Lebensfragen

Friede sei mit dir! Und wie wir ihn im Alltag finden

Jetzt in der Weihnachtszeit fällt es mir leichter, dich zu entdecken. Im Lichterglanz des Weihnachtsmarktes, während der Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln an mir vorüberziehen. Am Weihnachtsmorgen, wenn noch alles still ist im Haus und leise Schneeflocken an unserem Fenster vorbeifliegen. Oder am Heiligen Abend, die Kinder spielen glücklich mit ihren Geschenken, während der Mann und ich mit einem Glas Rotwein anstoßen und im Hintergrund Dean Martin aus den Lautsprechern singt. Die Zeit scheint für einen Moment still zu stehen, ein tiefer Seufzer des Glücks vertreibt die Anspannung in meinem Körper, lockert sämtliche Muskeln und zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht. Da bist du nun und am Liebsten wäre es mir, du würdest gar nicht mehr gehen.

Aber wie oft gehst du mir im Alltag verloren?

Dann schimpfe ich mit den Kindern und bin mir selbst ein bisschen zu laut dabei. Oder ich verspüre lediglich die Hektik in den Straßen der Stadt, die Eindrücke, die auf mich einprasseln und konstant meine Unruhe aufrechterhalten. Vielleicht sitze ich aber auch traurig auf dem Sofa und frage mich, wann genau ich eigentlich auf die verrückte Idee gekommen war, mich der Herausforderung namens Muttersein zu stellen.

Friede sei mit dir!Frieden: Du vollkommener Zustand mit Glücksgarantie. Leise und unaufdringlich kommst du daher, verzauberst mich mit deiner Anwesenheit und bist im nächsten Augenblick auch schon wieder verschwunden.

Ich erkenne dich im dankbaren Lächeln der Konditorin, wenn ich ihren einzigartigen Kuchen lobe. Ich sehe dich in den Augen der frischgebackenen Mutter, die ehrfürchtig den Kinderwagen vor sich herschiebt. Manchmal nehme ich dich sogar im Zusammensein mit meinen eigenen Söhnen wahr, ein zerbrechlicher Moment, ein flüchtiger Glitzerschweif, den ich nur zu gerne festhalten würde.

Wie einfach wäre das Leben, wie viel ruhiger, besonnener, fröhlicher, wenn du uns immer mit deiner Anwesenheit beschenken würdest?

Kriege wären überflüssig, Streitereien viel zu unwichtig, als dass aufgrund von verschiedenen Ansichten Freundschaften zerstört oder Beziehungen in die Brüche gehen müssten. Deprimierte Mütter müssten nicht traurig mit leeren Augen durch den Tag wandeln.

Friede sei mit dir!Und doch ahne ich, dass du selbst im größten Trubel, in der höchsten Not, nie weit weg bist. Wir müssen nur lernen, genau hinzusehen.

Um dich wahrzunehmen braucht es Zeit und Achtsamkeit. Eine liebevolle Sicht auf das, was vor mir passiert. Ein wertschätzender Blick für mich und die Menschen um mich herum.

Manchmal ist es einfach der Blickwinkel, den wir ändern müssen, um die Schönheit zu erkennen, die du uns zeigen willst. Leicht ist das nicht immer. Denn im Normalfall ertönen weder Geigenmusik noch Engelschöre im Hintergrund, die uns das Bewusstwerden deiner Anwesenheit erleichtern würden.

Friede sei mit dir!Die vermeintlich arrogante Kindergartenmutter, die einfach nur schüchtern ist. Der nervtötende Stau, in dem wir schon wieder feststecken und der uns dazu dienen könnte, uns in Gelassenheit zu üben für Dinge, die wir eh nicht ändern können. Und plötzlich entdecken wir beim Warten die untergehende Abendsonne am Horizont, der wir sonst keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Der Sohn, über den wir uns mal wieder ärgern, weil er einen Tobsuchtsanfall bekommt und der uns eigentlich ein nicht erfülltes Bedürfnis aufzeigen möchte, um wieder in Harmonie mit uns kommen zu können.

Wie oft bin ich frustriert, weil ich meine, das Leben würde es nicht gut mit mir meinen? Wie oft suchen wir die Schuld bei Anderen, um uns unserer eigenen Verantwortung zu entziehen? Wie oft urteilen wir über Fremde, Freunde, ja, sogar über uns selbst und unsere eigenen Kinder?

Friede sei mit dir!Wenn es mir gut geht, fällt es mir leicht, deine Anwesenheit zu spüren. Dann scheint alles leichter von der Hand zu gehen, seinen Sinn zu haben und gut zu werden. An dunklen Tagen suche ich dich verzweifelt. Sofern ich überhaupt die Kraft habe, über dich nachzudenken. Sicherlich bist du auch in schweren Stunden bei mir, nur, dass ich dich dann nicht wahrnehmen kann.

Dann wieder meine ich, deine Stille würde schmerzen oder mich einsam fühlen lassen.
Dabei ist diese Art der Stille nur eine Täuschung meiner Melancholie.

Was würde ich nur mit einem liebevollen Blick auf mich selbst sagen, wenn ich mal wieder mit meiner Rolle als Mutter hadere? Wie würde ich im Nachhinein über verpasste Chancen oder vermeintliche Fehlentscheidungen urteilen, wenn ich sie aus friedvollen Augen betrachtete? Was könnte ich selbst für ein bisschen mehr Frieden in meiner kleinen Welt tun?

In welchen Punkten kann ich noch Frieden mit mir selbst schließen?

Friede sei mit dir!Bald gehen die Weihnachtstage vorüber, verschwinden Plätzchenduft, Lichterketten und der romantische Schleier, gewebt aus Harmonie und verklärten Sehnsüchten, aus unseren Köpfen. Der Alltag wird uns wieder einholen, die Erwartungen an dein Erscheinen wie von selbst verschwinden. Nach Weihnachten scheint kein Platz für selbstverständliches Dasein des Friedens zu sein.

Ich werde dich suchen. Ich werde auf einer Sommerwiese mit dir tanzen. Dich zu mir auf die Couch Platz einladen, wenn ich wehmütig an längst vergangene Tage denke. Und zurücklächeln, wenn ich dich in den Augen meiner Kinder entdecke.

Manchmal haben wir die Kraft, “Ja” zum Leben zu sagen.
Dann kehrt Frieden in uns ein und macht uns ganz.

Ralph Waldo Emerson

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