Gesellschaft

Junge statt langersehntem Mädchen? Warum Trauern beim „falschen“ Geschlecht so wichtig ist

„Wie soll ich nur je über diesen Verlust hinwegkommen?“ Viele Mütter klagen mir ihren Kummer, aufgefressen von dem jahrelangen Wunsch, ein Mädchen zu bekommen. Nun würde es (wieder) ein Junge werden und mit der Gewissheit, kein weiteres Kind in die Welt setzen zu wollen, stirbt auch die Hoffnung, die langersehnte Tochter würde irgendwann die Familie komplettieren.

Sterben. Ja dachte ich, genau das ist es. Es stirbt etwas in den Müttern, so wie damals auch in mir die Hoffnung nach meiner Sarah starb. Es stirbt der Wunsch, der mehr ist als ein „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich ja ein Mädchen bevorzugen“. Dieser Wunsch, der mehr verspricht: Ein Ziehen, eine Sehnsucht, ja, oftmals eine Gewissheit.

Die eigene Tochter ist bereits präsent, wie eine Lichtgestalt in der Aura der werdenden Mutter, nun muss sie sich lediglich verkörpern, um den Weg in die irdische Welt zu schaffen.

Und dann liegst du mit klopfendem Herzen auf der Behandlungsliege deines Frauenarztes und er entdeckt „eindeutige Zeichen“ auf dem Ultraschall, verkündet freudig deinen heranwachsenden Jungen im Bauch.

Junge statt langersehntem Mädchen? Warum Trauern beim „falschen Geschlecht“ so wichtig istUnd plötzlich hört dein Herz auf zu schlagen.

Mit einer energetischen Vollbremsung wirst du in die Realität katapultiert, die aber unwirklicher nicht sein könnte. Der Mann jubelt, dein Arzt gratuliert dir, deine Umgebung versucht mit einem „Hauptsache es ist gesund“ die ganze Sache zu beschwichtigen.

Und du?

Du versuchst, dir deinen Schmerz nicht anmerken zu lassen. Meckern über das „falsche Geschlecht“, das gehört sich schließlich nicht. Luxusprobleme. Oder gleich ein Fall für den Psychodoktor. Undankbar sowieso: Wie viele Mütter wollen seit Jahren schwanger werden und kommen niemals in den Genuss, ein eigenes Kind auszutragen oder gebären ein schwerstbehindertes Kind oder erleiden eine Fehlgeburt. Und du jammerst über deine verlorene Tochter, die nur in deinen Wunschvorstellungen existierte?

Stopp.

Bitte rede deinen Schmerz nicht klein. Lass dich nicht anstecken von all den Beschwichtigungen und Vergleichen, anderen ginge es schlechter.

Schmerz und Trauer lassen sich nicht vergleichen. Und darum geht es auch gar nicht.

Der Verlust deines Kindes, auch wenn „offiziell“ niemand gestorben ist, katapultiert dich in eine Trauer-Situation.

Junge statt langersehntem Mädchen? Warum Trauern beim „falschen Geschlecht“ so wichtig ist

Es ist wichtig, dass du dir nun Zeit schenkst, deinen Verlust ernsthaft zu betrauern und nicht zu leugnen.

Du darfst schreien, wütend sein und deiner Enttäuschung Luft machen. Aber vor allem solltest du deinen Tränen freien Lauf lassen und ihnen erlauben, deinen Schmerz wegzuspülen. Auch wenn es Zeit braucht, bis alle Tränen vergossen sind, bis du nicht mehr neidisch auf Mädchen-Mamas bist oder unbeschwert an den rosa Kleidchen bei H&M vorbeigehen kannst.

Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht.
William Shakespeare

Als ich wusste, dass meine Sarah niemals das Licht der Welt erblicken würde, habe ich damals instinktiv nach ein paar Tagen der Wut und Verzweiflung ein Abschiedsritual in einer Meditation durchgeführt. Damals hätte ich es noch nicht so benennen können, dass ich meine Tochter gerade gedanklich verabschiede, wie bei einer Beerdigung, aber im Nachhinein fühlte es sich so an und ebnete ganz langsam den Weg für Heilung.

Das muss nicht heißen, dass dies auch für dich die richtige Methode oder der passende Zeitpunkt ist. Vielleicht brauchst du etwas anderes zum Loslassen. Oder du bist noch nicht so weit. Auch das ist okay! Es gibt kein richtig oder falsch, wenn es um unsere Gefühle geht.

Als ich meine Ausbildung zur Hospizhelferin gemacht habe, kam ich dort zum ersten Mal mit dem Begriff der Trauerphasen in Kontakt. Ich lernte, dass jeder sein eigenes Tempo zum Verarbeiten eines Verlusts benötigt. Dass die einzelnen Phasen -Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz (nach Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross)- nicht immer in der gleichen Reihenfolge stattfinden und unterschiedlich lange dauern.

Und ich verstand auch, dass das Empfinden von tiefer Trauer nicht nur auf den Verlust von Verstorbenen beschränkt ist. Wer schon Opfer einer gescheiterten Ehe geworden ist oder ewig auf die bedingungslose Liebe vom eigenen Vater wartet, weiß, wovon ich spreche.

Junge statt langersehntem Mädchen? Warum Trauern beim „falschen Geschlecht“ so wichtig istWenn du mich fragst, wie lange ich zur Verlustbewältigung meines Mädchens gebraucht habe, dann glaube ich nicht, dass dir meine Antwort weiterhilft. Denn jede Seele verarbeitet in ihrem eigenen Tempo, jede Frau bringt ihre eigene Vorgeschichte und Sehnsucht mit. Es gibt keine Richtlinie, ab wann man den Jungen in seinem Bauch (oder auf seinem Schoß) lieben oder vorerst nur mal willkommen heißen muss.

Müssen ist sowieso das Gegenteil von frei sein. Und dein Herz kann vielleicht erst frei für deinen Sohn sein, wenn du dir erlaubst, dir die nötige Zeit der Trauer zu geben.

Und dein Sohn? Hat er nicht ein Recht darauf, von Anfang an geliebt zu werden?

Liebe lebt weder von Recht noch von Unrecht. Liebe hat Zeit. Und für deinen Jungen bleibt euch noch sein ganzes Leben lang Zeit, euch aneinander zu gewöhnen.

20 Gedanken zu „Junge statt langersehntem Mädchen? Warum Trauern beim „falschen“ Geschlecht so wichtig ist“

  1. Ela sagt:

    Sich die Trauer einzugestehen ist sehr wichtig, damit die Heilung beginnt. Und die Heilung und das Loslassen können sind sehr wichtig, denn schon im Bauch können Kinder spüren, ob sie gewollt oder unerwünscht sind. Kinder können ein Leben lang darunter leiden, dass „falsche“ Geschlecht zu haben oder nicht das gewünschte Kind zu sein. Niemals gegenüber dem Kind erwähnen, dass Mama eigentlich ein Mädchen/Junge wollte, das kann eine Kinderseele weit über die Kindheit hinaus verletzen.

  2. Maja sagt:

    Das hier kann ich so gut nachempfinden.

    Auch wenn meine Jungs jetzt im Grundschulalter sind, ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Tag geben wird, an dem ich sagen kann:“ Ich werde niemals eine Tochter haben, und das ist ok.“
    Es wird nie ok sein. Dieses Gefühl, dass ‚jemand‘ fehlt, das geht genauso wenig weg, wie wenn gestorben ist. Nur dass dieser Mensch der vermisst wird, nie die Chance auf ein Leben bei mir hatte.
    So wie es Frauen schmerzt, die bspw ihre Mutter verloren haben, in der Stadt eine Frau in ihrem Alter mit ihrer Mutter freudig herumlaufen zu sehen, oder eine Frau, die ihre beste Freundin vermisst, zwei enge Freundinnen zu sehen.
    So ist der Schmerz auch für Mütter, wenn sie eine Mutter mit Tochter sehen.
    Dieses Band, was enger ist, als es bei der besten Freundin jemals sein könnte, das fühlen und denken einer (heranwachsenden) Frau, das so viel anders ist als das der Männer (jeder hier weiß was ich meine!), die Verbundenheit dadurch, das bleibt uns Jungsmüttern verwehrt.
    Ja, natürlich gibt es auch Mutter-Tochter-Verhältnisse, die nicht so eng sind. Und ich habe auch keine rosarote Brille auf ;)

    So oft verstehe ich meine Jungs nicht. Und werde es in Zukunft auch weiterhin nicht.
    Diese Verhaltensweisen, die unglaublich an den Nerven zehren.
    Ich wette, Regretting Motherhood hat hauptsächlich Jungsmütter im Griff.

    Und nein, die Jungs bekommen das nicht irgendwie zu spüren dass ich ein Mädchen unendlich vermisse. Jeden einzelnen Tag haben sie die Chance, so zu sein, dass ich denken würde „Regretting Motherhood, bei mir nicht.“, aber das Gegenteil bewirkt ihr Jungsverhalten. Schlagen, schreien, ärgern, Mist machen, ach ja, das Mamaleben ist soooo wuuuuunderbar.

    Wenn jemand von euch das Gleiche fühlt, schreibt ruhig mal, wie ihr die Mädchensehnsucht verkraftet, erfolgreich verdrängt oder sonst damit umgeht, dass es nicht so wehtut.

  3. Rica sagt:

    Liebe Christine, (liebe Maja, )
    fast immer kann ich mich in deinen Texten -mal mehr, mal weniger-wiederfinden. Diesmal gar nicht! Im Gegenteil-ich werde fast ein bisschen sauer?! Sauer, weil…
    …das reine Mädchen (und Jungen-) Klischees sind, die ihr hier bedient.
    …weil der Vergleich mit einem gestorbenen Menschen ungeheuerlich ist…
    …ich mich doch für ein KIND entscheiden muss- und nicht für ein Geschlecht! Ich weiß doch vorher, dass ich zu 50% einen Jungen bekomme! Wenn ich das nicht will bzw. ich das soo enttäuschend finde, warum will ich dann schwanger werden???
    …ihr den Demuts-Gedanken so abtut. Ich finde, wir in Europa sollten mit Blick auf die Welt einfach nur dankbar sein! (Das hat nichts damit zu tun, dass jeder seine Kinder ab und an gern auf den Mond schießen würde;)
    …aber von „Trauern“ zu sprechen finde ich tatsächlich echt übel.

    Ich habe nicht die Absicht, irgendjemanden zu verletzen, konnte aber diesen Text und den Kommentar irgendwie nicht so stehen lassen.

    Viele Grüße
    Rica

    1. Christine sagt:

      Liebe Rica,

      es ist dein gutes Recht, starke Emotionen zu verspüren und anderer Meinung zu sein. Ich danke dir, dass du niemanden verletzen möchtest und dennoch denke ich, dass Trauer sehr individuell ist und vielleicht auch nicht immer nachvollziehbar.
      Wichtig beim Prozess des Trauerns ist vor allem, dass es dabei um einen selbst geht. Es wird augenscheinlich das nicht-vorhandene Geschlecht betrauert, aber eigentlich geht es dabei um die eigenen Empfindungen; dass man sich selbst erlaubt, den verspürten Schmerz mit aller Wucht zuzulassen und nicht zu unterdrücken – so paradox oder unsinnig er auch scheint. Und es geht nicht darum, das nicht-vorhandene Geschlecht mit einem verstorbenen Menschen zu vergleichen, sondern die Empfindung von Verlust, die dahintersteckt.
      Meine Jungs erfüllen (Gott sei Dank) nicht alle Klischees, die es über Jungen im Allgemeinen gibt – und trotzdem finde ich es legitim, sich nach etwas „typisch“ weiblichen sehnen zu dürfen; ob eine Tochter diese Sehnsüchte nachher tatsächlich (alle) erfüllt oder nicht.
      Tja, mit manchen Gefühlen kommt man tatsächlich erst während einer Schwangerschaft in Berührung, da merkt manche Frau vorher gar nicht, wie wichtig ihr das Geschlecht doch eigentlich ist.
      Demut und Dankbarkeit zu empfinden für das was wir in Europa haben, finde ich selbst sehr wichtig. Und genauso wichtig ist es, nicht jedesmal mit dem Schlimmsten zu vergleichen und dabei seine eigenen Anliegen klein zu reden. Echte Demut und Dankbarkeit können wir vielleicht nur empfinden, wenn wir uns mit uns selbst ausgesöhnt haben. Und die Trauer gehört für mich dazu.

      Herzlichst,
      Christine

    2. Maja sagt:

      Liebe Rica,
      verletzen, das tust du sicher nicht mit dem Kommentar.
      Nur bestätigen, dass man „öffentlich“ nie seine wahren Gefühle zeigen darf. Nicht das preisgeben, was man fühlt, nicht ehrlich sein, keine Chance haben, gleichdenkende Menschen zu finden.
      Wie auch, mit der Gewissheit dass die meisten Menschen sowieso intolerant und empathiefrei sind.
      Das bestätigt es ja nur wieder.

      Wie das so ist mit Klischees, wenige bedienen die Mädchen-Jungs-Klischees nicht, die Meisten aber schon. Deswegen habe ich der Einfachheit halber genau die, sagen wir mal, Geschlechterspezialitäten beschrieben.
      Natürlich weiß man um die Wahrscheinlichkeit dass der Tochterwunsch nicht garantiert ist. Zwei Chancen. Und wenn es dann endgültig ist, wird einem bewusst, wie groß der Wunsch doch eigentlich war.
      Nur weil wir in Europa leben sind wir nicht zur grenzenlosen Dankbarkeit verdammt. Was ja auch gar nicht möglich ist, denn das würde ja bedeuten, dass man keine negativen Gedanken und Gefühle (die man übrigens nicht bewusst steuert!) haben darf. Das heißt es gäbe ab sofort auch keine Depressionen und allgemein keine Traurigkeit und negatives Denken mehr denn man ist wunschlos glücklich, von Dankbarkeit durchflutet, man „lebt ja in Europa“.
      Ich kann natürlich dankbar sein, dafür dass meine Kinder gesund sind, dass wir keine Geldsorgen haben oder ähnliches. Aber das eine schließt das andere nicht aus.

      Allein dafür dass ich glaube, es gibt Mamas die mitlesen und genauso empfinden wie ich und durch den Kommentar das Gefühl haben, nicht allein zu sein, lohnt es sich.

  4. Rica sagt:

    Liebe Maja,
    ich bin weder empathiefrei noch intolerant! Nicht jeder, der dich nicht versteht bzw. anderer Meinung ist als du, ist das! Da machst du es dir zu einfach!

    Ich verstehe den WUNSCH jeder Mutter nach einem bestimmten Geschlecht natürlich. Den hatte ich auch. Aber mir ist völlig unklar wie du mit zwei WunschKindern hier sitzen kannst und von Trauer sprechen kannst! Das kann doch nur geschehen, wenn man sich schon vorher (und hinterher offensichtlich immer noch) da völlig (mit Absicht) reinsteigert und sich einbildet, sein Lebensglück hinge an einer Tochter?!
    Was nützen dir Gleichgesinnte, mit denen du wieder und wieder darüber lamentieren kannst, dass es ja sooo schrecklich ist, keine Tochter zu haben? Deshalb ist es manchmal nicht so schlecht, ein Gefühl im Rahmen zu halten. Der wäre hier, dass du ab und an denkst:“Eine Tochter wäre auch schön gewesen!“ Ende der Katastrophe! Ich bin sicher, dir ginge es besser !

    Und die Tochter, die du offensichtlich haben willst (Zöpfchen, spielt ganz viel und ruhig mit Puppen und ist immer artig, geht mit Mama ihr Hochzeitskleid kaufen) stirbt hoffentlich bald aus!!!

    Und dass Regretting Motherhood hauptsächlich Jungsmütter betrifft, halte ich für Quatsch. Warum denn auch?

    So! Das war jetzt lang und vielleicht interessiert es niemanden, aber ich musste noch eine Lanze für die Jungs (und die coolen Mädchen) brechen!
    Liebe Grüße

  5. Maja sagt:

    Doch, ich persönlich finde schon, wenn man andere Sichtweisen so gar nicht nachvollziehen kann, dann hat man wenig Empathie.
    Und es geht hier übrigens nicht um mich, sondern um allgemein die Mütter, die es schade finden, im Leben keine Tochter zu haben. Ja, es manchmal auch „betrauern“.

    Ich will auch gar nicht mit Gleichgesinnten „lamentieren“, auch steiger ich mich nicht „mit Absicht“ in etwas rein.
    Im Gegenteil, ich bin für die Jungs die coolste Mama, und bin vom Typ her das Gegenteil eines jammernden armen unscheinbaren Mäuschens, das das „Lebensglück abhängig“ von einer Tochter macht. Oder eine „Katastrophe“ sieht.
    Doch trotzdem ist es schön, dass man mal zugeben darf, dass es Mütter wie mich gibt, die eigentlich alles haben, aber doch an einer Stelle ihres Herzens einen Platz für eine Tochter hätten und es in manchen Momenten eben schmerzt, diesen niemals ausgefüllt zu bekommen.

    R.M. wird hauptsächlich Jungsfamilien betreffen, weil Jungs eben lauter und wilder sind und die Grenzen des Nervenkostüms, gerade bei Hochsensibilität, schneller erreicht sind. Da bin ich mir sicher.

    Der Blogtext sollte ja aussagen, dass solche Gefühle, wie ich sie beschrieb, ok sind. Und das betrifft sicher mehr Mütter als man meint. Mit Vätern ohne Söhne wird es übrigens dasselbe sein, es spricht nur niemand drüber.
    Warum, das haben wir jetzt ja gesehen.

    1. Christine sagt:

      Und ich denke damit ist jetzt von eurer beiden Ansicht alles gesagt worden ;-)

    2. vivien sagt:

      Liebe Maja,

      „R.M. wird hauptsächlich Jungsfamilien betreffen, weil Jungs eben lauter und wilder sind und die Grenzen des Nervenkostüms, gerade bei Hochsensibilität, schneller erreicht sind. Da bin ich mir sicher.“

      Das habe ich früher auch immer gedacht. Es muss wohl an dem Wilden und Lauten liegen, weswegen ich es schwerer finde, in meine Mutterrolle (mit 3 Jungs) hineinzufinden. Doch in Christine´s Pusteblumengarten zeigt sich, dass das Geschlecht wirklich egal zu sein scheint. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass wir dort mehr Mädchenmütter haben (bzw welche mit Pärchen). Und alle finden die Verantwortung, den Trubel, die ständige Aufmerksamkeit, die das Kind fordert, genau so schwierig mit ihrem persönlichen Naturell zu vereinbaren. Und die Mädels dieser Mütter sind auch nicht „schlimmer“ bzw „pflegeleichter“ als die Buben. Es nimmt sich gefühlt nichts, weil Kinder nunmal Kinder sind und eben das Talent haben, alle unsere wunden Punkte zu triggern. Mir hat das Mut gemacht, dass es mit einem Mädchen wahrscheinlich nicht anders gewesen wäre. Dann hätte ich eben meine Tochter gehabt – und dann? Dann wären sicherlich wieder andere Faktoren dazu gekommen, die gezeigt hätten, dass es auch mit ihr nicht gerade einfacher geworden wäre, denn die Mutterrolle bleibt ja die Selbe und somit auch all die Schwierigkeiten mit der eigenen Hochsensibilität.

    3. B. sagt:

      Hallo Maja,
      ich denke dass es vielen Frauen so geht mit der Präferenz. Ich habe 2 Töchter und die ältere ist so wie du es für die Jungs beschreibt: sie hat gekniffen als sie kleiner war, sie haut ihre kleine Schwester und tritt auch mal (auch uns) wenn sie wütend ist und schreit wenn sich zuviel Frust anstaut und sie nicht genug gesehen wird (zur Zeit sehr oft), so dass ich an die Grenze meiner Kapazität angelangt bin. Und manchmal frage ich mich, ob es nicht auch in gewisser Weise die Erwartungshaltung ist, die man an die Kinder hat- das Bild wie ein Kind des jeweiligen Geschlechts zu sein hat und das dann auch in eine selbsterfüllende Prophezeiung übergeht- du erwartest, dass ich mich so verhalte also tue ich das auch (unbewusst meine ich). Vielleicht müssen wir mehr auf die Beziehung schauen unabhängig vom Geschlecht um uns unseren Kindern (wieder) nah zu fühlen..

  6. Vanessa sagt:

    Hallo zusammen,
    schönes Schlusswort zu dem Dialog der Meinungsverschiedenheiten, Christine ;0)
    Ich weiß nicht genau, vielleicht passt mein Kommentar jetzt nicht unbedingt zu dem Thema des „Trauern um die nie da gewesene Tochter“, aber wisst ihr, was ich sehr oft betrauere und somit passt es doch irgendwie zu diesem Thema, finde ich? Das pflegeleichtere, weniger gefühlsstarke Kind, das ich nicht habe und so gerne hätte und dass ich nicht die Mutter bin, die ich gerne wäre. Das macht mich oft traurig und wehmütig. Gerade an so Tagen wie heute, wo das Kind morgens schon so anstrengend ist und ich so müde, dass ich schon am Beginn des Tages gemeine Sachen sage und es den ganzen Tag bereue und denke „Warum konntest du dich nicht beherrschen, wie muss das Kind sich jetzt fühlen?!“ und auch denke „Warum muss er auch so anstrengend in der und der Hinsicht sein?“ Dann bin ich von mir enttäuscht und von meinem Kind, dabei sind wir einfach nur so wie wir sind….eben nicht perfekt.
    Auch eine Art der Trauer und Wehmut…..es gibt also wirklich viele Facetten und mal sollte jedem seine lassen.

    Liebe Grüße

  7. Magnolia sagt:

    Hallo Maja, ich bin froh zu lesen, was Du schreibst, denn ich habe das Gefühl, dass alle Mütter, auch solche mit anfänglicher Depression, früher oder später mit dem Thema Mädchenwunsch abschließen. Mir ist es bis jetzt noch nicht gelungen. Ich bin langsam sicher, mein Muttersein wird für immer mit Schmerz verbunden sein. Und bin damit auch oft (im Internet, im Real Life red ich kaum darüber) auf Unverständnis gestoßen. Natürlich ist es nicht mehr ganz so arg wie am Anfang, aber es tut einfach weh. Immer wieder. Bist Du zufällig im Kontaktverzeichnis?

  8. Familien Finanzen im Griff sagt:

    Toller Beitrag, ich selber hatte mir auch so gern ein Mädchen gewünscht und hab nun zwei wundervolle Jungs…. es ist wie es ist. Egal ob Junge oder Mädchen, Wunsch oder Traum, wichtig ist, dass man seine Kinder liebt und sich nicht daran in Mitleid ertränkt.

    Gruß Sani

  9. Sabrina sagt:

    Ich kann Christine und Maja verstehen.
    Es hört sich zwar grausam an, wenn man solche Gedanken preisgibt, aber ich denke, dass niemand sich davon freisprechen, der in so einer Lage ist.
    Sie hadern ja auch selbst mit sich, meine ich aus den Texten herauszulesen.
    Was soll man machen, wenn man so fühlt?

  10. Marlen sagt:

    Es gibt Menschen, die betrauern es ein Kuscheltier verloren zu haben oder gar ein bestimmtes Kleidungsstück, mit dem sie beispielsweise bedeutsame Erinnerungen verbinden. Und es gibt Menschen, die empfinden Trauer, weil sie einsam sind, andere hingegen, empfinden tiefe Traurigkeit obwohl sie doch scheinbar „alles“ haben und dennoch etwas fehlt. Am Ende ist doch schnurz-piep-egal, was es ist, das bei einem Menschen Trauer auslöst. Die Trauer empfindet der- oder diejenige als real. Basta. Und da können noch so viele Leute kommen und meinen, das es diesem Menschen doch so gut geht und er (mehr) Dankbarkeit empfinden sollte. Es gibt hierbei kein richtig oder falsch. Gefühle und Verstand sind zwei unterschiedliche Komponenten, die aber nunmal oft nicht kongruent zueinander (ver-)laufen. Und es ist schön wenn es Menschen gibt, die genau das verstanden haben.

    Danke Christine für diesen Beitrag.

    1. Hanna sagt:

      Ich bin da auch bei Rica. Es geht natürlich nicht darum, ein Gefühl nicht haben zu dürfen. Das kann man zunächst ja auch nur wenig beeinflussen. Aber nach der „Diagnose“ Junge kann man entweder dem Trauergefühl viel Raum geben und über Jahre intensiv dem Mädchen, das man nie haben wird, nachtrauern und alle Schwierigkeiten im Kinderhaben-Alltag darauf schieben, dass man Jungs hat.
      Oder man versucht, sich das Jungs-Leben schön zu machen und hat ab und zu einen kleinen Mini-Trauer-Punkt, weil so ein Mädchen (bzw. die Vorstellung davon )doch ganz nett gewesen wäre.

      Ich weiß, dass man heute alle Gefühle hemmungslos sagen sollen und ausleben sollen darf. Aber ist das immer so gut? Und gibt es nicht auch „falsche“ Gefühle? Die hab ich-da kann ich nix ändern. Aber ob sie mich beherrschen oder ob ich sie kleiner mache, dass kann ich beeinflussen.

      Ich weiß, wovon ich rede. Bei K2 und K3 habe ich mir schon ziemlich ein Mädchen gewünscht. Aber angetreten bin ich zunächst mit dem Wunsch nach einem (weiteren) Kind! Und wenn ich kein Kind will, sondern ein Mädchen, muss ich verhüten.

  11. Momo sagt:

    Vielen Dank für diesen schönen und gleichzeitig ehrlichen, offenen Beitrag! Ich finde ihn gerade sehr hilfreich meinen zweiten Sohn zu „verdauen“! Auch wenn ich mit dem Wunsch schwanger wurde, das Kind egal mit welchem Geschlecht anzunehmen und zu lieben, traf die Erkenntnis eines zweiten Jungs doch wieder einen wunden Punkt, von dem ich geglaubt habe ihn akzeptiert zu haben. Gefühle sind, denke ich, nicht 100 % steuerbar. Umso wichtiger finde ich es den Mut zu haben sich ehrlich auch mit seinen „dunklen Seiten“ auseinander zu setzen, um dann die Mutter werden zu können, die man sein will, nämlich die bedingungslos liebt.
    Ich glaube jede Mutter hat Erwartungen, wie sie als Mutter sein will, wie die Beziehung sein soll und ja auch wie das Kind sein soll. Bei manchen sind die Erwartungen starrer, bei manchen flexibler, bei manchen versteckter bei anderen offener. So haben es die einen leichter, sich zu lösen, andere müssen etwas mehr kämpfen…
    Ich verstehe auch alle kritischen Stimmen hier, das Unverständnis für solche Worte und vielleicht auch den Ärger. Im Grunde eint uns doch alle der Wunsch, dass es unseren Kindern richtig gut gehen soll und sie geliebt werden sollen. Nur manche stört dabei ein Gefühl für das sie sich gleichzeitig furchtbar schämen, das Andere vielleicht nicht kennen oder nicht nachvollziehen können und daher wütend über die ablehnende Worte werden.
    Ich denke den richtigen Weg mit solchen Gefühlen umzugehen gibt es nicht. Manche müssen trauern oder wütend sein und das richtig auszuleben, um dann anders empfinden zu können, andere müssen es sofort bei Seite legen und das Positive empfinden zu können und wieder andere werden vielleicht nie ganz damit fertig.
    So oder so ist es aber glaube ich wichtig, sich diese Gefühle ehrlich einzugestehen. Weil da sind sie nunmal so oder so… und je weniger ehrlich sie angenommen werden, desto mehr werden sie dann wirklich „gefährlich“ für das Kind, weil es sie eben trotzdem spürt. Dieses ehrliche annehmen und sich eingestehen wird leider schwieriger, wenn sich im Umfeld oder auf solchen Seiten verurteilende Stimmen negativ äußern. Auch wenn diese in ihrem Kern Recht haben! Mir fällt es zumindest schwerer mein Gefühl einzugestehen, wenn ich mich dafür kritisiert und nicht richtig fühle. Aber ich denke auch, um über starke Gefühle hinweg zu kommen, ist es paradoxerweise eben gut, sie erstmal zuzulassen, um sie dann auch loslassen zu können. Daher vielen Dank nochmal für die wertvollen Worte!

    1. Rica sagt:

      Das fand ich einen richtig schönen reflektierten Beitrag! Danke!

  12. Barbara sagt:

    Liebe Christine,
    ich mag deine Texte sehr und lese immer gerne mit – auch wenn sie mich meistens traurig machen… Wahrscheinlich, weil sie oft genau DEN EINEN Punkt bei mir treffen.

    Diesmal hast du es auch wieder geschafft 😊. Ich wollte IMMER schon ein Mädchen. Selbst als ich selber noch ein kleines Mädchen war, wollte ich immer schon eine Mädchen-Mama werden. Ich habe keine Geschwister, aber viele Cousins und die waren für mich immer „die Wilden“. Zu meinem ersten Freund meinte ich früher (in jungen „naiven“ Jahren) immer, wenn ich mal Kinder bekommen werde, und das erste ist ein Junge, dann bleibts bei dem einen, denn die „Gefahr“ eines 2. Jungen wär mir zu groß.

    Als ich dann mit meinem jetzigen Mann unser erstes Kind erwartete, war die Spannung was es denn werden wird natürlich groß. Wir haben uns beide ein Mädchen gewünscht. Als ich erfuhr, dass es ein Junge wird war ich gerade alleine beim Arzt und die Enttäuschung war im ersten Moment riesengroß. Die ganze Heimfahrt über hab ich geheult wie ein Schlosshund. Immer wieder hab ich mir vorsagen müssen, dass ich ein gesundes kleines Baby im Bauch hab und dass ich mich endlich zusammenreißen soll.

    Mit den Monaten, die vergingen, wurde es dann besser und ich hab meinen kleinen Zwerg im Bauch geliebt. Als er auf die Welt kam, gab es nichts Schöneres. Und außerdem, hab ich mir immer gedacht, dass es ja noch eine 2. Chance auf ein Mädchen gibt, weil wir immer 2 Kinder wollten.

    Letztes Jahr – unser (recht anstrengender) Großer war da schon 4 – wurde ich wieder schwanger. Diesmal wollten wir uns das Geschlecht nicht verraten lassen und da die Schwangerschaft ganz anders war als beim Ersten, tippten wir (ein wenig abergläubisch) auf ein Mädchen.

    Als ich mein Baby das erste Mal sah war das Glücksgefühl und die Liebe so groß, dass es mir vollkommen egal war, dass es wieder ein Junge war 😊.

    Das „Problem“ ist nun aber, dass mich der Gedanke an ein Mädchen nicht loslässt und am liebsten hätte ich schon kurz nach der Geburt – sosehr ich meine Jungs auch liebe – an einem 3. Kind gebastelt, in der Hoffnung endlich mein Mädchen zu bekommen.

    Leider „spielt“ mein Mann da nicht mit. Ich bin selbst 38 und mein Mann ist 10 Jahre älter. Er meint, er hätte keine Nerven mehr für ein 3. Kind, auch wenn er unsere beiden Jungs über alles liebt. Und was ich machen würde, wenn es wieder ein Junge werden würde…. ob es mir dann immer noch nicht „reicht“. Er schlug mir sogar vor zu einem Therapeuten zu gehen als ich wegen dem Thema wieder einmal heulte. Und die Tränen kommen mir jedes Mal, wenn mir mein Mann z.B. sagt ich könne ja nicht mehr benötigte Babysachen endlich verkaufen etc… In meinem Inneren wehrt sich etwas dagegen die Sachen wegzugeben.

    Ich habe das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Ich bin neidisch wenn ich die ganzen Mädchen-Mamas sehe und in mir hämmert der Gedanke, dass ich nicht mein restliches Leben leben, und ich nicht irgendwann sterben möchte, ohne eine Mädchen-Mama gewesen zu sein. Ich bin auch oft wütend weil mir das nicht vergönnt ist. Warum die anderen? Warum ich nicht?

    Unser Kleiner ist jetzt 1 Jahr alt und gerade richtig süß und knuffig, und im Moment ist es so, dass ich den Wunsch nach einem Mädchen einfach verdränge. Ich verdränge auch alles was dazugehört, z.B. bunkere ich nicht benötigte Babykleidung etc. immer noch und wenn mein Mann diesbezüglich etwas sagt, reagiere ich nicht drauf. Aber ich weiß nicht, was in einem Jahr oder so sein wird, wenn unser Kleiner nicht mehr so „klein“ ist…. ☹

    1. Christine sagt:

      Liebe Barbara,

      hab vielen Dank für deine offenen Worte und deinen Einblick in deine (Gefühls-)welt. Sicher war es nicht leicht für dich, das ganze in Worte zu fassen.
      Manchmal ist es wirklich schwer, zu akzeptieren, dass Wunsch und Wirklichkeit sich nicht immer decken. Vor allem wenn es um Wünsche geht, die man mit keinem Geld der Welt realisieren kann.
      Nicht immer braucht es einen Therapeuten zur Bewältigung von Trauer, allerdings kann ein Gespräch mit einer außenstehenden Person (das kann ja auch eine Beratungsstelle sein, zu der man ein oder zweimal hingeht) manchmal auch helfen, indem es im Gespräch auch etwas löst, was vielleicht noch hinter dem Mädchenwunsch steckt, was einem vorher gar nicht so bewusst war. Zumindest, wenn du merkst, dass es auch deinen Mann weiterhin belastet, weil dir der Mädchenwunsch noch stark zusetzt. Immerhin hatte er dir ja die Idee mit dem Therapeuten vorgeschlagen; vielleicht nagt es auch sehr an ihm, dass du einem Mädchen noch sehr nachtrauerst und sogar noch über ein drittes Kind nachdenkst, nur des Geschlecht wegen.

      Ich wünsche dir sehr, dass du deinen Frieden findest, irgendwann…

      Ganz liebe Grüße
      Christine

Was sagst du dazu? Schreibe einen Kommentar!

Dein Kommentar wurde nicht (oder nur unvollständig) freigeschaltet? Lies hier, warum!