Mama-Momente

Kurzurlaub oder: Vom Druck, entspannen zu müssen

Die Pendeluhr tickt rhythmisch. Tick tack, tick tack. Unablässig in ihrem eigenen, immer gleichwährenden Tempo zeigt sie lautstark und unermüdlich die Sekunden an. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ihr Ticken beruhigend oder nervös, beinahe hektisch auf mich wirkt. Ich sitze hier in der gemütlichen Ferienwohnung, weit weg von Zuhause und versuche, zu entspannen. Im Moment bin ich alles andere als ausgeglichen, aber das liegt bei weitem nicht an der Pendeluhr.

Zu viele Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, sobald ich an Zuhause und den Alltag denke. Zu viele Sorgen, die ich mir um meinen Sohn Maxi und infolgedessen um unser aller Wohl mache. Was bedrückt die kleine Kinderseele, dass sie inzwischen täglich von morgens bis abends wütet? Wie kann ich, wie können wir ihr helfen? Wie kann ich meine Seele schützen vor der Belastung, der ich unter der Woche ausgeliefert bin?

Kurzurlaub oder: Vom Druck, entspannen zu müssenTick tack, tick tack. Die Zeit geht weiter. Mal rennt sie, wie hier, in meinem Kurzurlaub, mal scheint sie quälend langsam zu schleichen, an einem gewöhnlichen Dienstagmorgen, wenn Maxi meine höchste Aufmerksamkeit fordert.

Los, entspanne endlich! Du bist schon drei Tage weg von Daheim und immer noch nicht in dem Zustand angekommen, den du dir vorgenommen hattest! Meine innere Stimme drängt mich. Übermorgen steht die Heimfahrt an, dann sollten meine Ressourcen wieder aufgefüllt sein für das Danach, das mich erwartet.

Kann man unter Druck entspannen? Natürlich nicht. Und trotzdem habe ich mir selbst gegenüber diesen Anspruch.

Die Tage hier am Bodensee, sie sind wie ein kleiner Abschiedsurlaub, bevor mein Mann und ich mit den Kindern im Juli an die Nordseeküste ziehen. Jetzt verbringe ich mit meiner Mutter und meiner Schwester den letzten Mädelsurlaub für wer weiß wie lange Zeit. Verstreut in alle Himmelsrichtungen ziehen wir alle unserer Wege. Hier am südlichen Zipfel Deutschlands haben wir drei uns noch einmal zusammengefunden.

Kurzurlaub oder: Vom Druck, entspannen zu müssenEntspannen, runterkommen, die Seele baumeln lassen. Das ist gar nicht so einfach, wie man meinen könnte. Bloß nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig unternehmen, damit das Ganze mit dem Entspannen aufgeht. Wie stressig kann ein gründlich geplanter Tagesablauf werden, immer auf der Suche nach dem Optimum an Erholung? Wo bleibt Platz für individuellen Raum, für Zeit für sich selbst, während jeder Einzelne gleichzeitig den Wunsch verspürt, so viel Zeit wie möglich mit den Anderen zu verbringen?

Schließlich sind es die letzten gemeinsamen Ausflüge, die wenigen Gelegenheiten für tiefsinnige Gespräche von Angesicht zu Angesicht und nicht wie sonst am Telefon, wo man sich nicht mal zwischendurch in den Arm nehmen oder tröstend die Hand halten kann. Und trotzdem brauchen wir alle drei unsere persönlichen Auszeiten, auch mal voneinander. Dies einzugestehen und zuzulassen ist schwer, vor allem ohne schlechtes Gewissen.

Die Pendeluhr tickt. Das Leben geht weiter. Zeit steht nicht still, aber Erinnerungen kann man sich im Herzen bewahren.

Kurzurlaub oder: Vom Druck, entspannen zu müssen

Es ist schön, einmal für ein paar Tage Tapetenwechsel zu genießen, Luftveränderung zu spüren. Und die Luft hier in Seenähe ist tatsächlich nicht mit der von Zuhause zu vergleichen. Doch so liebevoll und gemütlich die Ferienwohnung auch eingerichtet ist, Abschalten fällt mir hier dennoch schwer. Ich vermisse meinen Lesesessel, meinen Mann, meine gewohnte Umgebung.

Die Kinder vermisse ich noch nicht. Ein Zustand, der mir wohl vertraut ist, habe ich Mini und Maxi bisher nur zweimal in meinem Leben ernsthaft vermisst. Und auch da nur für wenige Sekunden. Das Gefühl, sie schmerzhaft woanders zu wissen und nicht bei ihnen sein zu können, es gehört nicht zu meinem abrufbaren Gefühlsrepertoire.

Kurzurlaub oder: Vom Druck, entspannen zu müssenSo manches Mal bedaure ich das. Als Gefühlsmensch lasse ich gerne alle Emotionen in mir aufsteigen. Dann frage ich mich schon, warum ich meine Kinder so selten vermissen kann.

Vielleicht ist es mit dem Gefühl des Vermissens wie mit der Liebe, die zwischen mir und Maxi auch erst langsam wuchs, wie eine zarte Blume, die noch lernen muss, sich gegen raue Stürme zu behaupten.

Natürlich ist es ungewohnt ohne meine Kinder, und dennoch freue ich mich mehr über die Zeit, die ich jetzt mal für mich alleine habe, in der ich zu Kräften kommen kann, bevor mich nächste Woche der anstrengende Alltag wieder einholt.

Kurzurlaub oder: Vom Druck, entspannen zu müssenTick tack, tick tack. Das Pendel an der Wand hinter mir klingt wie der Herzschlag meiner persönlichen Auszeit. Kann ich mich auf ihren Takt einlassen oder versuche ich, dagegen anzukämpfen? Erlaube ich mir selbst, mich die restlichen zwei Tage fallen zu lassen oder rechne ich alle Nase lang aus, wie wenig Zeit uns nur noch bleibt?

Genießen – noch so ein Zustand, den ich erst wieder lernen muss.

Es wird schwer für mich, den Resturlaub ohne Druck des „Entspannt-Sein-Müssens“ zu genießen und ohne an Übermorgen und die Probleme zuhause zu denken. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht. Vielleicht reicht es auch schon, die Gedanken nicht starr festzuhalten und zu benörgeln, sondern sie einfach an meiner Seite zu akzeptieren.

Kurzurlaub oder: Vom Druck, entspannen zu müssenNachher wollen wir zum See gehen. Meine Gedanken, meinen Stress und meine Ängste werde ich mitnehmen. Vielleicht haben sie ja auch mal Lust auf Luftveränderung und eine Auszeit am Wasser. Und vielleicht, nur vielleicht, kommt dann auch ganz von alleine die Entspannung dazu. Und wenn es nur für einen Augenblick ist, für die Pause zwischen zwei Pendelschlägen. Herzensmomente klingen lange nach.

4 Gedanken zu „Kurzurlaub oder: Vom Druck, entspannen zu müssen“

  1. Sabrina sagt:

    Liebe Christine,
    vor einigen Wochen bin ich auf deinen Blog gestoßen und habe jeden Artikel akribisch gelesen. Jedes Wort von dir ist Balsam für die Seele. In Gedanken mache ich hinter jedes Einzelne ein Häkchen, weil deine Sätze eigentlich alle meine eigenen sein könnten.
    Erst einmal möchte ich dir von Herzen dafür danken….

    Entspannen auf Knopfdruck – irgendwie stellen sich das alle so einfach vor. Aber ich kann es auch nicht. Ich kann nicht schlafen, wenn mein Kind schläft. Das lässt sich nicht erzwingen und je mehr ich es versuche, desto weniger gelingt es mir. Mein Mann legt sich aufs Sofa und schläft. Trotz Fernseher, miauenden Katzen, tickender Uhr, Vogelgezwitscher und dem Wissen, dass das Kind jederzeit wieder aufwachen kann. Das ist doch alles so laut….
    Jetzt gerade könnte ich entspannen, denn meine Tochter schläft. Aber ich weiß, dass sie das heute Nacht vermutlich nur so lange tut, bis ich dann schlafen will. Und schon graut mir vor diesem Zeitpunkt.

    Aber ich bin so unendlich dankbar, dass du deine Gedanken mit uns teilst. Das gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein.

    1. Christine sagt:

      Liebe Sabrina,

      auch, wenn du schon seit ein paar Wochen stille Mitleserin bist, so möchte ich dich trotzdem noch herzlich Willkommen heißen auf meinem Mama-Blog für hochsensible Mütter! Es freut mich sehr zu hören, dass dir meine Beiträge so viel geben und du dich in Vielem so gut wiederfindest!

      Aber auch ich finde mich in deiner Familiensituation wieder: Mein Mann kann nämlich genauso gut bei Lärm und Trubel, bzw. in dem Wissen, die Kinder könnten jeden Moment wieder aus ihrem Mittagsschlaf aufwachen, entspannen und sich nicht aus der Ruhe bringen. Dieses „Im Voraus graut es mir“, das kenne ich nur zu gut. Wenn ich beispielsweise nur daran denke, dass ich morgen wieder den ganzen Tag mit den Kindern alleine bin, schlägt mein Herz schon unangenehm schneller. Es könnte ja unentspannt werden – und das tut es mit solchen Befürchtungen ganz sicherlich ;-)

      Ich sende dir viele Grüße und ganz viel Kraft! Danke für deine lieben Worte ♡

  2. nudge sagt:

    Liebe Christine,
    das mit dem „Erfolgsdruck“ kann ich sehr gut nachvollziehen. Das ist sogar der Grund, warum ich manches mal sogar auf Auszeiten verzichtet habe… es wäre sicherlich möglich gewesen solche Auszeiten zu realisieren, (Unterstützung ist da), aber ich wollte einfach nicht das Risiko eingehen hinterher „trotzdem“ nicht ausgeruht genug, nicht entspannt genug, nicht gelassen genug, nicht fröhlich genug, nicht whatever genug zu sein. Ich habe da das Gefühl, das wäre ich denen, die die Auszeit ermöglichen irgendwie schuldig. Und bevor ich diesen Erfolg nicht abliefern kann, lasse ich es lieber…
    By the way: ich denke auch nicht, dass negative Zustände (Anspannung, Stress, Schlafmangel etc., you name it), die schon eine längere Zeit bestehen zw. sich aufgebaut haben mal eben so mir nichts, dir nichts an einem verlängerten Wochenende aufgelöst werden können. Aber genau das erwarten wir dennoch von diesen Auszeiten: das sie uns doch eben (verdammt noch mal) „resetten“ können; uns so auftanken, dass wir die nächsten ein zwei Jahre wieder reibungslos funktionieren. Was für ein Blödsinn, oder? Aber es ist diese Kombination aus innerer Erwartungshaltung plus evtl. die Erwartung der Anderen, die einem die Auszeiten ermöglichen, das das dennoch möglich sein sollte („Jetzt hatte sie doch ein Wochenende für sich – warum ist sie immer noch so müde/genervt/hektisch/lustlos…?“).
    Dein Maxi ist ja – wie Du vermutest – auch hochsensibel. Bestimmt spürt er bei Dir, das Dich so viele Dinge beschäftigen (Umzug, Zukunft, deine Sorgen um ihn) und vielleicht trägt er genau das mit seiner Wut nach außen, was Du in Dir trägst. Vielleicht bist Du ja auch – unbewusst – manchmal wütend, z.B. darüber dass Du die Gedanken nicht einfach ausschalten kannst, dass Dein Hamster im Kopf ständig rennen muss und Dir keine Pause gönnt, dass Du es mit Deiner Hochsensibilität oft so schwer hast im Alltag, dass gerade DU gerade JETZT an so vielen Fronten gleichzeitig kämpfen musst und den Eindruck hast, dabei sehr oft den Kürzeren zu ziehen UND WARUM KANN ES VERDAMMT NOCH MAL NICHT SO EINFACH SEIN, WIE BEI ALLEN ANDEREN? Das ist natürlich sehr spekulativ von mir (und manches gibt einfach auch meine eigenen inneren Kämpfe wieder), aber vielleicht hilft es Dir ja trotzdem auf irgendeine Art und Weise.

    1. Christine sagt:

      Liebe nudge,

      sei herzlich willkommen auf meinem Blog und DANKE für deine vielen guten Gedanken!

      Ja, den Gedanken des Erwartungen der Anderen erfüllen müssens kann ich sehr gut nachvollziehen, auch, wenn ich mir absolut sicher bin, dass diejenigen, die uns diese Auszeit ermöglichen, gar nicht erwarten, dass wir wieder hundertprozentig aufgeladen sind. Deswegen möchte ich dich ermutigen, deine Auszeiten trotzdem weiterhin zu nutzen. Ein bisschen was bleibt ja doch an Entspannung hängen ;-)

      Dass Maxi das, was mich beschäftigt, mit seiner Wut nach Außen tragen könnte, klingt für mich plausibel, auch, wenn ich denke, dass das nur ein Teil von etwas Größerem ist bei ihm. Aber wie du schon sagst, meine eigenen Gefühle und Grübeleien machen das Ganze natürlich nicht unbedingt leichter.

      Ich danke dir sehr für deine Worte und sende dir viele Grüße zurück ♡

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Ihre Meinungen auf Twitter zu diesem Beitrag: