Mama-Momente

Die gestutzten Flügel

Manchmal befürchte ich, dich verloren zu haben. Ich versuche oft, mir dein Gesicht in Erinnerung zu rufen. Orte, an denen du gewesen bist, nicht nur mit deinem Körper, sondern auch mit deinem Herzen. Kannst du dich noch an den grandiosen Sternenhimmel erinnern, unter dem du standest, mitten in der Nacht auf dem weiten Feldacker? Du fühltest dich so klein und gleichzeitig verbunden mit allem. Oder als du auf dem runden Geburtstag deines Großvaters die Sonate von Vivaldi auf deiner Geige zum Besten gegeben hast. Du hattest so lange das schwierige Stück geübt und beim letzten Bogenstrich unter tosendem Applaus gemerkt wie perfekt dein Vortrag war. Du hast gespürt, wie leicht das Leben sich anfühlen kann. Das scheint lange her.

Manchmal beobachte ich dich beim Durchblättern einer Deko-Zeitschrift. Du sehnst dich nach Veränderung. Obwohl es für dich weit mehr ist, als neue Möbel zu kaufen oder die Wand farbig zu streichen. Du träumst dich an andere Orte. Wenn du deiner Lieblingsmusik lauschst, bist du schon längst nicht mehr auf dem Sessel, auf dem du eben noch saßt.

In solchen Momenten möchte ich dich gerne fragen, was du gerade denkst, was du fühlst. Aber du lässt Niemanden an dich heran, verkriechst dich in einem unsichtbaren Schneckenhaus und träumst von einer Welt, die nur du sehen kannst.

Die gestutzten FlügelWeißt du noch, wie lange du manchmal gelaufen bist? Immer an der Bundesstraße entlang, Kilometer um Kilometer zur nächstgrößeren Stadt, mit Kopfhörern im Ohr fühlte es sich an wie ein kleiner Spaziergang. Du brauchtest Freiheit und Zeit für dich und die gepflasterte Straße gab dir beides.

Kannst du dich an deinen ersten Kuss mit deinem Herzensmann erinnern? Das Gefühl der Geborgenheit, die er dir auch heute noch gibt spürst du in jeder Sekunde, die er bei dir ist. Du hast geglaubt, zwei Kinder würden euer Glück komplett machen. Du dachtest, die schönen Momente würden die stressigen Zeiten überdecken.

Du wusstest nicht, dass dein Bedürfnis nach Freiheit größer ist, als dein Wunsch, Mutter zu sein.

Du hattest gedacht, dass tanzende Kinderbeine um dich herum dein Herz vor Freude mithüpfen lassen würden. Du ahntest nicht, dass Gewusel Gift für deine Nerven ist. Du wolltest Spaß mit deinen Kleinen haben. Du wusstest nicht, dass du mit Kinderwitzen genauso wenig anfangen kannst wie mit Spielen auf dem Kinderzimmerteppich.

Die gestutzten FlügelManchmal höre ich dich leise weinen. Tränen der Verzweiflung rinnen deine Wangen hinunter. Dein Herz zerspringt beinahe vor Sehnsucht nach einem unabhängigen Leben. Dann möchtest du irgendwo neu anfangen, alleine, wo dich keiner kennt. Keiner wüsste von deinen Kindern, es gäbe Niemanden, vor dem du dich erklären müsstest.

Du trauerst um dein selbstbestimmtes Leben, das nicht mehr existiert. Du weinst um deine Kinder, denen du nicht mehr geben kannst, obwohl du es so gerne willst. Du möchtest wissen, ob du den Kindern eines Tages ihre eigene Freiheit zu schätzen lehren kannst. Du fragst dich, ob sie dann noch gemeinsam mit dir tanzen möchten. Du befürchtest, sie könnten dich niemals wirklich kennenlernen, niemals verstehen, wer du tatsächlich bist und was dich eigentlich ausmacht, weil sie zu oft deinem genervten Ich begegnen.

An Tagen wie heute finde ich dich. Du sitzt in Gestalt eines zarten Vogels am Fenster eines hohen Turms. Draußen wartet die Freiheit, du möchtest losfliegen, doch du kannst nicht. Dir wurden die Flügel gestutzt. Von mir, der liebenden Mutter deiner beiden Söhne.

Ich bitte dich, liebe Seele, komm zurück! Ich brauche dich. Ich schaffe diese Aufgabe nicht alleine.

Die gestutzten FlügelDu hast Recht, liebes Mama-Ich, manchmal ziehe ich mich in meine eigene Welt zurück. Dann will ich nur noch Christine sein, keine Frau, die ihre innere Uhr nur noch nach dem Tempo zweier kleiner Jungs stellen muss. Ich möchte mich dann selber wieder spüren, meinem eigenen Rhythmus folgen. Und der geht weitaus langsamer.

Damals wusste ich noch nicht, wie sehr ich die Stille brauche. Wie sehr mir die Luft zum Atmen fehlt im Beisein von den Kindern, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Die Liebe, die ich für sie empfinde ist genauso stark wie das Gefühl, an der Mutterrolle zu ersticken.

Ich brauche Zeit. Und ich brauche meine Flügel wieder. Nicht nur, damit ich ab und an davonfliegen kann, sondern auch, um ganz bewusst wieder zu dir zurückzufliegen.

(Mit freundlicher Unterstützung: Foto Schwan: ©Konstiantyn – fotolia.de, Foto Federn (Mitte): ©TeodoraD – fotolia.de, Foto Kohlmeise: ©Alexander Erdbeer – shutterstock.com)

11 Gedanken zu „Die gestutzten Flügel“

  1. Nesrine sagt:

    Was für ein wunderbarer und ehrlicher Text. Er spricht mir aus der Seele!

  2. Claude sagt:

    Hallo Christine,

    dein Text hat mich sehr berührt. GANZ GENAUSO empfinde ich auch….
    Ich bin nicht einzigartig in meinen Empfindungen, die niemand so recht verstehen kann und will….Das tut so gut von dir zu lesen…!!
    Danke Christine!!!

  3. A. sagt:

    Ich sitze dann jetzt ein bißchen auf dem Sofa und weine…. 😢

  4. Claudia sagt:

    „Du wusstest nicht, dass Dein Bedürfnis nach Freiheit größer ist als Dein Wunsch, Mutter zu sein.“ Dieser sehr direkte Satz hat mich zum Weinen gebracht. Er trifft es bei mir genau, ich habe es nur nie gewagt, es mir einzugestehen. Es tut gut, dass es auch anderen Müttern manchmal so geht. So gerne wir unsere Kinder haben, aber als Mutter stellt man sich unweigerlich immer hinten an. Die Freiheit muss oftmals warten, aber für wie lange? Es tut nicht gut, gegen seine eigenen Bedürfnisse zu leben. Es schadet einem selber und auch dem Familiensystem. Die anderen Familienmitglieder merken irgendwann, dass die Mama nicht glücklich ist. Das Schlimmste, das dann passieren kann, ist, dass sich die Kinder die Schuld am Traurigsein der Mutter geben. Danke für den wunderbaren Text. Viele Grüße, Claudia

  5. Christine sagt:

    Ihr Lieben,

    ich danke euch von Herzen für eure Anteilnahme und eure offenen Worte. Das hat mich sehr berührt ♥

  6. Lydia sagt:

    Oh ich habe Deinen Text gerade 3 mal gelesen und ich kann ihn so nachempfinden und weiß so genau was Du meinst. Ich verbiete mir diese Gedanken und Gefühle sehr oft und doch sind sie da. Ich habe manchmal das Gefühl ich lebe da in zwei Welten, ähnlich wie Du es beschreibst. Aber sich selbst zu verleugnen kann nicht gut sein auf Dauer oder? Wenn Du eine Lösung gefunden hast, wirst Du es uns sicher wissen lassen ;-)) Fühl Dich gedrückt, Du bist nicht allein damit.

    1. Christine sagt:

      Hallo liebe Lydia,

      derzeit hilft mir tatsächlich am meisten, wenn ich mich nicht selbst verurteile oder mir nicht diese Gefühle verbiete. Diese aufsteigenden Gefühle sind ja nur ein Ausdruck von Bedürfnissen, die gerade in Mangel gekommen sind. Auch, wenn die Gesellschaft vielleicht meint, sie wären nicht angemessen. Verleugnen ändert ja nun auch nichts grundlegendes an der Situation, zumindest nichts an meiner Gefühlslage. Es ist auch viel schöner, mich selbst als Freundin und nicht als Feindin zu haben ;-)

      Aber da du gerade das Stichwort Lösung angesprochen hast: Ich habe in knapp zwei Wochen einen Termin zwecks eines Einzelcoachings vereinbart, in dem ich genau mein Dilemma ansprechen möchte. Ich erhoffe mir dadurch nochmal einen neutralen Blick auf die Situation einer außenstehenden Person und hoffentlich ein paar Lösungswege in Punkto Selbstbestimmtheit, von denen ich dann den für mich stimmigen wählen kann. Auf jeden Fall werde ich anschließend von meinen Erfahrungen hier auf meinem Blog berichten. Ich bin gespannt!

      Sei lieb gegrüßt!

  7. Ilka sagt:

    Liebe Christine, auch ich kann Deine Gefühle mal wieder total gut verstehen. Wir sind gerade auf Teneriffa und obwohl Oma und Opa sowie meine Schwester dabei sind und sich stundenweise um die Kinder kümmern, fehlt mir meine Selbstbestimmtheit immer wieder sehr. Einfach selbst entscheiden, noch eine Weile am Meer zu sitzen, Ausruhen wann ich es möchte, in Ruhe Essen etc.! Allerdings sehe ich hier anhand meiner Schwester, die Kinderlos ist und mir in ihren Bedürfnissen sehr ähnelt, wie es gewesen wäre, so ein Leben zu führen. Sie tut hier einfach was sie möchte, geht z.B. zur Massage und zum Sport, da war ich zu Beginn des Urlaubs echt neidisch. Das hat sich aber zu einem großen Teil relativiert. Sie beschäftigt sich mit Kleinigkeiten, die ich manchmal echt nur belächeln kann und für die ich gar keine Zeit habe:-) Sie trauert wiederum, dass sie keine Kinder hat. Ich denke egal, wie ich mich entschieden hätte, es wären schwierige Lebensphasen gekommen. Tauschen möchte daher nicht, denn irgendwann kommt auch bei uns wieder ein Stück Freiheit. Bei meiner Schwester bleibt aber alles gleich. Herzliche Grüße aus der Sonne! Ilka

  8. Sara sagt:

    Hallo Christine,
    bis vor kurzem hätte ich wohl gesagt: ja, ich kann dich zu 100% verstehen. Ich war einfach immer nur erschöpft, im Kampf mit mir selbst und meinen Gedanken und Gefühlen, vor allem Schuldgefühlen.
    Dann hatte ich wieder mal einen psychischen Zusammenbruch und war in der psychiatrischen Ambulanz unseres Uniklinikums, weil ich mich dort über die Möglichkeit eines stationären Aufenthalts erkundigen wollte, weil ich einfach nicht mehr weiter wusste. Da hörte ich das erste mal, das ich an einer mittelschweren Depression erkrankt bin. Ich war ehrlich gesagt völlig perplex, da ich damit verrückter Weise nicht gerechnet hatte. Aber weißt du was. Diese Diagnose hat mir die Augen geöffnet!! Ich habe mich dann doch wieder an meine Psychologin gewandt (die mir das letztes Jahr nie so ausdrücklich gesagt hatte, weil ich hauptsächlich wegen Problemen mit meiner Tochter da war) und bin seitdem wieder auf eigene Kosten in Therapie, weil ich mir davon mehr erhoffte.
    Sie zeigte mir den Film ,Ich hatte einen schwarzen Hund‘ auf YouTube. Da begriff ich, dass ich seit langem depressiv bin und nichts dafür kann, weil es eine Krankheit ist.
    Seitdem ich das begriffen habe arbeite ich stark an mir und rolle auch meine Kindheit auf. Das ist unheimlich heilsam, weil darin unter anderem der Schlüssel zu meinen heutigen Problemen zu finden ist.
    Ich beschäftige mich darüber hinaus sehr viel mit bedürfnisorientierter Erziehung und Wut bei Kindern und Erwachsenen.
    Was soll ich sagen. Ich werde gerade ein neuer Mensch und genieße die Zeit mit meiner Tochter. Ich empfinde Dinge, von denen ich dachte, dass sie durch die Hochsensibilität so extrem sind, viel viel weniger anstrengend und belastend. Ich kann jetzt seit Jahren endlich mal wieder sagen: ich bin glücklich und fühle mich gut und nicht ständig nur erschöpft. Es ist sicherlich noch ein langer Weg um wieder ,normal belastbar‘ zu werden, aber die Veränderungen der letzten Wochen geben mir die Hoffnung und den Willen, dass ich es schaffe.
    Außerdem nehme ich nach wie vor rein pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel, die sich positiv auf die Psyche auswirken. Die helfen auch unheimlich gut.

    Ich denke Christine, dass du auf dem richtigen Weg bist, wenn du dir von außen Hilfe holen willst.

    Vielleicht findet sich die eine oder andere ja auch in dem Video über den schwarzen Hund wieder, das sehr passend beschreibt, wie es sich anfühlt eine Depression zu haben. Ich hatte ehrlich gesagt niemals daran gedacht, dass ich depressiv sein könnte. Denn obwohl es eine der meisten psychischen Krankheiten ist, wusste ich dennoch so gut wie nichts darüber.

    Leider leiden Hochsensible offenbar ganz besonders oft an Depressionen. Ich kenne außer mir noch zwei weitere hochsensible Mütter über meine Tochter. Beide sind/waren depressiv, bzw. eine nimmt bis heute Antidepressiva. Auch dieses Wissen, dass ich damit nicht alleine bin, selbst in meinem direkten Umfeld, hilft unheimlich einfach zu akzeptieren, dass es so ist.

    Liebe Grüße Sara

  9. Karin sagt:

    Liebe Christine,
    DANKE von Herzen für diesen ehrlichen und berührenden Text!
    Mir sind die Tränen gekommen … „Ich wusste nicht dass mein Bedürfnis nach Freiheit größer ist als mein Wunsch Mutter zu sein“ – das spricht mir so aus der Seele. Es tut so gut zu lesen, dass ich nicht „verrückt“ und alleine bin, sondern dass es anderen Mamas auch so geht.
    Manchmal sehe ich mir ein Foto an, das im Wohnzimmer hängt, von mir am Strand in Florida, und ich denke mir: WER ist dieser Mensch? Oder wo ist er? Ich habe das Gefühl, dass der Mensch, die Frau, die ich früher war, einfach nicht mehr existiert, und das tut sehr weh.
    Danke nochmal für deinen Blog, es tut gut deine Briefe zu lesen.
    Karin

    1. Christine sagt:

      Hallo liebe Karin,

      du bist nicht alleine <3
      Und du existierst tatsächlich noch! Es gibt dieses Foto, das gut sichtbar im Wohnzimmer hängt und dich immer wieder an dich selbst erinnert <3 Irgendwann wird die Zeit kommen, in der du wieder mehr du selbst sein kannst, so wie damals in Florida. Ich glaube fest daran!
      Ganz liebe Grüße
      Christine

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