Lebensfragen

„Mama, du kleine Arschloch-Kartoffel!“


Da war er also: Der Moment, auf den ich schon lange gewartet hatte. Mit dem ich aber auch schon länger gerechnet hatte. Denn es war nicht das erste Mal, dass mein Dreijähriger das „A“-Wort von sich gegeben hatte. Das wiederum geschah beim Einkaufen in der Metro ein paar Wochen zuvor, als Maxi es leise, aber dennoch verständlich zu seinem jüngeren Bruder im Einkaufswagen sagte: „Du kleines Arschloch“. Völlig verdutzt glotzte ich den Artikel an, den ich gerade in meiner Hand hielt, unfähig, mich zu bewegen. „Oh Gott, mein Sohn benutzt Schimpfwörter. Wie reagiere ich jetzt am Besten? Ignorieren? Schimpfen?“ Der kleine Schock-Moment löste sich jedoch augenblicklich von selbst wieder, als ich merkte, dass Mini nicht im Geringsten darauf reagierte. Weder lachte er, noch zeterte er beleidigt zurück. Also tat ich ebenso, als hätte ich nichts gehört und studierte stattdessen noch akribischer das Produkt in meinen Händen. Aber mir war klar, dass das nicht die Dauerlösung sein würde und ich mir für die Zukunft eine Strategie überlegen musste.

Dass Maxi im Kindergarten viel dazulernen würde, war mir von Anfang an bewusst. Und, dass Schimpfwörter genauso schnell aufgeschnappt würden wie Krankheitskeime, die in der Luft herumwirbeln, ebenso. Jetzt hatten wir es zuhause also tatsächlich neun Kindergartenmonate geschafft, von „Arschloch“, „Scheißdreck“ und „Wichser“ verschont zu bleiben, wofür ich meinem Sohn (und vor allem den anderen Kindergartenkindern) im Stillen dankte, gerade deshalb, weil ich mir schon ausrechnen konnte, welch ein Glück wir gehabt haben mussten. Woanders geht das sicherlich schneller vonstatten.

Die nächsten Tage dachte ich immer mal wieder darüber nach, wie ich es in Zukunft zuhause mit Schimpfwörtern handhaben wollte. Mein Mann und ich sind beide keine Menschen, die Schimpfwörter und grobe Beleidigungen im täglichen Wortschatz mit uns führen. Allerdings habe ich auch nichts dagegen, in bestimmten Situationen mal einen gepflegten Fluch zu äußern, um meiner Wut Ausdruck zu verleihen. Aber für mich ist es dennoch ein Unterschied, ob ich Jemanden gezielt beleidige oder mich über eine Situation im Allgemeinen aufrege.

Aber wie erkläre ich zwei Kleinkindern jetzt den Unterschied? Am Besten erstmal gar nicht, dachte ich, während ich tags darauf die Betten machte. Meine Kinder sollen erstmal generell lernen, welche Wörter bei uns laut geäußert werden dürfen und bei welchen ich das Gesicht verziehe. „Scheiße“ gehört für mich übrigens nicht in die letzte Kategorie. Ich weiß, pädagogisch nicht ganz wertvoll, aber da ich es selbst ab und an äußere, wäre es meiner Meinung nach unfair, meinen Kindern das Wort generell zu verbieten. Außerdem hat es meiner Ansicht nach auch nicht mehr so einen schlechten Ruf, wie etwa vor zwanzig Jahren noch. Man hört es ständig: Auf der Straße, im Fernsehen oder Radio. Es ist ein Wort, das (leider) schon im täglichen Wortschatz Gebrauch findet. Wie viel Energie sollte ich also dafür aufbringen, es Mini und Maxi ständig zu verbieten? Was nicht heißt, dass ich nicht darauf achte, ihnen selbst ein gutes Vorbild zu sein, indem ich es so selten wie möglich in den Mund nehme und stattdessen Alternativen wie „Mist“ benutze.

"Mama, du kleine Arschloch-Kartoffel!"
Aber bei Wörtern wie „Arschloch“, „Ficken“ oder „Hurensohn“ hörte bei mir der Spaß dann doch auf. Blieb nur noch die Frage, ob Verbieten oder Ignorieren die Lösung meiner Wahl wäre. Ignorieren kann vielleicht bis zu einem gewissen Grad funktionieren. Gerade, wenn Kinder die Reaktionen der Erwachsenen austesten wollen, besonders in peinlichen Situationen wie öffentlichen Busfahrten oder an der Supermarktkasse. Wer da laut gewisse Wörter herumkrakeelt, von denen er weiß, dass Mama sie nicht hören will, ist sich ihrer Aufmerksamkeit (und die der anderen Leute) hundertprozentig sicher. Deswegen versuche ich „peinliche“ Wörter wie „Penis“ oder „Scheide“ entweder zu überhören oder kurz mit einem gelangweilten „Aha“ zu kommentieren, um ihnen den besonderen Reiz zu nehmen. Normale Wörter, die keine Reaktion auslösen, sind schließlich uninteressant. Was ich aber nicht ignorieren möchte, sind Beleidigungen, um meinen Kindern schon früh beizubringen, dass sie Andere damit verletzen können.

Und dann kam er. Der Moment, auf den ich mich schon die letzten Wochen vorbereitet hatte, zumindest so gut wie man sich darauf eben vorbereiten kann. Ich hatte Maxi gerade ins Bett gebracht, ihm sein Lieblingsschlaflied vorgesungen und einen Gute-Nacht-Kuss gegeben. „Mama, du kleine Arschloch-Kartoffel!“ Es hatte weiß Gott nicht den Charakter einer Beleidigung. Es war mehr so ein Singsang, ein Abwarten, wie Mama wohl auf verbotene, lustig klingende Wörter reagieren würde. In mir brodelte es. Aber nicht vor Wut, sondern vor Lachen. Arschloch-Kartoffel. Es fiel mir sichtlich schwer, über diese kreative Wortneuschöpfung streng zu urteilen. Aber es musste sein. Jetzt bloß Haltung bewahren, sonst wäre alles für die Katz. Ich erklärte meinem Sohn ruhig und ernst, dass ich solche Wörter nicht gerne hören möchte, weil sie nicht nett sind. Erst als ich die Tür zum Kinderzimmer von Außen schloss, erlaubte ich es dem Grinsen in mir, es sich auf meinem Gesicht breit zu machen. Arschloch-Kartoffel. Die Phantasie meiner Kinder kann ich jedenfalls nicht ignorieren, geschweige denn, mich darüber beschweren.

2 Gedanken zu „„Mama, du kleine Arschloch-Kartoffel!““

  1. Claudia sagt:

    Wunderbarer Blog! Sehr interessant, abwechslungsreich, ehrlich und humorvoll geschrieben!! Klasse und kreative Aufmachung! Toll!
    Habe selbst zwei Kinder und begegne auch oefters skurilen Situationen, bei denen man am Liebsten im Erdboden versinken möchte. Danke fuer den tollen Blog. Bin neu am bloggen und wuerde mich ueber einen Gegenbesuch freuen. Viele Gruesse!

    1. Christine sagt:

      Liebe Claudia,

      vielen Dank für deine lieben Worte zu meinem Mama Blog – es freut mich sehr, dass es dir hier so gut gefällt! Dein Blog ist aber auch sehr schön :-) Ich wünsche dir viele schöne Momente, die es sich zum Verbloggen lohnt und einen guten Start in die Bloggerwelt!
      Liebe Grüße
      Christine

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