Mama-Momente

Die Gezeiten des Mamaseins

Ich zog mir die Kapuze noch ein Stück tiefer ins Gesicht und versuchte, nicht auf die spitzesten Muscheln auf dem weißen Sandboden zu treten. Das Meerwasser war trotz des kurzen Regenschauers angenehm warm, so dass ich auf Gummistiefel verzichtet hatte und mir das erfrischende Nass über die nackten Füße spülen ließ. Gerade war Flut, keine Ebbe, wie das an der Nordsee eben alle sechs Stunden (genauer gesagt alle sechseinhalb Stunden) wechselt. Die Chancen stehen also fifty-fifty, wenn man über die Dünen späht und Richtung Ufer läuft. Ein bisschen ähnelt es meinem Gemütszustand mit der Mutterrolle, dachte ich bei mir. Heute war meine Bereitschaft, Mutter zu sein, da, genau wie die Flut. Gestern sah das Ganze noch anders aus.

„Ich will keine Mutter mehr sein! Ich will keine Mutter mehr sein! Ich hab‘ die Schnauze voll, soll die Kinder doch der Nächstbeste mitnehmen“ schoss es mir durch den Kopf, während ich auf dem Parkplatz vor Edeka stand und hoffte, nicht die Aufmerksamkeit der gesamten übrigen Kundschaft auf mich zu ziehen. Das war bereits fünf Minuten vorher im Laden geschehen, als mein Fünfjähriger mal wieder wegen irgendeines Unmuts durch alle Regalreihen geschrien hatte.

Wir waren nach unserem Umzug gerade mal eine Woche in dem neuen Städtchen und ich versuchte, einen halbwegs guten Eindruck zu hinterlassen. Vergeblich. Wildes Gekloppe mit dem Bruder um den besten Platz am Einkaufswagen, gefolgt von lautem Gestöhne, warum die Dame hinter der Wursttheke denn heute keine Gratis-Mortadella verteile sind nur ein Teil meines täglichen Mutterseins hier oben im Norden.

Zuhause stehen die üblichen Regelverstöße, „Warum?“-Fragen und Kinder-Nörgeleien im Vordergrund, wie ich sie auch schon aus der alten Heimat kenne. Logisch, warum sollte ein Wohnortwechsel automatisch ein Reiferwerden der Kinder bedeuten? Und jetzt in der ersten Woche, in denen die Kindergärten noch Ferien hatten, fiel es mir wahrscheinlich noch einmal doppelt schwer, mich auf zwei kleine Jungs zuhause einzustellen, während dringend Löcher in die Wände gebohrt und Umzugskisten ausgepackt werden wollten.

Alles gleichzeitig machen zu wollen, machen zu müssen, ist Gift.

Der Umzug an die Nordseeküste war unser Herzensprojekt, auch wenn es bedeutete, auf jegliche familiäre Unterstützung verzichten zu müssen. Dass es unser aller Lebensqualität verbessern würde, davon waren und sind wir immer noch überzeugt. Und trotzdem fragte ich mich gestern auf dem Parkplatz, wer von den vorbeilaufenden Passanten denn vielleicht so freundlich wäre, mir meine Kinder abzukaufen.

Die Gezeiten des MamaseinsManchmal erschrecke ich, dass mich auch heute noch solche Gefühle übermannen, die Mutterrolle wieder an den Nagel hängen zu wollen, so, wie man einen nassen Regenmantel einfach an die Garderobe hängen kann, wenn man von einem regnerischen Spaziergang nach Hause kehrt. Aber genau so ist es eben nicht. Einmal Mutter, immer Mutter.

Die ganzen „Hättest du dir ja wohl vorher überlegen können, bevor du Kinder in die Welt gesetzt hast“-Sprüche, sie alle sind völlig fehl am Platz. Denn genau das kann man sich vorher nicht in dem Ausmaß ausmalen. Hätte mir Jemand für eine gewisse Zeit rund um die Uhr ein Leih-Kind gegeben, ich hätte entweder nach kürzester Zeit das Handtuch geworfen oder erst Recht ein eigenes gewollt (ganz nach dem Motto: Mit dem eigenen Kind kann es ja nicht so schlimm werden!).

Und jetzt bin ich Mutter. Ich liebe meine Kinder. Aber es ist nicht der Fulltime-Job, der mich dermaßen erfüllt, wie ich es mir so sehr erhofft hatte. Im Übrigen glaube ich, dass alle Frauen, die gewollt schwanger wurden und heute mit ihrer Mutterrolle hadern, ganz andere, romantischere Vorstellungen vom Mamasein hatten und nun, in der Realität, merken, wie viel Raum der Nachwuchs einnimmt und wie wenig Frau sie neben der Rolle namens „Mama“ noch sein dürfen. Regretting Motherhood.

Es gibt Frauen, denen macht das nichts aus, im Gegenteil, die holen sich Kraft aus ihren Kindern und ihrem Muttersein. Wie sehr wünsche ich mir manches Mal, zu dieser Fraktion Müttern gehören zu dürfen. Aber ich bin eben doch nur eine Frau, die ihre Mutterrolle gerne nur für ein paar Stunden in der Woche ausüben würde, wenn sie könnte.

Also gibt es eben auch bei mir die Zeiten, in denen Ebbe herrscht im Mama-Kosmos. Dann bin ich ausgebrannt und benötige viel Zeit für mich oder wenigstens einen geistreichen Ausgleich in Form von tiefsinnigen Gesprächen oder anderen Hobbies, aber auf keinen Fall meine Kinder um mich herum. Gut, wenn dann mein Mann da ist, der mir Mini und Maxi abnimmt. So wie heute, als wir zum Meer gefahren sind und ich Zeit für einen ausgiebigen, alleinigen Strandspaziergang hatte.

Das Wasser kam, ich atmete tief ein. Das Wasser zog sich zurück, ich atmete bewusst aus. Einatmen, ausatmen, weiteratmen. Nachdem ich eineinhalb Stunden die Küste entlanggelaufen war und wieder zu meiner Mitte finden konnte, wurde ich auch wieder zugänglich für meinen quirligen Nachwuchs. Ich lächelte, als ich die zwei schon von weitem fröhlich durch den Sand springen sah. Und war froh, dass ich sie nicht zum Verkauf angeboten hatte.

Für heute.

Fotos mit freundlicher Unterstützung von © Szilard Toth, © Bianca Castillo, unsplash.com

10 Gedanken zu „Die Gezeiten des Mamaseins“

  1. Anik sagt:

    Ich liebe Deine Ehrlichkeit Sie spricht mir so sehr aus der Seele…und ich hatte exakt so eine Situation am Freitag im Geschäft der neuen Heimat im Norden….

    1. Christine sagt:

      Das freut mich! Vielleicht sollten wir mal zusammen einkaufen gehen ;-) Gutes Einleben in der neuen Heimat wünsche ich!

  2. Lea sagt:

    Ich fühle mich gerade einfach nur so tief und verstanden. Danke Dir!

    1. Christine sagt:

  3. SilkeAusL sagt:

    Christine ich sage nur: I feel you.
    Wenn man dann noch so Wochenenden hat, wo der Vater hätte die Kids haben soll und was „blubbert“ von „ich bin gar nicht da! Das haben wir besprochen!“.
    Ist ja auch nicht so, dass gerade 2 Kollegen gleichzeitig Urlaub hatten und ich mit meinen 25h/Woche Arbeit für 2,5 hatte(die ich da übrigens ohne zu jammern reingquetscht bekommen habe, spricht für die Kollegen ;) ). Ein Lob kommt da auch nicht mal, dass alles relativ unfallfrei geklappt hat.
    Und dann haste zu Hause noch ein Kind, was Abschlussfahrt und Abschlussfeier hat, Besichtigung der Schule und der Betreuung und Elterninfoabend. ..Wobei ich das große Kind im Moment desöfteren gefragt habe, ob sie noch ein Jahr im Kindergarten bliebe- dem Verhalten nach! Die Kinder können ja gerne ihrer Entdeckerlaune ja gerne nachgeben. Aber nicht 4x in Folge, obwohl es ihnen verboten wurde zum Bach zu gehen (vor allem, wo es so extrem geregnet hatte)von oben bis unten nass (inklusive Schuhe). Sie hatte schon einmal deswegen Hausarrest, aber dieses scheint nicht die richtige „Bestrafungsmethode“ zu sein. Ich bin jedoch so langsam mit meinem Latein am Ende.
    Und alles kannst du alleine klären und dann wird noch mit diesem „war so abgemacht“(weiß ich nichts von! WOLLTE er mir wohl sagen und hat es vergessen- jetzt nur noch alles schriftlich!)quergeschossen.
    Dann noch das ganze rundherum mit der nicht funktionierenden Vereinbarkeit(nach den Sommerferien dann eben mal noch 112 km mehr fahren/Woche,weil es sonst zeitlich nicht klappt)und nicht hörende Kinder- egal was man sagt…Ja, auch ich habe mehrfach diese Gedanken.

    Meine nächsten freien Stunden habe ich dann Samstag Nachmittag/Abend irgendwann. Dann aber für länger (2Wochen- aber mit Arbeit, kein Urlaub).
    Dann kann ich ins Bett gehen, wenn ich müde bin, und nicht noch ewig hier rumeiern, weil im Kindergarten in der Mittagsruhe mal wieder geschlafen wurde.
    Abends nach Hause kommen und die Füße hochlegen, wie andere es auch tun.
    Ich hoffe, ich werde kein allzu großes schlechtes Gewissen haben. Es wenigsten ein bisschen genießen können.
    Und trotz Arbeit etwas erholen können.

    Bis dann
    Gruß Silke

    1. Christine sagt:

      Oh Mann, ich drücke dich!! Und genieß‘ deine zwei Wochen Urlaub ohne Urlaub ;-)

  4. Chrissi sagt:

    …ich kann das sehr gut verstehen. Es ist ein Gemisch aus Ohnmacht, Überforderung und extremer Sensibilität gepaart mit Lautstärke, Frustration und Enttäuschung über das eigene Leben, was man dann fühlen kann. Ich finde Ehrlichkeit immer gut. Ich glaube inzwischen auch keiner Mutter mehr, die erzählt, dass der Nachwuchs niemals nervt oder genau zu solch o.g. gemischten Gefühlen führt! Mir sind die authentischen Mütter lieber, die sich selbst bei allem auch noch spüren möchten, sich selbst etwas wert sind und sich dazu entscheiden, dieses o.g. Spüren nicht außer Acht zu lassen! Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die kommende Zeit. Gruß Chrissi (von den Zwillingen und der laaaangen E-Mail vor einer Weile, auf die kürzlich geantwortet hast :-) )

    1. Christine sagt:

      Liebe Chrissi,

      schön, wieder von dir zu lesen :) Ich hoffe, dir und den Zwillingen geht’s gut?
      Ja ich finde es auch immer schade, wenn Mütter vorgeben, die eigenen Kinder würden nie nerven oder jeden Tag wäre gute Laune zuhause. Es ist aber in unserer Gesellschaft (auch unter Müttern!) sehr verbreitet, nach Außen hin nur die schönen Seiten aufzuführen. Als hätten wir Angst, die Anderen könnten uns für eine schlechte Mutter halten oder -Gott bewahre!- mal genervt zu sein! Als würde man deswegen seine Kinder weniger lieben, weil man mal zugibt, dass sie einem auch mal gehörig auf den Keks gehen können bzw. negative Gefühle in einem wecken.

      Ich kann diesen Müttern (und auch allen anderen) nur ans Herz legen, sich trotzdem immer wieder Zeit für sich zu nehmen. Und wenn es notfalls auch nur hinter verschlossenen Türen ist und man es Niemandem erzählt, wenn man sich nicht traut ;-)

      Lieben Dank für deine wertvollen Gedanken!

  5. Nika sagt:

    Liebe Christine,
    ich bin so sehr dankbar, dass ich deine Seite gefunden habe.
    Du sprichst mir jedesmal aus der Seele.
    Ich dachte schon fast seit 2Jahren, dass nur ICH solche Gedanken habe, und fühlte mich ständig wie die schlechteste Mutter der Welt, obwohl ich mein Sohn über alles liebe, und würde für ihn alles tun.
    Liebe Grüße
    Nika

    1. Christine sagt:

      Liebe Nika,

      auch ich freue mich sehr, dass du meinen Mama-Blog für hochsensible Mütter gefunden hast und du dich in so vielen Beiträgen wiederfindest.
      Wir Mütter haben alle hohe Ansprüche an uns, manchmal zu hohe. Wir dürfen uns nicht von anderen Meinungen, Erziehungsstilen oder Rund-um-die-Uhr-Glücksgefühlen verrückt machen lassen. Für deinen Sohn bist du die beste Mama, die er haben kann. Und nur das zählt!

      Ich wünsche dir alles Liebe und freue mich, wieder von dir zu lesen ♥

      Liebe Grüße
      Christine

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