Lebensfragen

Stillprobleme und sonstige Katastrophen


An meine Stillzeit erinnere ich mich nur ungern zurück. Leider. Schließlich war für mich vor den Geburten meiner Kinder immer klar gewesen, dass ich mal voll stillen würde. Daran gab es nichts zu rütteln. Sechs Monate wollte ich mindestens die Brust geben. Auch unsere Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs machte mir Mut, indem sie sagte: „Jede Frau kann stillen. Sie muss es nur wollen.“ Und wie ich wollte.

Nicht nur das, ich missbilligte auch die Entscheidungen derer Mütter, die von Anfang an die Flasche mit Fertigmilch geben wollten, aus welchen Gründen auch immer. Wenn man Mutter wird, gehört das Stillen nun mal dazu, sagte ich mir und ich freute mich wahnsinnig auf die kommenden Monate, denn durchs Stillen soll ja eine ganz besondere Bindung zwischen Mutter und Kind entstehen. Für mich war klar: Wer nicht stillt, der kann auch keine super Beziehung zum Baby erwarten.

Und dann kam die Geburt und die Hebamme sah sich mit kritischen Blicken meine Brustwarzen an: „Hmmmm… Könnte sein, dass Sie Schwierigkeiten bekommen beim Stillen, ich gebe Ihnen mal diese Stillhütchen mit.“ Schwierigkeiten? Ich dachte die gäbe es nicht? Hatte sie nicht noch gesagt, jede Frau könne stillen, wenn sie es nur wolle? Und dann kam die erste Nacht mit Maxi, ein schreiendes Kind nachts um 3h, ich versuchte es natürlich erst einmal ohne die Brusthütchen aus Silikon, aber Maxi konnte an meinen Brustwarzen nicht richtig saugen. Das Gebrüll wurde nur lauter, meine Nerven lagen blank und ich setzte die Stillhütchen auf, die es Maxi leichter machen sollten, meine Brust zu finden.

Ein bisschen was passierte, aber nicht genug, Maxi schrie weiter und mein Mann kochte schon mal Wasser für das Pröbchen Fertigmilch ab, das uns die Hebamme noch mitgegeben hatte. Für Notfälle. Für mich war schon die erste Nacht ein einziger Notfall und ich beschloss, unsere Hebamme am nächsten Tag noch mal anzusprechen. Leider konnte ich keine brauchbaren Tipps erwarten. Hilfestellungen und bequeme Positionen beim Anlegen führte sie mir zwar mit meinem Kind vor, jedoch nicht an mir selbst, sondern an ihrer eigenen (Gott sei Dank eingepackten) Brust. Kein Wunder, dass mir auch nach Wochen das Stillen schwer fiel.

Den Tipp, viel zu trinken und weiterhin die Stillhütchen zu benutzen, befolgte ich brav und trank einen Pfefferminztee nach dem Nächsten (ja, dass Pfefferminztee genau das Gegenteil als einen guten Milchschuss bewirkt, erfuhr ich erst Wochen später beim Recherchieren im Internet, ebenso, dass Stillhütchen nur bei Brustwarzenentzündungen benutzt werden sollen, weil sie ebenso dazu neigen können, den Milchfluss zu reduzieren).

Nach ein paar Wochen ging ich zum Gynäkologen, der mir eine elektrische Milchpumpe aus der Apotheke verschrieb, die ich zum Glück nicht selbst bezahlen musste. Er meinte, dadurch könnte die Milchbildung noch mal angeregt werden. Ich saß also abends beim Fernsehen, eine Brust in den Trichter gestopft, an der ein Schlauch befestigt war und nun sog die Milchpumpe rhythmisch meine kaum vorhandene Milch in einen sterilen Behälter. Ich fühlte mich wie eine Kuh beim Melken. Es war furchtbar. Und es dauerte ewig lange. Irgendwann fand ich heraus, dass es schneller ging, wenn ich die Milch mit meiner eigenen Hand ausstrich. Leider hatte dies Druckstellen und schmerzende Brüste zur Folge, also hielt ich es auch nicht lange durch.

Hinzu kamen dann auch noch Schuldgefühle meinem Maxi gegenüber. Kein Wunder, dass es mit unserer Bindung schon schlecht losging, dachte ich bei mir, seine Mutter war ja nicht mal in der Lage, ihn zu ernähren. Ich stellte mir vor, wie ich alleine mit dem Neugeborenen auf einer Berghütte eingeschneit und tagelang von der Außenwelt abgeschirmt wäre – mein Baby wäre glatt verhungert, nur weil meine Brustwarzen nicht mitspielten. Mit den Nerven völlig am Ende beendete ich nach sechs Wochen Still-, Abpump- und Hütchentheater den Kampf, den ich eh nicht gewinnen konnte – und fühlte mich als Versagerin.

Bei der nächsten Schwangerschaft sorgte ich schon früh genug vor. Ich hatte gelesen, dass es Brustwarzenformer, sog. Nipletten gibt, die man sich schon Wochen vor der Geburt mithilfe eines Vakuums an die Brustwarze saugt. Ich lief täglich von morgens bis abends mit den Dingern im BH herum und durfte mir nachts die Brustwarzen mit Vaseline eincremen, so wundgescheuert waren sie. Eine sehr schmerzhafte Angelegenheit, die ich keiner Frau empfehlen kann. Und was brachte mir das Ganze? Nix. GAR nix!

Meine Brustwarzen, die sich nun vergrößern sollten, blieben so wie sie immer waren und auch Mini konnte nichts mit ihnen anfangen. Frustriert wie ich war, knallte ich sämtliche Stillhütchen, Brustwarzenformer und was sonst noch in Reichweite lag gegen die Zimmertür und schrie meinen Frust heraus. Neben kaputten Plastikdosen und einem erschrockenen Ehemann, der zur Tür herein stürzte, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre, erhielt ich endlich ein Gefühl tiefer Erleichterung. Mit diesem Kram wollte ich mich einfach nicht mehr beschäftigen. So viel negative Energie, die ich beim Stillen mit mir rumtrug, wollte ich nicht noch auf mein Kind übertragen. Dann lieber Fertigmilch mit einer entspannten Mutti.

Trotzdem kam ich mir beim Arzt immer ein bisschen wie eine Rabenmutter vor, wenn ich auf die obligatorische Frage „Sie stillen noch?“ mit „Nein“ antworten musste. Ich hatte immer das Bedürfnis, die Sache erklären zu müssen. Wenn ich heute an meine Vorurteile gegenüber nicht-stillende Mütter zurückdenke, urteile ich deutlich milder. Nicht jede Frau, die nicht stillt, macht dies freiwillig. Und die Anderen, die es doch freiwillig machen, haben eben ihre Gründe. Nur eins weiß ich jetzt ganz genau: Über die Mutter-Kind-Beziehung sagt das kein bisschen was aus! Obwohl ich Mini quasi von Stunde Null mit der Flasche ernährt habe, tat das unserer Bindung keinen Abbruch. Daran konnte keine wunde Brustwarze, kein Stillhütchen und keine Fertigmilch etwas ändern.

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