Lebensfragen

Kindergeburtstag oder: Wieviel soll ich mich in die Entscheidungen meines Kindes einmischen?

Villa Schaukelpferd-Klassiker


Am Samstag sind Mini und Maxi auf einem Kindergeburtstag eingeladen. Und während es für meinen Vierjährigen bereits das zweite Mal ist, geht sein jüngerer Bruder zum ersten Mal auf solch eine Spaßveranstaltung. Geburtstagskind Milan wohnt zwei Stockwerke unter uns und die Jungs sehen sich regelmäßig auf dem städtischen Spielplatz, hauptsächlich, weil ihre Mütter sich gerne zum Auf-der-Bank-sitzen und Quatschen verabreden. So saßen wir also auch an diesem Spätsommernachmittag am Rande des Sandkastens, beobachteten unsere Kinder beim Spielen und sprachen über Milas anstehenden Geburtstag.

Für meine Freundin Katharina würde es die erste Kinderparty sein, die sie in ihrem (und entsprechend auch Milans) Leben organisieren würde. Einen kleinen Anflug von Panik, gepaart mit einem hoffnungsvollen Schimmer, dass es schon nicht so schlimm wie befürchtet werden würde, las ich ihrem Blick ab. Klar: Eine Geburtstagsfeier für den Fünfjährigen, vor allem, wenn es die erste überhaupt ist, soll natürlich von vorne bis hinten sitzen. Und ist schon mal gar nicht mit der gemütlichen Kaffeerunde mit den lieben Verwandten zu vergleichen, bei der sich immerhin alle zu benehmen wissen. Zumindest hofft man das jedes Mal aufs Neue.

Kindergeburtstag oder: Wieviel soll ich mich in die Entscheidungen meines Kindes einmischen?
Und jetzt durfte Milan nicht nur seinen ersten, echten Kindergeburtstag feiern, sondern dazu noch sieben Kinder einladen. Inklusive Mini und Maxi, die sich liebend gerne laut um fremdes Spielzeug oder das beste Stück Kuchen kloppen. Nun ja, Katharina weiß ja selbst, worauf sie sich einlässt, immerhin hatte sie ja auch ein Auge auf die Gästeliste. So erfuhr ich auf dem Spielplatz außerdem, dass sie bei den Überlegungen, wer eingeladen werden sollte, darauf achtete, dass auch ja kein Kind vergessen wurde, mit dem Milan in erweitertem, freundschaftlichen Kontakt steht. Wie sähe das denn aus, wenn manche Kinder, mit denen er häufig zu tun hat, eingeladen werden und andere nicht? Und genau dieser Gedankengang ließ mich nicht mehr los.

Wenn ich versuche, mich weit über fünfundzwanzig Jahre in mein eigenes Kindergartenalter zurückzudenken, gelingt mir das oft nur Bruchstückhaft. Was ich aber weiß, ist, dass sich meine Mutter nie in meine Entscheidungen, wen ich zu meinem Geburtstag einladen wollte, eingemischt hat. Meine Mutter gab eine Anzahl an Kindern vor, die ich einladen konnte, und der Rest war meine Entscheidung. Und wenn Annabelle diesmal nicht unter den Auserwählten war, dann war das völlig ok. Sowohl für meine Mutter, als auch für die Mutter von Annabelle. Und erst Recht für Annabelle selbst. Oder wer auch immer das Kind war, das diesmal nicht zur Party kommen durfte. Zumindest hat diese Entscheidung nie irgendeine Freundschaft gefährdet.

Immerhin sind Kindergartenfreundschaften in der Regel eh lockerer gebunden, als wir Erwachsene es uns manches Mal vorstellen können. War Max gestern noch doof, ist er heute der Held und die nette Lena kann später am Tag schon wieder eine echte Zicke und nicht mehr die Freundin meines Sohnes sein. Zumindest bis sie zwei Minuten später wieder zusammen in der Puppenecke spielen. So läuft das unter Kindern eben.

Kindergeburtstag oder: Wieviel soll ich mich in die Entscheidungen meines Kindes einmischen?
Als Erwachsener misst man manchmal mit anderen Maßstäben, weil man es selbst anders handhabt. Vor allem „vernünftiger“. Da lädt man schon mal entfernte Bekannte zur eigenen Hochzeit ein, nur, weil selbige uns damals auf ihrer Gästeliste stehen hatten. Oder wir bitten immer noch die Freundin aus der Oberschule zu unserer alljährlichen Silvesterparty, einfach, weil wir das immer so gemacht haben und uns nicht trauen, ihr endlich mal zu sagen, dass wir uns längst auseinander gelebt haben und sie beim Jahreswechsel am Liebsten gar nicht mehr dabei hätten. Und wie blöd sieht das erst aus, wenn wir gerade erst bei der Nachbarin zum Geburtstagsbrunch waren und ihr jetzt keine Einladungskarte in den Briefkasten stecken?

Nein, ich durfte als Kind immer selbst bestimmen, wen ich auf meinem Kindergeburtstag dabeihaben wollte. Nur ein einziges Mal war das anders. Da stand Nelson, der sympathische Inder aus meinem Kindergarten, den ich eingeladen hatte, nicht alleine mit seiner Mutter vor meiner Wohnungstür, sondern zusätzlich noch mit seiner großen Schwester, die ich quasi gar nicht kannte, im Schlepptau. Ob sie auch mitfeiern dürfte, sie würde so gerne mitkommen, fragte Nelsons Mama mit ihren großen Rehaugen und, überrumpelt, wie meine eigene Mutter in dem Moment war, blieben kurzerhand beide Kinder da, während Nelsons Mutter glücklich wieder treppabwärts verschwand.

Ich erinnere mich, dass ich das damals nicht so toll fand. Immerhin kannte ich Nelsons Schwester kaum und meine Mutter hatte mich nicht gefragt, ob es mir Recht wäre. Schließlich war es doch meine Feier. Und ich glaube, das ist der springende Punkt an der Sache. Wir Eltern entscheiden immer so oft für unsere Kinder („Natürlich darf Ihr Sohn mit unserem Sandspielzeug spielen!“ „Klar darf Nelsons Schwester mitfeiern!“), ohne sie vorher nach ihrer Meinung gefragt zu haben.

Kindergeburtstag oder: Wieviel soll ich mich in die Entscheidungen meines Kindes einmischen?
Sicherlich machen wir das im bestem Sinne Aller oder weil wir nicht als kleinlich dastehen wollen. Was soll ein Kind mehr oder weniger auf dem Geburtstag schon ausmachen? Gute Frage. Was aber, wenn es dem Geburtstagskind etwas ausmacht; es sich jedoch nicht traut, etwas gegen die Entscheidung der Erwachsenen zu sagen? Was soll Nelsons Mutter nur denken, wenn ihr Kind abgewiesen wird? Ja, was eigentlich? Soll sie doch letztendlich denken, was sie will! Und wieso sollten wir dem fremden Kind nicht erlauben, mit der Schaufel unseres Sohnes zu spielen, solange der da hinten auf dem Klettergerüst herumturnt?

Alles scheinbar harmlose Kleinigkeiten, die bei unseren Kindern aber negative Spuren hinterlassen können. Vielleicht nicht bei Allen. Bei mir damals aber schon. Wir neigen leider oft genug dazu, unsere Gefühle zu wichtig oder auf die fremder Leute zu viel Rücksicht zu nehmen, gerade dann, wenn es eigentlich darauf ankommt, die Gefühle unserer Kinder in den Vordergrund zu stellen.

Ich versuche deshalb, Mini und Maxi so viel Entscheidungsfreiheit wie möglich zu lassen. Und wenn ein fremdes Mädchen die Schaufel haben möchte, verweise ich auf den Jungen mit der blauen Jacke auf dem Klettergerüst und bitte es, ihn zuerst um Erlaubnis zu bitten, weil es nicht mein Sandspielzeug ist und ich das nicht entscheiden kann. So lernen meine Kinder hoffentlich, dass sie über ihr eigenes Hab und Gut selbst verfügen und es verleihen dürfen (oder eben auch nicht) an wen sie wollen. Und ganz nebenbei muss ich mich nicht in Erklärungsnöten fremden Kindern oder deren Eltern gegenüber sehen. Frei nach dem Motto: Wem es gehört, der darf auch darüber entscheiden. Egal ob es um Förmchen und Eimer oder Wunschgäste zur Geburtstagsparty geht.

Kindergeburtstag oder: Wieviel soll ich mich in die Entscheidungen meines Kindes einmischen?
Genauso werde ich es auch beim nächsten Kindergeburtstag halten. Denn der steht Anfang des neuen Jahres gleich doppelt an, wenn Mini seinen vierten, und Maxi den fünften Geburtstag feiert. Natürlich hoffe ich heimlich bei mir, dass nicht der wilde Tim oder die zickige Mia auf der Wunschliste meiner Jungs stehen werden. Aber vielleicht wäre das auch nur eine weitere Gelegenheit für mich, Vorurteile abzubauen, sollten sie sich wider Erwarten als umgängliche Zeitgenossen entpuppen.

Ansonsten bleibt mir nur, mich in Gelassenheit zu üben und abends, nach der Party, wenn alle wieder Zuhause, bzw. meine Kinder im Bett sind, die Flasche Wein zwischen all den Luftschlagen, Geschenkpapieren und Ballons zu entkorken und auf 364 Kindergeburtstagsfreie Tage anzustoßen. Das wäre doch dann eigentlich auch die beste Gelegenheit, der alten Schulfreundin mal ein paar ehrliche Zeilen in Bezug auf unsere verblühte Freundschaft zu schreiben oder?

Was sagst du dazu? Schreibe einen Kommentar!

Dein Kommentar wurde nicht (oder nur unvollständig) freigeschaltet? Lies hier, warum!