Lebensfragen

Ich bin nicht die geborene Mutter

Ich glaube jede Frau, die Mutter werden will, tut dies vor allem, um ihrem Leben noch einen tieferen Sinn zu geben. Als Kinderlose fühlt man sich vielleicht unvollständig, die berufliche Erfüllung allein kann doch nicht Erfüllung genug sein, man denkt darüber nach, der Welt etwas zu hinterlassen, wenn man selbst irgendwann nicht mehr ist. Mein Mann und ich waren beide sehr glücklich miteinander und so sollte ein Kind, besser noch zwei, unser Leben nur noch bereichern. Ich hatte nur eine Sache unterschätzt: Man wird nicht automatisch als Mutter geboren. Jedenfalls nicht mit meiner Vorgeschichte.

Gesellschaft

Hochsensibel, freiheitsliebend schwanger: So gelingt der Start ins Muttersein leichter

Die schönste Zeit, seit ich Mutter bin, erlebte ich während meiner ersten Schwangerschaft. Voller Vorfreude auf das Leben zu Dritt ahnte ich noch nicht, welch schwere Zeiten einmal auf mich zukommen würden. Damals wusste ich weder etwas von meiner Hochsensibilität noch von meinem starken Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Zeit für mich. Natürlich merkte ich, dass ich bereits als kinderlose Frau sehr sensibel reagierte und gerne viel Zeit alleine verbrachte, aber ich nahm naiverweise an, dass diese Empfindungen mit der Geburt des ersehnten Kindes ganz alleine wie von Zauberhand verschwinden würden. Als ob mit dem Kind automatisch ein dickeres Fell dazugeliefert würde und sich der Wunsch, jemals wieder etwas ohne den Nachwuchs machen zu wollen, in Luft auflöste.

Lebensfragen

Das innere Kind

Das kleine Mädchen stand am Zaun, den Blick in meine Richtung gerichtet. Es wartete auf mich und ich erkannte es bereits von Weitem. Mit seiner roten Brille und den zwei Zöpfen, die an beiden Seiten des Kopfes keck nach Außen standen, erinnerte es mich sofort an mich früher. Natürlich tut es das, dachte ich bei mir selbst, während ich weiter auf den Zaun zuging, immerhin befand ich mich gerade auf einer inneren Reise zu mir selbst und begegnete gleich zum ersten Mal ganz bewusst meinem inneren Kind. Ein bisschen mulmig war mir schon zumute. Wie würde das kleine Mädchen auf meinen Besuch reagieren? Würde es sich freuen oder gar weglaufen, mich vielleicht sogar beschimpfen, weil ich mich so lange nicht um es gekümmert hatte? Ich atmete noch einmal tief durch und drückte dann entschlossen die Klinke des hölzernen Tores herunter, um meinem inneren Kind entgegen zu treten.

Lebensfragen

Im siebten Jahr Mamasein: Ich nehme die Mutterrolle an

„Es war einmal ein Vogel, der wünschte sich nichts sehnlicher als zwei Küken. Eines Tages fand er zwei Eier in seinem Nest. Nacheinander brütete er sie aus. Aber als die Küken geschlüpft waren, da legte sich ein Käfig über die kleine Vogelfamilie und mit ihm eine große Schwere. Wo vorher Gezwitscher und Vogelgesang vernehmbar war, herrschte nun Traurigkeit und Entsetzen. Der Vogel empfand plötzlich eine große Wehmut. Der Käfig hielt ihn gefangen und seine Freiheit schien dahin. Er rüttelte so fest er konnte an den Käfigstäben, kämpfte wie besessen, aber er fand keinen Ausweg, keine Tür, die ihm das Glück der Freiheit wiederbringen konnte.

Mama-Momente

Die Straße der Freiheit

Die Wehmut traf mich wie ein Blitzschlag. Wahrscheinlich, weil mehrere Faktoren zusammenkamen, immerhin war es nicht die erste Autofahrt seit wir Kinder haben, weiß Gott nicht! Und dennoch, als wir die Autobahn entlangbrausten, vorbei an Raststätten, Maisfeldern und Lagerhallen, überkam sie mich wieder, die Sehnsucht nach alten Zeiten. Zeiten, in denen mein Mann und ich uns abends mit guter Musik ins Auto setzten und durch die schwach beleuchtete Gegend oder mithilfe von Straßenlaternen und bunten Neonröhren effektvoll in Szene gesetzte Großstädte kurvten. Die Straße war unser Symbol für Freiheit, ahnten wir doch damals noch nicht, wie schnell wir diese einmal verlassen würden.

Mama-Momente

Die Kluft. Wenn eine Schlucht zwischen mir und meinen Kindern existiert

Jetzt ist sie wieder da. Die Kluft, der einzige Name, der diesen Zustand am ehesten beschreibt. Eine scheinbar unüberwindbare Schlucht zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite stehen die Kinder, auf der anderes Seite stehe ich. Es sind die Momente, in denen meine Resignation über das Verständnis vor ihrer Andersartigkeit siegt. Die Andersartigkeit, damit meine ich den kindlichen Zustand. Eine Welt, mit der ich so oft überfordert bin, vielleicht liegt meine eigene Kindheit einfach schon zu lange zurück. Vielleicht hatte ich auch selbst zu wenig davon, so dass es mir immer wieder aufs Neue schwerfällt, mich in meine Kinder hinein zu fühlen.

Kinderkram

Wohnen hier überhaupt Kinder?

In der Tat, eine berechtigte Frage. Nein, sie wurde mir noch nicht gestellt. Außer natürlich schon ganz oft von meiner inneren Stimme, vornehmlich als schlechtes Gewissen verkleidet. Und dennoch grenzt es förmlich an ein Wunder, dass mich noch kein Besucher irritiert auf die fehlenden Hinweise zweier vorhandener Kinder aufmerksam gemacht hat. Vielleicht liegt es daran, dass wir selten Besuch bekommen, außer von unseren Eltern oder ein paar polnischen Handwerkern, die in dem Altbau mal wieder etwas reparieren müssen. Handwerker fragen nicht nach nicht-vorhandenem Spielzeug. Und unsere Eltern halten sich vielleicht diskret zurück. Dennoch: Sollte man beim Betreten eines Hauses, in dem auch kleine Kinder leben, nicht augenblicklich über ein paar Legosteine und Spielzeugfiguren stolpern?

Mama-Momente

Die gestutzten Flügel

Manchmal befürchte ich, dich verloren zu haben. Ich versuche oft, mir dein Gesicht in Erinnerung zu rufen. Orte, an denen du gewesen bist, nicht nur mit deinem Körper, sondern auch mit deinem Herzen. Kannst du dich noch an den grandiosen Sternenhimmel erinnern, unter dem du standest, mitten in der Nacht auf dem weiten Feldacker? Du fühltest dich so klein und gleichzeitig verbunden mit allem. Oder als du auf dem runden Geburtstag deines Großvaters die Sonate von Vivaldi auf deiner Geige zum Besten gegeben hast. Du hattest so lange das schwierige Stück geübt und beim letzten Bogenstrich unter tosendem Applaus gemerkt wie perfekt dein Vortrag war. Du hast gespürt, wie leicht das Leben sich anfühlen kann. Das scheint lange her.

Im Dialog

Gastbeitrag auf Zartbesaitet.net zum Thema Regretting Motherhood

Als mich Ingrid Parlow vom Verein „Zartbesaitet“ fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Gastbeitrag zum Thema „Regretting Motherhood“ für ihren neu errichteten Blog zu schreiben, fühlte ich mich mehr als nur geehrt – tatsächlich schwankte ich zwischen Ohnmächtig werden und Ausflippen vor Freude! Ausgerechnet zartbesaitet.net! Für mich die Königin unter den Institutionen zum Thema Hochsensibilität!