Mama-Momente

Im Mai wurde gesungen (die Anderen) und getrunken (wir)

Nachdem mein Mann und ich an unserem kinderfreien Tag im April Minigolf spielen waren, war uns im Mai mal wieder nach einem gemütlichen Beisammensein zumute. „Kneipenabend“ lautete mein Wunschpunkt auf der Liste, wobei es meinem Mann allein schon bei dem Wort kalt den Rücken hinunter lief.

„Du willst in eine Kneipe?! Dann kann ja keiner von uns fahren, es sei denn wir laufen dahin oder einer von uns muss auf Alkohol verzichten. Und hier im Umkreis von 30km gibt es doch nichts Gescheites!“ Er hatte leider Recht, der Gute. Also überlegte ich schon Wochen vor dem Wonnemonat fieberhaft, wie wir meinen Wunsch trotzdem in die Tat umsetzen könnten. Und wie sich das manchmal so ergibt, verschlug uns das Schicksal ausgerechnet an einem Maiwochenende nach Böblingen. Unsere Unterkunft war ein 4-Sterne-Hotel am Rande der Stadt. Hotelbar inklusive. Mein Herz füllte sich mit Freude: Das war die perfekte Lösung!

Nachdem wir einen schönen Abend im modern-rustikalen Café Schilling erlebt hatten (in dem Restaurant mit langer Bartheke kann man wirklich gut essen und trinken; der Geschmack rechtfertigt die Preise), zog es meinen Mann und mich anschließend im Hotel direkt an die Bar. Dass wir den Eurovision Song Contest nun leider nicht live gucken könnten, war für uns als bekennende Fans nur ein kleiner Wermutstropfen, schließlich lief zuhause der Receiver und sollte uns das Musikspektakel nach unserer Heimkehr genauso lebendig präsentieren wie live im TV.

Aber nachdem wir die Bar erst einmal betreten hatten (der sichtlich gelangweilte Barkeeper sprang hocherfreut von seinem Stuhl auf, als er uns erblickte), merkten wir schnell, dass wir in einem Businesshotel gelandet waren: Die Hotelbar war menschenleer! Die wenigen Gäste, die das Hotel am Wochenende beherbergte, schienen allesamt Besseres zu tun zu haben, als ihren Abend am Bartresen zu verbringen. Somit kamen wir nicht nur in den Genuss der besten Plätze und der vollsten Aufmerksamkeit zweier Barkeeper – nein, der freundliche Barchef erfüllte uns sogar den Wunsch, das Fernsehprogramm, das über einen Beamer lief, auf das erste Programm umzuschalten. Nachdem die ersten Hürden („Grand Prix?? Meinen Sie Formel 1?“) plus zehn Minuten Sendersuche genommen waren, schien unser Glück dann auch perfekt zu sein. Eurovision Song Contest, dazu einen guten Cocktail – was wollen gestresste Eltern mehr?

Im Mai wurde gesungen (die Anderen) und getrunken (wir)So prosteten wir uns mit Caipirinha und Planter’s Punch zu und verfolgten gebannt das Geschehen auf der Leinwand. Uhrzeitbedingt lief noch die „Grand Prix Vor-Party“ aus Hamburg, die bei den beiden Barkeepern für skeptische Blicke sorgte: Schlagerstar Michelle trällerte laut „Wer Liebe lebt“ ins Mikro, dicht gefolgt vom tanz- und singfreudigen Sonnenschein Helene Fischer; genau das Richtige für zwei junge Hotelmitarbeiter, die ohne uns garantiert nicht auf die Idee gekommen wären, sich den Abend mit Peter Urban und bärtigen Sängerinnen wie Conchita Wurst zu versüßen.

Der größte Fremdschämmoment war aber definitiv erreicht, als Moderatorin Barbara Schöneberger zum „Wort zum Sonntag“ rüberschaltete. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen dieses Ritual, alljährlich das Wort Gottes zwischen Reeperbahn und kreischenden Fans zu empfangen. Aber in einer Bar, in der ein Deutscher und ein Türke einem verliebten Pärchen mit Glitzern in den Augen, wenn es um den ESC geht, zu später Stunde alkoholische Getränke servieren sollen, fühlten wir uns irgendwie verantwortlich für alles, was nun über die Leinwand ging. Also nahmen wir lieber noch einen großen Schluck aus unseren Strohhalmen und rechtfertigten so die Röte in unseren Gesichtern.

Im Mai wurde gesungen (die Anderen) und getrunken (wir)Einige Zeit, ein paar peinliche Musikauftritte, sowie zwei Bacardi-Cola und Campari-Orange später, verließen wir sichtlich erheitert die Bar, nicht, ohne den netten Barkeepern Schadensersatz in Form einer dicken Portion Trinkgeld dazulassen. Die Punktevergabe der Länder –das Highlight eines jeden Grand Prix- schauten wir uns dann auf unserem Zimmer an. Leider bekamen wir davon nicht mehr viel mit, denn der lange Tag und der viele Alkohol forderten ihren Tribut: Wir schliefen noch vorm laufenden Fernseher ein.

Ich gebe dem Liebling(s)-Tag im Mai 5 von 5 Sternen. Auch, wenn ein paar ESC-Fans an der Bar die Stimmung sicher noch ein bisschen mehr angekurbelt hätten, so war es doch ein unvergesslicher Abend und ein gelungener Ausklang auf Stuttgarter Boden.
Im Mai wurde gesungen (die Anderen) und getrunken (wir)

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