Mama-Momente

Fremdbestimmt auch ohne Kinder

„… und Christine nimmt Pippa!“ Tina* hatte uns gerade die Pferde für den heutigen Tag eingeteilt und ich machte mich mit Halfter auf den Weg zur Koppel, um die schwarze Stute zum Anbindebalken zu bringen, wo ich sie dann putzen und bereit für den Reitunterricht machen würde. Irgendwas war heute anders, das hatte ich bereits nach dem Aufwachen gemerkt. Es war Tag Sieben und somit der vorletzte Morgen meines achttägigen Reitseminars, das ich hier, weit weg von Zuhause, gebucht hatte. Acht Tage alleine. Ohne Mann, ohne Kinder, ohne meinen gewohnten Alltag. Und heute, an Tag Sieben, sollte ich mit einem Gefühl konfrontiert werden, das ich die letzten Jahre nur in einem anderen Zusammenhang gewohnt gewesen war.

Den Weg vom Hotel bis zum Stall beschlich mich schon ein undefinierbares Gefühl, leise und dezent, aber vehement. Neben so etwas wie einer mentalen Erschöpfung verspürte ich auch eine leichte Übelkeit und Enge im Brustraum. War das etwa ein neues Symptom meiner vorhandenen Erkältung, die sich bisher lediglich in Husten und Schnupfen geäußert hatte? Oder war es etwas anderes? Das Ausmisten und Fegen auf dem Hof, mit dem jeder Tag hier begann, ging mir zwar automatisiert von der Hand, aber irgendwie stand ich ein bisschen neben mir.

Brauchte ich etwa eine Pause? Eine Pause von der Auszeit, auf die ich mich so lange gefreut hatte? Ich ließ kurz den Gedanken zu, den Tag heute nicht auf dem Pferdehof zu verbringen. Sofort ließen das Engegefühl in meiner Brust und die Übelkeit nach. Zufall? Aber ich kannte mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass dies kein Zufall war und es einen Zusammenhang zwischen meiner seelischen und körperlichen Verfassung gab.

Ich signalisierte Tina, dass ich noch nicht wisse, wieviel ich heute mitreiten könne. Ich wollte es erst einmal langsam angehen lassen, aber auch nicht direkt die Flinte ins Korn werfen. Nicht nur, dass ich eine Menge Geld für diesen Kurs bezahlt hatte, ich freute mich auch schon sehr auf den geplanten Ausritt durchs Gelände, der an diesem Nachmittag nach vielen Reitstunden auf dem Platz endlich auf dem Programm stand. Tina zeigte Verständnis und gab mir zu verstehen, dass ich jederzeit vom Pferd steigen oder auch zurück ins Hotel fahren könne, wenn ich es wollte.

Fremdbestimmt auch ohne KinderEine Woche Reitkurs auf dem Pferdehof – für mich viel mehr als nur eine Auszeit von meinem Muttersein. Bereits seit Jahren befand sich die Website des Gestüts in meiner Lesezeichenliste im Browser und ich wartete nur auf den richtigen Zeitpunkt, mich über das Kontaktformular für einen der begehrten Plätze anzumelden.

Und jetzt stand ich auf dem Hof und überlegte, diesmal nicht mitzureiten. Ausgerechnet heute, wo ich meine Lieblingsstute Pippa zugeteilt bekommen hatte. Nicht, dass es nicht auch auf den anderen Pferden hier Spaß machte zu reiten. Die Schulpferde waren alle sehr sanftmütig und ausgeglichen. Aber an Pippa gefiel mir besonders, dass sie schon auf die leisesten Hilfen reagierte und ich mich beim Reiten mehr auf mich und meinen Sitz konzentrieren konnte.

Hatte ich das Bein gerade geputzt oder nicht? Ich stand mit Wurzelbürste in der Hand an Pippas rechter Seite und betrachtete eingehend den Vorderfuß, der mir jedoch keine Antwort auf meine Frage lieferte. Pippa selbst schnaubte nur zufrieden. Okay Christine, sieh‘ es ein! Heute Vormittag wirst du dich auf kein Pferd setzen! Das war der Moment, in dem ich für mich beschloss, eine Pause vom Seminar einzulegen. Vielleicht wäre ich am Nachmittag zum Ausritt ja wieder fit.

Nur halb bei der Sache aufs Pferd setzen – das erschien mir nicht nur unfair Pippa gegenüber, sondern auch etwas leichtsinnig im Hinblick auf meine Sicherheit.

Fremdbestimmt auch ohne KinderStattdessen setzte ich mich auf die Bank mit Blick auf den Reitplatz und sah den anderen Kursteilnehmern zu, wie sie gemütlich auf dem Zirkel ritten oder im Trab durch die lange Bahn wechselten.

Das Gefühl, nicht mitmachen zu müssen, tat mir gut. Ich atmete tief ein und aus und genoss die klare Winterluft. Die Übelkeit war wie weggeblasen und auch mental konnte ich langsam zur Ruhe kommen.

Fremdbestimmtheit. Bäm. Es traf mich wie ein Blitzschlag. Konnte das sein? War das die Ursache meiner Übelkeit, meiner Enge in der Brust und meiner Erschöpfung? Ohne Kinder weit und breit? Denn normalerweise kannte ich das Gefühl, nicht selbstbestimmt agieren zu können, lediglich vom Muttersein, im Beisein meiner Kinder Mini und Maxi. Wenn sich mein Alltag nach den Bedürfnissen der Kleinen ausrichtet, nach Spielen, Alltagsorganisation und KiTa-Schließtagen. Und doch war es genau das, was mich auch hier auf dem sympathischen Reiterhof seit Tagen in seinem Bann hielt: Das Gefühl, fremdbestimmt zu sein.

Sicher, es war ein strukturierter Tagesablauf: Morgens um halb Sieben aufstehen, frühstücken, zum Hof fahren, ausmisten, Lagebesprechung, Pferde putzen und satteln, Reiten, wieder die Pferde versorgen, kurze Mittagspause, anschließend das ganze Programm nochmal von vorne bis zum Spätnachmittag zur Abschlussbesprechung.

Es war mir im Vorfeld schon klar gewesen, dass jeder Tag gleichstrukturiert war, ja, sein musste, und dennoch kapitulierte ich nach einer Woche, obwohl ich mich nach genau dieser Struktur, diesem Ablauf mit den Vierbeinern gesehnt hatte.

Jetzt brauchte ich nach sechs Tagen Pferdehof von morgens bis abends eine Pause. Ja, ich hatte plötzlich das Putzen, den Umgang mit den Warmblütern und sogar die Pferde selbst satt! Und ich erkannte einmal mehr die Parallele zu meinem Mamasein, das ich mir damals als Kinderlose auch so sehr herbeigesehnt hatte wie die Woche Urlaub auf dem Reiterhof:

Fremdbestimmt auch ohne KinderSelbst die geliebtesten Wesen (Kinder, Pferde) oder Aufgaben (Mutterrolle, Pferdeversorgung) können an einem gewissen Punkt einen Widerstand in mir auslösen. Genau dann, wenn die Betreuung von der (selbstbestimmten) Kür zur Pflicht und somit zur Fremdbestimmung wird. Dann brauche ich Abstand. Raum und Zeit für mich, um wieder zu mir und meinen eigenen Bedürfnissen zu finden, um anschließend mit neuem Elan wieder zurückkehren zu können. Das hat aber in keinster Weise etwas mit mangelnder Liebe oder fehlender Bereitschaft, die Aufgabe ausführen wollen, zu tun! Es geht einzig und allein um das Verhältnis Fremdbestimmtheit versus Selbstbestimmung.

Momente, in denen ich aus eigener Lust und Bereitschaft die Kinderbetreuung angehe, sind auch die, die mir am meisten Spaß machen. Beim Umgang mit den Pferden war es nicht anders. Damit meine ich nicht, dass fortan im Leben alles nur noch nach dem Lust-Prinzip ausgerichtet werden sollte! Wie gesagt, es geht um das Verhältnis, wie eingeengt man sich in seinem Handeln fühlt, und dass gerade hochsensible Menschen immer wieder Pausen zur Regeneration benötigen.

Eine gewisse Zeit der Pause gab es bei diesem Seminar aber nicht, zumindest nicht in dem Ausmaß, wie ich sie gebraucht hätte. Egal ob Montag oder Samstag, Wochentag oder Wochenende: Hier stand jeden Tag Reitkurs und entsprechend viel Input auf dem Programm. Die wenige Zeit abends reichte mir nicht zum Regenerieren. Ich hätte zwischendurch wohl mal einen Tag benötigt, den ich zur freien Gestaltung hätte nutzen können. An diesem siebten Tag forderte mein Körper diese Pause ein.

Fremdbestimmt auch ohne KinderDie Mittagspause verbrachte ich noch mit den anderen Teilnehmern im Seminarraum. Anschließend fuhr ich ins Hotel zurück. Ich hatte mein Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit über meine Sehnsucht, nachmittags beim Ritt durch den Wald dabei sein zu können, gestellt. Eine nicht leichte Entscheidung, aber genau die Richtige für mich als hochsensible Person.

Die anderen Teilnehmer benötigten keinen Extratag Pause, aber ich verglich mich nicht mit ihnen, sondern spürte meinem eigenen Bedürfnis nach.

Hier im Reitzentrum konnte ich es mir erlauben, einen Tag dem Gefühl nach Selbstbestimmtheit nachzugehen. Dann ritt eben eine Angestellte die geputzte Pippa (ob jetzt mit doppelt- oder gar nicht gestriegeltem Vorderbein).

Die selbst auferlegte Pause an diesem siebten Tag tat mir gut. Den Nachmittag nutzte ich zum Ausruhen, Telefonieren und Koffer packen. Alles in meinem Tempo, ohne Hektik. Und so startete ich auch voller Elan in den Abschlusstag, wie ich es mir erhofft hatte. Ich stand als Erste mit der Mistgabel im Stall, versorgte achtsam Pony Fluffy für die letzte Reitstunde und hatte den ganzen Tag das Gefühl, ganz bei mir zu sein, statt neben mir zu stehen.

Zuhause kann ich nicht so einfach das Handtuch werfen und mal einen Tag Blau machen von der Kinderbetreuung, sofern nicht sofort ein bereitwilliger Babysitter parat steht. Und das tut er in den seltensten Fällen. Und dennoch weiß ich einmal mehr, wie wichtig es gerade zuhause ist, mir meine Auszeiten einzufordern und diese bewusst für mich und in meinem Rhythmus zu nutzen.

Je bedrohlicher das Gefühl der Fremdbestimmtheit wirkt, desto wichtiger sind die Auszeiten für mich. Je selbstbestimmter ich meinen Alltag lebe, desto mehr Freude habe ich auch an meiner Aufgabe namens Mutterrolle. Die Woche Reiturlaub hat mir das noch einmal deutlich gespiegelt.

(* alle Namen sind wie immer geändert worden, um die Anonymität der Betreffenden (Personen wie Tiere ;-)) zu wahren)

3 Gedanken zu „Fremdbestimmt auch ohne Kinder“

  1. Liz sagt:

    Je mehr ich von Deinen Texten und Beschreibungen lese, desto eher frage ich mich, wo für Dich die Grenze verläuft: Klar, jede*r kennt (sicher auch mehrmals pro Tag!) das Gefühl, gerade etwas nicht aus eigener Motivation zu tun / tun zu müssen. Aber wie verhält es sich da mit einem gesunden Umgang? Bei Dir habe ich immer das Gefühl, Du hast einfach festgesetzt, dass jegliche Art der Fremdbestimmung als massiv wahrgenommen wird. Dabei wage ich zu behaupten, dass viele Menschen dieses Gefühl in gleicher Intensität kennen, sich deswegen aber nicht für hochsensibel halten, sondern diesem Empfinden eher in dem Wissen begegnen, dass wir nicht (nur) Individuen, sondern immer auch Teil von Gesellschaft sind und damit nunmal diese oder jene Verpflichtung haben. Keine Ahnung, was passieren würde, wenn jede*r sich als Auszeiten-berechtigt sieht – wird es dann nicht eher noch schwieriger, weil diesem Gefühl so viel Wert beigemessen wird, dass es sich auf sämtliche Lebensbereiche ausbreitet?

    1. Christine sagt:

      Liebe Liz,
      ehrlich gesagt fände ich den Gedanken sehr schön, wenn Jeder stärker auf seine Bedürfnisse schaut und sich dies auf sämtliche Lebensbereiche ausdehnt :) Für mich verläuft die Grenze zwischen Fremdbestimmtheit als gesellschaftliche Norm empfinden (z.B. dass ich mich nach den Öffnungszeiten im Supermarkt richten muss und nicht nachts einkaufen kann, nur weil es mir besser passt) und Fremdbestimmtheit als massive Einschränkung zu empfinden dort, wo ich körperliche oder starke seelische Symptome spüre. Natürlich kann ich nicht jeden Job hinschmeißen, weil ich Aufgaben von meinem Chef als Fremdbestimmung erlebe. Das meine ich nicht. Sondern, um bei dem Beispiel zu bleiben, zu gucken, wie ich dann innerhalb meines Jobs mehr Selbstbestimmung erlangen kann (z.B. flexible Arbeitszeiten oder Mitspracherecht bei Projekten,…).
      Dennoch bleibe ich dabei, dass es für Jeden wichtig ist, seine Bedürfnisse zu kennen und sie nicht zu ignorieren oder zu unterdrücken. Egal ob hochsensibel oder nicht. Da aber das Gefühl der Fremdbestimmung einen großen Teil der Hochsensibilität ausmacht (nicht bei allen, aber bei Müttern wie mir), beschäftige ich mich viel mit dem Thema, genau deswegen, um für mich in der Hinsicht einen gesunden Umgang (mit mir selbst) zu pflegen. Auch, wenn andere Menschen einen anderen Maßstab haben (und auch haben dürfen!). Jeder muss da für sich selbst seine Grenzen finden und ziehen, denke ich.

  2. Monique Neumann sagt:

    Hallo Liz, definiere gesunder Umgang. Diese Grenze muss jeder für sich selbst finden denke ich. Ich bin jedenfalls ein Verfechter der Meinung das wenn es einem selbst nicht gut geht er nichts weitergeben kann. Es fängt immer bei dir selbst an. Worte wie normal oder das war schon immer so definieren doch nicht deine Empfindungen oder deine Ansichten. Die Gesellschaft schreibt vor du hast als Mama zu funktionieren aber das Konzept geht nicht auf weil die Kleinen ja gerade alles mitbekommen. Nur wenn du selbst erfüllt bist gibst du das wirklich Wichtige weiter sonst wird es immer nur halbherzig enden. Und zu wenige setzen sich noch mich sich selbst auseinander. Es wird immet direkt so getan als wäre man egoistisch dabei ist dies oft die schmerzhafteste und schwierigste Hürde die man nehmen muss..

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