Lebensfragen

Auf der Suche nach einem Neuanfang

Der Morgen begann so wie die letzten Tage auch. Ein Blick aus dem Balkonfenster genügte, um festzustellen, dass der Nebel wieder da war. Er steckte zwischen den Baumwipfeln, aber gleichzeitig auch in meinem Kopf fest. Diffuser Nebel, verschleierte Gedanken, die keine Klarheit erkennen ließen. Hatte ich nicht die ganze letzte Woche versucht, einen Blogbeitrag zu verfassen? Und dennoch blieb das virtuelle Blatt leer, wie jedes Mal, wenn ich das Dokument geöffnet hatte.

Ohne konkrete Vorstellungen, wo die Reise hingehen sollte, war es schwierig einen Schritt zu gehen. Den ersten Schritt überhaupt zu setzen. Es war, wie wenn man an einer Weggabelung steht und sich für eine Richtung entscheiden muss, wenn man irgendwann vorankommen möchte. Ich wusste das. Und so blieb ich in Gedanken oft genug noch ein Weilchen an der Gabelung sitzen, klappte mein Notebook wieder zu und beobachtete stattdessen die Meisen, die wie von Zauberhand aus dem Nebel auftauchten und sich nun auf der Suche nach ein paar Sonnenblumenkernen auf meinem Balkon niederließen.

Es war ein radikaler Schnitt gewesen. Ich hatte alles sorgfältig durchdacht und mich dann für diese Veränderung entschieden. Hatte im Administratorenbereich sämtliche Blogbeiträge über postpartale Depressionen angeklickt und dann mit feuchten Händen in den Papierkorb gelegt. Ein Klick und sie waren für immer vom Blog verschwunden. Nein, leicht war es mir nicht gefallen, immerhin waren die Erfahrungsberichte Teil meiner Lebensgeschichte und damals der Grund gewesen, diesen Blog überhaupt zu starten. Alle paar Wochen schrieb ich meine Gefühle nieder, die ich damals gespürt hatte, nachdem mein ältester Sohn zur Welt kam. Ich wollte helfen. Anderen Betroffenen, die vielleicht in ähnlichen Situationen steckten. Vielleicht auch ein bisschen mir selbst, gegen das Vergessen. Aber jetzt wollte ich endgültig abschließen mit der Vergangenheit.

Auf der Suche nach einem NeuanfangAll die Beiträge spukten Zeit ihres Daseins noch in meinem Hinterkopf herum. Irgendwo da im Dunkeln waren sie immer noch mit mir verbunden. Ich würde erst dann wirklich meinen Frieden machen können, wenn ich die niedergeschriebene Vergangenheit endgültig verabschieden und loslassen würde. Ein Klick und die Beiträge waren fort. Ein Moment, der sich für mich anfühlte wie ein freier Fall aus dem Flugzeug, bis der Fallschirm sich endlich öffnet.

Und das tat er, das spürte ich unmittelbar. Mein Sohn wusste nichts von meinem Schritt, logisch, er war ja noch viel zu klein, um überhaupt von der Existenz meines Mama Blogs zu wissen. Und dennoch: War es wirklich Zufall, dass er einen Tag nach Löschung der Erfahrungsberichte zum allerersten Mal in seinen dreieinhalb Lebensjahren (Lebensjährchen verbesserte ich mich) seine kleinen Ärmchen um meinen Hals schlang und aus tiefster Seele ein „Ich hab dich sooooooo lieb!“ hervorbrachte?

Ich lächelte wieder, während ich noch einen Schluck von meinem Kaffee nahm, der inzwischen eher an eine kalte Plörre erinnerte, denn an warmen Muntermacher, als ich an diesen Moment zurückdachte. Ja, ich hatte gründlich nachgedacht. Ich hatte Sichtweisen in meinem Leben hinterfragt, neue Ansichten hinzugefügt und überhaupt war jetzt der richtige Zeitpunkt, auch meinem Blog eine neue Richtung zu geben. Das Weglassen alter Dinge bedeutet schließlich, dass man die Hände wieder frei hat für neue Sachen. So oder ähnlich hatte es doch mal ein weiser Philosoph gesagt, oder nicht?

Lautes Telefonklingeln riss mich aus meinen Gedanken heraus. Der Kindergarten meldete mir, dass Maxi Fieber hätte und bitte abgeholt werden sollte. Der Zeitpunkt hätte unpassender nicht sein können, immerhin saß ich an meinem kinderfreien Vormittag zuhause und versuchte gerade, meine Gedanken für meinen neuen Blogbeitrag nieder zu tippen und mich an meiner Mama-Auszeit zu erfreuen. Und dennoch war ich diesmal nicht bereit, meinen Frust über die Umstände zum Tagesthema zu machen, wie ich es sonst gerne tat.

Auf der Suche nach einem NeuanfangNein, die Erfahrungsberichte über postpartale Depressionen waren nicht die einzigen Mama Blogbeiträge, über die ich dringend nachdenken musste. War es wirklich hilfreich, über alles, was mir im Leben wie ein Stolperstein vorkam, zu motzen und zu meckern? Ziehen negative Worte und eine pessimistische Sicht auf die Dinge nicht noch mehr negative Energien an?

Nachdem ich meinen kranken Sohn versorgt und wieder Zeit für mich hatte, dachte ich noch eine Weile darüber nach. Brauchte ich wirklich eine genervte Grundstimmung als Grundlage für meinen Blog, um meinen Lesern zu zeigen, dass das Leben mit Kindern nicht nur Sonnenscheinmomente bereithält? Irgendetwas in mir wollte das nicht mehr akzeptieren. Es wurde wirklich Zeit für einen Neuanfang. Ein erster Schritt an der Weggabelung.

Ich schaute wieder aus dem Fenster. Sah, wie die Meisen immer noch hungrig, aber mit einer Spur Unbeschwertheit durch den Nebel zu dem Futterhäuschen hüpften, das ich mit Mini und Maxi vorgestern aufgefüllt hatte. Sie lebten auch für den Moment. Tiere wie Kinder. In dem Wissen, dass das Leben schon für sie sorgen würde. Vielleicht sollte ich es ihnen gleichtun und einfach weitermachen. Irgendeinen Trampelpfad betreten, aus dem nach und nach ein Weg erkennbar werden würde. Der Dunst des Nebels, die Unklarheit würden sich irgendwann bestimmt schon von alleine verziehen. Draußen und in meinem Kopf.

Was sagst du dazu? Schreibe einen Kommentar!

Dein Kommentar wurde nicht (oder nur unvollständig) freigeschaltet? Lies hier, warum!