Lebensfragen

Akzeptieren vom Muttersein ist für mich ein Prozess

Früher war der Fall für mich Sonnenklar. Früher, als ich noch kinderlos war und vollkommen naiv meiner Belastbarkeitsgrenze gegenüber stand. „Was bedeutet für dich Freiheit?“ Über diese Frage brauchte ich nicht lange nachzudenken. „Nicht im Gefängnis zu sitzen“, genau so hätte meine Antwort gelautet. Nicht mehr und nicht weniger. Wieso sollte es unter meinen Lebensumständen auch eine andere Form des persönlichen Freiheitsentzugs geben? Heute würde meine Antwort garantiert differenzierter ausfallen, denn heute bin ich nicht mehr kinderlos. Heute bin ich Mutter von zwei Jungen im Alter von knapp fünf und vier Jahren und hochsensibel.

Oh, natürlich, hochsensibel, das bin ich schon länger, nicht erst seit der Geburt meiner Kinder. Ich bin es schon immer gewesen, nur, dass ich früher dafür keinen Namen hatte, wenn mir laute Geräusche schnell zu viel waren oder ich mich auf turbulenten Kindergeburtstagen in eine stille Ecke verzog. „Die ist halt still und schüchtern“ bekam ich von den Erwachsenen zu hören und das war’s dann auch schon.

Eine eher bemitleidende Äußerung, manchmal vielleicht auch ein wenig abwertend. Als wertvoller Wesenszug wurde es in den seltensten Fällen gesehen. Und ich muss zugeben, dass ich dafür selbst heute Verständnis habe, wenn ich meinen Mitmenschen zu „sensibel“ bin. Diese Über-Sensibilität tritt ja meist im Negativen zu Tage. Vor allem für Andere dann sichtbar, wenn ich mal wieder eine Pause brauche, schon wieder nicht so viel kann wie andere Mütter, die den Alltag mit Kind und Kegel scheinbar mühelos zu wuppen wissen.

Akzeptieren vom Muttersein ist für mich ein ProzessOder, wenn ich mal wieder mein Muttersein verfluche. Das kriegen meine engsten Familienmitglieder dann unumgänglich auch mit. Mein Mann, wenn ich abends wieder mal erschöpft auf dem Sofa vor mich hinfluche. Oder meine Mutter, wenn ich mich bei ihr ausheule und schon mal zu möglichen Babysitterdiensten schiele.

Eine Zeit lang dachte ich, diese Zeiten wären längst vorbei, schließlich habe ich mich schon vor langer Zeit mit meinem neuen Leben als Mama angefreundet.

In Zeiten meiner postpartalen Depressionen, also in den Monaten nach der Geburt meines Ältesten, drohte ich innerlich zu ersticken. Mein persönlicher Freiheitsentzug war mit Einzug des Babys in unserem Haus gekommen. Damals fühlte sich mein Leben an wie Knast. Lebenslänglich ohne Bewährung.

Meine Hochsensibilität, mein Drang zur Selbstbestimmtheit wurde mit der Vierundzwanzigstundenverantwortung für ein weiteres Wesen überfahren. Scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste.

In dieser Zeit konnte ich Monatelang keinen Hoffnungsschimmer auf Veränderung erkennen. Erst in der Therapie entdeckte ich langsam Wege, meinen Sohn und daraus resultierend, mein Muttersein annehmen zu können. Aber auch das ging nicht mit einem Mal „Fingerschnippen und gut is“.

Akzeptieren vom Muttersein ist für mich ein ProzessDie ganzen letzten Jahre waren für mich ein immerfortwährender Prozess. Ich kämpfte für mich, ich kämpfte um meinen Sohn. Nach und nach wurde aus Ablehnung Annehmen. Aus Annehmen Liebe.

Die zarte Knospe einer wunderschönen Blüte, die sich dem Betrachter erst nach und nach offenbart.

Der Weg zu einer stabilen Mutter-Sohn-Beziehung war geebnet. Und je mehr Liebe, Verständnis und Mitgefühl ich sowohl in die Beziehung zu meinem Ältesten, als auch in das Miteinander zu meinem Jüngsten einbringen konnte, desto weniger wurden die Momente, in denen ich das Handtuch werfen wollte und meinen kinderlosen Zustand herbeiersehnte.

Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem ich dachte, das „Happy End“ eines glorreichen Märchens wäre erreicht, von nun an würden mich die Geister der Vergangenheit nicht mehr verfolgen können.

Akzeptieren vom Muttersein ist für mich ein ProzessUnd doch war es erst gestern wieder so weit. Meine Brust eng, mein Hals wie zugeschnürt, meine Augen mit Tränen erfüllt. „Freiheit, wo bist du?“ flüsterte ich lautlos in die Nacht.

Kein Wunder, hatte ich mir vor ein paar Tagen den Fuß verletzt und schlich seitdem mehr schlecht als Recht durch den Alltag. Maximale Erholung in freien Stunden? Fehlanzeige! Irgendein Nerv war immer eingeklemmt, irgendein Schmerz zog durchweg durch den Fuß und hielt mich vom Auftanken ab. Meine Akkus also leer und ich erneut an dem Punkt, das ganze Muttersein, die blöde Fremdbestimmtheit, zu verfluchen, musste ich im Alltag mit zwei Kindern ja dennoch funktionieren. Für eine Pause vom Mamasein blieb keine Zeit.

Und trotzdem. Da war etwas. Eine innere Stimme, die mir sagte, dass ich im erholten Zustand wieder anders denken würde. Dass ich mein Leben in diesen Momenten nicht wie einen Knast ohne Fenster und Ausgang empfände. Und dass diese Momente inzwischen bei weitem überwiegen! Dieser Gedanke verhalf mir in dem Augenblick zwar nicht zu vollen Akkus, aber immerhin zu einer wertvollen Erkenntnis:

Das Akzeptieren von Tatsachen ist manchmal ein langer Prozess, der nicht mit einem einmal gefühlten Akzeptieren abgeschlossen ist.

Genauso, wie auch Paare, die sich nach langer Zeit trennen, immer mal wieder hinterfragen, ob die Trennung die richtige Entscheidung war, obwohl sie genau wissen, dass sie es war! Oder wie bei Jemandem, der seinen Eltern Probleme aus seiner Kindheit verzeiht und trotzdem feststellen muss, dass der Schmerz, die Enttäuschung immer noch mal hochkommt.

Akzeptieren vom Muttersein ist für mich ein ProzessNatürlich muss das nicht für Jeden zutreffen! Wie viele Mütter schließen ihr Baby nach der Geburt in die Arme und können sich danach ein Leben ohne Kinder überhaupt nicht mehr vorstellen! Und wie viele Pärchen gehen ohne Trennungsschmerz auseinander, wie vielen Menschen fällt Verzeihen nicht schwer! Und das ist wunderbar!

Akzeptieren ist ein Prozess, wie so vieles im Leben. Und bei gravierenden Veränderungen im Leben dauert er nun mal länger. Es ist ein Prozess, der dir zeigt, dass du auf dem Weg bist. Es liegt an dir, Stolpersteine als genau das anzunehmen, was sie sind, sie möglichst nicht zu bewerten und dann mutig ohne Zweifel weiterzugehen!

In meinem Fall konnte ich mir selbst gut zureden: Ja, du bist gestresst. In diesem Moment. Ja, du wärst am liebsten wieder kinderlos. In diesem Moment. Es wird auch wieder anders sein. In einem anderen Moment.

Und dann geht es irgendwann wieder weiter. Hin zu deiner persönlichen Freiheit.

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