Mama-Momente

Wenn der Lieblingsplatz nicht bei Mama ist


Es war eine simple Frage in diesem Freundebuch, das Maxi aus dem Kindergarten freudestrahlend mit nach Hause gebracht hatte („Guck mal Mama, mit Hello Kitty drauf!!“). Besagtes Buch von Antonia machte gerade die Runde und lag an diesem Nachmittag nun auf unserem Esstisch, bereit, sämtliche Vorlieben meines Vierjährigen niedergekritzelt zu bekommen. Ich las meinem Sohn die Fragen vor und schrieb seine Antworten dann in die entsprechende Lücke. So der Plan. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht.

Die Standardfragen hatten wir bereits erfolgreich durchgearbeitet (Lieblingsessen? Pizza, Nudeln, Erbsen und Möhren. Lieblingstier? Waldwuffel vom „Traumzauberbaum“), aber als es zur letzten Frage ging, rollte ich bereits mit den Augen, noch bevor ich sie meinem Sohn gestellt hatte: „Wo ist dein Lieblingsplatz?“ stand da. Und ich wusste, noch bevor Maxi den Mund zum Antworten öffnen konnte, was ich auf die durchgezogene Linie schreiben würde. Schreiben würde müssen: Omi. Denn meine Mutter ist, offensichtlich und für Jeden in unserem Umfeld, der genau hinsieht, die Lieblingsperson schlechthin für meinen Sohn.

Omi hier, Omi da, wann fahre ich wieder alleine zur Omi? Seit gefühlt vier Jahren gibt es nur eine Person, die irgendwann einmal heilig gesprochen werden müsste, ginge es nach der Meinung unseres Kindes. Kein Familienmitglied kann ihr das Wasser reichen.

Wenn der Lieblingsplatz nicht bei Mama ist
Ein Dauerzustand, der mir lange Zeit ein Dorn im Auge war. Versteh mich nicht falsch: Natürlich bin ich froh, dass meine Söhne eine gute Beziehung zu ihren Großeltern haben und gerne dort hin gehen. Und, dass Kinder sowieso immer lieber bei Oma und Opa sind, weil es da a) Süßigkeiten b) Fernsehen und c) gute Laune seitens der Großeltern bis zum Abwinken gibt, daran ist auch in der Regel nichts einzuwenden. Schließlich wollen Großeltern ihre Enkel in der kurzen Zeit, wie sie sie sehen, gerne verwöhnen. Bis hierhin ist alles gut.

In dem Wissen, dass meine Mutter, sprich „Omi“, bei meinem Maxi jedoch quasi seit Geburt an die unanfechtbare Hauptrolle spielt, stellte ich meine Mutter-Sohn-Beziehung bereits mehr als einmal in Frage. Heißt es nicht überall, dass die Eltern bei Kindern immer die Nummer Eins sind?

Ein Kind will, wenn es Angst hat, zur Mama. Klettert zum Kuscheln auf Mamas Schoß und antwortet, wenn es nach seinem Lieblingsplatz gefragt wird, mit „da wo Mama ist!“.
Als Maxi letztens einmal nachts aus einem Alptraum aufschreckte, heulte er laut „Ich will zu Omiiiii!“ Und auf besagte Frage in Antonias Freundebuch nach seinem Lieblingsplatz, antwortete Maxi freudestrahlend „Bei der Omi!“

Ich gebe zu, ich war verletzt, enttäuscht und wütend. Obwohl es ja so vorhersehbar gewesen war. Die Versuchung lag nahe, eine andere Antwort zu notieren. Eine „normale“, „logische“ Antwort, wie andere Kinder sie auf den Vorseiten gegeben hatten. Maxi konnte ohnehin noch nicht lesen, also würde er es gar nicht bemerken… Nein, ich brachte es nicht übers Herz. Aber es brachte mich zum Nachdenken.

Wenn der Lieblingsplatz nicht bei Mama ist
Warum konnte ich es denn einfach nicht akzeptieren, dass Maxi eine engere Beziehung zu seiner Omi pflegte, als zu mir? Waren es etwa immer noch die Auswirkungen unserer Anfangsschwierigkeiten nach seiner Geburt? Dass er lange Zeit mit meiner Ablehnung ihm gegenüber leben musste? Oder lag es einfach an der Tatsache, dass die Omi in vielen Dingen nicht so streng ist wie wir Eltern oder seine anderen Großeltern? Dass die Omi im Gegensatz zu mir wirklich Spaß daran hat, stundenlang mit meinen Kindern auf dem Spielteppich zu hocken und alles mitzumachen, was ein Drei- und ein Vierjähriger eben gerne so machen?

Was war also so schlimm an der Sache, dass Maxi sich nun mal seine Lieblingsperson selbst ausgesucht und nicht Mama oder Papa auserkoren hatte? Immerhin suchen wir uns, wenn wir älter sind, Freunde und Partner auch nach unserem Geschmack aus und nicht, weil die Gene uns sagen, wen wir gerne haben sollen. Und nur, weil wir Kinder haben, heißt das doch nicht, dass wir sie besitzen und über sie und ihre Gefühle bestimmen dürfen. Wollte ich meinem Sohn jetzt Zeit seines Lebens Steine in den Weg legen, nur weil zwischen ihm und meiner Mutter einfach die Chemie besser stimmte?

Vielleicht kämpfte ich tatsächlich seit mehr als vier Jahren immer noch um Maxis Gunst. Wollte ihm womöglich tagtäglich beweisen, dass es auch noch eine andere Frau in seiner unmittelbaren Nähe gibt, der er so bedingungslos vertrauen kann. Vielleicht war es auch die Angst, Andere könnten blöd gucken und sich denken, dass da doch etwas „nicht normal sein kann in der Familie“. Vielleicht war es auch alles zusammen.

Wenn der Lieblingsplatz nicht bei Mama ist
Jedenfalls beschloss ich vor einiger Zeit, innerlich nun endgültig loszulassen. Loslassen ist oft ein befreiender Akt. Zumindest, wenn man etwas freilässt, was man gut entbehren kann. Deswegen fiel es mir weiß Gott nicht leicht, meinen Sohn sinnbildlich loszulassen. Dennoch: Am Wichtigsten war es mir doch, dass er glücklich ist. Und wenn dies nun mal bedeuten sollte, dass er in Gegenwart seiner Omi am Glücklichsten ist, dann wollte ich mich innerlich auch nicht mehr dagegen stellen. Der Schritt war schwer. Und schmerzhaft. Aber, einmal gegangen, fühlte es sich kurioserweise plötzlich sehr leicht und befreit an.

Und, was noch seltsamer war: Meine Beziehung zu Maxi nahm unmittelbar nach diesem Schritt Dimensionen an, von denen ich bis dahin nur zu Träumen gewagt hatte. Obwohl ich das Ganze ja nur leise mit mir selbst ausgemacht und ihm nichts davon erzählt hatte.

Alles fing damit an, dass Maxi immer häufiger betonte, er wolle auch mal endlich wieder etwas mit mir machen. So eine Äußerung war mir grundsätzlich nicht fremd, aber jetzt wurde sie bereits zum vierten Mal am Tag ausgesprochen! Einen anderen Abend bekam unser Ältester einen Heulkrampf, weil Mama ihn nicht zum Bett geleiten konnte. Der Gipfel war aber definitiv erreicht, als Maxi neidisch zu meiner geplanten Einkaufstour mit Bruder Mini rüberschielte, obwohl ihn in der Zeit ein Tag bei der Omi erwartete.

Ich gebe zu, ich konnte mehr als nur einmal fassungslos und mit herunter geklappter Kinnlade den Kopf schütteln. Aber nicht nur Maxis Verhalten änderte sich dadurch. Auch ich vernahm plötzlich den Drang, Dinge zu tun, die ich sonst nicht tat. Heute Morgen holte ich ihn sogar drei Stunden (in Worten: -d-r-e-i-) eher vom Kindergarten ab, nur, um noch alleine Zeit mit ihm verbringen zu können, bevor es für die Jungs heute Nachmittag zur Oma (der Mutter meines Mannes) ging. Wenn du schon länger auf meinem Mama-Blog mitliest, wirst du wissen, dass das bis vor kurzem noch eine völlig undenkbare Vorstellung gewesen wäre, immerhin bin ich aufgrund von Maxis Rumpelstilzchenverhalten nicht besonders scharf darauf, freiwillig meine freie Zeit für ihn herzugeben.

Wenn der Lieblingsplatz nicht bei Mama ist
Was soll ich sagen? Es war ein schöner und lustiger Vormittag, dort auf dem Spielplatz und anschließend bei McDonalds. Eine richtig entspannte Mutter-Sohn-Zeit, die mich phasenweise sogar erahnen ließ, warum andere Mütter so von der gemeinsamen Zeit mit ihrem Nachwuchs zehren. Du siehst, langsam wird es mir unheimlich, das Muttersein.

Dass Maxi nun seinen Lieblingsplatz bei der Omi gegen den auf meinem Schoß eintauschen wird, davon gehe ich nicht aus. Aber es ist auch gar nicht mehr mein heimlicher Wunsch. Auf meinem Schoß ist trotzdem immer ein Plätzchen für ihn reserviert, wenn ihn ab und an auch mal die Sehnsucht nach seiner Mutter packt. Die Hauptsache ist doch, er fühlt sich geliebt. Egal, wo er gerade ist.

6 Gedanken zu „Wenn der Lieblingsplatz nicht bei Mama ist“

  1. Kerstin sagt:

    Wow – ohne Worte!

    1. Christine sagt:

      Freut mich, dass mein Bericht dich so berührt hat!

  2. Melanie sagt:

    Liebe Christine!
    Sehr schön geschrieben und beschrieben.
    Aber wann warst du bei uns? Ich habe dich gar nicht bemerkt…
    Bei unserem Ältesten (3 1/2) ist es sehr ähnlich. Auch wir sprechen nur von der heiligen Oma (meine Schwiegermutter). Da der Große tatsächlich optisch ein Minipapa ist, flog ihm das Herz von Oma nur so zu…
    Doch erstaunlich, wie vieles sich löst, wenn man sich traut, loszulassen.
    Danke für Deinen schönen Bericht!
    Liebe Grüße,
    Melanie

    1. Christine sagt:

      Liebe Melanie,

      ist das denn für dich noch mal mehr schwieriger (gewesen), weil die „heilige Oma“ deine Schwiegermutter ist? Hast du sonst ein eher gutes Verhältnis zu ihr? Wahrscheinlich kann man das pauschal gar nicht so beantworten, man hat ja nicht den direkten Vergleich zur anderen Oma.
      Ich persönlich bin jedenfalls trotz der Schwierigkeiten dankbar, dass nicht die Beziehung zwischen meinen Kindern und der Mutter meines Mannes so übertrieben eng ist. Zumindest hätte diese Konstellation viel eher noch unsere Partnerschaft belasten können.

      Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute und ein harmonisches Miteinander!
      Danke für deinen ehrlichen Einblick, dass es bei euch ähnlich aussieht. Das bedeutet mir wiederum sehr viel!

      Christine

  3. Melanie sagt:

    Hallo Christine!
    Ich habe zu meiner Mutter keinen Kontakt mehr, so dass mir der Vergleich fehlt. Das ist aber vielleicht auch ein Grund dafür, das ich mich mit der großen Liebe zwischen Oma und meinen Sohn gut arrangieren kann. Wenigstens eine Oma ist für ihn da und liebt ihn so wie wir.
    Größere Sorgen hat es mir bereitet,ob die jüngeren Brüder (2 und 7 Monate) da das Nachsehen haben werden. Aber bis jetzt gibt es keine Unterschiede, alle werden recht ähnlich behandelt.
    Ich wünsche mir nur, dass sich dies nie ändert!
    Glücklicherweise habe ich ein sehr entspanntes und gutes Verhältnis zu meiner Schwiegermutter, was auch daran liegt, dass wir uns nicht unähnlich sind und auch über Sachen offen sprechen können, die wir doof finden.
    Einen tollen Blog hast du hier und ich mag deinen offenen Schreibstil sehr!
    Alles Gute für dich und deine Herzensmenschen.
    Liebe Grüße,
    Melanie

    1. Christine sagt:

      Liebe Melanie,

      es tut mir leid, dass du zu deiner Mutter keinen Kontakt mehr hast – was immer auch die Gründe dafür sein mögen.
      Umso mehr freut es mich, dass du dich mit deiner Schwiegermutter so gut verstehst und ihr sogar ähnlich tickt!
      Ich glaube, wenn du jetzt noch keinen großen Unterschied im Verhalten der Oma zu ihren Enkeln merkst, brauchst du dir für die Zukunft auch keine Sorgen zu machen. Wobei es sicherlich auch ein Stück normal ist, wenn auch Großeltern ihre Lieblingsenkel haben (kenne ich auch aus eigener Erfahrung). Solange sie den anderen auch das Gefühl geben, geliebt zu sein, finde ich das völlig in Ordnung!

      Danke für deinen Kommentar und deine lieben Worte zu meinem Mama-Blog :)

      Viele Grüße
      Christine

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