Lebensfragen

Küstenkind – Ein Umzug wider die Vernunft

Es war nur ein kurzes Gekritzel. Keine zwei Sekunden meiner Zeit beanspruchte diese kleine Notiz. Und doch bedeutete sie mir mehr als alles andere. Es war nicht nur irgendein Wort, das ich da niederschrieb. Es war meine Unterschrift, die Unterzeichnung eines Mietvertrags. Im Sommer würden wir also umziehen. Ans Meer. So, wie ich es mir immer erträumt hatte. Sand, Strand, Wasser. Ein Paradies für uns und der traumhafte Ort für unsere Kinder, um groß zu werden. Es bedeutete ein ganz neues Leben.

Vor allem weit weg von unserem Alten. Und das bedeutet auch weit weg von jeglicher familiäreren Unterstützung.

„Seid ihr sicher, dass ihr das machen wollt? Ganz ohne Großeltern in die Pampa ziehen?“ „Was macht ihr dann, wenn ihr mal Zeit für euch braucht? Guckt ihr euch dann nach einem festen Babysitter oder einer Leih-Oma um?“ „Habt ihr euch das auch gut überlegt?“

Ich kann sie verstehen, die fragenden Stimmen von Freunden und Familienmitgliedern. Gerade ich Hochsensible, die ständig nach Zeit für sich schreit, die immer auf der Suche nach einer Auszeit und froh und dankbar über jegliche Unterstützung der Fremdbetreuung ist, ausgerechnet ich will jetzt meine sieben Sachen packen und mit Mann und den Kindern dreihundert Kilometer von zuhause wegziehen. In ein völlig neues Leben, dahin, wo wir Niemanden kennen.

Küstenkind. Ein Umzug wider die VernunftSeit meiner Kindheit schon träume ich von einem Leben am Meer. Aufgewachsen in einer beschaulichen Kleinstadt zwischen mehreren Großstädten, liebte ich die Familienurlaube an der Nordsee über alles. Stundenlange Spaziergänge über die Deiche, Schafe, die friedlich inmitten der kilometerlangen Grünflächen grasten und uns ab und an zublökten.

Meine Kinderkur verbrachte ich auf Borkum, täglich die raue Seeluft um die Nase und Dünenlandschaft unter den Gummistiefeln. Spätestens aber seit unserem zweisamen Mutter-Tochter-Urlaub 2007 auf Sylt war es um mich und meine Zukunftsvisionen geschehen.

Das Meer rief mich und ich wollte so schnell wie möglich wieder zu ihm zurück. Nach Hause.

Wie lange kann man eine Sehnsucht unterdrücken? Wann ist der ideale Zeitpunkt, ihr nachzugehen?

Küstenkind. Ein Umzug wider die VernunftIch wagte einen ersten Versuch im Jahr 2008. Nach drei Jahren Ausbildung im tiefsten Oberbayern, inklusive der Erkenntnis, dass die Berge nicht meine Welt sind, weil sie mich einengen, und einem kurzen Zwischenstopp in Bonn, bewarb mich als Hotelfachfrau blind in einem kleinen Hotel direkt an der Küste.

Ich war noch nicht mit meinem Mann zusammen, hatte noch keine Kinder und alle Möglichkeiten standen mir offen. Der sympathische Leiter des friesischen Familienhotels wollte mich sofort dabehalten. Ich lehnte nach reiflicher Überlegung ab. Ein Neuanfang ganz alleine in der Pampa, das war damals, trotz meines geliebten Meeres, noch nichts für mich.

Meinen Traum vom Leben am Meer legte ich erst einmal auf Eis. Stattdessen trat mein Mann und später auch Mini und Maxi in mein Leben. Die ersten Jahre Kindererziehung und Anfreunden mit meiner Mutterrolle (Stichwort postpartale Depression) ließen keinen Platz für meinen Küstentraum.

Küstenkind. Ein Umzug wider die VernunftErst vor etwa einem Jahr traute ich mich, meinem Mann von meinem heimlichen Wunsch zu berichten. Wir waren inzwischen vier Jahre verheiratet und Mini stand vor seinem Kindergarteneintritt. Mit klopfendem Herzen gestand ich meinem Liebsten meinen Lebenstraum, die Kinder gerne am Meer aufwachsen zu sehen. Für ihn eine echte Überraschung, mit der er sich aber zum Glück schnell anfreunden konnte. Ein gemeinsamer Kurzurlaub an der holländischen Küste überzeugte ihn restlos von der Idee, am Meer zu wohnen.

So wurde mein Traum zu unserem Traum.

Schnell war uns klar, dass es der Kinder wegen nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder so früh wie möglich umziehen (also möglichst noch vor dem Eintritt in die Grundschule) oder erst sehr viel später (wenn sie erwachsen und ausgezogen sind). Immerhin wollten wir sie so wenig wie möglich aus ihren festen Strukturen oder aus engen Freundschaften herausreißen.

Küstenkind. Ein Umzug wider die VernunftTage-, Nächte-, Wochen- und Monatelang beschäftigten wir uns mit unserem Wunschtraum. Immer wieder spürten wir hin, was unser Herz uns sagt. Ein Neuanfang ohne Unterstützung von Außen, ein Mitziehen der Kinder, weil wir unseren Traum leben wollen, oder nochmal zig Jahre verstreichen lassen, ehe wir zu Zweit den Neustart wagen?

Wir entschieden uns für einen vierköpfigen Umzug noch in der Kindergartenzeit. Fuhren die Küste rauf und runter, um den idealen Platz für uns zu finden und fanden ihn schließlich. Ein Altbau mit Garten in ruhiger Lage. Die Kinder tobten bereits durchs Haus und erkundeten alle Ecken, während wir noch mit dem Makler die Details besprachen. Am Ende des Tages waren wir uns einstimmig einig. Das ist unser Haus.

Als Hochsensible neige ich dazu, mich in Zukunftsängsten zu verzetteln. Ich gehe ihnen in dieser Sache bewusst nicht nach. Dieser Schritt kann nur funktionieren, wenn ich mich nicht von meinen Ängsten, sondern von meinen Träumen leiten lasse.

Ja, es werden stürmische Zeiten auf uns zukommen. Tage, an denen ich die Abgeschiedenheit verfluchen werde, freie Tage von früher nur in meiner Erinnerung durchleben kann. Und trotzdem fühlt es sich so richtig an. So wider aller Vernunft. Und noch über meine Sehnsucht nach kinderfreier Zeit hinaus. Und das will schon was heißen.

Küstenkind. Ein Umzug wider die VernunftEs tut mir leid, wenn ich in meinem alten Leben viele Menschen traurig zurücklasse. Es war nie meine Absicht, irgendwem bewusst den Rücken zu kehren. Aber meine Seele zieht es ganz nah ans salzige Wasser. Im Herzen war ich wohl immer schon ein Küstenkind. Das Meer, es ruft, und ich, ich folge ihm. Diesmal endgültig.

Manchmal ist eine innere Sehnsucht so stark, dass du sie nicht in Worte fassen kannst.

(Die folgenden Zeilen habe ich vor ziemlich genau einem Jahr niedergeschrieben, als ich versucht habe, meinem Mann meine Liebe zum Meer ansatzweise zu beschreiben.)

Küstenkind. Ein Umzug wider die Vernunft„Warum ich das Meer so liebe – eine Liebeserklärung an die Nordsee“:

Meine Füße werden von kaltem Wasser umspült. Möwen kreischen über meinem Kopf, sie ziehen ihres Weges, kennen die Weite, die das Meer so mit sich bringt, vor allem von Oben.

Gerade bin ich angekommen. Das letzte Stück zum Wasser bin ich gerannt. Wie immer barfuß. Das Meer hat mich gerufen und ich habe seine Bitte schon von weitem vernommen. Nicht erst, seit ich den letzten Dünenhügel erklommen habe. Nein, das Meer ruft mich täglich. Wenn ich genau hinhöre, kann ich das sanfte Rauschen von jedem Ort aus, an dem ich mich gerade befinde, wahrnehmen.

Ich spüre den weichen Sand unter meinen Füßen, fühle spitze Muscheln, während ich am Ufer entlanglaufe. Sonnenstrahlen kitzeln mein Gesicht. Und immerzu rauschen die Wellen. Sie spülen Muscheln, Quallen und kleine Krebse an den Strand. Aber auch Beständigkeit, Zeitlosigkeit und Ruhe. Hier komme ich bei mir selbst an.

Ich schmecke die salzige Freiheit und atme tief durch. Den Blick zum Horizont gerichtet, in die endlose Unendlichkeit. Ein Fischerboot treibt gemächlich in der Ferne umher. Ob sein Kapitän wohl in diesem Augenblick sehnsüchtig zur Insel schaut?

Eben noch der gnadenlosen Hitze der Sonne ausgesetzt, fegt mir nun ein rauer Wind um die Ohren. Regen peitscht mir ins Gesicht, meine Haare tanzen wild umher. Hier, am Ort der ungeschönten Wirklichkeit, zeigt auch die Natur alle Facetten ihres Daseins. Hier fühle ich mich eins mit ihr. Ertrage nicht ihre stürmische Art, sondern sehne mich geradezu danach.

Küstenkind. Ein Umzug wider die VernunftDa vorne, in den Dünen, ist ein lauschiges Plätzchen für mich frei. Genau wie dort drüben. Oder noch weiter weg. Hier am Meer gibt es kein „zu weit“. Die grenzenlose Landschaft, die zeitweise monoton anmuten lässt, gibt in Wirklichkeit Raum für eigene Träume und Gedanken. Und ich erkenne die Einfachheit. In den Dingen und in mir drin. Wer braucht schon viel und immer mehr? Hier am Meer habe ich doch alles, was ich will.

Das Wasser bricht sich rhythmisch am Ufer. Sein Herzschlag? Mein Herzschlag? Ich fühle mich eins und vollkommen zentriert. Die Sonne wird bald untergehen, während ein paar letzte Strandgänger ihre Hunde rufen. Oft bin ich nicht hier. Und dennoch fühlt es sich jedes Mal an wie Nachhause kommen. Wie zwei Menschen, die sich innig lieben, fühle ich mich mit dir, liebes Meer, auf ewig verbunden.

15 Gedanken zu „Küstenkind – Ein Umzug wider die Vernunft“

  1. Tina sagt:

    Ach wie schön. Ich kann jeden Satz nachfühlen und gratuliere euch zu dieser Entscheidung.
    Ich weine immer, wenn ich mich vom Meer verabschieden muss. Diese Sehnsucht hört wohl nie auf. Aber Auswandern (wir haben ja leider kein Meer) ist mir zu riskant.

    1. Christine sagt:

      Liebe Tina,
      herzlichen Dank für deine Worte! Wie schade, dass deine Sehnsucht über die Landesgrenzen hinaus gehen muss. Auswandern ist wirklich nochmal eine ganz andere Hausnummer, auch wenn es „nur“ das deutschsprachige Nachbarland ist. Kann ich total nachvollziehen. Mein Mann hatte auch mal die niederländische Küste vorgeschlagen, aber diesen Schritt hätte ich dann tatsächlich nicht gewagt.

      Ich wünsche dir trotzdem, dass du weiterhin ganz oft zu deinem Lieblingsmeer kommst (und dir wenigstens immer die Taschen voller Muscheln mit nach Hause nimmst) ♡

  2. Claudi sagt:

    Wow ich bin so ergriffen! Es könnten meine Worte sein, wenn, ja wenn ich mich trauen würde!
    Wir sind auch zu viert, mein Mann sucht hier nach einem Job, Wir suchen eine Wohnung. Aber finden nichts. Vll liegt es einfach daran das es. Ich sein soll und ich hoch in den Norden sollte?!
    Ich weiß es nicht, ich habe Angst. Angst es nicht zu versuchen aber auch Angst zu scheitern. Neuen HS macht alles so viel schwieriger. Ich weiß nicht wohin mit meinen gedanken. Fühle mich so unverstanden.
    Ich finde es so toll dass du dich (in erster Linie) zu diesem Schritt entschieden hast und wünsche dir bzw. euch nur das beste!
    Wie gerne würde ich sagen, bis bald, am Meer…

    Herzliche Grüße claudi

    1. Christine sagt:

      Liebe Claudi,

      ich kann deine Worte auch sehr, sehr gut nachvollziehen. Diese Angst, ob es die richtige Entscheidung wäre und wie es dann wird. Mal eben so zurückkehren ist schließlich nicht einfach so getan.

      Ich danke dir dennoch sehr für deine lieben Worte und deinen Zuspruch! Und wer weiß? Vielleicht treffen wir uns ja doch mal zwischen Sand, Muscheln und Meer :)

      Lieben Gruß
      Christine

  3. Sonja sagt:

    Herzlichen Glückwunsch dass Du Deinem Herzen folgst ♡ finde ich toll….

    1. Christine sagt:

      Danke dir du Liebe ♡

    1. Christine sagt:

      Ach wie herrlich, danke für deinen Ausflug in den Norden und die herrlich lustigen Anekdoten!
      „Feudeln“ werde ich schon mal in meinem Hinterstübchen notieren, das werden wir allein der Kinder wegen sicherlich dann des öfteren tun müssen ;-)

      Lieben Dank für deine guten Wünsche!
      Viele Grüße
      Christine

  4. SilkeAusL sagt:

    Christine, ich musste weinen. Vor Neid. Weil Ihr das macht, was ich so gerne machen würde. Aber es geht nicht. Ich muss eine Familie(bzw.mich und die Kinder)ernähren können, was dort oben nicht so einfach ist.
    Wenn sich die Möglichkeit ergeben würde, in unserer Niederlassung in der Nähe von Bremen würde ein Job frei, ich würde sofort zuschlagen. Aber den Zug hab ich verpasst.
    Schwierig ist auch:ich muss ALLES alleine machen. Planen, suchen, renovieren, umziehen, finanzieren vor allem. Und noch „nebenbei“ arbeiten und die Kinder…
    Was die „Unterstützung“anbelangt: die Kinder sind ein Mal in der Woche einen Nachmittag bei meinen Eltern.
    Sie werden auch nicht jünger und da ist bald selbst ein Nachmittag mit den Kindern eventuell zu viel. Also wäre ich sowieso größtenteils auf mich gestellt. Ach so ja, der Vater. Naja, mal kann er, mal kann er nicht, der Job ist wichtiger, „sonst wird er gekündigt“…ja nee, is klar.
    Ich muss mich wohl weiterhin damit begnügen, ein, zwei Mal im Jahr da hoch zu fahren und auf einen Wink des Schicksals zu warten…
    Hat Dein Mann denn da oben so einfach einen Job gefunden, oder ist er selbständig? Wo geht es hin, Ostfriesland, Nordfriesland? Vielleicht sehen wir uns ja mal dort oben ;-)
    Wenn Du Zeit hast, gerne noch mal per Mail.
    Alles Gute
    LG Silke

    1. Christine sagt:

      Liebe Silke,

      fühl‘ dich virtuell bitte einmal ganz sehr gedrückt! Es tut mir sehr leid für dich, dass du diesen Traum bisher nicht in die Wirklichkeit umsetzen konntest und vielleicht auch in Zukunft nicht kannst.

      Ich glaube ohne meinen Mann würde ich das Ganze auch nicht realisieren. Nicht nur, dass er der Haupt-Geldverdiener ist (ja, er ist selbstständig und in seiner Branche ortsungebunden), das ganze Organisatorische, von dem du gesprochen hast, wäre mir alleine wohl auch zu viel. Ohne ihn an meiner Seite wäre mir so ein Neuanfang wohl auch zu viel.

      Ich werde das Meer von dir grüßen und schreib dir gerne bald ausführlich noch per Mail :)

      Liebe Grüße

      1. SilkeAusL sagt:

        Danke für die schnelle Antwort, freue mich schon, mehr zu hören!
        LG Silke

  5. Jenny sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Wir haben auch letztes Jahr in München alles geschmissen und sind mit Baby auf meine heimatinsel Usedom. In dem Falle aber zurück in ein intaktes familiäres Netzwerk.mein mann ist auch hs. Alles Gute für Euch! Meer macht glücklich!

    1. Christine sagt:

      Liebe Jenny,

      oh, noch so eine Meer-Verrückte :-)
      Auch, wenn es bei euch ein Umzug zurück in den Heimathafen war. Ein Inselleben stelle ich mir nochmal eine Spur aufregender vor – ich selbst hätte nichts dagegen, aber mein Mann wollte dann doch die sichere Anbindung ans Festland. Und für die Kinder stelle ich es mir (gerade im fortgeschrittenen Kindes- und Jugendalter) einfacher ohne Insel vor, eben weil wir auch nicht so groß geworden sind.

      Nichtsdestotrotz wünsche ich euch, dass diese Entscheidung die beste war (und danach klingt es stark in deinem Kommentar! ;-)).
      Liebe Grüße (auch unbekannter Weise an deinen hochsensiblen Mann) nach Usedom!
      Christine

  6. Anika sagt:

    Ob das Meer uns HSP s ordnet…auch ich wage in Kürze den Schritt…unfassbar ich lese seit gestern hier Beitrag für Beitrag und es ist als würde ich mich mit einer Freundin austauschen….

    1. Christine sagt:

      Es freut mich sehr, dass du das Gefühl hast, mit einer Freundin zu reden! Setz dich doch zu mir in die Küche und wir trinken noch eine heiße Schokolade zusammen :) Toll, dass ihr auch ans Meer zieht! Magst du verraten in welche Ecke?

      Viele liebe Grüße
      Christine

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