Mama-Momente

„Ich war hochsensibel und wusste es nicht.“ Mein mühsames Leben als Kind und Jugendliche

Von meiner Hochsensibilität weiß ich erst, seit ich Mutter meines jüngsten Sohnes bin. Das ist, im Gegensatz zu meinem restlichen Leben, nur ein kleiner Bruchteil. In den vier Jahren konnte ich rückblickend viel verstehen, akzeptieren und mich selbst annehmen. Die Zeit davor glich allerdings mehr einem Spießroutenlauf, inklusive Steinen, die ich mir zusätzlich selbst in den Weg legte. Irgendwann konnte ich mich selbst nicht mehr lieben. Und meine Eltern taten sich auch nicht immer leicht mit meiner Sensitivität.

Meine Hochsensibilität habe ich lange Zeit nicht als einen Segen empfunden. Schon gar nicht in jungen Jahren, obwohl (oder vielleicht gerade deswegen) es damals für diesen Wesenszug noch nicht mal einen Namen gab. Zu schüchtern, zu angepasst, zu still. So nahm mich meine Umwelt wahr, immer mit dieser unausgesprochenen Bitte, ich möge doch endlich selbstbewusster, forscher und durchsetzungsfähiger werden und meine Dünnhäutigkeit ablegen.

Ich wünschte es mir genauso, wurde mir doch suggeriert, so, wie ich bin, sei ich falsch, und trotzdem konnte ich nichts daran ändern.

„Ich war hochsensibel und wusste es nicht.“ Mein mühsames Leben als Kind und JugendlicheNicht alle hochsensiblen Menschen sind automatisch schüchtern, angepasst und still. Ich aber war es. Bereits im Kindergarten hasste ich Faschingsspiele, bei denen ich einen Luftballon schneller als mein Mitstreiter zum Platzen bringen sollte. Ich verlor jedes Mal und kriegte noch zu hören, ich solle mich wegen dem bisschen Peng nicht so anstellen. Als Schülerin bekam ich an jedem Elternsprechtag mitgeteilt, ich müsse in den mündlichen Fächern doch endlich auch mal den Arm heben und nicht nur schriftlich in Klassenarbeiten meine guten Gedanken zum Ausdruck bringen. Ich konnte es trotzdem nicht. Zu groß war meine Angst vor Fehlern, aber noch mehr bereitete es mir Unbehagen, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen.

Am Schlimmsten aber war für mich die Zeit, in der ich eine junge Erwachsene wurde. Die Zeit, in der man einfach nur dazugehören will, besonders cool und oberflächlich sein möchte, eben genau wie alle Anderen. Ich rauchte, weil alle am Glimmstängel zogen. Ich ging jeden Samstag mit meiner Freundin in überfüllten Einkaufspassagen stundenlang shoppen, um eine „echte“ Freundin zu sein. Ich verbrachte meine Abende in den stickigsten Kneipen und lautesten Discotheken, um bloß nicht als Langweilerin zu gelten. Für mein hochsensibles Wesen war da kein Platz.

Und trotzdem konnte ich die Überempfindlichkeit nicht einfach abschalten. Zu viel Rauch benebelte meine arme Nase, die überfüllten Einkaufspassagen meine Sinne, weshalb ich nach kürzester Zeit bereits neben mir stand und nicht mehr klar denken konnte. Und der Lärm von lauter Musik und gleichzeitig brüllend-unterhaltenden Menschenmassen, um gegen den Bass anzukommen, war Gift für meine Ohren. Ich verstand nicht, was alle daran so toll fanden, noch weniger, warum ich mich so „anstellte“ und machte weiter damit, um nicht ausgeschlossen zu werden.

„Ich war hochsensibel und wusste es nicht.“ Mein mühsames Leben als Kind und JugendlicheVielleicht hätte ich mehr Verständnis für meinen innersten Wunsch nach Rückzug und einem ruhigeren Lebensstil aufbringen können, wenn ich von meiner Hochsensibilität gewusst hätte. Wenn meine Eltern bereits von dieser Hypersensitivität gewusst hätten. Wenn Irgendjemand überhaupt davon gewusst hätte. Ich bin im Jahr 1984 geboren. Die erste Fachliteratur kam erst vereinzelt in den 90ern in die Buchläden, die Hochsensibilität erlebt just in unserer heutigen Zeit ihr Hoch.

Ich kann es meinen Eltern also nicht verübeln, dass sie mein sensitives Wesen ablehnten und sich eine toughere Tochter wünschten.

Mit den Jahren führte ich nach und nach ein ruhigeres Leben. Irgendwann kam zum Glück der Punkt, es nicht mehr allen beweisen und nicht mehr mit allen Mitteln dazugehören zu müssen. Mit Job und festem Freund führte ich ein nahezu bodenständiges Leben, aus Freund wurde Mann und aus Job wurde Mutterschaftsurlaub. Ich war zufrieden mit meinem Leben und fühlte mich stets Herrin meiner Lage. Und dann kam mein Sohn und mit ihm meldete sich auch mein hochsensibles Wesen zurück.

„Ich war hochsensibel und wusste es nicht.“ Mein mühsames Leben als Kind und JugendlicheNatürlich war es nie fortgewesen, wie sollte es auch, es ist schließlich Teil von mir! Aber in den Jahren zwischen Partyleben und Muttersein war es mir nicht mehr aufgefallen. Ich hatte zu meinem Glück unbewusst die Möglichkeit gefunden, mit meiner sensiblen Seite umzugehen. Ich lebte selbstbestimmt, ich vermied meine persönlichen Jugendsünden wie Rauchen, Discos, Shoppingbesuche, stattdessen verbrachten mein Mann und ich ein introvertiertes Spießerleben fernab des Trubels zuhause auf der Couch.

Und jetzt hatte ich plötzlich ein kleines Wesen um mich herum, das vierundzwanzig Stunden am Tag meine Aufmerksamkeit forderte. Von Selbstbestimmtheit keine Spur mehr! Stattdessen Reizüberflutung am laufenden Band und wenig Zeit zum Rückzug. Und fortwährend das Gefühl, nie so viel zu schaffen, wie andere Mütter.

Aber dann sah ich eines Abends zufällig diese Fernsehsendung, in der von hochsensiblen Menschen berichtet wurden. Obwohl ich eigentlich gerade ins Bett gehen wollte, war ich schlagartig hellwach und sog alles in mich auf. Mein Mann schlief schon neben mir auf der Couch (woran sich bis heute eigentlich nichts geändert hat), als in mir langsam der Gedanke wuchs, auch ich könne zu dieser Personengruppe zählen.

Es dauerte trotz meiner anschließenden intensiven Recherche noch einige Zeit, bis ich wirklich das Ausmaß der Hochsensibilität bezüglich meines eigenen Lebens, verstand.

Zu wissen, dass man hochsensibel ist, ist das Eine. Den sensitiven Wesenszug in seinem eigenen Leben in sämtlichen Bereichen ausfindig zu machen, ist noch einmal schwieriger.

Zu oft schreit noch der innere Kritiker: „Hier bist du noch nicht perfekt!“ oder „Da könntest du noch…“, weil er jahrelang ungehindert meckern durfte und ihm Glauben geschenkt wurde. Und auch die Umwelt suggeriert uns noch oft genug, dass Andere es höher, schneller, weiter machen als wir.

„Ich war hochsensibel und wusste es nicht.“ Mein mühsames Leben als Kind und JugendlicheEs ist die schwierige Aufgabe eines jeden Hochsensiblen, sich mitfühlend und urteilsfrei selbst zu studieren und herauszufinden, wo die Hochsensibilität ihm ihre Grenzen aufzeigt. Gleichzeitig ist es ein wunderbares Geschenk, die Gabe dieses Wesenzugs an sich selbst zu entdecken.

Ja, vielleicht verbringe ich nicht gerne Stunden in der Einkaufspassage, dafür lebe ich mich möglicherweise lieber kreativ in meinen eigenen vier Wänden aus (während Zalando & Co. meine Kleidung an die Haustür liefern) oder genieße die Gesellschaft meines Hundes während eines langen Spaziergangs durch die Wälder.

Dass mich die Stimmungsschwankungen und Streitigkeiten meiner Kinder oft an meine Grenzen bringen ist nervenaufreibend. Dafür kann ich mich sehr gut in alle Beteiligten hineinversetzen und mit meinem Sinn nach Harmonie alle Streithähne zur Klärung an einen Tisch bringen.

„Ich war hochsensibel und wusste es nicht.“ Mein mühsames Leben als Kind und JugendlicheHeute bin ich sehr, sehr dankbar für mein überaus sensitives Wesen. Natürlich gibt es immer noch die Tage, an denen mich die Fremdbestimmtheit aufzufressen scheint. Die Momente, in denen ich mich frage, ob ich in der E-Mail vor drei Wochen die richtigen Worte gefunden habe. Der heimlich Wunsch, mal wieder ins Kino zu gehen, obwohl ich genau weiß, dass ich anschließend völlig genervt bin, weil die Lautsprecher zu laut eingestellt waren und mir mein Hintermann andauernd in den Sitz getreten hat.

Aber mein hellfühlendes, sensibles, kreatives und spirituelles Wesen, das mit stets empfangsbereiten Antennen so detailreich die wunderbare Welt um sich herum aufnimmt, das macht alles wett. Und mit jedem Tag liebe ich es mehr.

Mit freundlicher Bildgenehmigung (Herzluftballons) von © Andrekart Photography – Shutterstock.com

8 Gedanken zu „„Ich war hochsensibel und wusste es nicht.“ Mein mühsames Leben als Kind und Jugendliche“

  1. Elke sagt:

    du bist“ perfekt“ so wie du bist. Und schön, dass du einen Partner gefunden hast, der dich annimmt, wie du bist. Das wünscht sich doch jede und jeder. Ich mag auch alles Laute nicht und bin schnell reizüberflutet, Z.B. beim Einkaufen, in großen Menschenmengen, wenn Menschen viel reden….usw. Dann möchte ich nur noch meine Ruhe haben.
    Vielleicht hat dein Großer auch einige dieser Hochsensiblen Gene geerbt von dir.
    Ich wünsche dir viel Kraft, Liebe und Weisheit auf deinem Weg weiterhin!
    MfG, Elke

    1. Christine sagt:

      Liebe Elke,

      das hast du alles so wunderschön geschrieben – dem ist nichts hinzuzufügen :)
      Danke dir ♡

  2. Kristina Anna sagt:

    Liebe Christine,

    erstmal ein ganz herzliches Dankeschön für deine wunderbaren und nachdenklichen Blogeinträge und dass du deine Gedanken mit uns allen teilst. Ich bin seit einer Weile eine stille Mitleserin und habe mittlerweile schon das Gefühl, dass du eine Art Zwilling von mir bist :)
    Du hast exakt meine Kindheit, Jugend und weiteren Werdegang beschrieben – bis hin zur Geburt von meinem Maxi (der auch 5 Jahre alt ist und ebenfalls meine Hochsensibilität geerbt hat), nach der ich auch mit einer recht langen postpartalen Depression zu kämpfen hatte. Nach der Geburt von meinem Mini (2 Jahre alt) hatte ich zum Glück nur die 2 – 3 berüchtigten Heultage und danach nichts mehr. Ich versuche den beiden eine so gute Mutter wie möglich zu sein und muss dabei täglich aufs Neue austarieren zwischen Fremdbestimmung und kleinen Auszeiten für mich, die ich brauche wie die Luft zum atmen. Wenn ich länger keine Zeit nur für mich allein bekomme, äußert sich das letztendlich immer in einem heftigen Migräneanfall. Mein Körper erzwingt sich so quasi die reizarme Auszeit.

    Na ja, lange Rede, kurzer Sinn: Es tut unglaublich gut, zu lesen, dass es da noch jemanden gibt, der das, was ich täglich denke und erlebe, genauso wahrnimmt und so schön in Worte fassen kann wie du.

    Ich wünsche dir noch einen ganz schönen Tag und freue mich schon auf weitere Artikel von dir :)
    Ich hole in zwei Stunden meine beiden Rabauken aus der Kita und bin schon gespannt, ob heute eher ein schöner Spieltag wird oder ob mich heute wieder Eifersuchtsdramen von Shakespear’schem Ausmaß erwarten ;)

    Liebe Grüße aus dem Rhein-Main-Gebiet,

    Kristina Anna

    1. Christine sagt:

      Hallo mein lieber Zwilling :)

      Erst einmal möchte ich mich bei dir für deine lieben Worte zu meinem Mama-Blog bedanken! Es berührt mich sehr zu erfahren, dass du schon lange so gerne mitliest und dich so oft in meinen Texten wiederfindest!

      Ich kenne das auch, dass mein Körper mich notfalls zu Auszeiten zwingt, wenn ich nicht früh genug auf seine Signale höre – allerdings äußerst sich das bei mir nicht mit Migräneanfällen sondern mit Übelkeit/Schwäche oder gleich einer ganzen Grippe (was dann meinem Mann nicht unbedingt Freude bereitet, wenn sich bei ihm dann die Arbeit auf dem Schreibtisch stapelt und er Babyssitter spielen muss).

      Hahaha, der Vergleich mit Shakespeare war gut, das hat mich echt zum Lachen gebracht :)

      Ich wünsche dir nun auch noch einen schönen Abend und viel Zeit zum Erholen!! ♡

      Viele Grüße von der Nordseeküste ins Rhein-Main-Gebiet ;-)
      Christine

  3. KeinAutist sagt:

    Danke, du gibst meinen Gefühlen einen Namen! Als ich ein Kind war stand bei mir der Verdacht Autismus (Asperger Syndrom) im Raum. Die Diagnoseverfahren waren nicht weiter aufschlussreich, und da war ich. Ein junges Mädchen das unter fast permanenter Reizüberflutung litt, nicht so sensibel sein sollte und wie die anderen Kinder sein sollte. Ich jedoch habe die Flucht nach Vorne riskiert und mich mit Absicht vom Rest abgesetzt.

    Jetzt als Mutter merke ich es wieder stark.

    Danke für diesen Beitrag, ich werde mich jetzt mal richtig mit dem Thema beschäftigen und sehen ob es wirklich zu mir passt und ob ich Methoden finde damit umzugehen.

    1. Christine sagt:

      Es freut mich zu lesen, dass du dich damals getraut hast, zu dir zu stehen und dich vom Rest abgesetzt hast! Das hat dich sicherlich mehr als einmal viel Kraft gekostet und war nicht immer leicht!

      Ich frage mich auch, wie sich das wohl für dich angefühlt hat, mit dem Verdacht auf Autismus zu leben. Wie lange stand die Diagnose im Raum? Hast du dich selbst als „seelisch behindert“ wahrgenommen? Bei meinem Ältesten liegt ja auch der Verdacht auf Autismus im Raum. Ich bin jedoch sehr froh, schon vorher von meiner Hochsensibilität erfahren zu haben, so dass ich dieser Diagnose jetzt nicht hilflos oder gar verängstigt gegenüberstehe, da ich bei meinem Sohn auch eher Richtung Hochsensibilität tendiere.

      Aber egal, was es nun am Ende ist, vor allem ist er ein sehr sensibler Mensch, der mit permanenter Reizüberflutung umgehen muss. Genau wie du. Deswegen wünsche ich dir vor allem Wege, damit zurecht zu kommen und dass du dich nicht als krank oder unnormal empfindest!

      Alles Liebe dir!
      Christine

  4. Insa sagt:

    Ach so schön! Fast genau so ist es bei mir….es tut gut zu wissen das man nicht alleine ist!

    1. Christine sagt:

      Nein, du bist nicht alleine :) Willkommen im Club!

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