Mama-Momente

Herzensheimat

Der Sand knirscht unter meinen Gummistiefeln, als ich an den leeren Strandkörben entlanglaufe. Die Sitzmöbel, die an warmen Sommertagen Besuchern von Nah und Fern Schutz vor der Sonne und einen Platz zum Ausruhen bieten, sehen nun selbst so aus, als ob sie Erholung benötigten und die kältere Jahreszeit zum Luftholen bräuchten. Auch ich atme tief durch, nicht nur, weil die nummerierten Körbe mich dazu animieren, weil die klare Seeluft mein Gesicht streift oder weil ich wieder mehr Zeit für mich neben dem Mamasein habe. Ich hole tief Luft, weil ich die Freiheit meiner Herzensheimat spüre.

Heimat, das ist für mich mehr als nur der Ort, an dem ich aufgewachsen bin oder an dem ich wohne. Heimat bedeutet für mich vor allem Leben, wo man glücklich ist und in Krisenzeiten Kraft schöpfen kann. Es ist schön, einen Ort zu haben, an dem das Herz auftanken kann. Bei manchen Müttern sind das die eigenen Kinder, bei mir ist das die Natur. Wobei das eine das andere ja nicht ausschließen muss, aber zum richtigen Erholen benötige ich das Gefühl von Weite, Freiheit und menschenleerer Umgebung.

Still, so still ist es hier. Kein Mensch zu sehen weit und breit. Nur ein einsamer Trecker, der hier und da durch den Sand heizt und die paar Möwen, die ihre Spuren im Watt hinterlassen. Der Wind zeigt sich jetzt schon von seiner herbstlichen Seite, auch, wenn das Außenthermometer im Auto auf dem Parkplatz gerade noch fünfzehn Grad meldete. Trotzdem merke ich schon nach ein paar Schritten, dass meine empfindlichen Ohren es nicht den ganzen Spaziergang lang unter der dünnen Mütze aushalten werden.

HerzensheimatGestern noch befanden wir uns auf der Autobahn. Einmal alte Heimat hin und zurück an nur einem Tag. Der Mann hatte geschäftlich dort zu tun. „Kannste ja auch keinem erzählen, dass du und die Kinder nur mitgefahren sind, um der Enge zuhause zu entkommen, wo nicht mal die Freiheit eines Autos wartete“ dachte ich bei mir, während Mini und Maxi auf der Rückbank geschnibbelte Apfelschnitze verdrückten, mit ihren Spielzeugautos über die Kindersitze fuhren und sich auf Freunde und Familie freuten, die wir an diesem Tag besuchen würden.

Stress pur, so ein Heimatbesuch ohne eigenes Dach überm Kopf als Rückzugsort, aber immer noch besser als Zuhause bleiben, wenn die Decke auf den Kopf zu fallen droht.

Doch, es war schön, denke ich bei mir, während ich durch den graubraunen Schlick wate und versuche, nicht stecken zu bleiben. Und genau die richtige Entscheidung. Nächste Woche werden wir wieder dort sein und Maxi zu seiner Omi bringen. Eine Woche Herbstferien im Kindergarten bedeutet eine Woche Entlastung für mich. (Groß-)Mutti macht’s möglich!

HerzensheimatOb es irgendetwas gäbe, was ich in der alten Heimat richtig doll vermissen würde? Tatsächlich ist es der Wald, der mir hier oben im Norden wirklich fehlt. Die Deiche, die vielen Schafe, die Weite, das Meer – all das waren genau die Gründe, die uns unsere Zelte hier aufschlagen ließen, und dennoch: So ein paar Quadratkilometer dichter Nadelwald, das Rauschen der Laubbäume während eines langen Herbstspazierganges, der Geruch von Kiefernharz, mit alldem bin ich großgeworden und all das hat mich die letzten fünf Jahre meines Mutterseins beinahe täglich begleitet und getragen.

Das Kreischen einer Möwe reißt mich aus meinen Gedanken. Was Mini jetzt wohl gerade bei seiner Tagesmutter macht? Ja, in der Tat, wir haben seit letzter Woche zusätzlich zum Kindergarten eine Tagesmutter engagiert, die meinen Jüngsten an drei Tagen in der Woche vormittags bis zum Kindergartenbeginn betreut. Der Gedanke daran lässt mich noch einmal tief durchatmen.

Mehr Zeit für mich bedeutet gleichzeitig mehr Luft für meine hochsensible Seele.

Und die dazugewonnenen Stunden verbringe ich am Liebsten am Sehnsuchtsort meines Herzens: Am Meer.

HerzensheimatVor ein paar Wochen noch glich der Strandabschnitt einer überfüllten Urlaubsinsel auf den Kanaren. Handtuch neben Handtuch, Sandburg an Sandburg. Viele Menschen, viel zu viele Menschen. Lachende Kinder, bellende Hunde, kreischende Eltern.

Heute lacht nur mein Herz, es bellt der Wind und es kreischen die Möwen. Ein himmlischer Zustand. Ich freue mich auf die kalte Saison, die einsame Jahreszeit an meinem geliebten Gewässer. Ich setze mich an den Rand der Dünen, das Gras schützend in meinem Rücken und schlage das Buch auf, das ich derzeit so gerne lese.

HerzensheimatDie Stiefel lasse ich heute an, auch, wenn meine Füße sich so gerne in den kühlen Sand graben. Heute müssen das meine Hände übernehmen, sich berieseln lassen und kleine Muscheln ausfindig machen.

Muscheln, davon gibt es hier mehr als genug. Sammeln tue ich nur noch selten welche. Meine Vitrine zuhause ist voll, genauso wie mein Herz erfüllt ist. Ich brauche keine Beweise mehr, dass ich hier wohne.

Die Strandschätze gönne ich jetzt den Besuchern, die das Glück vom Meer nur für ihre kurze Urlaubszeit genießen können. Noch ein Gefühl von Freiheit.

HerzensheimatDie alte Heimat, sie löst trotzdem in vielem ein Gefühl der Sehnsucht nach Vertrautem in mir aus, selbst die Orte, die für mich als Hochsensible schnell zur Überreizung führen. Die überfüllten, mehrspurigen Autobahnen, auf denen immer irgendwo Stau zu melden ist. Die schäbigen Hausfassaden in langweiligen Städten, die mir dennoch aus Kindertagen bekannt sind und gerade deswegen etwas faszinierend schönes ausstrahlen. Die gehetzten, getriebenen Leute, denen man täglich auf den Straßen begegnet ist. Und dann die lachenden Menschen, die freudig ihre Arme ausbreiten, weil zwei Monate des Nicht-Sehens einfach viel zu lang waren.

Ein Stück Wehmut macht sich in mir breit. Alte Heimat ist auch was Schönes. Aber dann denke ich daran, wo ich tags darauf, nach unserem eintägigen Kurztrip, um diese Uhrzeit anzutreffen sein werde, und nicht nur mein Gesicht beginnt zu strahlen, sondern auch mein ganzes Herz: Zuhause, am Meer, den Blick aufs Wasser gerichtet, die Salzluft in der Nase.

Heimat kann man an mehreren Orten finden. Vielleicht ist sie auch der Zustand eines glücklichen Herzens. Und das kann sich bekanntlich mehrmals verschenken.

HerzensheimatNächste Woche werde ich wieder in der alten Heimat sein. Ich werde mit Mini in den Wald gehen und leise vor mich hin jauchzen. Vielleicht werde ich dann Waldschätze sammeln, so wie andere hier Muscheln und Schneckenhäuser. Abends werden wir zurück über die überfüllte Autobahn düsen und mit jeder Ausfahrt Richtung Norden einige Autos mehr verlieren, bis wir schließlich nur noch ein paar einsame Nordlichter auf dem Weg zu ihrer Herzensheimat sind.

2 Gedanken zu „Herzensheimat“

  1. Elke sagt:

    ich kann die Sache mit der Herzensheimat sehr gut verstehen. Obwohl ich gefühlt weit entfernt von den Meeren dieser Welt aufgewachsen bin, also lange Jahre meines Lebens kein Meer gesehen und erlebt habe, war es ein unbeschreibliches Gefühl, als ich das erste Mal an der Nordsee sein konnte, ich hatte das Gefühl, ich bin endlich angekommen und hier bin ich dem „Himmel“ ein Stück näher. Wunderbar!
    Ich wünsche dir noch sehr viele tolle Herzensmomente in deiner Herzensheimat. Gruß, Elke

    1. Christine sagt:

      Liebe Elke,

      das hast du wunderbar beschrieben ♡ Ich wünsche dir auch, dass du noch ganz viele Momente an deinem persönlichen „Himmel“ verbringen kannst!!
      Viele Grüße
      Christine

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