Lebensfragen

Zeit für einen Neuanfang

Die Sonne kitzelte auf unserer Nase und ihre Anwesenheit erwärmte unser Herz. Das hier würde kein Sommertag werden, der einen müde und träge von der Hitze auf die nächste Bank zusteuern lässt. Nein, es war Herbst, das verriet nicht nur die Luft, gleich einem erfrischenden Schluck Quellwasser. Es waren auch die gelb- und rotgeschmückten Blätter, die Bäume wie Waldboden vor uns säumten.

Ausgestattet mit schlauen Wanderkarten, heißem Tee und jeder Menge Proviant hatten meine Mutter und ich uns auf den Weg gemacht, so wie wir es bereits ein halbes Jahr vorher schon einmal getan hatten. Quer durch Wiesen und Wälder pilgern, mal auf breiten Wanderwegen, dann wieder auf scheinbar unbekannten Trampelpfaden. Unser Ziel war kein bestimmter Ort, unser Ziel waren wir selbst. Und mit jedem Kilometer gingen wir auch Schritt für Schritt ein bisschen mehr auf unsere Herzen zu.

Bei sich selbst ankommen. Den Frieden spüren. Klarheit finden, wo vorher Unklarheit und Nebel herrschten. Braucht es dazu einen Wandertag?

Natur bedeutet mir sehr viel. Bereits als Kind war ich viel mit meiner Mutter im Wald. Natürlich gab es auch Zeiten, in denen ich mit der „uncoolen“ Natur nichts zu tun haben wollte und lieber mit meiner Freundin shoppen ging oder vor dem Computer hing.

Nein. „Hip“ oder „cool“ ist die Natur wirklich nicht. Und das ist auch gut so. Irgendwann, wenn auch schleichend, kam bei mir als junge Erwachsene dann die Erkenntnis, dass Wälder, Wiesen, Berge und Meer genau dazu dienen, ein Ausgleich für unsere ansonsten so coole Stadtwelt zu sein. Und für mich der beste Aufenthaltsort als Hochsensible.

Zeit für einen NeuanfangNirgendwo fühle ich mich mehr mit Allem was ist verbunden und kann dennoch ganz für mich alleine sein, als draußen im Grünen. Wo mir zuhause als Mutter auch schon mal die Decke auf den Kopf fällt, kann ich sofort tief durchatmen, sobald ich die Weite des Himmels über mir spüre, den Wind auf meiner Haut. Größere Probleme werden dort kleiner, Kleine verschwinden manchmal ganz. Oder können zumindest, mit einer Prise Humor bestückt, ihre Macht verlieren.

Wir machten auf einem Stapel abgeholzter Baumstämme Rast. Die Wiese, die wir beiden Mütter überqueren wollten, endete links an einer abgezäunten Kuhweide und rechts im Dickicht. Hier war kein Weiterkommen, die Karte hatte uns in die Irre geführt. Wie schwer fällt es mir oft auch in meinem Alltag umzukehren? Erkennen, dass der eingeschlagene Weg nicht der Richtige ist, ist manchmal frustrierend. Nicht immer wünschen wir einen Neuanfang und müssen ihn trotzdem wagen.

Ob sich der neue Weg als beglückend herausstellt, können wir oft erst im Nachhinein beurteilen. Ist das nicht eine wunderbare Chance, völlig wertfrei und optimistisch die Richtung einzuschlagen, mit all den Möglichkeiten, die vor uns liegen? Oder tappen wir schon wieder in die Falle, die Chance bereits im Voraus als mögliches Problem zu sehen und jeden Schritt als Qual zu erleben? Blicken wieder nur sehnsüchtig auf den Weg, den wir verlassen haben, ohne zu begreifen, dass er uns doch nicht weiterbrachte.

„Manchmal überrascht es mich, wie hart du schreibst.“ Ich wusste, was sie meinte. Ich hatte mich selbst auch schon lange beobachtet. Wie ich so oft mit meinem Leben haderte. Wenn der Tag mal wieder zu viel Kind und zu wenig Ich beinhaltete. Mein Blog war stets mein Ventil nach Außen, half mir, wenn sonst nichts half, den Nebel zu durchdringen.

Oder war mein Gedankenknäuel selbst schon zu Nebel geworden, der mir die Sicht auf die positiven Dinge in meinem Leben nahm?

Veränderungen haben oft den Beigeschmack, dass sie nicht lange währen. So kommt es mir vor, wenn man beschließt, neue Wege zu gehen und doch wieder auf alte Verhaltensmuster zurückgreift. Irgendwer verglich das mal mit einer Autobahn. Das neue Muster sei wie eine neue Ausfahrt, die man gerade erst gelegt hat. Man muss sie oft genug befahren, sonst rast man immer automatisch an der noch schmalen Spur vorbei, die alte, breite Straße entlang. Wahrscheinlich heißt auch hier der Schlüssel Achtsamkeit.

Zeit für einen NeuanfangNur, wenn ich achtsam fahre, erkenne ich auch die neue Ausfahrt, das andere Verhaltensmuster, mit dem ich zukünftig agieren möchte. Wenn ich mein Leben als Mutter als beglückend erleben möchte, dann muss ich dem Glück auch eine Chance geben, wahrgenommen zu werden. Achtsam durch den Alltag gehen, um die kleinen Momente wie Pusteblumen am Wegesrand zu entdecken. Und nicht den unachtsam weggeworfenen Müll daneben meine Gedanken regieren lassen.

Leicht ist das nicht. Aber auch nicht unmöglich. Solange ich gut und achtsam mit mir selbst bin, kann ich auch meine Kinder und die Zeit mit ihnen als bereichernd empfinden. Dann kann ich sie so lassen wie sie sind, weil ich mich auch selbst so annehme, wie ich bin, mit all meinen scheinbaren Schwächen.

Als meine Mutter und ich nach sechs Stunden wieder am Auto ankamen, hatten wir beide nicht das Gefühl, einen langen und schweren Marsch hinter uns zu haben. Vielleicht auch, weil wir ihn bewusst und unvoreingenommen gegangen sind. Müde, aber glücklich verließen wir den Wald, wohl wissend, dass wir ihn längst in unseren Herzen mitgenommen hatten. Genau wie die Bereitschaft, Neuanfänge und die damit verbundenen Veränderungen zulassen zu dürfen.

Willkommen (zurück) auf meinem Blog.

8 Gedanken zu „Zeit für einen Neuanfang“

  1. Frühlingskindermama sagt:

    Ich wünsche Dir alles Liebe für den Neuanfang, bin gespannt und werde Dir natürlich auch weiterhin treu bleiben.
    Liebe Grüße!

    1. Christine sagt:

      Lieben Dank für deine Wünsche!
      Ich freue mich ganz besonders, dass du weiterhin bei mir mitlesen möchtest, vor allem, weil ich noch weiß, welche Bedenken du hattest, als ich damals verkündet hatte, den alten Blog, die „Villa Schaukelpferd“, zu schließen. Ich hoffe, es ist auch weiterhin was für dich dabei :)

      <3 Liebe Grüße zurück

  2. Claudia sagt:

    Liebe Christine!! Ich freue mich, dass es Deinen lang erwarteten Blog nun endlich gibt und finde Deinen Blogschwerpunkt sehr interessant! Ich werde demzufolge weiterhin gerne bei Dir stöbern!! Viele Grüße! Claudia

    1. Christine sagt:

      Liebe Claudia,
      das freut mich sehr zu hören, vielen Dank für deine dagelassenen Grüße!
      Wir lesen uns ;-)

      Christine

  3. Daniela sagt:

    Liebe Christine,
    erst einmal wünsche ich dir alles Gute zu deinem Neuanfang. Ich werde dir, obwohl ich auch ein bisschen traurig bin, natürlich treu bleiben. Allein schon, weil ich deinen Schreibstil sehr mag…

    Liebe Grüße
    Daniela

    1. Christine sagt:

      Liebe Daniela,
      vielen Dank für deine Glückwünsche. Das bedeutet mir sehr viel, gerade weil du meinen alten Blog auch ein wenig vermisst.
      Liebe Grüße zurück

  4. Iris sagt:

    Dein Blog gefällt mir sehr gut, da ich mich in vielen Punkten wiederfinde! Ich leide zwischen ständigen Umstellungen des Tagesplans und Veränderungen.
    Bin sehr schüchtern und brauche immer Zeit zum Auftauen.

    1. Christine sagt:

      Liebe Iris,

      die beiden Punkte, die du ansprichst, kenne ich auch nur zu gut! Oftmals sind es ja nicht mal die „großen“ Veränderungen, sondern winzig kleine im Tagesablauf, die einen schon kräftig aus der Bahn werfen können. Deine Schüchternheit wird dir da sicher oft im Wege stehen, nicht wahr?
      Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass du besonders in deinem nahen Umfeld viele Menschen hast, die dir die Zeit geben, die du brauchst!

      Liebe Grüße
      Christine

Was sagst du dazu? Schreibe einen Kommentar!

Dein Kommentar wurde nicht (oder nur unvollständig) freigeschaltet? Lies hier, warum!