Lebensfragen

Alles im Leben braucht seine Zeit

Villa Schaukelpferd-Klassiker

Eine Mutter, die ihrem zweijährigen Sohn zum Abschied einen warmherzigen Kuss auf die Stirn gibt. Ein Zweijähriger, der lachend in die ausgebreiteten Arme seiner Mutter läuft. Das sind für mich Glücksmomente, die in meinem Leben lange Zeit außer Reichweite schienen.

Nach Maxis Geburt litt ich lange Zeit unter postpartalen Depressionen. Viel zu lange Zeit. Mein Sohn fühlte sich fremd an, ich stieß ihn von mir ab wie einen Fremdkörper, weil ich dachte, dass er mich als Mutter nicht akzeptieren würde. Nur eine ganz leise Stimme tief in meinem Inneren flüsterte mir zu, dass ich vielleicht falsch liegen könnte. Dass es den Versuch wert sei, eine Beziehung mit dem kleinen Jungen einzugehen.

Ich hangelte mich von Therapeut zu Therapeut, bis ich endlich den Richtigen fand, arbeitete meine eigene Vergangenheit auf und ging zur chinesischen Medizin (TCM), um mithilfe von Akupunkturnadeln und speziellen Kräutertees innere Blockaden zu lösen. Das klingt nach viel Arbeit und das war es auch. Immerhin spielte das Leben „nebenbei“ weiter. Unzählige Krisen durchlebte ich, verlor mehr als einmal beinahe die Hoffnung an Allem und kam immer wieder an den Punkt, mich selbst zu hinterfragen.

Das soll keine Lobeshymne an mich selbst werden. Auch, wenn es so klingen mag. Ja, ich bin stolz, dass ich Maxi heute lieb haben kann. Dass ich ihn „meinen Sohn“ nennen kann. Auch, wenn mir das manchmal immer noch nicht rund über die Lippen geht. „Der Junge hier“ statt „mein Junge“ sagte ich erst letztens im Schuhladen wieder zu der Verkäuferin, die uns beraten wollte. Und sofort kommen die Stimmen in meinem Kopf: „Ohje. Hat Maxi das gehört? Was habe ich jetzt in ihm womöglich wieder ausgelöst? Und was soll die Schuhverkäuferin nur von mir denken?“ Wenn man sich monatelang täglich, stündlich, minütlich Gedanken um die verquere Beziehung zu seinem Kind macht, hört das nicht plötzlich auf, nur weil man auf einmal auf dem Weg zu einer gesunden Mutter-Sohn-Beziehung ist. Zumindest war es bei mir so.

Das Leben scheint manchmal hart und grausam zu sein. Ein Kind, das von seiner Mutter abgestoßen wird. Ein Mittfünfziger, der aus heiterem Himmel seinen Job verliert und sich bis zur Rente mit Hartz IV durchknapsen muss. Ein geliebter Mensch, der beim Autounfall ums Leben kommt oder unheilbar erkrankt. Schicksalsschläge, die man erst einmal verdauen muss. Und trotzdem gibt uns das Leben die Kraft, weiterzumachen. Irgendwie. Auch, wenn es erst einmal wahnsinnig schwer fällt.

Ich bin sehr froh, dass ich den Weg gewählt habe, weiterzumachen und mich für mein Kind entschieden habe. Trotzdem braucht es auch heute allem voran noch Zeit. Zeit, Vertrauen aufzubauen, Zeit, zu akzeptieren, dass nicht immer alles nach Wunschvorstellung läuft, Zeit, mein Herz immer wieder neu für den einen besonderen, kleinen Menschen vor mir zu öffnen, ihn jeden Tag aufs Neue kennen zu lernen. Aber ich glaube, auch das ist eine Lektion vom Leben: Dass große Veränderungen nicht von Jetzt auf Gleich passieren. Und dass es die Mühe wert ist, geduldig zu sein und in Zeit zu investieren. Ich denke, je mehr wir die Zeit schätzen lernen, je mehr Zeit wir uns selbst geben, desto fester und stabiler wird das Ergebnis, das wir anstreben.

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