Mama-Momente

Fremdbestimmt auch nach fünf Jahren noch

An manchen Tagen überrollt sie mich wieder, die Fremdbestimmtheit. Dieses Gefühl, nur für die Kinder zu leben und nichts für mich machen zu dürfen. Am Freitag war es mal wieder soweit. Der Mann brauchte schon früh morgens das Auto und so brachten mein Sohn Maxi und ich den jüngeren Mini zu Fuß zum Kindergarten. Wir waren nicht mal auf der Hälfte der Strecke angekommen, da schossen mir schon die Tränen in die Augen.

„Mama, bleib mal stehen, ich will auf die Mauer da!“ „Ja, ich auch! Guck mal Mama, wie hoch ich bin!“ „Und guck erst mal, Mama, wie hoch ICH bin!“

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit meinen beiden Jungen diese Strecke laufe. Und es ist für mich absolut verständlich, dass Kinder ihr eigenes Tempo haben und wir doppelt- oder dreifach so lange brauchen. An manchen Tagen halte ich das nur schwer aus. Vor allem, wenn ich permanent zwischen Hinterherrennen und Warten auf die Nachzügler pendeln muss.

“Bitte lauft langsamer auf dem schmalen Bürgersteig, hier fahren viele schnelle Autos!“ „Kommt, wir müssen weiter, die Erzieherinnen warten schon!“

Fremdbestimmt auch nach fünf Jahren nochIch hatte mich daran gewöhnt, dass Kinder liebend gerne für einen Regenwurm stehen bleiben, auf Gartenmauern balancieren und noch ein fünftes Mal vom Sims hinunterspringen müssen. Ja, nicht nur, dass ich mich an die Achtsamkeit der Kleinen gewöhnt hatte, ich heiße sie sogar gut und kann sie jedem Erwachsenen selbst nur wärmstens ans Herz legen: Mal wieder einen Schmetterling beobachten, wie er von Blume zu Blume tanzt. Einfach mal den Kopf in den Nacken legen und vorbeiziehende Wolken beobachten. Oder eben auch mal selbst durch eine Regenpfütze springen.

An manchen Tagen ist es mir ein Graus. Auch bei meinen Kindern. Dann möchte ich einfach mal mein eigenes Tempo gehen dürfen. Nicht zu schnell, nicht zu langsam, weder rennen noch Minuten auf derselben Stelle treten. Einfach nach meinem eigenen Befinden laufen. Und nicht fremdgesteuert wie eine Marionette.

Es sind vor allem die Momente, in denen ich zu wenig aufgetankt bin, also vorher zu wenig Zeit für mich alleine hatte.

„Mama, ich habe ein neues Wort erfunden: Es heißt „Hollipolli-Aas“. Das bedeutet „Hallo“. Hollipolli-Aas!“ […] Mama, ich habe dir „Hallo“ gesagt, du musst mir jetzt auch „Hollipolli-Aas“ sagen!“

Fremdbestimmt auch nach fünf Jahren nochIm Beisein meiner Kinder darf ich nicht Ich sein. Natürlich bin ich immer noch Ich, aber meine Kinder haben dann die Regie übernommen. Bewusst oder unbewusst. Ich soll gehen, wenn sie gehen, ich soll warten, wenn sie stehen. Ich soll gucken, wenn sie etwas machen und sagen, was sie hören möchten. Wenn ich in meiner Mitte bin, kann ich ihnen diese Wünsche gut und gerne erfüllen. Dann fühlt es sich nicht wie ein Zwang an.

„Mama, ich bin jetzt „Lightning McQueen“ von den Cars-Autos. Ich flitze gleich ganz schnell an dir vorbei. Du musst dann sagen „Ohhh, ist der aber schnell!“

An Tagen wie Freitag ist mir das zu viel der Fremdbestimmtheit. Dann möchte ich einfach nur Ich sein und nicht auf Höhe der Blumenstraße anfangen zu weinen, weil ich mich wieder fühle wie damals, kurz nach der Geburt, als die Kinder noch mehr Aufmerksamkeit verlangten und ich gefangen in einem goldenen Käfig saß.

Fremdbestimmt auch nach fünf Jahren noch

„Mama, guck mal, ich klettere jetzt hier drauf! Guck mal Mama! Guckst du auch wirklich? Guck mal, wie ich hier jetzt stehe! Gleich klettere ich wieder runter. Guckst du?“

Letztens erhielt ich eine Mail von einer Leserin meines Mama-Blogs. Ihr wäre es sehr unangenehm das zuzugeben, aber sie fühle sich so fremdbestimmt, obwohl ihr Baby noch so klein sei und sie doch erst seit wenigen Wochen die Verantwortung für das Kleine hätte, nicht so wie ich, die sich schon seit fünf Jahren fremdbestimmt fühlt. Sie hat dennoch mein vollstes Mitgefühl.

Gerade die ersten Monate fand ich besonders schlimm…Na gut, vielleicht waren es auch ein paar Monate mehr, aber je mehr Zeit verstrich und verstreicht, desto besser wurde es. Auch, wenn ich noch lange nicht an dem Punkt bin, an dem mich die Fremdbestimmtheit und die wenige Zeit für mich nicht mehr juckt, vielleicht wird das auch nie der Fall sein, bis die Jungs ausgezogen sind.

Weil ich als Mama nie so viel ausreichender Zeit für mich haben werde, wie ich als Kinderlose hatte und auch heute noch bräuchte.

Vor allem die Baby- und erste Kleinkindzeit empfand ich als ein Gefängnis, weil man ja doch immer guckt, wenn das Kind schreit oder sonst wie auf sich aufmerksam macht. Dass man nicht mal für fünf Minuten das Zimmer verlassen kann (wobei das heute auch riskant ist, vor allem, wenn beide Jungs zusammen spielen. Dann wird auch gerne mal heimlich das Spielzeug aus dem Fenster zu den Nachbarn in den Garten geschmissen…).

Fremdbestimmt auch nach fünf Jahren nochVielleicht ist es tatsächlich weniger das Alter der Kinder, als das Lernen meinerseits, dass dieser Zustand der Fremdbestimmtheit immer da ist. Irgendwann wird er zum -wenn auch ungeliebten- Vertrauten.

Natürlich muss das nicht für alle (hochsensiblen) Mütter gelten, aber ich habe inzwischen akzeptiert, dass das Gefühl der Fremdbestimmtheit noch lange ein Teil von mir sein wird. Dann darf ich auch auf einem Spazierweg nach zehn Minuten schon mal die Krise kriegen dürfen!

„Mama, warte bitte mal kurz! Ich will noch einmal zum Anfang der Mauer zurück und den ganzen Weg noch einmal laufen! Und du musst dann in die Hände klatschen, ja?“

17 Gedanken zu „Fremdbestimmt auch nach fünf Jahren noch“

  1. Anika sagt:

    Danke für deine Ehrlichkeit!!!

    1. Christine sagt:

  2. Jil sagt:

    Das kenne ich so gut. Mir geht es auch so, dass die Fremdbestimmtheit an blöden Tagen viel schwerer wiegt. So wie alles an diesen Tagen schwerer wiegt. Da fühle ich mich auch um ein paar Jahre zurück versetzt.
    Für mich schwindet das Gefühl der Fremdbestimmung mit jedem Jahr, in dem die Kinder älter sind und ich bin froh, dass sie irgendwann weg ist und ich wieder selber bestimmen darf. Irgendwann.

    1. Christine sagt:

      Liebe Jil,

      ja, irgendwann. Irgendwann ist das Wörtchen, das ich mir auch immer zuflüstere, wenn ich in solchen Momenten drinstecke, kurz bevor ich drohe, die Nerven zu verlieren. Manchmal ist der Gedanke ans Ausziehen, wenn sie erwachsen sind, wirklich ein kurzer Hoffnungsschimmer. Zumindest, um schnell wieder die Nerven einzusammeln bis zur nächsten Anweisung, ich möge doch endlich wieder herschauen…

  3. Lea sagt:

    Ein sehr ehrlicher Artikel, der viel offenbart, und mir, wie so oft, aus der Seele spricht.
    Hab heute ganz viel Zeit für Dich!

    1. Christine sagt:

      Liebe Lea,

      freut mich, dass mein Artikel dich berührt! Tatsächlich habe ich heute viel Zeit für mich, weil meine Mutter spontan die Babysitterin mimt :)
      Alles Liebe dir ♡

  4. Wencke sagt:

    Du sprichst mir aus der Seele…vielen dank für den schönen und ehrlichen Artikel!
    Bin nur durch Zufall auf deinen Blog gestossen (über die Seite von Jil), aber ich werd mich hier sicher öfter umgucken 😊
    Liebe Grüße
    Wencke

    1. Christine sagt:

      Liebe Wencke,

      dann heiße ich dich ganz herzlich willkommen auf meinem Mama-Blog, auch, wenn du nur zufällig reingeschneit bist :)
      Ich freue mich, dass mein Artikel dich berührt hat und darauf, dich bald hier wiederzusehen!
      Liebe Grüße zurück
      Christine

  5. Fee sagt:

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Hochsensibilität auch sehr gute Seiten hat, u.a. nämlich die, dass man die Kinder gut loslassen kann. Ich habe 4 Kinder, 2 schon 20 und 18 und 2 kleine, 8 und 4. Ich weiss sicher, dass ich nicht die Mama bin oder sein werde, die die Kinder händeringend anfleht zuhause wohnen zu bleiben, sondern Champus öffne, wenn sie ausziehen – gerade weil ich sie liebe. Die Kleinkindphase ist einfach mega mega anstrengend, besonders wenn man wie mein Mann und ich überhaupt keine Hilfe außer die Einrichtungen Kiga und Schule hat. Ich merke oft, dass es mir gut tut, mir die guten Dinge in meinem Leben ganz gezielt vor Augen zu führen, laute Musik – wenn ich es gerade aushalte – zu hören und zu tanzen, in die Natur zu gehen….eben die ganzen Kleinigkeiten. Außerdem kann ich Produkte aus Rosenwurz sehr empfehlen, mir tut Rhodiola sehr sehr gut. Trotzdem gbt es viele furchtbare Tage, da habe ich das Gefühl zusammen zu brechen und es einfach nicht mehr auszuhalten – diese Fremdbestimmtheit. Ich kann nur sagen: mit jedem Lebensjahr der Kinder wird es besser. Gott sei Dank. Und wenn ich jetzt meine Großen sehe, dann bin ich sehr stolz. ganz liebe Grüße Fee
    Ich mag deinen Blog sehr!

    1. Christine sagt:

      Eine schöne Liebeserklärung an die Hochsensibilität! ♡
      Ja, du hast Recht, das Loslassen ist auch für mich (bzw. meinen Mann) kein Problem. Wobei sich das nicht nur auf Verabschiedungsszenen mit den Kindern beschränkt – ich kann auch sehr gut entrümpeln und Dinge entsorgen, die ich nicht mehr brauche oder Konflikte aus der Vergangenheit loslassen. Ich finde das sehr gut, so kann ich meinen Kindern direkt vorleben, dass es im Leben auch wichtig ist, nicht an allem ewig festzuhalten – und letztendlich eben auch nicht an Menschen.

      Schön, dass du dir oft genug die gut tuenden Dinge vor Augen führen kannst und sie auch bewusst (alleine) auslebst. Ehrlich gesagt habe ich noch nie von Rosenwurz gehört, aber es klingt spannend – in welchen Momenten nimmst du die Produkte?

      Danke für deine aufbauenden Worte und es freut mich, dass dir mein Blog weiterhin so gut gefällt :)

  6. Lydia sagt:

    Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen… toller Artikel! Das Thema Fremdbestimmung ist bei mir ganz groß. Ich Erkenne mich in diesem Artikel so oft wieder…
    „Mama, stell mal die Autos an die Eisenbahn. Mama guck mal, wie viele Hänger meine Lok hat, Mama du sollst jetzt nicht am Schreibtisch sitzen/aufs Klo gehen/was essen/an die Tür gehen/den Müll rausbringen…“
    An manchen Tagen würde ich am liebsten ganz leise die Haustür hinter mir zu machen und abhauen…
    aber, es gibt sie eben auch, diese Tage, Momente, Sekunden, wo ich weiß, ich liebe meinen kleinen Mann so sehr, wahlweise ist er dann der liebste, süßeste, tollste, beste Kerl der Welt.
    Nur schade, dass man so wenig mit anderen Müttern über diese Dinge reden kann. Kennen die das einfach nicht oder wird es totgeschwiegen ?
    Liebe Grüße 😊

    1. Christine sagt:

      Liebe Lydia,

      wir sollten in den Momenten, in denen wir abhauen möchten, vielleicht mal einen Treffpunkt ausmachen und dann schauen, ob unter den heimlich geflüchteten Mamis auch jene darunter sind, von denen wir annehmen, dass sie diese geheimen Wünsche nicht hegen.
      Ich persönlich glaube, dass viel mehr Mütter öfter genervt von ihrem geliebten Nachwuchs sind, aber nicht gerne darüber reden, aus Angst, als Rabenmutter zu gelten. Das ist sehr schade, aber auch absolut verständlich! Ich selbst vertraue mich auch nicht jeder Kindergartenmutter so offen an. Außer hier vielleicht ;-) Und jetzt stell‘ doch bitte die Autos wieder an die Eisenbahn! :)

      Sei lieb gegrüßt
      Christine

      1. Lydia sagt:

        Liebe Christine,

        ich kenne durch den Geburtsvorbereitungskurs und das Wohnen in einer sehr kinderreichen Siedlung viele Mütter, aber nur eine davon sagt, dass sie oft kaputt sei und sie nicht mehr könne. Bei den anderen läuft alles glatt… na dann… aber wahrscheinlich hast du recht, was das als Rabenmutter gelten betrifft. Ich rede auch nur mit wenigen Leuten darüber, ich mag einfach die entsetzten Gesichter und das Unverständnis (vor allem bei Kinderlosen) nicht. Mich nervt zur Zeit auch wahnsinnig, dass ich von allen Seiten gesagt bekomm, dass Junior ja wohl kein Einzelkind bleiben dürfe… schlecht für seine Entwicklung … blablabla … versuche dann wegzuhören…
        Liebe Grüße

  7. Muriel sagt:

    Ich fühle mich hier gerade so verstanden. Danke für diesen Blog! 💜

    1. Christine sagt:

      Liebe Muriel,

      es berührt mich, dass du dich durch mein(e) Text(e) so verstanden fühlst!
      Danke, dass du mich daran teilhaben lässt!
      Liebe Grüße

  8. Aschilli sagt:

    Liebe Christine, auch hier lieben Dank für deine Ehrlichkeit.
    Das erste Lebensjahr meines Sohnes war die schlimmste Zeit. Ich konnte sehr schlecht mit dieser 1000% Abhängigkeit an meiner Person umgehen… keine 5 Minuten für mich, weder zum Essen, duschen noch zum einfach mal alleine schlafen… nicht falsch verstehen, ich habe mich sehr um ihn gekümmert, er hat fast 2 Monate Tag und nach auf meinem Bauch geschlafen aber ich bin sehr froh, dass er von Tag zu Tag selbständiger wird.
    Auch ich kenne, Mama hier, Mama da, hör mir zu und vor allem warum? Warum warum?
    Ich bin stets bemüht auf ihn einzugehen und auch seine warum-fragen ehrlich und kindheitsgerecht zu beantworten.. manchmal stellt er wirklich kluge fragen, bei denen ich mir eingestehen muss „hey von der Seite habe ich das noch gar nicht betrachtet.“

    Aber ich habe auch gelernt und mir auch sagen lassen müssen, dass wir bei aller liebe, Mühe und Fürsorge auch unseren liebsten unsere Grenzen aufzeigen sollten/müssen. Wenn mein hochsensibles Nervenkostüm kurz vorm Überschäumen oder ich meine Gereiztheit sehr stark merke, sage ich ihm das auch. Und bitte ihn mir keine Fragen momentan zu stellen und bitte ihn auch die nächsten Minuten alleine zu spielen, da ich kurz eine Pause brauche.
    Ich denke, dass das auch nicht falsch ist, denn ich respektiere deine Grenzen und so glaube ich auch, dass sie lernen müssen unsere zu akzeptieren. Meist funktioniert es ganz gut, ich kann 10 Minuten durchatmen und bin dann wieder für ihn da..

    1. Christine sagt:

      Liebe Aschilli,

      also wenn dich hier Jemand in Punkto Fremdbestimmtheit nicht falsch versteht, dann bin ich das :)
      Mir erging es doch genauso!
      Thema Grenzen setzen hast du völlig Recht – die Frage ist ja auch, wie man sie vermittelt. Und das klingt doch nach einem sehr liebevollen Weg wie du es machst. So lernt dein Sohn, dass man auch mal eine Pause braucht, aber Mama anschließend auch wieder entspannt mitspielen kann. Und meistens handelt es sich ja wirklich nur um ein paar Minuten, die man zum Durchatmen benötigt :)

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