Kosten wird) trauere ich gerade sehr…
    Danke, dass es EUCH da draußen gibt!!!
    So…ich geh jetzt mein Kind knuddeln, wenn es möchte…;-)

    1. Christine sagt:

      Liebe Christina,

      ich glaube der größte (und zugleich schwierigste) Schritt ist es, uns zu erlauben, auf unsere eigenen Bedürfnisse zu achten und somit auch unsere Grenzen zu wahren. Ich freue mich sehr für dich, dass du dir erlaubst, diesen Weg der Selbstfürsorge zu gehen und ich wünsche dir viel Kraft und vor allem Mitgefühl mit dir selbst, wenn es schwierig wird oder du deine Grenzen doch mal wieder übertreten lässt.
      Es ist alles ein Prozess, bei dem wir immer wieder Rückschläge erfahren werden, weil unsere gewohnten Muster so eingefahren sind wie eine Autobahn im Körpersystem.
      Ich freue mich sehr zu hören, dass ich dich mit meinem Beitrag weiter ermutigen konnte, für dich zu sorgen, so wie es dein Körper bereits in für ihn zu stressigen Situationen mit Dissoziationen tut. Und ich wünsche dir von Herzen alles Gute!!

      Lg Christine

  11. Katharina sagt:

    Liebe Christine,
    du schreibst mir aus der Seele!
    Vor Corona habe ich es einigermaßen gut hinbekommen, keine Rollenspiele und Lego spielen zu müssen, da waren im Kindergarten und in der Nachbarschaft andere Kinder da.
    Durch Corona sind leider die Möglichkeiten für andere Spielpartner außer uns Eltern fast auf Null geschrumpft (wir dürfen leider auch keine Notbetreuung in Anspruch nehmen :( ). Da unser Sohn ein Einzelkind ist, woran ich sehr leide, gibt es auch keine Geschwister zum Spielen. Im Moment ist er wegen eines Coronafalls im Kindergarten sogar in Quarantäne!!

    Ich sehe, dass er extrem unter der Einsamkeit und der sozialen Isolation leidet. Und ich weiß, wieviel Stress mir seine Wutausbrüche bereiten. Deshalb gibt es für mich im Moment nur den Mittelweg: Ihm klarmachen, dass ich nicht gerne mit Kuscheltieren oder Lego spiele und dann eine begrenzte Zeit vereinbaren, in der wir diese Spiele spielen. Für Beschäftigungen, die mir mehr Spaß machen (Würfel- oder Kartenspiele, Basteln, Kochen, Backen, Drachensteigen, Fußball- oder Frisbeespielen) habe ich dann auch mehr Zeit.
    Und: ich nutze die Zeiten, in denen mein Mann zu Hause ist, möglichst gut dafür, um für mich alleine zu sein und Dinge zu tun, die mir Freude machen.

    Ich denke, es wird in einer Familie, wie auch in der Gesellschaft insgesamt, nie möglich sein, dass die Bedürfnisse aller immer erfüllt werden können. Da gilt es, Kompromisse zu finden.

    Herzliche Grüße
    Katharina

    1. Christine sagt:

      Liebe Katharina,

      hab vielen Dank für deine Nachricht! Ich finde es sehr stark von dir, dass du in der jetzigen Situation alle im Familiensystem so gut im Blick hast (dich eingeschlossen) und sogar Kompromisse beim Spielen mit deinem Sohn eingehen kannst, weil du um seine Bedürftigkeit weißt – Hut ab! Schön, dass ihr auch noch einige Aktivitäten gefunden habt, die ihr beide gerne außerhalb des Kinderzimmers zusammen ausüben mögt und könnt (können im Sinne deiner Belastung; mir fällt es generell schwer, Zeit mit den Kindern zu verbringen). Das klingt wirklich nach einem guten Kompromiss; auch, dass du dir immer wieder Zeit für dich uns deine Interessen einräumst, wenn dein Mann zuhause ist.

      Ich schicke dir liebe Grüße!
      Christine

      1. Katharina sagt:

        Liebe Christine,
        danke für die aufmunternden Worte!
        Mir gibt dieses Spiel-Dilemma wirklich viel zu denken. Für Kinder ist eben das Spiel nicht nur ein Zeitvertreib – es ist DER Modus, mit dem sie die Welt wahrnehmen, entdecken, kennenlernen und ihre innere Welt zum Ausdruck bringen. Und deshalb sehe ich die Aufforderung „Spiel mit mir“ nicht nur als „Verbringe Zeit mit mir“, sondern insbesondere auch ein „Nimm Anteil an meiner Welt! Lass mich mit dir meine Welt teilen!“ Und es gibt nichts, was mir als Hochsensibler/Empathin ferner läge, als jemandem auszuschlagen, Anteil an ihm und seiner Welt zu nehmen :) Die Devise „Mama spielt nicht. Punkt“ bringe ich deshalb einfach nicht übers Herz. Auch wenn mir das Spielen so schwerfällt. Und ich frage mich, warum das so ist. Oder auch generell: Weshalb gerade bei meinem Kind der Wunsch nach Distanzierung so groß ist.
        Gestern hat er mit einem Onkel über zwei Stunden via Skype gespielt (er hat seine Legosachen neben sich aufgebaut, sein Onkel hat sich Figuren gebastelt und so haben sie gespielt). Das war fantastisch anzusehen. Und natürlich für mich eine super Entlastung! Gleichzeitig war ich auch ein Stück weit neidisch auf den Onkel, der sooo gut spielen kann und dem das auch Spaß macht. Warum kann ich das nicht?
        Ich habe da viele Fragezeichen und bin immer auf der Suche nach einer ausgewogenen Lösung.
        Herzliche Grüße!
        Katharina

      2. Christine sagt:

        Liebe Katharina,

        ich fühle sehr mit dir, was deinen Neid auf den Onkel angeht – manche haben einfach so ungezwungen Spaß mit Kindern und können sich stundenlang gerne mit ihnen beschäftigen (ich kenne auch so einen Onkel ;-)) und bei mir selbst fühlt sich alles nach Krampf an, selbst, wenn ich die Kinder lange nicht gesehen habe, kann ich mich nur schwer darauf einlassen.
        Mir ist übrigens aufgefallen, dass ich (und du sicherlich auch) trotzdem mit den Kindern mitschwinge, das was du als „Lass mich mit dir meine Welt teilen“ bezeichnest. Wenn sie mir unbedingt ihre neuste Erfindung oder ein zusammengebautes Lego-Auto zeigen wollen oder ein Theaterstück vorbereitet haben, dann widme ich mich ihnen mit meiner ganzen Aufmerksamkeit. Das geht vor allem deshalb gut, weil es eine doch ziemlich eingeschränkte und damit überschaubare Zeitspanne ist (vom Theaterstück mal abgesehen). Und dennoch kommen diese kleinen Sequenzen mehrmals am Tag vor, weshalb es mir etwas leichter fällt, zum großen Spielen Nein zu sagen.
        Ich drück‘ dich!

  12. Vanessa sagt:

    @Katharina: Ich bin da auch oft in einem Dilemma mit mir (gewesen). Ganz zu sagen „Ich spiele nicht mit meinem Kind, nie“, das finde ich auch nicht gut, aus den selben Gründen wie du. Aber man muss generell einen Mittelweg finden, vor allem ab einem gewissen Alter. Mit Mittelweg meine ich, man muss nicht ständig und immer für sein Kind als Spielkamerad greifbar sein; das haben wir getan und ich kann dir sagen, es hatte nicht nur einen positiven Effekt, sondern auch den negativen Beigeschmack, dass unser Sohn sich gar nicht mit sich selbst beschäftigen kann bzw. nur sehr selten und die Einstellung hat immer im Mittelpunkt stehen zu müssen, es soll immer nach seinem Kopf gehen und wir müssen immer greifbar sein. Ein nein und unsere Grenzen akzeptiert er nur sehr schlecht….wir haben es erkannt und arbeiten dran.
    Man sollte mit seinem Kind spielen, aber wenn man mal so gar keine Zeit und/oder Lust hat, dann stirbt das Kind auch nicht, wenn man es nicht tut. Die Balance muss einfach stimmen.
    Natürlich braucht ein Kleinkind noch mehr Animation/Unterstützung/Hilfe (auch beim Spielen) als ein Schulkind. Auch das sollte man bedenken und entsprechend reagieren.
    Meine Meinung, meine Erfahrung.

    Und zu dem Thema, warum können andere besser mit meinem Kind spielen als ich selbst: Ich verstehe dich sehr gut, kann dir aber sagen, das ist normal. Du hast DEIN Kind immer um dich 7/24. Das hat der Onkel nicht und er muss auch nicht täglich als Entertainer herhalten. Da ist die Motivation/Lust eine ganz andere.

  13. Sarah sagt:

    Liebe Christine, dein Beitrag hat mich sogar zu einem eigenen Blogartikel bewegt – in dem ich auf deinen Kommentar hier verwiesen habe.🙂 Wenn du magst, schau doch mal vorbei! Ich kenne, was du beschreibst, so gut und spiele inzwischen auch nur noch selten Kinderspiele mit – Zeit mit meinen Jungs verbringe ich trotzdem, aber auf eine Weise, die uns allen gut tut!
    Herzlichen Gruß, Sarah

  14. forest sagt:

    Wow, dieser Artikel! Vielen vielen Dank dafür! Meine Tochter ist zwar erst 8 Monate alt, aber ich empfinde ALLES, was du geschrieben hast, genau so. Und ich habe das von Anfang an so empfunden, dass ich ihr meine Gefühle nicht vorenthalten kann/sollte, auch wenn sie noch viel zu klein ist, um es zu verstehen. Aber ich bin sicher, auch ein Baby reagiert verwirrt und fühlt sich vielleicht irgendwie „getrennt“ von Mama, wenn diese lächelt und innerlich Tränen weint. Ich will authentisch sein. Und ich habe mir – schon vor ihrer Geburt – immer als oberstes „Prinzip“ die Wahrheit zu meinem Leitstern für das Zusammensein mit ihr vorgenommen.
    Ich fühle mich von deinen Worten so bestätigt, getröstet und auch wieder mit neuer Zuversicht und Energie angefüllt. Danke!

    1. Christine sagt:

      Liebe forest,

      ich danke dir wiederum für deine lieben Worte! Sehr stark von dir, dass du bereits so früh damit anfangen (bzw. deinem Naturell entsprechend weitermachen) willst, authentisch deiner Tochter gegenüber zu sein. Ich glaube genau wie du, dass auch Babys/Kleinstkinder solche Stimmungen wahrnehmen. Auch, wenn sie es noch nicht deuten können, so merken sie mit Sicherheit, dass deine inneren Gefühle nicht mit deiner Haltung übereinstimmen bzw. diesen inneren Kampf, den man als Mutter führt. Ich kann dich nur weiter ermutigen, deiner Intuition zu folgen und freue mich für deine Tochter, dass sie so eine glaubwürdige Mutter hat!

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