Mama-Momente

Geschwisterneid oder: „Ich will das auch haben!“


Das Päckchen lag in der Ecke unter den Briefkästen. Einer der Nachbarn musste es freundlicherweise für uns angenommen und ins Treppenhaus neben die Haustür gestellt haben, damit es beim Nachhausekommen nicht zu übersehen war. Und das war es definitiv nicht. „Mamaaaaa? Für wen ist das Paket?“ Maxi entdeckte das bunt bemalte und mit niedlichen Aufklebern verzierte Päckchen als Erster und stieß einen verzückten Freudenschrei aus. „An Mini“ –so oder ähnlich- bestätigte das Adressfeld meine Vermutung. Immerhin stand der Geburtstag meines Jüngsten kurz vor der Tür und schriftliche Glückwünsche von Freunden und Verwandten aus Nah und Fern trudelten im Laufe der Woche bei uns ein. Bisher hatte ich sämtliche Post heimlich in Abwesenheit der Kinder annehmen können und just in diesem Moment wusste ich auch wieder, warum mir das lieber war.

Nachdem Maxi nämlich erfahren hatte, dass das Päckchen für seinen Bruder bestimmt und in seiner Vorstellung randvoll mit megatollen Geburtstagsgeschenken gefüllt war, nahm das Drama auch schon seinen Lauf. „Ich will auch so ein Päckchen haben!!“ heulte mein Ältester augenblicklich los. Die Chance, ihn trösten und beruhigen zu können, tendierte sekündlich weiter gen Null. Da half auch die Tatsache nicht, dass Maxi ja bereits einen Monat später auch schon Geburtstag hatte und bestimmt auch sooooo ein großes Paket bekommen würde. Jetzt. Und. Auf. Der. Stelle! wollte er genau das Gleiche haben. Ein Wutanfall, der mich unweigerlich an sämtliche Situationen des letzten Jahres erinnerte, in denen die Brüder neidisch auf jegliche Habseligkeiten des Anderen waren.

Es gibt Äpfel zum Nachtisch? Wehe, der Eine bekommt den grüneren von Beiden. Der Bruder findet eine Schnur im Kinderzimmer? Grundgütiger, wenn es nicht zwei davon gibt. Und wehe, das zweite Band ist nicht mindestens genauso lang! Der Eine hat sich aus dem Bücherschrank „Conny geht in den Kindergarten“ geholt? Ausgerechnet jetzt wollte das doch auch das Geschwisterkind lesen! Am Schlimmsten ist es jedoch bei verschiedenen Geschenken. Blauer und roter Luftballon? Verschiedene Pixi-Bücher? Zweierlei Playmobil-Sets? Das Theater können Außenstehende nur im Ansatz erahnen.

Geschwisterneid oder: "Ich will das auch haben!"
Aus diesem Grund haben wir uns beim letzten Weihnachtsfest vom Rest der Verwandtschaft Christkind alle Geschenke im Doppelpack zum neuen Kaufladen gewünscht. Zwei Einkaufswagen, zwei Kassen, zwei glückliche Kinder. Und dem Himmel sei Dank haben wir auch alles bekommen. Zwei friedlich miteinander nebeneinanderher spielende Jungs, die freudestrahlend sämtliche Lebensmittel aus dem Kaufladen entwenden, in ihren Einkaufswägelchen durch die Wohnung schieben und mit uns Erwachsenen abkassieren. Ein Zustand, den ich gerne für die nächsten Jahre konserviert hätte.

Ja, solche Momente, in denen der Neid hier regiert, können mich tierisch nerven. Jedes Mal ein monströses Theater miterleben zu müssen, weil der Eine mehr Buchstaben im Namen hat, bei dem Anderen mehr Finger durch den Griff der Tasse passen oder der Bruder lauter hustet. Manchmal glaube ich, sie gönnen sich gegenseitig die stinkende Hundekacke unter den Schuhen nicht. Und trotzdem: Bei all den scheinbaren Kleinigkeiten, um die sich die Geschwisterkinder zanken, gibt es einen Teil in mir drin, der versucht zu verstehen. Der mich immer wieder daran erinnert, dass Mini und Maxi nur knapp ein Jahr Altersunterschied haben. Dass der Konkurrenzkampf allein durch diese Tatsache schon größer bei den Beiden sein muss als bei anderen Geschwisterkombinationen, und dass jedes Drama für sie ein echtes Drama ist. Sie können das große Ganze mit ihren drei und vier Jahren eben noch nicht überblicken, haben nicht den Weitblick wie wir Erwachsene. Und mal ganz ehrlich; machen wir nicht auch noch oft genug aus einer Mücke einen Elefanten oder schielen neidisch in Nachbars grüneren Garten, obwohl es total unnötig ist?

Geschwisterneid oder: "Ich will das auch haben!"
Und jetzt stand also Minis Geburtstag bevor. Ein Tag, an dem das Geburtstagskind die volle Aufmerksamkeit, Geschenke in Überzahl, schief gesungene Ständchen und leckeren Kuchen erhält. Ein Tag, an dem das Geschwisterkind neidisch beim Geschenkeauspacken zugucken und „Wie schön, dass du geboren bist“ schief mitträllern muss.

Ich stellte Minis Geburtstagspäckchen und meine Einkäufe neben den Herd und hockte mich zu Maxi auf den Küchenboden. „Ich hab kein Päckchen“ schniefte er bereits zum unzähligsten Male und wischte sich dabei die Tränen aus den Augen. Alle Beteuerungen meinerseits zuvor hatten nichts bewirkt. Dass er auch bald Geburtstag habe. Dass er sicher auch ein Päckchen und viele Geschenke bekäme. Dass sich an dem Tag gerechterweise alles nur um ihn drehen würde. Aber all diese Versprechungen waren für meinen Sohn noch zu weit weg, nicht sichtbar und vor allem nicht greifbar. „Weißt du“, begann ich schließlich vorsichtig, „ich habe auch kein Päckchen bekommen.“ Ein tiefer Seufzer war die Antwort, schien es tatsächlich ein tröstender Gedanke für meinen Maxi zu sein, dass es noch Andere neben ihm gab, die auch leer ausgingen und er nicht der Einzige weit und breit in seinem Elend war.

Geschwisterneid oder: "Ich will das auch haben!"
Der Geburtstag von Mini ging dann erstaunlich streitfrei über die Bühne. Maxi sang gemeinsam mit uns begeistert und schief „Viel Glück und viel Segen“, erfreute sich genauso an Minis Geschenken wie an dessen Muffins und konnte sogar neidlos die Krone auf Minis Geburtstagskopf akzeptieren, die mein Jüngster vormittags im Fuchsbau geschenkt bekommen hatte. „Mini ist jetzt der Geburtstagskönig!“ verkündete Maxi und keiner konnte ihm widersprechen. Dass auf dem Gabentisch auch zwei kleine „Trostpflaster“ für ihn bereitlagen, fand unser Großer dann natürlich besonders gut. Aber vielleicht könnte er zu seinem Geburtstag auch so einen tollen Zollstock bekommen? Und die Gummibärchen auf dem Schokopudding wären auch nicht so verkehrt…

4 Gedanken zu „Geschwisterneid oder: „Ich will das auch haben!““

  1. Katarina sagt:

    Ist bei uns auch so. Mal drei. An schlimmen Tagen macht mich das wahnsinnig.

    1. Christine sagt:

      Ich klopfe vorsichtig auf Holz, dass es bei uns „nur“ Zwei sind :)

  2. Rosalie sagt:

    Also da bin ich wirklich froh, dass unsere Große ein sehr besonnenes Kind ist. Solche Szenen würde es bei uns nicht geben. Allerdings mühe ich mich auch deutlich ab, keine Geschwisterrivalität aufkommen zu lassen. Bisher mit einigem Erfolg. Das einzige worum sie streiten ist, wer auf meinen Schoß darf und da wechseln wir uns ab.
    Ganz anders wäre es aber gekommen, hätten wir K2 zuerst bekommen. Sie ist eher der ‚alles meins‘-Typ. Aber durch eine große Schwester die freiwillig vieles teilt und auch gönnen kann, lernt K2 zum Glück sehr gut, wie das funktioniert. Ich hoffe sehr K3 können wir in diese Situation gut eingliedern. Es hängt ja weniger von der Erziehung, viel mehr vom Naturell der Kinder ab. Wenn beide eher Kämpfer sind, wird es natürlich auch vermehrt Kämpfe geben…

    Dennoch, hoffentlich wird es mit dem Alter bei euch zumindest ansatzweise einfacher die beiden Herren zu managen.

    1. Christine sagt:

      Liebe Rosalie,

      ich freue mich für dich, dass deine Große grundsätzlich gerne teilt und somit ihrer Schwester schon ein Vorbild sein kann. Bei uns ist eher der Mini einsichtig und kompromissfreudiger. Mal sehen, wie es mit den Jahren noch wird. Es bleibt spannend…

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