Mama-Momente

Der Boden unter den Füßen weggerissen

Der Boden wurde mir unter den Füßen weggerissen und ich falle. Es fühlt sich an wie die Fahrt mit einem schnellen Fahrstuhl vom Dach eines Hochhauses bis in den Keller in drei Sekunden. Das Herz macht einen unangenehmen Hopser, gelangt aus seinem Rhythmus und deine Knie werden weich, weil du dich im freien Raum befindest, ohne zu wissen, wann du wieder landen wirst. Kennst du das Gefühl? Mit mir ist genau das heute passiert. Das Telefon klingelte. Ein Anruf vom heilpädagogischen Kindergarten, in den unser Sohn Maxi ab übermorgen gehen soll. Dem Jugendamt würden noch Unterlagen fehlen, der Aufnahmetermin müsse daher auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben werden. Die Nachricht löste beinahe einen Nervenzusammenbruch in mir aus.

Erst gestern hatte ich mich in meinem Beitrag „Die Gezeiten des Mamaseins“ über die vergangene Woche mit beiden Kindern zuhause beklagt. Dass ich keine Mutter bin, die ihren Nachwuchs gerne vierundzwanzig Stunden um sich hat und ich am Wochenende die kleinen Rumpelstilzchen am Liebsten für zwei Euro fünfzig verkauft hätte, um endlich meine Mutterrolle wieder ablegen zu können. An manchen Tagen habe ich schlichtweg die Nase voll davon, rund um die Uhr als Ansprechpartnerin zur Verfügung stehen, nebenbei Tobsuchtsanfälle aushalten und meine eigenen Bedürfnisse zurückstecken zu müssen.

Der Boden unter den Füßen weggerissenGanz besonders anspruchsvoll ist die Erziehung unseres überaus sensiblen Fünfjährigen, bei dem vor wenigen Wochen erst die Diagnose Autismus festgestellt wurde. Da die Erzieherinnen seines ehemaligen Kindergartens mit ihrem Latein (und Maxis auffälligem Sozialverhalten) am Ende waren, beschloss ich Ende letzten Jahres, ihn vorerst zuhause zu betreuen. Ein nervenzehrendes Unterfangen, das ich dennoch sieben Monate durchhielt.

Durchhalten trifft es wohl tatsächlich am Besten. Ohne die bemerkenswerte Hilfe meiner Mutter, die mir Maxi mehrmals die Woche und zusätzlich noch außer der Reihe, wenn es mir nicht gut ging, abnahm und ohne viel Zeit für mich und Meditationen hätte ich es wahrscheinlich nicht so lange geschafft. Aber jetzt war mein Limit endgültig erreicht. Ich brauchte zusätzliche, fachliche Unterstützung.

Der Boden unter den Füßen weggerissenZufällig bekamen wir in der Zeit, in der wir uns nach einem neuen Fleckchen in Norddeutschland umsahen, die Zusage für einen freien Platz in einem heilpädagogischen Kindergarten. In solch einer Einrichtung kann man sein Kind nicht einfach aus Jux und Dollerei anmelden, es bedarf eines fachärztlichen Gutachtens, denn die Kosten werden vom Amt übernommen. Nachdem wir wochenlang um diese sozialmedizinische Stellungnahme zitterten, hielten wir sie schließlich in den Händen und reichten sie umgehend an Kindergarten und Sozialamt weiter. Alles schien perfekt.

Die Tage der Eigenbetreuung waren gezählt. Und auch, wenn ich immer noch so viele Stunden durchlebte, die unendlich viel meiner Kraft kosteten, so konnte ich doch jeden Abend ein Häkchen unter den geschafften Tag setzen und mich darauf freuen, dass Maxi bald in fachkundige Hände käme und ich einen Großteil unter der Woche entlastet würde. Vor allem jetzt, wo wir über dreihundert Kilometer von der Herkunftsfamilie entfernt wohnen und ich dringend auf Fremdbetreuung angewiesen bin. Gerade die letzten Tage in unserem neuen Zuhause waren mehr als kräftezehrend.

Die Tobsuchtsanfälle unseres Ältesten werden immer häufiger und lauter (vorgestern noch brüllte er „nur“ durch den halben Edeka, heute kreischte er vor Zorn die gesamte Einkaufspassage zusammen) und unsere Nerven werden immer dünner.

Der Boden unter den Füßen weggerissenIch will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich brauche dringend fachliche Unterstützung, die mir unter die Arme greift. Es hätte alles so glatt laufen können. Stattdessen müssen wir uns jetzt plötzlich noch mit dem Jugendamt auseinandersetzen, von dem vorher nie die Rede war. Die freundliche Sachbearbeiterin konnte uns bislang auch nur mitteilen, dass wir lediglich die Bearbeitungszeit abwarten müssten, bis Maxi den Kindergarten besuchen könne. Wann genau unser Fall jedoch auf den Schreibtisch käme, das könne sie uns leider nicht sagen.

Für die Ämter bin ich nur ein Fall von Vielen. Für mich geht es um mein Leben.

Ich falle immer noch. Der Boden scheint genauso weit weg zu sein wie der Stempel auf irgendeinem Gutachten, den irgendein Sachbearbeiter irgendeiner Institution irgendwo hindrücken wird.

Vorgestern dachte ich darüber nach, die Kinder für ’n Appel und ’n Ei zu verkaufen. Heute stieg in mir zum ersten Mal nach meiner Zeit mit postpartalen Depressionen der Gedanke an eine heimliche, alleinige Flucht nach Ohio oder sonst einem Land am anderen Ende der Welt, wieder auf.

Manche mögen sagen: „Ach komm, du hast jetzt schon so viel geschafft; die letzten Tage oder Wochen wirst du auch noch schaffen!“ Ja. Irgendwie schafft man es als Mutter. Egal, um was es geht. Mütter haben irgendwo immer noch Reserven, aus denen sie selbst in unmöglichen Situationen noch Kraft schöpfen können. Erschreckend irgendwie.

Vielleicht kann ich mir das morgen auch wieder sagen. Heute habe ich keine Kraft mehr dazu.

7 Gedanken zu „Der Boden unter den Füßen weggerissen“

  1. Petra Hamacher sagt:

    Oh Gott. Ich denke an dich und sende dir so viel Kraft wie es nur geht!!!

    1. Christine sagt:

      Das ist lieb von dir, danke Petra!!

  2. Lisa sagt:

    Liebe Christine,
    mein erster Gedanke war,dass ich dich quer durch Deutschland gerne mal kurz umarmen würde!Eine hochsensible Mama zu sein mit einem ebenfalls sensiblen Kind ist schon herausfordernd genug,da braucht es nicht noch weitere Steine von außen…Auch wenn es dir im Moment vielleicht nicht so vorkommt,du bist ganz schön stark und schon ziemlich weit gekommen!Ich drück dir alle Daumen!!

    1. Christine sagt:

      Ach wie lieb von dir, die Umarmung nehme ich sehr gerne an! Und deine aufbauenden Worte auch :)

  3. sonja sagt:

    oh je – das tut mir so leid :-(
    da kann ich wohl nur die Daumen drücken dass die Bearbeitungszeit im Jugendamt kürzer ist als befürchtet… dass der ersehnte Anruf ganz bald kommt und ihr in der neuen Heimat endlich richtig durchstarten könnt. Mini hat schon einen Platz und geht schon in die Betreuung – oder?
    liebe Grüße
    Sonja

    1. Christine sagt:

      Danke dir für’s Daumendrücken! Mein Mann hat nochmal nachgehakt mit der Bitte um zeitnahe Bearbeitung und heute kam der Anruf, dass sie kurzfristig morgen einen Hausbesuch bei uns machen. Unser Gutachten vom Arzt wäre zwar schon eindeutig, aber vorschriftsmäßig müssen sie sich nochmal selbst ein Bild machen. Soll wohl nur noch Formsache sein, laut der Sachbearbeiterin steht jetzt nicht der ganze Kindergarten in Frage… Wollen wir es hoffen.

      Ja, Mini hat ab heute einen Kiga-Platz. Immerhin etwas. Aber ehrlich gesagt hätte ich weniger Bauchschmerzen gehabt, wenn sich die Aufnahme bei ihm verzögert hätte, als ausgerechnet bei dem Kind, das zuhause so viele Nerven kostet…

      Hoffen wir das Beste. Danke für deine Grüße
      Christine

  4. Sonja sagt:

    oh juhu… das sind doch tolle Neuigkeiten…
    wenigstens tut sich was und Du musst nicht ewig warten ohne was machen zu können.
    viel Glück und starke Nerven für den Hausbesuch :-)
    Sonja

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