Lebensfragen

Mein Brief an Mütter mit Wochenbettdepression

Liebe traurige Seele,

meine Zeilen gehen an dich, wenn du seit der Geburt deines Kindes keine Freude mehr empfindest. Du hattest dir das Mamasein ganz anders vorgestellt, eigentlich solltest du doch jetzt glücklich sein, oder? Warum fühlt es sich dann so leer an? Du bist erschöpft, von was genau weißt du manchmal gar nicht so recht.

Du hattest dir doch so sehr dieses Kind gewünscht, hattest gedacht, der neue Alltag wäre ein Tanz zwischen den Sonnenstrahlen. Stattdessen verdunkeln Regenwolken deine Sicht und eine tiefe Traurigkeit hat Besitz von dir ergriffen. Du stehst so oft neben dir und hast schon so viele Tränen vergossen. Viel zu viele Tränen.

Keiner weiß, was wirklich in dir vorgeht. Sie kommen und lachen und erfreuen sich alle an deinem Kind. Sie umarmen dich, halten stolz dein Baby im Arm und beglückwünschen dich zu deinem neuen Leben. Du lächelst zurück, kochst Kaffee und backst ihnen Kuchen, erzählst ihnen, wie wundervoll alles ist. Du trägst nur eine Maske. Wenn sie weg sind, kehrt der kraftlose Gesichtsausdruck wieder zurück. Nichts ist wundervoll. Nichts ist mehr, wie es war.

Dein Mann ist ratlos, er weiß nicht, warum du so schwermütig bist und wie er dir helfen kann. Du hast Schuldgefühle und schämst dich. Er tut so viel und du bist mit allem überfordert und belastest alle nur.

Mein Brief an Mütter mit WochenbettdepressionDu wolltest die perfekte Mutter sein, nebenbei das bisschen Haushalt schmeißen und deine alten Hobbies pflegen. Der Spagat ist einfach zu groß. Jetzt bist du ein Häufchen Elend, das nicht mal mehr für sich selbst sorgen kann. Du kannst dich nicht ausreichend um dein Kind kümmern, weil du selbst Jemanden bräuchtest, der dir hilft.

Du hast im Internet nach Hilfe gesucht, nach Jemandem, der dasselbe durchgemacht hat und dich versteht. Die einen sagen, es wird besser. Die anderen erschrecken vor deinen Problemen. Alle geben Tipps und sagen, es könnte schlimmer sein. Niemand versteht dich.

So oft hast du dunkle Gedanken, für die du dich schämst. Du willst dein altes Leben zurück, koste es, was es wolle. Du erschrickst vor diesen Zwangsgedanken und hast Angst. Angst um dein Kind, Angst vor dir selbst.

Du erkennst dich selbst nicht mehr wieder. Früher warst du doch so ein lebensfroher Mensch. Und jetzt? Du schleppst dich erschöpft durch deinen neuen Mamaalltag, der für dich alles andere als lebenswert ist. Dein neues Leben ist der Horror, dein altes Leben längst gestorben.

Mein Brief an Mütter mit WochenbettdepressionWann kommt endlich das Licht am Ende des Tunnels, nach dem du dich so sehr sehnst? Wann hast du endlich wieder mehr Zeit für dich, wann muss sich nicht alles vierundzwanzig Stunden am Tag um dein Baby drehen? Immer musst du Rücksicht auf das Kind nehmen, auf dich selbst kannst du nicht mehr achten. Alle erwarten, dass du glücklich in deiner Mutterrolle aufgehst.

Du bist längst nicht mehr Herrin der Lage. Alle anderen Mütter um dich herum scheinen ihr neues Leben mit Leichtigkeit zu meistern. Du fühlst dich der überwältigenden Verantwortung nicht gewachsen zu sein. Du denkst, du wärst eine schlechte Mutter, die alles falsch macht.

Deine Selbstvorwürfe erdrücken dich. Hättest du dein früheres Leben doch noch mehr ausgekostet, hättest du doch die Zeit ohne Kind noch mehr genossen! Selbst schuld, dass du ein Kind wolltest, das hast du jetzt davon, redest du dir ein.

Mein Brief an Mütter mit WochenbettdepressionLiebe traurige Seele, ich möchte dir sagen, dass dich keine Schuld trifft. Postpartale Depressionen treffen so viele Mütter und niemand hat Schuld daran. Schäme dich nicht für deine Gefühle, sie sind ein wichtiger Teil deines Heilungsprozesses. Du bist eine liebenswerte Frau, die es wert ist, glücklich zu sein. Vergiss das bitte nie.
Ich wünsche dir alle Kraft der Welt, diese schwere Zeit durchzustehen.

Du bist nicht alleine.

Fotos mit freundlicher Unterstützung von © Abbat, © Danie Franco, © Emiliano Vittoriosi, © Zulmaury Saavedra, unsplash.com

8 Gedanken zu „Mein Brief an Mütter mit Wochenbettdepression“

  1. MamaIchundIch sagt:

    Toller Brief. Du sprichst mit deinem Text genau das aus, was ich die ersten Monate mit Kind auch gefühlt und gedacht habe. Danke! Vor allem das Gefühl, dass man die einzige ist, die nichts geregelt kriegt und so fühlt. Kaum einer redet da offen drüber.

    1. Christine sagt:

      Liebe MamaIchundIch,

      es freut mich, dass dich mein Brief so angesprochen hat. Ich hoffe, dass es dir heute besser geht als damals!
      Alles Liebe dir ♡

  2. Sophia Schöttes sagt:

    Hallo,
    Ich hätte es nicht besser schreiben können ! genau das Wort für Wort habe ich so gefühlt u noch soviel mehr könnte ich sagen…. Es ist wunderbar ehrlich geschrieben u ja auch ich habe so.. genau so gefühlt !!!!! Es tut sehr gut zu wissen das man nicht alleine damit ist DANKE

    1. Christine sagt:

      Liebe Sophia,

      sei herzlich willkommen auf meinem Mama-Blog für hochsensible Mütter, schön, dass du meinen Brief gefunden hast und er dich so angesprochen hat!
      Auf der anderen Seite tut es mir leid zu lesen, dass du das gleiche gefühlt hast wie ich damals – es war eine schlimme Zeit, nicht wahr?
      Ich danke dir, dass du dich so öffnen konntest und mir so ein ehrliches Feedback gegeben hast! Das bedeutet mir auch sehr viel ♡
      Alles Liebe dir!
      Christine

  3. Katinka sagt:

    Welch wahre Worte. Mir geht es leider seit 1 Jahr genauso und habe mich genau mit allen Gefühlen hier wiedergefunden. Ich mach schon Therapie und nehme Medikamente, aber ich sehne die Zeit herbei es endlich hinter mir zu lassen und das Leben mit meiner kleinen Familie genießen zu können. Danke Dir, dass Du hier so offen damit umgehst. Es tut gut zu wissen, dass man nicht allein ist. :(

    1. Christine sagt:

      Liebe Katinka,

      es freut mich, dass du den Weg zu meinem Blog gefunden hast und es berührt mich sehr, wie offen du hier über deine eigenen Gefühle sprechen kannst. Toll, dass du den Mut aufbringen konntest, mit deinen postpartalen Depressionen zum Therapeuten zu gehen. Aus eigener Erfahrung heraus, weiß ich, wie schwer es sein kann, darüber mit einer fremden Person zu sprechen, aber auch, wie hilfreich und heilend es ist.

      Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und dass du dein Familienleben bald so genießen kannst, wie du es dir herbeisehnst!
      Alles Liebe dir
      Christine

  4. Bebsi Pepsi sagt:

    Vielen Dank für diesen ehrlichen Brief. Heute noch liege ich manchmal wach und habe das Gefühl, das wird mich ewig begleiten. Dass ich meinen Baby-Jungen am Anfang nicht die Fürsorge geben konnte, die er gebraucht hätte. Obwohl er doch so klein und schutzbedürftig war. Aber heute kann ich sehen, dass ich nicht ich selbst war. Dass niemand Schuld hat, ich auch nicht – es ist eine Krankheit. Meine Therapeutin hat mir etwas gesagt, was mir sehr geholfen hat – und ich hoffe, es hilft vielleicht auch jemand anderem: Sie haben noch sein ganzes Leben, um das wieder aufzuholen…

    1. Christine sagt:

      Liebe Bebsi Pepsi,

      vielen Dank auch dir für deine ehrlichen Worte. Es ist ein langer Prozess, durch den du schon gegangen bist und ich freue mich von Herzen mit dir, dass du an einem Punkt angelangt bist, an dem du dir nicht mehr die Schuld dafür gibst, was damals war. Ich wünsche dir auch weiterhin viel Mitgefühl mit dir selbst auf deinem weiteren Weg.
      Den schönen Satz deiner Therapeutin habe ich letztens an eine andere verzweifelte Leserin weitergeleitet – vielen lieben Dank dafür ♥

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