Mama-Momente

Die Straße der Freiheit

Die Wehmut traf mich wie ein Blitzschlag. Wahrscheinlich, weil mehrere Faktoren zusammenkamen, immerhin war es nicht die erste Autofahrt seit wir Kinder haben, weiß Gott nicht! Und dennoch, als wir die Autobahn entlangbrausten, vorbei an Raststätten, Maisfeldern und Lagerhallen, überkam sie mich wieder, die Sehnsucht nach alten Zeiten. Zeiten, in denen mein Mann und ich uns abends mit guter Musik ins Auto setzten und durch die schwach beleuchtete Gegend oder mithilfe von Straßenlaternen und bunten Neonröhren effektvoll in Szene gesetzte Großstädte kurvten. Die Straße war unser Symbol für Freiheit, ahnten wir doch damals noch nicht, wie schnell wir diese einmal verlassen würden.

Freiheit. Wer sie einmal verloren hat, weiß sie für immer zu schätzen. Ich muss dann unweigerlich an Gefängnisinsassen denken. Eingesperrt in eine einsame, kleine Kammer, die Hände bildhaft dicke Eisenstäbe umklammernd, wohl wissend, dass das wahre Leben Draußen stattfindet. Seit ich Mutter bin weiß ich, dass es keine Gefängnisstäbe braucht, um sich eingesperrt zu fühlen.

Drei Tage, nachdem Maxi geboren war, brauchte ich Luft. Ich musste atmen, rauskommen von zuhause, so weit wie möglich weg von meinem Sohn, wenigstens für einen kurzen Augenblick. Fort von dem Kind, das mir mit der Geburt die Fesseln des Mutterseins unweigerlich umgelegt hatte. Das gewünschte Baby, das nun friedlich schmatzend in seinem Stubenwagen schlief, während die glücklichen Großeltern eintrafen, um die Stellung zu halten.

Die ganze Fahrt über sprachen mein Mann und ich kein Wort. Worüber hätten wir auch reden sollen? Der Asphalt trug uns und bescherte mir die Freiheit, die ich so schmerzlich vermisste. Es ging über Landstraßen, die wir schon zig Mal gefahren waren, vorbei an Dörfern und Städten. Irgendwann hielten wir an der abgeschiedenen LKW-Ausbuchtung an, an der wir früher schon so manches Mal Rast gehalten hatten, und ich konnte meinen Tränen endlich freien Lauf lassen.

Die Straße der FreiheitFreiheit. Für jeden drückt sie sich anders aus. Seit ich Mutter bin, teile ich meine Freiheiten in drei Kategorien ein. Die kleine Freiheit, die mittelgroße Freiheit und die große Freiheit. Zur ersten Sparte zählen kleine Augenblicke, die sich jede hochsensible Frau so oft wie möglich gönnen sollte: Der laut aufgedrehte Lieblingssong, ein Blick in den Wolkenhimmel, die Tasse Kaffee, ein alleiniger Spaziergang durch den Park. Natürlich sind diese Arten von Freiheit relativ kurz bemessen und reichen meist nicht aus, um die Akkus eines halben Tages wieder zu füllen, aber hier zählt die Devise: Mehr ist mehr.

In meiner mittelgroßen Schublade stecken die Freiheiten, die deutlich länger andauern: Die Geburtstagsfeier bei Freunden, bei denen der Babysitter bis tief in die Nacht auf die Kinder aufpasst. Das Wochenende mit der besten Freundin im SPA, während Mann und Kinder sich anderweitig vergnügen. Die Woche Urlaub mit dem Mann, die von den Großeltern ermöglicht wird, weil sie selbst mal Zeit mit den Enkeln verbringen möchten. Ab und zu sollte jede freiheitsliebende Mutter in einen dieser Genüsse kommen dürfen.

Die letzte und größte Freiheit von der ich spreche, kann ich mir nicht erfüllen. Noch nicht. Es ist die Zeit bevor ich Kinder hatte und die erst wiederkommt, wenn meine Kinder ausgezogen sind und auf eigenen Beinen stehen. Es war diese Art der Freiheit, nach der ich mich unwillkürlich sehnte, als wir im Auto saßen auf dem Weg in die alte Heimat, zur Diamantenen Hochzeit meiner Großeltern.

Die Kinder quengelten auf der Rückbank, wann wir endlich da wären, immerhin hatten wir seit der Auffahrt schon zwölf Leitpfosten passiert. Um den Hörspielgeschichten von Pettersson und Findus zu umgehen hatte ich mir bereits die Kopfhörer meines mp3-Players aufgesetzt und dann kam plötzlich dieser Song, den wir schon so oft in einer einsamen Nacht auf der Straße gehört hatten und mit ihm die Sehnsucht.

Es war nicht so sehr die Sehnsucht nach einer alleinigen Autofahrt mit meinem Mann, so wie wir sie früher oft erlebt hatten. Obwohl ich immer entspannter mit ihm alleine unterwegs bin, selbst wenn die Kinder auf der Rückbank schnarchend schlafen. Das Gefühl der Verantwortung, der Stress, sie könnten jeden Moment aufwachen und interagieren wollen, fährt trotzdem mit.

Nein, es war definitiv die Sehnsucht nach kinderlosen Zeiten. Für länger. Dritte Kategorie eben.

Die Straße der FreiheitEin Kloß machte sich in meinem Hals breit, aber die Tränen konnte ich gerade noch wegblinzeln. Ich finde es nicht schlimm, wenn mich diese Art der Wehmut überkommt. Ich gebe meinen Schmerz dann den Raum, den er in diesem Moment braucht, selbst, wenn er nur in meinem Kopf stattfindet. Ich glaube, es macht die Sache nicht besser, wenn ich gleich auf mich einrede mit Sätzen wie „Reiß‘ dich mal zusammen“, „Lass‘ nicht schon wieder diese Gedanken zu“ oder „Jetzt versuch‘ doch mal endlich, deine Mutterrolle gänzlich zu akzeptieren!“.

Nein, diese Sätze helfen mir in der Situation nicht (ehrlich gesagt sind sie nie wirklich hilfreich). In dem Moment finde ich es wichtiger, die Gefühle anzunehmen. „Ja, ich sehne mich nach kinderlosen Zeiten. So ist das jetzt in diesem Augenblick. Der Vormittag war eh schon stressig, das Geblubber der Kinder auf der Rückbank nervt mich und jetzt werde ich über Kopfhörer auch noch mit schönen Erinnerungen von damals bombadiert.“

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich beim Akzeptieren dieser Gefühlslage etwas in mir beruhigt. Die Wut auf die momentan nicht veränderbare Lage muss dann nicht überschäumen, weil ich ihr den Widerstand genommen habe, gegen den sie ankämpfen möchte. Die rebellierenden Gedanken rütteln viel kürzer an den Gefängniszellen und ich kann langsam wieder in eine neutrale Haltung finden.

Weil ich weiß, dass auch dieser Augenblick der Wehmut nicht ewig währt und ich im nächsten Moment wieder die Möglichkeit habe, die Spur zu wechseln, um die Mutter sein zu können, die ich meinen Kindern sein möchte.

9 Gedanken zu „Die Straße der Freiheit“

  1. Constanze sagt:

    Danke für diesen Text ❤.
    Du sprichst mir so sehr aus der Seele…

    1. Christine sagt:

      Sehr gerne! Freut mich, wenn ich dein Herz berührt habe..

      1. Bine sagt:

        Hi mir geht es 100%genau so, nur dass ich mich an meine Single-Zeit vor der Heirat und Kind erinnere. Das war die wirklich große Freiheit! Liebe beide, aber richtig zur Ruhe komme ich nur alleine

  2. SilkeAusL sagt:

    Ich habe im Moment(der schon sehr lange andauert…haha..)das Gefühl, mein Leben besteht nur aus Arbeit,Kinder, Arbeit, Kinder…Und am Wochenende nur noch aus Kinder, Kinder, Kinder… Will jemand mit mir über aktuelle Nachrichten sprechen? Sorry, bekomme ich leider nichts mit. Allenfalls morgens im Autoradio, aber da muss man sich ja auch noch ein bisschen auf die Straße konzentrieren. Abends um 21 Uhr, wenn dann (zumindest bei meinen Kindern, NICHT hier im Haus)Ruhe eingekehrt ist, bin ich dann ehrlich gesagt zu müde, um mich noch mit „der Welt“ zu befassen. Ich fliehe mich dann lieber in die „Parallelwelt“ eines Buches (mit Ohropax in den Ohren, sonst halte ich das Gepolter und Gelärme nebendran nicht aus!!)! Gerade habe ich wie so ne Oma mit dem Besenstiel an die Decke geklopft, weil der über mir auf seinem Fußboden sein sch…Bierleergut sortiert hat, was dank fehlendem Bodenbelag so klingt, als wäre es bei MIR in der Küche & lauter!
    Heute Nachmittag um 16:30, ich war gerade zu Hause, hat der Nachbar unter mir im Keller geflext, gebohrt, sonstwas, bestimmt eine Stunde. Seitdem der oben seine Familie „ausgetauscht“ hat(Ex mit Kind raus, Neue mit 2 Kindern rein in nicht mal 5 Monaten…), werde ich von oben UND unten beschallt. Von morgens um 5 bis abends im 23 Uhr…
    Würde ich damit zum Vermieter gehen, hieße es wahrscheinlich nur „so ist das eben in so einem hellhörigen Haus aus den 70ern“.
    Verständnis hat keiner, entweder heißt es wie o.g., oder ich werde ausgelacht, ich sei so empfindlich. Ja, sorry, bin ich auch; dieses Leben hier macht mich krank!! Inklusive Schlafstörungen.

    Gruß, die „Empfindliche“

    1. Christine sagt:

      Mit dem Besenstiel :D :D
      Mensch Silke, wann fängst du endlich an zu bloggen? Ich wäre Stammleserin! ;-)

      1. SilkeAusL sagt:

        Hihi, sobald es möglich ist, alles per Gedankenübertragung in den Blog zu bekommen…😉

  3. Jessica sagt:

    Ich habe dich erst gestern entdeckt und bin so unendlich dankbar dafür. Du kannst das, was ich fühle aufschreiben und ich nicke ununterbrochen zustimmend zu beim lesen!

    Ich wünschte mir so sehr jmd in der Nähe zu haben, mit dem ich darüber so offen reden kann.

    Während ich das schreibe zuppelt mein knapp 1 jähriger an mir rum und trotz Liebe „stören“ mich diese kratz Finger gerade!

    Liebe Grüße,
    Jessica

    1. Christine sagt:

      Liebe Jessica,

      sei herzlich willkommen auf meinem Blog für freiheitsliebende Mütter!
      Schau doch mal in meinem Kontaktverzeichnis vorbei – vielleicht findest du dort eine Mama in deiner Nähe, mit der du so offen sprechen kannst.
      Ganz liebe Grüße
      Christine

  4. Steffi sagt:

    Liebe Christine,
    schon länger verfolge ich deinen ehrlichen, tiefgründigen Blog, der so viel mehr zu bieten hat als die üblichen Mama-Blogs. Ich mag deine Texte, deinen Schreibstil und viele deiner Gedanken. Vor allem mag ich deinen Mut sie zu veröffentlichen. Viele deiner Einträge ermuntern mich, über mich selbst und über mein eigenes Muttersein nachzudenken. Einige Einträge stimmen mich traurig und so mancher macht mich auch wütend. Aber auch das gefällt mir, weil es mir hilft meine Positionen klarer zu sehen oder gar erst zu finden.
    Du denkst viel darüber nach, was wäre, wenn die Kinder nicht da wären oder endlich größer sind. Meine sind etwas älter und ich finde, es wird schon einfacher. Ich kann wieder viel mehr ich sein.
    Einen Gedanken würde ich dir gern heute mitgeben. Mir hilft es sehr, wenn ich mich auf die Situationen mit den Kindern einlasse. Sie einfach ernst nehmen und, z. B. Bauchnabel Diskussionen führen, anstatt sie nervig zu finden. Spiele zu finden, auf die auch ich mich einlassen kann, den Kindern erklären, was mich bewegt und ihnen zuhören was sie bewegt. Einfach einlassen in das Jetzt, die Dinge positiv und mit Potential zu betrachten statt sich fort oder anders zu wünschen. So habe ich eine andere Sicht auf die Dinge entwickelt und gelernt auch mit wenig Auszeiten zu leben. Und ich empfinde die Kinder nicht mehr als eingrenzend oder einengend, sondern sie geben einem ein anderes Gefühl von Freiheit (vielleicht ein viertes, zu dem ich keinen Namen hab?), andere Möglichkeiten, andere Wege, ABER nicht weniger Freiheit, Möglichkeiten und Wege. eben nur anders.
    Das wollte ich dir einfach mitgeben.
    Danke für deinen außergewöhnlichen Blog.
    Steffi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.