Mama-Momente

Mama-Burn-Out: Dünnhäutige Tage

Heute Mittag habe ich heulend meine Pommes gegessen. Das kommt zum Glück nicht häufig vor (das Heulen meine ich, nicht das Pommes-Essen). Ich war also bereits um zwölf Uhr fertig mit den Nerven und ahnte: Dies ist wieder so ein Mama-Burn-Out-Tag. Zumindest fühlt sich der Name für solch einen Dauerzustand meiner Dünnhäutigkeit passend an. Ich fühlte mich nämlich jetzt schon wie ausgebrannt.

An Tagen wie heute merke ich meine Hochsensibilität ganz deutlich. Dann bin ich nicht belastbar und die Kinderbetreuung scheint ein unmögliches Unterfangen zu werden. Ich weiß gar nicht genau, wann es begann. Vielleicht spürte ich die ersten Anzeichen bereits beim Aufwachen im Bett, als mir bewusst wurde, dass der Kindergarten heute ausfällt und ich ein Kind mehr im Haus habe als eh schon.

Einkaufen stand auf dem Programm. Mini und Maxi rasten mit ihren Kinder-Einkaufswagen durch die Drogerie, nicht ohne sich lautstark über sämtliche Gänge hinweg zu unterhalten. „Mini, wo bist du??“ brüllte eine mir wohlbekannte Stimme aus der Shampoo-Ecke. „HIIIIIEEER!“ kam die Antwort fünf Reihen weiter vom Klopapier geschrien. Ich starrte konzentriert auf den Weichspüler in meiner Hand und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass die Störenfriede zu mir gehörten.

Im Edeka nebenan ging es genauso weiter. Zuhause räumte ich gerade die Einkäufe in den Kühlschrank, als ich zufällig mitbekam, dass nebenan Kräcker und Gemüsestückchen gegen den großen Vormittagshunger lieber durchs Wohnzimmer geworfen wurden, als im ach so hungrigen Magen zu verschwinden. Ein völlig eingepinkeltes Kind, das eine Fußspur quer durch die ganze Wohnung zog, war beinahe der Gipfel des Vormittags. Beinahe. Der war nämlich erreicht, als meine Kinder sich noch darum kloppten, wer die Mayo und wer den Ketchup zum Tisch tragen dürfe.

Mama-Burn-Out: Dünnhäutige Tage„Zieh‘ dich mal ein paar Minuten zurück, ich kümmere mich in der Zeit um die Kinder!“ Das war es jetzt, was ich gebraucht hätte. Ein zweiter Erwachsener neben mir, der noch strapazierfähige Nerven hat und nicht selbst schon am Limit geht. Denn dort befand ich mich zu dem Zeitpunkt bereits. Ich hätte dringend eine Pause gebraucht. Stattdessen musste ich weiter Mama sein.

Kein zweiter Erwachsener. Der Mann hatte genug Stress auf der Arbeit und unsere Mütter mussten selbst ihren Jobs nachgehen.

„Jetzt hast du schon mal einen kleinen Eindruck bekommen, wie es nach dem Umzug sein wird“ schoss es mir durch den Kopf. Wenn ich noch öfter auf mich alleine gestellt sein werde. „Ja und? Jetzt wohne ich noch inmitten der Verwandtschaft und habe trotzdem akut Niemanden, der mir hilft“ entgegnete ich mir selbst höhnisch.

Ich musste mich selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen und wusste, dass ich nicht mal die Kraft hatte, die Hände über den Kopf zu heben.

Und trotzdem musste es irgendwie weitergehen. Und das ging es auch. Erst einmal mit einer verlängerten Mittagspause, in der ich beinahe zwei Stunden schlief. Nicht nur seelisch spürte ich meine Dünnhäutigkeit, auch körperlich war ich längst an meinen Reserven.

Der anschließende Spielplatzbesuch wurde zum Best-Of Zeit mit den Kindern verbringen: Schreien, Motzen, Nörgeln, Streiten, Lachen, Hinfallen, Bluten, Wiederaufstehen und die nächste Runde rückwärts rutschen. Zu schade, dass in dem Alter niemand Mamas Nerven berücksichtigt. Das Mittagessen war jedenfalls auch bei mir nicht die letzte Situation, in der heute geweint wurde.

Erst jetzt, nachdem die Kinder im Bett sind, lässt der erhöhte Puls langsam nach, beginnen sich meine Schultern entspannt nach unten zu senken. Morgen ist wieder ein neuer Tag. Meiner Erfahrung nach ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass mein Mama-Burn-Out anschließend weitergeht. Das ist der große Lichtblick an der Sache.

Mama-Burn-Out: Dünnhäutige TageAn meinem heutigen Zustand kann ich nicht mehr viel ändern. Vor allem in den stressigen Situationen nicht. Aber vielleicht ist das auch nicht immer nötig. Ist es wirklich wichtig, immer den bestmöglichen Zustand aus sich herauszuholen? Muss ich immer etwas verbessern wollen, wenn ich gerade nicht auf meinem erwünschten Top-Niveau bin? Gehören nicht die Tiefs genauso zum Leben wie die Hochs?

Manchmal hilft es mir tatsächlich, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und die Hochsensibilität noch einmal mehr bewusst zu akzeptieren. Mir zu sagen, dass es Tage gibt, an denen ich gelassen und tiefenentspannt reagieren kann, es aber eben auch genau die Tage gibt, die mir meine Dünnhäutigkeit in ihrer krassesten Form vor Augen halten. Und das ist in Ordnung so. Weil Leben als Hochsensible so ist.

12 Gedanken zu „Mama-Burn-Out: Dünnhäutige Tage“

  1. Meise mit Herz sagt:

    Puh! Du hattest also heute auch solch einen Tag wie ich! :(
    Nur das ich nicht mehr weinen kann, vor Wut einen Teller zerdeppert hab und der Fisch ankokelte. Ich bin keine HSP, ich habe ADHS, was ja ähnlich ist. Meine große Tochter ist -soweit das nach 7 Jahren schon einschätzen kann- auch eine HSP (zum Glück wohl kein ADHS!).
    Ich wünsche dir/euch unbekannterweise und mir/uns morgen und viele folgende Tage mit viel mehr Sonnenschein im Herzen!
    💜
    Meise mit Herz

    1. Christine sagt:

      Liebe Meise mit Herz,

      irgendwie ist es ja -trotz all der Tragik- schön zu wissen, dass man nicht alleine ist.
      Dass mit dem Kaputtmachen von Gegenständen kriege ich inzwischen auch schon gut hin – mein Beileid wegen dem verdorbenen Essen :-(

      Ja, HSP und ADHS in ein und derselben Familie klingt tatsächlich nach einer Kombination mit Konfliktpotential…
      Ich wünsche dir auch viele ruhige und starke Momente und werde in ähnlichen Situationen sicher an dich denken :)

      Lieben Gruß
      Christine

  2. Peter sagt:

    Ich finde gut, dass du deinen Gedanken äußerst. Du bist nicht allein, du sperrst dich nicht ein. Passt dich gut auf!

    1. Christine sagt:

      Danke dir!

  3. Pikachu's Mom sagt:

    Liebe Christine,

    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und kann es nicht fassen wie sehr du mir aus der Seele sprichst! Ich (HSP) habe zwei Töchter 2 Jahre (definitiv HSP, Trotzphase und eiffersüchtig auf Geschwisterchen) und 6 Monate. Letzte Woche war meine Große krank, sodass ich beide Zuhause hatte. Mein Mann arbeitet zurzeit Wochenenden durch und täglich von 10 bis 22 Uhr sodass es mit Auszeiten gerade auch etwas schlecht aussieht und ich hatte genau solche Tage, an denen ich mittags schon am Rande des Wahnsinns war und mich von Minute zu Minute vorgearbeitet habe. Immer tief ein und aus atmen, nicht ausflippen, weiter machen, denn es gibt ja keine Alternative.

    Es tröstet mich zu hören, dass es anderen auch so geht. Ich bin ganz neu in dem Thema Hochsensibilität drin und werde mir mal die Bücher ansehen, die du empfiehlst.

    Danke!

    Und lieben Gruß

    P.S. Sorry wegen der Rechtschreibung etc. bin etwas übernächtigt ;)

    1. Christine sagt:

      Hallo meine Liebe,

      ich freue mich, dass du meinen Mama-Blog gefunden hast und dich so gut wiederfinden kannst bei mir! Schau‘ dich in Ruhe bei mir um und nimm‘ dir gleich erst mal einen Kakao und ein paar Schokokekse aus der Küche!

      Zwei Töchter in dem Alter stelle ich mir als hochsensible Mutter sehr nervenaufreibend vor, mir geht es ja ähnlich mit so einem geringen Altersabstand meiner Jungs. Du bist da ja wirklich gerade vor eine harte Belastungsprobe gestellt worden: Krankes Kind UND wenig Zeit für dich, kein Wunder, dass du als hochsensible Frau schnell am Limit bist. Vor allem, wenn du noch ganz neu im Thema HSP drin bist!

      Meld‘ dich gerne, wenn du noch weitere Fragen hast oder auch so, wenn du Jemanden zum Reden brauchst ♡

      Viele Grüße und viel Kraft!!

      Christine

  4. fee sagt:

    Liebe Christine! Gerade bin ich auf Deinen Blog gestoßen, ach wie gut ich Dich verstehe……
    Ich habe 4 Kinder, bin hochgradige HSP und dazu vermutlich noch ADS. Weder mein Mann noch ich haben eine unterstützende Familie zur Seite, quasi wirklich niemanden der uns ab und an mal hilft. Jetzt ist unser Kleinster Gott sei Dank 4 geworden und Licht am Ende des Horizontes in Sicht! Wichtig ist m.E., dass man sich nie nie nie verurteilt für vermeintliche Schwäche, Überlastung etc. und sich nicht vergleicht. Anderenfalls wird man depressiv!
    Ich werde Deinen Blog jetzt immer lesen. LG Fee

    Apropos – alle meine Kinder sind auch HSP – ebenso wie mein Mann………

    1. Christine sagt:

      Liebe fee,

      ich freue mich, dass deine hochsensible Seele meinen Blog gefunden hat! Fühle dich wohl bei mir und nimm dir bei Gelegenheit einen Schokopudding aus meinem Kühlschrank ;-)

      Wie sehr du und dein Mann die letzten Jahre kämpfen musstet, kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, wenn ich bedenke, wie oft ich trotz Hilfe schon am Rad gedreht bin. Meinen größten Respekt also für dich als hochsensible Mama! Schön, dass du jetzt, nach dem 4. Geburtstag deines Jüngsten, langsam aufatmen kannst. Ich wünsche dir sehr, dass es stetig besser wird!

      Was du sagst, dass wir Frauen uns niemals selbst verurteilen sollten, ist wirklich wichtig. Danke dafür!

      Alles Liebe dir und deiner hochsensiblen Familie, vielleicht lesen wir uns ja jetzt öfter ;-)
      Viele Grüße
      Christine

  5. Angelique sagt:

    Liebe Christine,
    habe gerade deinen Blogeintrag entdeckt und kann gut mitfühlen. Ich bin zwar erst vor 10 Monaten Mutter geworden, aber tagsüber immer mit meinem Schatz alleine. Mein Mann arbeitet sehr viel und den mag ich auch nicht noch belasten. Häufig haben wir schlaflose Nächte und dann erwische ich mich auch schon mal weinend im Wohnzimmer oder in der Küche. Ich war schon immer ein Sensibilchen, aber an manchen Tagen….Kinderlose können das zumeist nicht nachvollziehen. Ich bin doch noch in Elternzeit, ich kann mich doch ausruhen. Aber ich will nicht meckern, ich hab vor zehn Monaten auch so gedacht ;) Auf jedenfall tat es gut deinen Beitrag zu lesen.

    Liebe Grüße

    Angelique

    1. Christine sagt:

      Liebe Angelique,

      gerade die erste Zeit mit Kind empfand ich auch als die stressigte (auch, wenn das Thema Dünnhäutigkeit auch nach 5 Jahren noch aktuell ist). Und wenn du dann nicht mal auf deinen wertvollen Schlaf zum Regenerieren kommst, ist das der totale Overkill!
      Als Kinderlose(r) meckert man sowieso in ausgeschlafenen Momenten, in denen man nur die Vorteile der Elternzeit und ein schlafendes Baby vor Augen hat :-P Ich weiß es selbst aus eigener Erfahrung…

      Ich sende dir viel Kraft und viele Grüße!
      Christine

  6. Nina sagt:

    Liebe Christine,
    zufällig habe ich deine Seite entdeckt und bin sehr dankbar… Ich erkenne mich sehr in deinen Texten. Das Thema HSP ist mir ganz neu. Ich möchte mich gern intensiver damit beschäftigen. Ich bin seit 2012 in psychotherapeutischen Behandlung wg. Depressionen und ich spüre keine Besserung. Ich wünsche mir nichts mehr als aus diesem Sumpf zu entkommen.. Vielleicht habe ich durch Dich einen neuen Ansatz gefunden… Ich kann mir nun auch gut vorstellen, dass mein Sohn ein HSP ist..

    Ich werde deine Seite auf jeden Fall regelmäßig besuchen.
    Ganz liebe Grüße,
    Nina

  7. Sina Schwab. sagt:

    Tage wie diese scheinen immer wieder wie aus dem Nichts aufzutauchen. Ich versuche in diesen Momenten meine Kinder bewusst in meinen Alltag einzubinden. Besonders beim Einkaufen hat jeder seine eigenen Aufgaben um mit zur Hand zu gehen. Zum Schluss darf sich jeder als Belohnung noch eine Kleinigkeit aussuchen. Das funktioniert bis auf wenige Ausnahmen ganz gut und erspart mir zudem die ungefragten Erziehungstipps von Menschen, die jegliche Zeit vor ihrem 18. Geburtstag wahrscheinlich für immer aus ihrem Gedächtnis gelöscht haben.

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