Mama-Momente

„Klar darfst du das!“ Wenn ErzieherInnen Eltern in den Rücken fallen

Villa Schaukelpferd-Klassiker


Maxi marschierte in den Fuchsbau und ließ sich geradewegs auf ein Kinderstühlchen am Kindertisch plumpsen. „Mama, ich will jetzt was essen!“ Seine Ansage war klar und deutlich, für mich jedoch ein Grund, meinen Sohn erst einmal von dieser absurden Idee abzubringen. Immerhin waren wir nur auf einen Sprung da, um Bruder Mini von der Tagesbetreuung abzuholen. Maxi hatte sowieso gerade erst in seinem eigenen Kindergarten zu Mittag gegessen und erhoffte sich nun mit aller Wahrscheinlichkeit einen zweiten Nachtisch. Neuer Ort, neues Essen? Das sah ich gar nicht ein. „Nein Maxi, du hattest doch gerade schon was; jetzt gibt es nichts zu essen!“ Frau Jäger, die Leiterin der Tageseinrichtung stand neben mir und lauschte interessiert unserer Diskussion. In diesem Moment schwenkte Maxi seinen bettelnden Blick in ihre Richtung. Sicherlich würde auch sie ihm jetzt dasselbe antworten wie ich es noch vor Sekunden getan hatte, wähnte ich mich beruhigt in Sicherheit. Aber weit gefehlt.

„Ich könnte dir ein paar Trauben anbieten“ kam stattdessen über ihre perfekt geschminkten Lippen. Und während sie schon eifrig zur Spüle trippelte, um Besagte klein zu schneiden, fiel mir die Kinnlade runter. Aber damit nicht genug. Ein vielsagendes Grinsen, gepaart mit einem „Mamaaaa, es gibt Trauben!“-Singsang von meinem Dreijährigen, begleitet von Frau Jägers fröhlichem „Ja, Mama, wusstest du das denn nicht?!“ gab mir endgültig den Rest. Wie konnte sie mir dermaßen in den Rücken fallen, wo ich doch gerade verkündet hatte, dass mein Sohn nichts essen sollte? Der Wutklumpen in meinem Bauch wurde immer größer, weil nun auch Bruder Mini mitbekommen hatte, dass noch was zu holen war, obwohl er wusste, dass ich eigentlich aufbrechen wollte.

"Klar darfst du das!" Wenn ErzieherInnen Eltern in den Rücken fallen
Und jetzt war ich wirklich in der Zwickmühle. Wenn ich das Ganze, noch dazu in Maxis Beisein, sofort ansprechen würde, platzte sicherlich meine Wutbombe heraus, was unter Garantie nicht förderlich für eine sachliche Debatte gewesen wäre. Alternativ stünde ich als gescheiterte Mutter da, der man soeben jegliche Autorität vor ihrem Kind entzogen hätte. Zähneknirschend entschied ich mich dennoch für Letzteres. Und so saßen beide Kinder –der eine in Jacke und Schuhe, der Andere, der Selbiges anziehen sollte, noch in Gammelmontur- am Tisch und schmatzten fröhlich ihr Obst.

An einem Strang ziehen in der Erziehung – das war bereits in der ersten Schwangerschaft für meinen Mann und mich oberstes Gebot gewesen. Das erste Kind hatte nicht mal das Licht der Welt erblickt, als die Fronten schon geklärt waren. Für uns gab es keine schlimmere Vorstellung, als zwei uneinige Eltern, die keine klare Linie in die Erziehung brächten und somit leicht von ihrem Nachwuchs ausgespielt werden könnten. „Bei Papa darf ich das aber!“ „Mama hat aber gerade gesagt, dass ich ein Eis haben kann!“ Solche Sätze wollten wir Standardmäßig schon mal vermeiden. Was bisher auch erstaunlich gut funktionierte und die letzten drei Jahre erheblich erleichterte. Von demher war ich gar nicht darauf gefasst gewesen, dass ausgerechnet eine pädagogisch geschulte Erzieherin mir derart einen Strich durch die Rechnung zog.

Die Situation aus dem Fuchsbau begleitete mich noch durch den Nachmittag und ließ sich auch während des Wocheneinkaufs nur schwer aus meinem Kopf verbannen. Sicher, selbst wenn meinem Mann und mir zuhause das „An-einem-Strang-ziehen“-Erziehungskonzept weitesgehend gelang, war das noch lange keine Garantie dafür, dass wir woanders nicht mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert werden würden. Ich würde mich innerlich also schon mal darauf einstellen müssen, in der Kommunikation mit Anderen –vor allem vor meinem Kind- immer wieder aufs Neue gefordert zu werden, auch, wenn mir der Gedanke so gar nicht passte.

Aber wie reagiert man jetzt am Besten in solchen Momenten? Vielleicht liegt es auch daran, wen man so vor sich hat, dachte ich bei mir, während ich die Dose mit Artischocken aus dem Regal zog. Bei engen Verwandten fiel es mir leichter, meine Meinung auch vor dem bittenden und bettelnden Kind durchzusetzen. Schwierig wird es bei mir vor allem dann, wenn ich augenscheinlich kompetente Fachleute übergehen muss. Ganz nach dem Motto „Sie müssten es doch eigentlich am Besten wissen…“ Konnte, durfte, ich da einfach mit der Erzieherin sprechen und ihr sagen, dass mir ihr (Fehl-)Verhalten nicht passt? Käme das nicht einer Beleidigung ihrer Kompetenz gleich?

"Klar darfst du das!" Wenn ErzieherInnen Eltern in den Rücken fallen
Ich tat es einfach. Gleich am nächsten Morgen ergab sich bei Frau Jäger eine ruhige Minute zum Reden, in der Maxi nicht mit anwesend und Mini schon längst in der Spielecke vertieft war. Dass ich mir wünschte, sie würde meine Aussage in solchen Augenblicken unterstützen und nicht „Hott“ sagen, wenn ich „Hü“ erklärte. Ein ebenso verständnisvolles wie entschuldigendes „Sie haben ja völlig Recht“ war die Antwort. Frau Jäger habe entsprechend ihrer Erfahrung mit anderen Müttern heraus am Vortag reagiert. Die meisten Eltern würden nur aus Schamgefühl Geschwisterkinder zurechtweisen, aus Angst, unverschämt zu wirken, wenn der große Bruder oder die Schwester des angemeldeten Tageskinds auch noch nach Essen und Trinken fragte. Und nicht, weil sie tatsächlich ihrem Kind die Nahrung verbieten wollten. Bäm! Da war er wieder: Dieser Klumpen in mir, der sich nun aber erleichtert auflösen konnte. Es war gar keine Absicht von ihr gewesen, mir in den Rücken zu fallen, sondern das genaue Gegenteil. Nur, dass sie nicht ahnen konnte, dass ich nicht zu den Eltern gehöre, die „Nein“ sagen, wenn sie eigentlich „Ja“ meinen.

Dankbar, dass Frau Jäger auf meine Bitte zukünftig eingehen wolle, machte ich mich wieder auf dem Weg zum Auto. Weh tat es nicht, das Gespräch. Und Frau Jäger wirkte auch nicht beleidigt oder sich ihrer Kompetenz beraubt. Es ist wahrscheinlich wie bei so vielen Dingen: Manchmal muss man einfach mal über seine Ansichten reden. Nur so kann jeder die Sichtweise des Anderen verstehen. Ob man jetzt geschultes Fachpersonal ist oder eine Mutter, die einfach nur ihr Kind nach einer –ihrer– Vorstellung erziehen möchte. Recht haben möglicherweise Beide. Die Hauptsache ist doch, dass man aufeinander eingeht und alleine damit schon wieder ein bisschen mehr an einem Strang zieht.

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