Hochsensibilität

Kennst du das? Du fühlst dich in einer großen Menschenmenge (z.B. im Einkaufscenter, auf Konzerten oder Festivals) schnell unwohl und von den Geräuschen, Gerüchen und Stimmungen regelrecht „erschlagen“? Du meldest dich gar nicht erst zum Mutter-Kind-Schwimmen an, weil du Angst vor den kritischen und beobachtenden Blicken der anderen Mütter hast? Du pendelst im Beisein deines Kindes permanent zwischen Langeweile und Überforderung? Dann gehörst auch du möglicherweise zu den Müttern, die hochsensibel sind.

Eins vorweg: Hochsensibilität ist keine Krankheit oder psychische Störung. Hochsensibilität bedeutet auch nicht zwangsläufig, dass die Betroffenen schüchtern oder hochbegabt sein müssen. Was aber alle hochsensiblen Personen (HSP) gemeinsam haben, ist, dass sie in besonderem Maße empfindsam sind, stärker als der Durchschnitt auf Reize reagieren und sie verarbeiten, sowie ihre Umwelt über die Sinnesorgane wesentlich ungefilterter wahrnehmen (meist überhaupt nicht gefiltert!), als Nicht-Hochsensible. Aber nicht immer werden nur einer oder mehrere der gängigen Sinne Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder Fühlen als besonders intensiv erlebt, sondern auch die eignen Stimmungen und Empfindungen.

Wo kinderlose Hochsensible in ihrem Alltag schon oft an ihre Grenzen kommen, ist die Gefahr bei hochsensiblen Müttern und Vätern groß, in einer permanenten Überforderung festzustecken und ihr Leben als unheimlichen Stresszustand wahrzunehmen.

Dem gilt es, wirksam vorzubeugen. Das Erkennen und Eingestehen der eigenen Hochsensibilität ist der erste Schritt in Richtung Entlastung. Danach gilt es, Wege zu finden, den Alltag zu entschleunigen und sich immer wieder Zeiten der Ruhe und der Erholung zu gönnen. Auch und gerade Eltern! Wer extrem unter Reizüberflutung und Stimmungen seiner Mitmenschen (ja, das betrifft natürlich auch die eigenen Kinder) leidet, der benötigt viel Ausgleich, um das alles zu kompensieren.

Inmitten der Schwierigkeit liegt die Möglichkeit.

Albert Einstein

Ich war immer schon ein „Sensibelchen“, aber dass ich hochsensibel bin, das wusste ich lange Zeit nicht. Erst eine TV-Dokumentation über hochsensible Männer und Frauen brachte mich zum Nachdenken. „Hey, so wie Denen geht es mir ja auch ständig!“ dachte ich die ganze Zeit. Kein Wunder, dass ich online direkt einen Test machte, ob ich auch zu den Betroffenen zählte und mir nach dieser ersten Bestätigung gleich ein Buch zu dem Thema bestellte.

Dieses Buch war „Zart besaitet“ von Georg Parlow und ich habe es quasi nickend durchgelesen, weil ich mich so oft darin wieder gefunden habe. Ich kann es dir empfehlen, wenn du dich allgemein mit dem Thema HSP vertraut machen möchtest. Auch bei Wikipedia findet du wertvolle Anmerkungen zu dem Phänomen.

Regelrecht verschlungen habe ich allerdings „Hochsensible Mütter“ von Brigitte Küster (ehemals Schorr). Darin geht es ausschließlich um die Bewältigung des Alltags als hochempfindsame Mama mit vielen hilfreichen Tipps für das Leben mit hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Kindern. Ich habe mich sehr angenommen und verstanden gefühlt und kann es dir nur wärmstens ans Herz legen.

Wenn du einen Test machen möchtest, ob du womöglich auch hochsensibel bist oder wenn du mit deiner Hochsensibilität nicht gut zurechtkommst, findest du unter zartbesaitet.net oder hochsensibelsein.de kompetente Anlaufstellen. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass bis heute noch keine neurowissenschaftliche anerkannte Definition des Phänomens namens Hochsensibilität (auch Hochsensitivität, Hypersensibilität oder Überempfindlichkeit genannt) existiert; ein Test also lediglich ein Anhaltspunkt bietet und keine „offizielle Diagnose“.

Jahrelang blieb meine Hochsensibilität unerkannt. Als Kinderlose hatte ich zwar auch immer schon Probleme, mich in großen Menschenmengen wohl zu fühlen, aber da ich ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben führte, konnte ich auch mehr oder weniger bewusst für einen erholsamen Ausgleich sorgen und mir viel Ruhe gönnen.

Dies ist die Erkenntnis von der Natur der Dinge:
Das Weiche, Schwache wird das Harte und Starke überdauern.

Laotse

Für mich ist es kein Zufall, dass ich erst als Mutter von meinem sensitiven Wesenszug erfahren habe. Die postpartale Depression, langes Hadern mit meiner Mutterrolle (und der damit verbundenen Verantwortung) sowie das ständige Gefühl, fremdbestimmt zu leben, erklären in meinen Augen rückblickend so manches.

Mein Mama-Blog spiegelt meine Hochsensibilität in nahezu jedem Blogbeitrag wider. Ich schreibe emotional und ehrlich, weil ich damit meine Empfindsamkeit zum Ausdruck bringe. Meine Kinder bringen mich genauso zum Lachen wie zum Weinen und vor allem immer wieder an meine Grenzen. Das ist gut so; lerne ich mich dadurch schließlich jeden Tag noch ein bisschen besser kennen.

Ich freue mich, wenn du dich in manchen meiner Gedanken wieder findest. Ich freue mich, dass du da bist!

Deine Christine