Lebensfragen

Auch unter der Geburt die Contenance bewahren?


„Also liebe Männer, Sie werden Ihre Frau bei der Geburt nicht wiedererkennen. Bitte stellen Sie sich darauf ein, dass Sie während der Wehen angeschrien, aufs Übelste beschimpft oder sogar hinausgeworfen werden.“ An die Worte meiner Hebamme erinnere ich mich heute noch wie damals, als sie vor einer Gruppe von sechs Pärchen stand, die Hälfte der Anwesenden mit Kugelbauch, die andere Hälfte mit weit aufgerissenen Augen und Mündern, weil sie nicht glauben konnten, was die Geburtshelferin da sagte. Es war eine grausige Vorankündigung, der Ehekrach quasi schon vorprogrammiert.

„Soso du wirst mich also beschimpfen?“ fragte mein Mann an diesem Abend (und vielen Weiteren vor Maxi’s Geburt) vorsichtig, mit einem leicht verunsicherten Lächeln auf den Lippen. Ich versuchte, ihn zu beruhigen. „Schatz, das ist nun mal eine Ausnahmesituation, wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Die Schmerzen sollen so abartig sein, dass jede Frau nun mal die Contenance verliert. Wenn ich dich anbrülle, dann nimm das um Himmels willen nicht persönlich! Ich entschuldige mich jetzt schon mal für Alles was kommen wird.“

Und dann kam der Tag der Geburt. Ja die Schmerzen waren abartig, schön reden lässt es sich wirklich nicht. Und die Tatsache, dass ich schon mit geöffnetem Muttermund im Geburtshaus ankam, machte die Sache bei Weitem nicht besser. Ich krümmte und wand mich an der Seite meines hilflosen Mannes vor der Praxistür vor Schmerzen, froh, den sicheren Hafen in Form einer erfahrenen Hebamme erreicht zu haben und mich nun endlich gehen lassen zu können. Aber was war das? Kaum ging die Tür auf, sah ich, wie die Hebamme gerade noch ein Erstgespräch mit einem interessierten Pärchen führte, die Frau war schätzungsweise im 5. Monat.

Und was tat ich? Ich legte meine ach so tolle Selbstbeherrschung an den Tag, richtete mich auf und grüßte mit einem fröhlichen „Guten Abend!“ die Kaffeetrinkende Runde. Die Hebamme führte mich sofort in den Nebenraum, aber noch bevor sie das Pärchen zur Praxistür geleiten konnte, vernahmen diese zum Abschied noch meinen gellenden Schrei aus dem Nachbarzimmer. Was müssen die Beiden nur im Nachhinein gedacht haben?
Mein Mann hat die Geburt übrigens genauso unbeschadet überstanden wie ich. Ohne Beschimpfungen, ohne Rauswurf, ohne Gedöns.

Bei Mini’s Geburt lief es ähnlich ab. „Bitte rufen Sie mich, wenn die Presswehen losgehen, ich geh nur noch mal schnell nach Nebenan“ sagte unsere Hebamme und verschwand schon durch die Tür. Glaub mal nicht, ich hätte jetzt die Contenance ablegen können. Die Schmerzen waren unerträglich, ich fing schon automatisch an zu pressen, aber jetzt nach der Hebamme rufen? Nee wie peinlich, das kann ich mir gerade noch verkneifen, die wird ja gleich kommen…

Ich mag Contenance, sprich Selbstbeherrschung. Bei der Geburt mochte ich sie nicht. Wann, wenn nicht zu dieser Zeit, darf man sich mal so richtig gehen lassen ohne schief angeguckt zu werden? Gerade (!) bei der Geburt ist Loslassen ein entscheidendes Kriterium, ohne das es schwer funktioniert. Also bitte ich dich, liebe werdende Mutter, wenn du das Ganze noch vor dir hast: Lass bitte deine Contenance vor dem Kreißsaal und denk nicht so viel nach, sondern schrei einfach alles raus. Und wenn du deinem Mann dann rauswirfst, kann er ja erst einmal mit deiner Selbstbeherrschung, die noch vor der Tür wartet, einen Kaffee trinken gehen.

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