Lebensfragen

Kann man vom Verhalten des Kindes auf seine Eltern rückschließen?


Der Junge stand unter der Hängebrücke des städtischen Spielplatzes und beobachtete die fremden Kinder, die lachend über ihm in ihr Spiel vertieft waren. Plötzlich nahm er eine Hand voll Sand und schmiss sie einem der Kinder gezielt ins Gesicht. Einfach so. Ohne ersichtlichen Grund. „Was für ein ungezogener Junge! Was muss der wohl für Eltern haben, die es mit guter Erziehung offensichtlich nicht so genau nehmen?“ Diese Gedanken, die womöglich bei der Beschreibung der Szene bei dir auftreten, wären wohl auch mir durch den Kopf gegangen. Wenn nicht…ja, wenn nicht dieser Junge mein eigener Sohn gewesen wäre.

Ich hatte mich mit meiner Freundin Nina und ihrem Nachwuchs auf dem Spielplatz verabredet und nun spielten unsere Kinder –mehr oder weniger zusammen- an diesen niedlichen Holzhütten, in die nur kleine Kinder oder Schlümpfe hineinpassen, und die über eine Hängebrücke miteinander verbunden sind. Im Laufe des Nachmittags hatten sich auch noch andere Kinder dazugesellt und arrangierten sich nun äußerst friedlich mit unseren Jungs. Alle bis auf einen. Maxi, bisher eher Einzelkämpfer statt Teamplayer, beschränkte sich an diesem Nachmittag auf ein auffallend negatives Verhalten den anderen Kindern gegenüber. Sei es in Form von „mal spontan den kleinen Bruder schubsen“ oder eben in besagtem „Sand auf andere Kinder werfen“.

Ich bin ehrlich. Früher hätte ich als Außenstehende solche Kinder als Arschlochkinder betitelt und entsprechende Eltern direkt verurteilt. „Da müsste aber mal ganz schnell die „Super-Nanny“ vorbeischauen und das Kind auf die Stille Treppe setzen“ hätte ich vielleicht gesagt. Oder „Da hat Jemand aber sein Kind so gar nicht im Griff“. Ich gebe zu, dass mir in manchen Fällen schon mal das Wort „asozial“ durch den Kopf gegangen ist.

Und jetzt war ich selbst das Subjekt, auf das meine verurteilenden Bemerkungen zutrafen. Wahrscheinlich wäre ich auch –wie es öfter schon in den letzten dreieinhalb Jahren meines Mutterseins Gelegenheit dazu gab- schnell zu dem vernichtenden Urteil gekommen, dass ich eben auch eine von diesen Müttern bin, die ihr Kind nicht im Griff haben oder –noch schlimmer- dem Kind keine vernünftige Erziehung zukommen lassen. Wäre da nicht noch das andere Kind, das ich vor zweieinhalb Jahren entbunden habe.

Kann man vom Verhalten des Kindes auf seine Eltern zurückschließen?
Mini ist so ganz anders als sein größerer Bruder. Pflegeleicht, unkompliziert, aufgeschlossen. Ein „Everybody’s Darling“, wenn man so will. Ich kenne Niemanden, der grundsätzlich Schwierigkeiten im Umgang mit ihm hat oder ihn als anstrengend bezeichnen würde (von uns Eltern, die ihn auch von seiner anstrengenden Seite zuhause kennen, einmal ganz abgesehen). Aber im Gegensatz zu seinem Bruder spielt er gerne mit anderen Kindern und geht auch völlig angstfrei auf ältere Schulkinder zu (die seinem Charme natürlich sofort erlegen sind und ihn mitspielen lassen). Maxi hingegen klettert meist erst auf ein Gerüst, wenn die anderen Kinder ihr Interesse daran verloren haben und wieder unten sind.

Mini und Maxi leben also beide in unserem Haus und genießen die gleiche Erziehung. Wie kommt es da, dass der Eine sich im Umgang mit Anderen zu „benehmen“ weiß und der Andere sich wie die Axt im Wald aufführt? Sind wir Eltern jetzt Schuld? Bei meiner eigenen Recherche zu dieser Frage bin ich zu folgendem Ergebnis gekommen: „Schuld“ können mehrere Faktoren sein, wobei ich das Wort Schuld absichtlich in Anführungszeichen gesetzt habe, weil nichts davon mit böser Absicht geschehen ist.

Da wäre zum einen der holprige Start mit meinem ältesten Sohn, den ich aufgrund postpartaler Depressionen nach der Geburt lange Zeit ablehnte. Vielleicht gibt es da Wunden bei Maxi, die noch nicht vollständig geheilt sind und die sich jetzt durch entsprechendes Verhalten äußern. Zum anderen gibt es da die Gene. Wenn mein Mann und ich an unsere eigene Kindheit zurückdenken, fällt uns schon auf, dass wir selbst auch eher Einzelgänger waren. Unangepasst und rebellisch, ein bisschen zu laut manchmal für unsere eigenen Eltern. Der eine von uns vielleicht mehr, der andere weniger, aber ganz von der Hand zu weisen ist es nicht.

Kann man vom Verhalten des Kindes auf seine Eltern zurückschließen?
Hinzu kommt natürlich noch Maxis eigener Charakter, sein hartnäckiger Dickkopf und gleichzeitig seine Sensibilität. Ist er unterfordert oder müde, wird er schnell zur Nervensäge und macht absichtlich Sachen, von denen er weiß, dass er sie unterlassen soll. Mit Sand schmeißen oder den Bruder schubsen beispielsweise.

Natürlich nervt mich das in dem Moment dann und es fällt mir schwer, ruhig und verständnisvoll zu reagieren. Und trotzdem weiß ich, dass es in der Situation nur hilfreich für Alle wäre, Ursachenforschung zu betreiben und das Grundleiden abzustellen. Ich weiß, dass Maxi an jenem Nachmittag auf dem Spielplatz sehr müde war, da er keinen Mittagsschlaf gemacht hatte. Hinzu kam eine unerträgliche Hitze und, wer weiß, vielleicht eine innere Unzufriedenheit, die er selbst nicht benennen konnte.

Inzwischen bin ich viel vorsichtiger geworden, was das Beurteilen fremder Kinder und deren Eltern angeht und ich arbeite immer noch daran, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. Ich denke, keine Mutter erzieht ihr Kind absichtlich schlecht, wenn auch vielleicht nicht immer so, wie ich es gewohnt bin, allein, wenn ich schon an fremde Nationalitäten und deren Kulturen denke.

Natürlich wird es auch immer Kinder geben, denen ein bisschen mehr Durchsetzungsfähigkeit seitens der Eltern gut tun würde oder wiederum Andere, die aufgrund zu strenger Regeln zuhause ihr Temperament mal bei anderen Kindern auf dem Spielplatz auslassen müssen. Man wird wohl nie pauschal sagen können „Das liegt nur am Charakter des Kindes“, genauso wenig wie man alles auf die Erziehung schieben kann. Wahrscheinlich ist es ein Mix aus beidem.

Ich wünsche daher allen Müttern (mich eingeschlossen) und Vätern, dass sie sich und ihre Erziehung nicht so oft in Frage stellen, wenn der Nachwuchs nicht so angepasst oder nett oder „der Norm entsprechend“ reagiert, wie man es als Eltern gerne hätte. Schauen wir lieber auf die liebenswerten Seiten unserer Kinder und leben ihnen ein respektvolles Verhalten vor. Indem wir achtsam und verständnisvoll mit ihnen, aber auch mit uns selbst umgehen.

Ein Gedanke zu „Kann man vom Verhalten des Kindes auf seine Eltern rückschließen?“

  1. Wiebke (Verflixter Alltag) sagt:

    Die letzten Worte haben mir besonders gefallen!
    Jedes Kind probiert sich mal aus und testet seine Grenzen bzw. die Grenzen der Eltern. Aber wenn man positiv da herangeht, das Kind in seinen guten Seiten bestärkt, dann ist dieses negative Verhalten nicht von Dauer, davon bin ich überzeugt!
    LG Wiebke

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