Gesellschaft

„Hast du als Mutter schon mal den Gedanken gehabt, abzuhauen? Die Familie zu verlassen?“

Ich lag in meinem Bett, starrte kraftlos die Decke über mir an und wünschte mir zum ich-weiß-nicht-wievielten-Male ich würde endlich erwachen. Aufwachen aus diesem Albtraum namens Muttersein, der mich jetzt schon seit Monaten festhielt in dieser grausamen Wirklichkeit, die unwirklicher nicht sein konnte. Unser Mini war Anfang des Jahres geboren und obwohl ich zu ihm gleich eine Bindung aufbauen konnte -im Gegensatz zu meinem Ältesten nach dessen Geburt-, drohte ich, in dem viel zu engen Korsett namens Mutterrolle zu ersticken.

Das sollte nun mein Leben sein? Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt. Zwei Wunschkinder + eine glückliche Mutter = Glück hoch 3. Leider ging die Rechnung nicht auf. Im Gegenteil. Schlaflose Nächte, fremdbestimmte Tage und ganz viele unglückliche Gedanken brachten mich auch an diesem Morgen in meinem Bett zu der Einsicht, dass es nur eine Lösung geben würde, die für alle Beteiligten die Beste wäre: Ich musste abhauen.

„Hast du als Mutter schon mal den Gedanken gehabt, abzuhauen? Die Familie zu verlassen?“

Als ich meinen Pusteblumengarten-Müttern das Interview von „Die Frage: Bin ich bereit für ein Kind?“ verlinkte, in dem der Reporter der jungen Mutter zum Thema Regretting Motherhood genau diese Frage stellte, musste ich mit einem schiefen, melancholischen Lächeln zurückdenken an jenen Morgen, an dem ich ernsthaft mit dem Gedanken spielte, mein neues Leben hinter mir zu lassen, um mein altes zurückzubekommen: Das Leben in Freiheit, das ich als Kinderlose für so selbstverständlich hielt, dass es beinahe arrogant klingt, wenn ich diese Selbstverständlichkeit als Naivität bezeichnen würde.

Inzwischen weiß ich, dass ich nicht naiv, sondern einfach unwissend war. Wie soll man auch ernsthaft als Kinderlose wissen, wie sich Muttersein anfühlt? Wenn man zum x-ten Mal nachts aufsteht, um das schreiende Kind zu beruhigen und sich wie die schlechteste Mutter fühlt, wenn es sich nicht beruhigen lässt. Wenn man erst mit Kind merkt, wie freiheitsliebend man eigentlich war – und immer noch ist! Wenn tiefsitzende Bedürfnisse aus der eigenen Kindheit sich erst melden, nachdem der eigene Nachwuchs das Licht der Welt erblickt hat und man nichts mehr rückgängig machen kann.

Ohio. Das war der Wunschort, an den ich mich klammerte. Mein gedanklicher Zufluchtsort, meine Chance auf ein zweites, kinderloses Leben. Da, wo ich eine neue Zukunft aufbauen könnte, wenn ich heimlich abhauen und Mann und Kinder über Nacht verlassen würde. Wo keiner Fragen stellen oder zumindest keine konkreten Antworten bekommen würde.

„Hast du als Mutter schon mal den Gedanken gehabt, abzuhauen? Die Familie zu verlassen?“Dabei wusste ich nicht mal genau, wo genau sich Ohio eigentlich befand. Ehrlich gesagt habe ich bis heute noch nicht danach gegooglet. Irgendwo in Amerika, weit, weit weg von meinem neuen Leben als unglückliche Frau in Deutschland, so viel stand fest. Ohio klang in meinen Ohren nach Wildem Westen oder zumindest nach einem Ort, der so weit entfernt meiner Vorstellungskraft lag, dass es sich für Niemanden hier lohnte, mir nachzureisen und mich zur Vernunft zu bringen.

Ich würde alle Zelte zuhause abbrechen, jeden Kontakt einstellen und ganz alleine ein neues Leben beginnen.

In Freiheit.

„Hast du als Mutter schon mal den Gedanken gehabt, abzuhauen? Die Familie zu verlassen?“

Wenn eine Mutter diesen Gedanken tatsächlich hegt, gibt das einen Aufschrei in der Gesellschaft. Eine Mutter, die ihre Kinder verlässt, das gleicht einer Todsünde, und wenn es die achte wäre, die man noch ergänzen müsste in der Liste der sieben Todsünden. Bei Vätern, die das Handtuch schmeißen wird gerade mal verständnislos der Kopf geschüttelt. „Schon wieder so einer, der die Verantwortung von sich schiebt.“ Das war’s in der Regel. Wenn Frauen die Verantwortung von ihrer Brust schieben möchten, weil sie von ihr erdrückt werden, möchte die Gesellschaft am liebsten den Scheiterhaufen wieder hervorkramen.

Einer Mutter wird es einfach nicht gestattet, sich der „natürlichsten Rolle ihres Lebens“ zu entziehen, selbst wenn sie todunglücklich damit ist.

Nicht jede Mutter, die ihre Mutterrolle bereut, spielt automatisch mit dem Gedanken, irgendwo alleine nochmal neu anzufangen. Ich tat es. Und nicht nur einmal.

Meine inzwischen achteinhalb Jahre Muttersein waren die reinste Berg- und Talfahrt, wobei die Episoden, in denen ich den Kopf um 90° Richtung Himmel recken musste, um ihn zu erkennen, deutlich überwogen. Und wenn es gar unerträglich schien, die Sonne sich zu lange hinter grauen Wolken versteckte und ich gefühlt keinen Meter vorwärts kam, dachte ich auch wieder an eine einsame Blockhütte im Wald, ganz weit weg, wo ich, abgeschieden von der verurteilenden Gesellschaft, meine Seele wiederbeleben könnte.

Ich bin in meinem Leben schon mehrmals umgezogen, quer durch Deutschland. Eines habe ich dabei gelernt: So weit du auch weggehst, um deinen Sorgen aus dem alten Leben zu entfliehen, du wirst sie nicht los. Oh ja sicher, ein paar Dinge ändern sich: Du bekommst einen neuen Alltag mit neuen Bekanntschaften und Routinen. Du wirst äußerlich dein altes Leben los. Aber dein schlechtes Gewissen, deine Schuldgefühle, deine Fehler und Sehnsüchte, deine Ängste und Abhängigkeiten, sie alle begleiten dich auch weiterhin, ob du es willst oder nicht.

Eigentlich war mir also schon klar, dass ein Auszug nach Ohio meine Probleme nicht lösen würde, nur, weil ich versuchte, vor ihnen davonzurennen. Und dennoch: Ohio wurde ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben, selbst noch einige Zeit später, als ich mir die Auswandererpläne endgültig aus dem Kopf geschlagen hatte. Ohio wurde zu meinem Freiheitssymbol.

Ich brauchte wenigstens in meinen Gedanken diese Fluchtmöglichkeit, um das ohnehin schon auf ein Minimum reduzierte Gefühl der Selbstbestimmtheit nicht zu verlieren.

Und wenn ich diesen Wunsch nur in Gedanken vor mir selbst aussprach. Jede Frau, die sich eingeengt fühlt in ihrer Rolle, die sie zu bedienen hat, braucht die Gewissheit, dass sie sich weit wegwünschen darf, ganz ohne schlechtes Gewissen.

„Hast du als Mutter schon mal den Gedanken gehabt, abzuhauen? Die Familie zu verlassen?“Als ich das letzte Mal mit dem Gedanken spielte, die Familie zu verlassen, ging es schon gar nicht mehr um Ohio. Es war vor knapp drei Jahren, als wir an der Nordseeküste wohnten und ich die Möglichkeit in Betracht zog, wenigstens in eine kleine 2-Zimmer-Wohnung drei Straßen weiter zu ziehen. Als Rückzugsort für mich, während die Kinder beim Papa weiterwohnen würden.

Es scheiterte (neben den finanziellen Gründen) an meinem noch stärkeren Bedürfnis, mit meinem Mann weiterhin zusammenleben zu wollen. Außerdem war da immer noch das tiefsitzende Gefühl, auf meinem eigenen Lebensweg versagt zu haben, wenn ich diese Möglichkeit der persönlichen Weiterentwicklung jetzt abbrechen würde. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass jeder sein Päckchen zu tragen bekommt, um daran zu wachsen. Auch, wenn es sich zeitweise wie ein überdimensionaler Karton, vollgestopft mit Wackersteinen, anfühlt.

„Hast du als Mutter schon mal den Gedanken gehabt, abzuhauen? Die Familie zu verlassen?“

Ich kenne zwei Frauen, die diesen Gedanken in die Tat umgesetzt haben. Sie sind nicht nach Ohio ausgewandert, um sich eine neue Identität zu erschaffen, sondern sie sind in der Nähe ihrer Familie geblieben, um sich auch weiterhin um ihre Kinder kümmern zu können.

Ich verurteile diese Mütter nicht, sondern spreche ihnen meinen höchsten Respekt aus, dass sie sich dem hohen gesellschaftlichen Druck und ihrem eigenen schlechten Gewissen aussetzen. Denn so eine Entscheidung muss auch enorme Schuldgefühle gegenüber den eigenen Kindern auslösen, die im schlimmsten Fall noch die Schuld bei sich suchen, dass Mama gegangen ist, obwohl sie es natürlich nicht sind!

Bewundernswert, wer das alles aushält. Aber auch daran erkennt man, wie groß die Sehnsucht jener Frauen nach Freiheit, Autonomie und Selbstverwirklichung ist – Bedürfnisse, welche viele der heute bereuenden Mütter in ihrer Kindheit bereits nicht (genug) erfüllt bekamen.

Rückblickend bin ich sehr dankbar, meine Familie nicht verlassen zu haben. Ich bin mir sicher, dass ich das wirklich bereut hätte, viel mehr als die Mutterrolle an sich. Und dennoch flüchte ich oft zu meinem geheimen Ort, an dem ich ganz alleine bin. Dieser Ort, ein einsamer Strandabschnitt, befindet sich in meinem Kopf und ist nur einen Lidschlag von meinem Mama-Alltag entfernt.

Meistens besuche ich meinen Strand morgens nach dem Frühstück vom Sofa aus, wenn die Kinder in der Schule oder -corona- bzw. ferienbedingt – zuhause sind. 5 Minuten reichen mir in der Regel schon, um meinem Bedürfnis nach Freiheit nachzukommen. Solch einen Seelen-Ort kann ich jeder Frau nur empfehlen – egal, ob sie Mutter oder kinderlos ist! Denn die weibliche Seele braucht einen Platz, an dem sie ganz sie selbst und frei sein darf.

Apropos Freiheit: Dass diese viel mit unseren inneren Glaubenssätzen und dem Wunsch nach Sicherheit zu tun hat, erklärt (Trauma-) Therapeutin Verena König in ihrem Podcast „Wie du ein Leben in Freiheit kreieren kannst“.

Ich ahne, dass auch das Gefühl der Fremdbestimmtheit viel mit unserer inneren Einstellung zu tun hat und der Wunsch nach mehr Freiheit nur sekundär dem Dasein unserer Kinder geschuldet ist.

Ich werde mal in Ruhe darüber nachdenken. Vielleicht schon morgen, in meinen 5 Minuten alleine am Strand.

Zum Reinhören und inspirieren lassen:

Aus der Reihe „Die Frage: Bin ich bereit für ein Kind?“ Diesmal: Regretting Motherhood. Sabrina erzählt anonym, wie es ist, das Muttersein zu bereuen.

Podcast von Therapeutin Verena König: „Wie du ein Leben in Freiheit kreieren kannst“

Fotolizenzen mit freundlicher Unterstützung von Flo Karr (Titel) und Patrick Schneider. (Die Frau am Strand bin tatsächlich ich selbst.)

6 Gedanken zu „„Hast du als Mutter schon mal den Gedanken gehabt, abzuhauen? Die Familie zu verlassen?““

  1. Nova sagt:

    ❤️

  2. Birgit sagt:

    Das „mit der Familie verlassen“ wollen habe ich vor der Trennung einmal wöchentlich überlegt. Als mir Alles zuviel wurde: dass ständig die Kinder und der Mann um mich herum waren. Dass der Haushalt aussah wie bei Hempels unterm Sofa weil mein Ex-Partner eine (Verzeihung) Haushaltssau ist und ihm nie richtig Ordnung und Sauberkeit beigebracht wurde und ich immer am putzen und aufräumen war. Da habe ich oft davon geträumt, einfach abzuhauen und diese Höllenfamilie einfach ihrem Schicksal zu überlassen.
    Gottseidank kam dann irgendwann die erlösende Trennung vom Kindsvater und ich konnte mir mein eigenes sauberes Reich (wie in kinderfreien Zeiten!!!) wieder aufbauen und für Ordnung sorgen. Die Kinder kamen jetzt nur noch jede 2. Woche und die Zeit mit ihnen blieb und bleibt immer noch eine grosse Herausforderung für mich. Ich denke in der Kinderwoche täglich, wann bin ich endlich wieder frei von dieser beschxxxx Mutterrolle? Wann kann ich endlich wieder ICH selbst sein??!?
    Die Kinder sind von Natur aus faul, bequem und undankbar. Zu aller Mithilfe im HH muss man sie zwingen/überreden. Obwohl ich beim Ältesten (12 Jahre) jetzt Fortschritte mache und ich ihm erfolgreich das Kochen näher bringe. Trotzdem freue ich mich auf die Zeit wenn meine Kinder ENDLICH selbständig sind und ausziehen und ich wieder Unmengen an freier Zeit für mich selbst habe und die Kinder weit weit weg im Ausland leben. Für mich ist kinderfreie Zeit mittlerweile ein Luxus, der unbezahlbar ist. „Familie“ das ist einfach nichts für mich, musste ich mir bitter eingestehen. Besonders dem „Mutter-macht-alles-und-opfert-sich-für-ihre-Familie-auf“ Familienleben kann ich Null Komma Null abgewinnen. Es ist wie ein Spiel, bei dem ich als Mutter immer die A-Karte ziehe.
    Wo ist der „Undo“-Button, der mich wieder in eine kinderlose Frau verwandelt??? Wie eine Gefängnisinsassin zeiche ich jeden Tag im Geist einen Strich an die Wand, bis ich wieder entlassen werde. Was zur Hölle soll am Kinderhaben denn toll sein??? Besonders für die arme Mutter ????

  3. lnda sagt:

    ich habe natürlich auch mutterfrust sonst wäre ich ja nicht auf diese Seite gestossen.Abhauen denke ich nicht, weil ich da nicht glücklich wäre, wegen schlechtem gewissen, aber die zeit zurückdrehen schon. Ich habe aber auch einen Ehefrust und wünschte mir , ich hätte einen besseren Mann für meine Kinder ausgesucht. Er ist stinkfaul zu Hause, ist nie da, ausser spätabends kommt er nach Hause zum schlafen, sogar am Wochenende, oft sehen wir uns gerade mal eine Stunde am Tag, wo er schnell isst was ich kochen musste und dann ist er wieder unterwegs. Es bleibt alles an mir hängen mit den Kindern. Aber wirklich alles. Und ich denke gerade deshalb machen meine Kinder was sie wollen, lassen sich nichts sagen, weil sie sehen was der Vater macht, ich bin froh wenn die kleinste endlich in den kiga kommt und ich ruhe habe, dann werde ich die Zeit neben dem beschissenen haushalt vor dem TV verbringen und mein Leben irgendwie über die Runden bringen. Ich lasse meine Kids auch jetzt undendlich viel vor dem TV weil ich einfach ruhe von denen will. die eine schreit und heult den ganzen tag, ich kanns nicht mehr ertragen, und die andere ist extremst wild., es mag auch iemand im umfeld auf sie schauen, weil die alle sagen die ist zu wild, ich mag der nicht nach. ich fühle mich am abend wie ich einen marathon gelaufen bin, so ausser atem vom tag, fix und fertig, die andere ist zu faul zum eine ausbildung machen und geht halbeits nicht zu ihrem praktikum . die kinder machen mich fertig und wo bleibe ich, ausgepowert, und alles, ich denke hätte ich einen anderen mann, der mir zumindest am wochenende und abends helfen würde, wäre alles anders. da würde mir mehr zeit für mich bleiben zum erholen und wäre ausgeglichener

  4. Constanze sagt:

    Nein diese Gedanken hatte ich noch nie, klar ist es manchmal schwer, aber man übersteht!

  5. Daniela sagt:

    Hallo, ich bin gerade auf deine Website aufmerksam geworden als ich „Distanz zum Kind gewinnen“ heimlich bei Google eingegeben habe. Mein Sohn ist 2 und ich liebe ihn über alles. Die Schwangerschaft war ungeplant aber irgendwie freute ich mich auf einen neuen, einen „erwachsenen“ Lebensabschnitt. Jeder hat uns zum Familienzuwachs beglückwünscht, als ich schon dachte: oh je, wie lange muss ich das aushalten bis ich endlich wieder ich Selbst sein kann? Und ich will es ja nicht nur „aushalten“, sondern eine gute Mutter sein, ein lebensbejahrendes Vorbild, die das Kind liebevoll führt und leitet, bis es selbständig seinen eigenen Weg geht. Stattdessen würde ich am liebsten schreien und weinen, wenn der Kleine abends nicht ohne Mama einschlafen will oder tagsüber ständig auf den Arm möchte. Seine Schreianfälle fühlen sich für mich so an, als würde mein Herz explodieren und demnach würde ich am liebsten alles tun, damit er damit aufhört. Er bekommt also oft seinen Willen. (Meist verlangt er mit den Schreianfällen einfach nach Mamas Nähe). Papa verweigert. Er fühlt sich persönlich von den Mama-Rufen angegriffen bzw. ausgeschlossen und macht mir ständig Vorwürfe, ich solle das Kind doch endlich mal schreien lassen, sonst versteht er es nie… aber ich kann nicht. Es zerreißt mir das Herz und dann kommen Schuld- und Versagensgefühle. Gegenüber dem Kind oder dem Papa, je nachdem für welche Reaktion ich mich entscheide.
    Muttersein macht mir absolut keinen Spaß. Versteht mich nicht falsch. Ich liebe mein Kind und sein Lachen lässt mein Herz bis in den Himmel schlagen. Aber es fühlt sich so an, als würde ich das, was mich als Mensch ausmacht für diese Rolle (Mama-Rolle) opfern.
    Danke für deine Website, hier fühle euch mich ein bisschen mehr verstanden und nicht verrückt :-)
    Vielleicht bin ich eine Hochsensible Mama und weiß es noch nicht? Ich werde recherchieren :-) Alles Gute für alle Mamas

    1. Christine sagt:

      Liebe Daniela,

      ich habe soeben einen Artikel veröffentlich: Wenn Mama Angst vor Nähe hat. Vielleicht findest du dich darin auch wieder?
      Diese Beschreibung von dir „Er bekommt also oft seinen Willen“ kommt mir selbst noch sehr bekannt vor. Inzwischen habe ich erkannt, dass Schreien des Kindes nichts mit Aufmucken oder Willen durchsetzen zu tun hat; es ist einfach seine einzige Möglichkeit, um Hilfe zu bitten. Und das Bedürfnis nach Nähe ist existentiell, also für ihn lebensbedrohlich, wenn er sie nicht bekommt. Versteh mich bitte nicht falsch: Ich weiß, wie nervenzehrend es ist, wenn gefühlt 24h am Stück gebrüllt wird und man als Mutter nur noch funktioniert und selbst mit seinen Bedürfnissen zurückstecken muss, vor allem, wenn man selbst früher von seiner eigenen Mutter auch nicht so umsorgt wurde, wie man es gebraucht hätte (ich spreche von mir).

      Dass dein Mann sich von den Mama-Rufen ausgeschlossen fühlt ist sicher schmerzhaft für ihn, aber SEIN Problem aus seiner eigenen Kindheit, das er versuchen sollte, nicht in euer Familiensystem zu bringen (sondern mit einem einfühlsamen Therapeuten aufzuarbeiten). Es tut eurem Sohn nicht gut, wenn Eifersüchte (die dort nicht hingehören) den Zugang zu ihm blockieren, also, dass dein Mann dich mit seinem Gefühl von ausgeschlossen-sein dazu bringt, dass du deinem Sohn nicht die Nähe zukommen lässt, die er aber so dringend benötigt. Dein Sohn kann deine Reaktion, ihn schreien zu lassen, noch nicht verstehen, dazu ist er zu jung! Im Zweifel solltest du dich immer für die Reaktion deines Kindes entscheiden (jetzt in diesem sensiblen Alter, wenn es noch nicht ums gegenseitige Ausstechen der Eltern geht).

      Ich sage das auf keinen Fall, um dich (oder deinen Mann) zu verurteilen. Es ist wichtig, dass ihr gut für euch sorgt, als Paar, aber eben auch jeder für sich, dass ihr viel Zeit zum Auftanken bekommt! Egal, ob hochsensibel oder nicht.

      Alles Liebe dir!

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