Mama-Momente

Der Boden unter den Füßen weggerissen

Der Boden wurde mir unter den Füßen weggerissen und ich falle. Es fühlt sich an wie die Fahrt mit einem schnellen Fahrstuhl vom Dach eines Hochhauses bis in den Keller in drei Sekunden. Das Herz macht einen unangenehmen Hopser, gelangt aus seinem Rhythmus und deine Knie werden weich, weil du dich im freien Raum befindest, ohne zu wissen, wann du wieder landen wirst. Kennst du das Gefühl? Mit mir ist genau das heute passiert. Das Telefon klingelte. Ein Anruf vom heilpädagogischen Kindergarten, in den unser Sohn Maxi ab übermorgen gehen soll. Dem Jugendamt würden noch Unterlagen fehlen, der Aufnahmetermin müsse daher auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben werden. Die Nachricht löste beinahe einen Nervenzusammenbruch in mir aus.

Gesellschaft

Autismus?

Mein lieber Maxi,

zwei Wochen ist es nun her, seit wir die Praxis des Kinderpsychologen mit einer Diagnose für dich verlassen haben: Autismus. Genauer gesagt „Atypischer Autismus“. Es war ein surrealer Moment, obwohl uns der Arzt schon Wochen vorher mit dieser möglichen „seelischen Behinderung“, wie er es nannte, konfrontiert hatte. Wir hatten also Zeit genug gehabt, uns auf einen eventuellen Autismus einzustellen und uns schon einmal einzulesen in die Thematik. Und doch war es wie ein kleiner Schockzustand, in dem ich anschließend schwebte. Und, wie gesagt, surreal. Eben noch die Diagnose erhalten, standen wir beide dreißig Minuten später bei REWE an der Kasse und bezahlten unser Mittagessen. Das Leben musste eben weitergehen, keine Zeit zum Luftholen. Es erinnerte mich an den Zustand nach deiner Geburt.

Mama-Momente

Zweiundzwanzig Tage bis zum Licht am Ende des Tunnels

Zweiundzwanzig. Das war sie nun also, die magische Zahl. Ich überprüfte das Ergebnis nochmal, nur um sicher zu gehen, aber es stimmte. Zweiundzwanzig Tage Selbstbetreuung, die noch vor mir lagen. Das waren weniger, als ich erwartet hatte, bevor ich den Kalender gezückt und jeden Wochentag von Montag bis Freitag bis zum Datum unseres Umzugs einzeln mit dem Finger nachgefahren war. Mittwoche ausgenommen, an denen betreut meine Mutter meinen Fünfjährigen. Zweiundzwanzig. Ich spürte das innere Lächeln, ein Flügelschlag von Leichtigkeit und das Gefühl, Licht am Ende meines persönlichen Tunnels zu sehen.

Mama-Momente

Achtsame Begleitung – Mein Weg der Eigenbetreuung

So geht es nicht weiter. Das waren meine letzten Worte. Geschrieben, aber vielmehr gedacht und gesagt, geheult und geschrieen. Die Eigenbetreuung meines Sohnes Maxi wurde bereits nach kurzer Zeit für mich ein schier unmögliches Unterfangen. Ich war mit meiner Kraft am Ende. Dabei waren seit seinem Kindergartenabschied gerade erst vier Wochen vergangen. „Von wegen „erst“. „Schon“ hätte ich schreiben sollen“, dachte ich bei mir. Denn dass mein Fünfjähriger so viele Stunden am Tag um mich herumwuselte, bespaßt werden und meine volle Aufmerksamkeit geschenkt bekommen wollte, das war ich weiß Gott nicht gewohnt und absolutes Neuland für uns beide. Und jetzt schlitterten wir Zwei geradewegs Richtung Abgrund.

Mama-Momente

„Danke, Oma!“ Hilfe aus dem Jenseits – Spuk, Schwachsinn oder Segen?

Liebe Oma,

erst heute Mittag war es wieder so weit. Maxi wollte nach dem Mittagsschlaf auch für den Nachmittag unbedingt eine Windel umgebunden bekommen und ich konnte das einfach so akzeptieren. Ohne ihn daran zu erinnern, dass er bald fünf Jahre alt wird. Ohne Augenrollen oder hörbares Aufstöhnen. Ja, selbst in mir drin, wo keiner zuguckt oder zuhört, konnte ich das einfach so hinnehmen, ganz ohne Bewertung. Und in diesem Moment hörte ich deine Stimme. „Gut gemacht!“ sagtest du anerkennend und ich war selbst stolz wie Oskar auf mich. Maxi hatte von all dem nichts mitbekommen. Wie auch? Schließlich kannst du nicht mehr einfach mit uns sprechen, denn du bist schon seit vielen Jahren tot.

Mama-Momente

Das weiße Pferd

Es gibt Dinge im Leben, die passieren einfach. Passieren mir, passieren dir. Lohnt es sich, sie zu hinterfragen? Wer weiß das schon.

Ich sitze in meinem Lesesessel. Du hast mich gerade etwas gefragt. Ich weiß nicht mehr was, aber wahrscheinlich hat es mit meinem Gemütszustand zu tun, denn ich breche als Antwort in Tränen aus.

Mama-Momente

Eigenbetreuung statt Kindergarten: Türen auf für einen Neuanfang

Die Stille breitete sich wieder in meinem Kopf aus. Zu viele Gedanken, die nicht in Worte gefasst werden konnten. Ich fühlte mich wie im Zentrum eines Wirbelsturms, in dem man kurioserweise nichts von dem Trubel um einen herum mitbekommt. Aber eigentlich war gar nichts still. Weder in mir drin, noch um mich herum. Der Baum stand selbst am Heilig Abend noch ungeschmückt im Wohnzimmer, der Dreijährige lag mit hohem Fieber im Bett und der Mann schleppte heimlich die Geschenke aus dem Keller in den vierten Stock. Das Christkind hatte es dieses Jahr wohl in der Eile nicht die Treppen hoch geschafft.
Währenddessen waren Maxi und ich auf dem Weg in die Dorfkirche zum Weihnachtsgottesdienst. Wildes Glockengeläut empfing uns bereits mehrere Straßen vom Kirchplatz entfernt. Es klang festlich, geradezu majestätisch, so dass es einem durch und durch geht und eine Gänsehaut beschert. Es hörte sich an wie die Einläutung einer neuen Ära. Der passende Soundtrack zu einem neuen Lebensabschnitt. Aber genau das war es ja auch für uns beide.