Lebensfragen

Ein weiteres Kind trotz Wochenbettdepression?

„Ich bin schwanger.“ Ich stand im Badezimmer, den Blick auf das Display des Schwangerschaftstests geheftet. Eine Überraschung war das für mich nicht. Die leise Ahnung begleitete mich schon eine ganze Weile. Eine Tür weiter warteten mein Mann und Maxi, denen ich gleich das Ergebnis präsentieren durfte. Der eine würde sich freuen, da war ich mir sicher, der andere höchstens unabsichtlich mit seinen winzigen Ärmchen rudern – schließlich war mein Erstgeborener gerade mal sechs Wochen alt und konnte noch keine Vorfreude auf ein zukünftiges Geschwisterchen aufbringen. Und ich? Konnte ich mich freuen? Immerhin beherrschten seit exakt ebendiesen sechs Wochen depressive Stimmungen mein Gemüt. Wochenbettdepressionen.

In letzter Zeit werde ich immer öfter gefragt, warum ich noch ein zweites Kind bekommen habe, obwohl ich nach der ersten Geburt so lange unter postpartalen Depressionen litt. Und es waren ja beileibe keine leichten Verstimmungen gewesen. Kein kleiner Baby Blues, der hormonell bedingt bei fast jeder Neumutter auftaucht und ein paar Stunden bis Tage für Gefühlschaos sorgt.

Ein weiteres Kind trotz Wochenbettdepression?Nein, die Schwere dieser postnatalen Depression zeigte sich bereits unmittelbar nach der Geburt, als ich schon mit dem ersten Blick auf meinen Sohn eine große Distanz spürte, und gipfelte Monate später in meinen Gedanken, irgendwie den kinderlosen Zustand wiederherzustellen. Auf welche Art und Weise auch immer.

Es ist für mich also absolut nachvollziehbar, wenn mich Jemand fragt, wie in Gottes Namen ich denn dann auf die Idee kam, noch ein zweites Kind in die Welt zu setzen.

Auch Mini war ein absolutes Wunschkind gewesen, weshalb mein Herz auch an eben diesem Tag im Badezimmer vor Freude anfing zu hüpfen. Mein Mann und ich wollten immer zwei Kinder haben, das stand schon vor der ersten Schwangerschaft fest. Wir wollten auch immer einen relativ kurzen Zeitabstand zwischen den Geschwistern haben, eben, damit sie später immer jemand Gleichaltrigen zum Spielen haben. Wir selbst hatten das aus unserer eigenen Kindheit als grundlegend positiv empfunden.

Ein weiteres Kind trotz Wochenbettdepression?Dass Mini aber nun dermaßen schnell geboren wurde, war –und das mag Manche jetzt verwundern- eine Konsequenz meiner Wochenbettdepression.

„Wenn nicht jetzt, wann dann? Wer weiß, wie anstrengend die Zukunft noch wird, und dann haben wir erst Recht keine Lust mehr auf ein zweites Kind!“ Dieser Gedanke ging mir in der Zeit durch den Kopf, immerhin war es nach wie vor unser fester Wunsch, die Familie mit einem zweiten Kind zu komplettieren. Und im Nachhinein bin ich wirklich froh, dass es mit Kind Nummer Zwei so schnell klappte, denn je mehr Zeit ins Land verstrich, desto weniger hatte ich Bedürfnis nach einer weiteren Baby- und Kleinkindzeit.

Aber nur, weil ich mich erst einmal mit meinem ältesten Sohn nicht anfreunden konnte, bedeutete das noch lange nicht, dass mein Wunsch nach einem Geschwisterkind für ihn gestorben wäre. Im Gegenteil. Ich wartete schließlich immer noch auf mein Mädchen, das mir beim ersten Mal verwehrt geblieben war. Ironischerweise wurde das zweite Baby wieder ein Junge.

Ein weiteres Kind trotz Wochenbettdepression?Zu alledem kam aber noch ein anderer Gedanke, der mir jedoch erst viel später richtig ins Bewusstsein trat. Ich hatte Angst um Maxi. Dass er später vielleicht bewusst oder unbewusst zu spüren bekommen hätte, dass wir seinetwegen auf ein einst so gewünschtes Geschwisterkind verzichtet hätten, weil die Anfangszeit mit ihm so anstrengend und voll von negativen Stimmungen geprägt war.

Vielleicht hätte er sich schuldig gefühlt; dieses „anstrengende“ auf sich persönlich bezogen, statt auf meinen Wunsch nach mehr Zeit für mich.

Und es gab zudem auch immer noch eine leise Stimme in mir drin, die mir sagte, dass irgendwann alles gut werden würde. Dass die postnatale Depression wieder verschwinden und an ihrer Stelle Liebe zu meinem ältesten Sohn treten würde.

Glücklicherweise ist genau das eingetreten, auch, wenn ich damals nur die Hoffnung, nicht die Gewissheit hatte.

Wer mich und meinen Mama-Blog kennt, der weiß, dass ich auch heute immer noch Momente habe, in denen ich an der Mutterrolle zweifle und mir mein kinderloses Dasein zurückwünsche. In solchen Augenblicken ist es genau diese innere Stimme, die mir Mut macht, wenn ich mal wieder mit meiner Mutterrolle hadere.
Dann weiß ich, dass ich aus meinem Gleichgewicht bin und dringend entstressen muss, um wieder in Balance zu kommen. Dann wird aus Hoffnung Gewissheit, wenn ich merke, dass eine glückliche Mutter-Kind-Beziehung möglich ist, sofern ich in meiner Mitte bin.

Postpartale Depression. Das muss zum Glück nicht immer heißen, dass man sein Kind nicht liebt. Viele betroffene Mütter kommen vor allem erst einmal mit der Umstellung auf ein Leben mit Kind nicht zurecht, fühlen sich mit ihrem neuen Alltag überfordert. Sie sind vielleicht nervös, ängstlich oder besonders reizbar. Andere haben es wiederum zunächst genossen, sich um ihr Baby zu kümmern, werden aber nach und nach immer depressiver, bis ihr Leben zum Stillstand kommt.

Wie erklärt man einen Kinderwunsch, obwohl man unter schweren Depressionen litt?

Ist es moralisch vertretbar, wenn eine depressive Mutter den Wunsch nach einem weiteren Kind hegt? Ich mag alleine das Wort „moralisch“ schon nicht. Das klingt in meinen Ohren nach „anständig“ oder sich ja richtig „benehmen“. Vor allem aber ist es eine Be- oder Verurteilung von Außenstehenden.

Moral und ein grundlegendes, menschliches Bedürfnis schließen sich in meinen Augen gegenseitig aus. Und kein Mensch darf verurteilen, wenn der tiefe Wunsch nach einem weiteren Kind, trotz Depression, auftaucht. Weder Außenstehende, noch die Depressive sich selbst.

Vielmehr sollten Mütter mit Wochenbettdepression, die den Wunsch nach einem weiteren Kind hegen, ganz vorurteilsfrei in sich hineinhorchen und der Frage nachgehen, welcher Grundlage dieser Wunsch entspringt.

Ein weiteres Kind trotz Wochenbettdepression?Ist es wirklich ein Herzenswunsch, ein Bedürfnis, das von Innen kommt oder sind äußere Faktoren die Ursache? Eine Beziehung, die mithilfe eines weiteren Kindes „gerettet“ werden soll? Die (Groß-)Familie, die noch mehr Nachwuchs erwartet? Religiöse Ansichten, gesellschaftlicher Druck oder einfach nur der Spaß, wieder einen passenden Namen und niedliche Babykleidung auszusuchen, all diese Gründe sollten nicht leichtfertig zu einer weiteren Schwangerschaft führen, wenn die Frau ernsthaft in einer Krise steckt (und eigentlich auch im gesunden Fall nicht).

Wenn das Bedürfnis nach einem Kind von innen herrührt, spricht meiner Ansicht nach nichts gegen diese Bauchentscheidung (schließlich muss nach der zweiten Geburt nicht zwangsläufig erneut eine postpartale Depression auftreten). Allerdings kann ich betroffenen Müttern aus eigener Erfahrung nur dringend ans Herz legen, in irgendeiner Weise professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine Wochenbettdepression kann medikamentös und psychotherapeutisch behandelt werden und erleichtert im besten Fall das weitere Muttersein.

Als Mutter hat man immer noch Verantwortung. Sich und seinen Kindern gegenüber.

Eine Frau, die unter postpartalen Depressionen leidet, kann nichts für ihre Krankheit. Aber sie kann sehr wohl etwas dafür, wie sie damit umgeht.

Und das sollte immer in Richtung positiver Veränderung, im Sinne einer Auseinandersetzung mit der Ursache gehen. Vor allem in Hinblick auf ein weiteres Kind! Auch, wenn die Probleme nicht über Nacht verschwinden. Der Wille zählt!

„Unser größter Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen“ wusste schon Nelson Mandela.

7 Gedanken zu „Ein weiteres Kind trotz Wochenbettdepression?“

  1. Frühlingskindermama sagt:

    Schön, dass Du mal ausführlich darüber geschrieben hast. Ich glaube, die Frage haben sich die meisten Leserinnen Deines Blogs gestellt und auch ich hatte Dich ja mal dazu befragt. Dass Du 6 Wochen nach der Geburt schon wieder schwanger warst, wusste ich nicht. Allein der Gedanke daran jagt mir Schauer über den Rücken. Ich dachte immer, Deine PPD wären damals vielleicht noch nicht so schlimm gewesen, gerade in den ersten Wochen ist ja eh‘ alles durcheinander. Welche Haltung hatte denn Dein Mann dazu? Wenn ich mir vorstelle, wie es für einen Mann sein muss, seine Frau zu sehen, wie sie sich quält und das gemeinsame Kind nicht so lieben kann, wie man es sich wünschen würde, dann hätte ich große Bedenken gehabt, ein weiteres Kind zu bekommen. Wie war das für ihn?
    Danke jedenfalls, dass Du darüber geschrieben hast. Für mich waren Deine Beweggründe rational, aber nicht emotional nachvollziehbar. Aber niemand steckt halt in den Schuhen eines anderen Menschen:-)
    Mich würde eine Fortsetzung interessieren, d.h. wie entwickelte sich die PPD während der Schwangerschaft, welche Reaktionen gab es, kamen Zweifel auf etc. Du siehst, das Thema interessiert mich sehr. Ich weiß ja selbst, wie ambivalent das ist, denn als ich (ungeplant) mit meiner Kleinen schwanger war, habe ich mich trotzdem auf sie gefreut, obwohl ich das Muttersein zu diesem Zeitpunkt noch richtig schrecklich fand.
    Ganz liebe Grüße!

  2. Nadja sagt:

    Ohja, ich kann ein Lied davon singen. Von der Angst, dass auch das zweite Kind die Welt aus den Fugen bringt. Dass ich wieder vor dem kleinen Bündel Mensch stehe und mir wünschte es wäre nie in mein Leben getreten. Es KANN passieren, denn die Gründe für eine Wochenbettdepression liegen ja oft garnicht so sehr am Kind, sondern haben andere, tiefere Ursachen. Für mich persönlich war mein 2tes Kind leider auch keine „Rettung“, denn so habe ich es manchmal gesehen: „Dieses Mal wird alles gut! Jetzt mache ich alles richtig. Jetzt kann ich alles wieder gut machen, was mein verrückter Mutterkopf in seinen Augen falsch gemacht hat!“
    Leider funktioniert es so nicht. Aber ich war gut bewacht von Ehemann und Hebamme und wir konnten schneller erkennen dass ich erneut keine Liebe für mein Kind finden konnte.

    Wie du es schon schriebst, der Wunsch nach einem weiteren Kind muss dein innerster Wunsch sein, er darf nicht aus der Depression entstehen, aus der Schuld, die man fühlt. Ich selbst wünsche mir ein Weiteres Kind, weiß aber das ich damit nur aufarbeiten möchte… Wieder gut machen will und das ist der falsche Weg. Alles gute für Euch!

    1. Christine sagt:

      Liebe Nadja,

      ich begrüße dich ganz herzlich auf meinem Mama-Blog; schön, dass du da bist und danke, dass du uns so offen von deiner eigenen Geschichte erzählst!
      Den Gedanken, beim nächsten Kind alles besser machen zu wollen, kann ich gut nachvollziehen. Aber wie du schon sagst, funktioniert das so einfach nicht. Damit setzt man sich die Messlatte nicht nur an eine viel zu hohe, sondern vor allem an die falsche Stelle. Wieder gut machen kann man bei einem anderen Kind eh nicht das, was eigentlich dem anderen gebürt.

      Ich freue mich sehr für dich, dass du deinen Mann und deine Hebamme an deiner Seite hattest, die dir helfen und dich in deiner Entscheidung unterstützen konnten. Ich bewundere es, dass du so ehrlich zu dir selbst sein konntest und dich in Kombination von Herz und Verstand gegen ein weiteres Kind entschieden hast. Das war ein mutiger und gleichzeitig verantwortungsvoller Schritt, der sicher auch sehr schmerzhaft war! Aber wer weiß, was irgendwann (wieder) möglich ist, wenn du genug aufarbeitet hast und dich wieder stark genug fühlst…

      Ich wünsche dir alles erdenklich Liebe!
      Fühl‘ dich gedrückt
      Christine

      1. Nadja sagt:

        Liebe Christine, danke für deine Worte. Den Mut darüber zu sprechen muss man sich erstmal erkämpfen. Denn ich persönlich, bin vermutlich das Paradebeispiel einer Wochenbettdepressiven Mutter gewesen: perfektionistisch, zu 100% Unabhängig und freiheitsliebend. Dazu noch eher Kühl, wenn es um Gefühle geht. Dann zwei schreckliche Kaiserschnittgeburten und Schreikinder. Mein Leben war weg und ich selbst verschwand auch, denn man funktioniert ja nur noch. Bis nichts mehr geht. Mein 2tes Kind ist jetzt 1 1/2 und ich kann jetzt endlich mit vollem Herzen sagen wie sehr ich meine Kinder liebe. Glücklich bin ich noch immer nicht, denn das Glück das andere Mütter verspüren kam leider nicht mit der Liebe. „Regreting Motherhood“ wäre hier das Stichwort. Aber das ist ein anderes Thema. Eigentlich wollte ich nur sagen das es unendlich wichtig ist darüber zu sprechen. Es ist egal was andere sagen oder denken, es ist einfach wichtig für einen selbst und eine Wochenbettdepression ist nichts wofür man sich schämen müsste!!!

        Liebe Grüße!

      2. Christine sagt:

        <3 <3 <3 Ich kann dich so gut verstehen! Und ich stimme völlig mit dir überein: Darüber zu sprechen, und wenn es nur für einen selbst ist, ist (lebens-)wichtig! Ich wünsche dir, dass du auch für dich selbst bald wieder glücklich bist - "trotz" Muttersein.

        Alles Liebe!

  3. Petra sagt:

    Liebe Christine,
    Dein Blog ist so schön! <3 Ich habe mich damals über Dein Interview (allerlei-themen) gefreut. Ja, gefreut, weil ich es immer gut und wichtig finde, wenn jemand über all das spricht!

    Nun hast Du Deinen zweiten Schwangerschaftstest in der Hand gehalten und ich freue mich mit Dir! Das zweite Kind… ein Thema, was viele interessiert und für viele ein großes Fragezeichen hinterlässt….

    Magst Du daher Deinen Blogbeitrag bei mir verlinken (https://www.ein-buch-auf-bali.de/eure-blogroll/)? Ich stelle diese Beiträge dann auch regelmäßig in meiner Facebook Gruppe vor!
    So dass wir mehr Menschen gemeinsam erreichen!

    Grüße
    Petra

    1. Christine sagt:

      Hallo Petra!

      Ach du bist das mit dem Buch auf Bali? Toll, bin letztens zufällig per Twitter darüber gestolpert und finde die Idee so mutig und gleichzeitig wunderschön!! Jetzt kenne ich quasi auch noch das Gesicht dahinter :)

      Sehr gerne darfst du meinen Artikel verlinken, ich habe nichts dagegen, im Gegenteil!

      Danke für deine Glückwünsche zur zweiten Schwangerschaft, auch, wenn der Kleine jetzt auch schon Vier geworden ist…Wie schnell die Zeit doch vergeht…

      Ich danke dir für deine lieben Worte, auch ich habe mich damals gefreut, dir ein Interview geben zu dürfen!
      Ich wünsche dir ganz viel Kraft für dein Bali-Herzensprojekt und viele tiefgreifenden Erfahrungen! Ich werde deine Reise virtuell verfolgen :)

      Liebe Grüße
      Christine

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