Lebensfragen

Heimat – Ein Ort oder Gefühl?

Surreal, so wirkt das Meer auf mich an diesem Tag. Nicht mehr Heimat, aber auch nicht Urlaub, irgendwas dazwischen, so fühlt es sich an. Eine leichte Zerrissenheit macht sich in mir breit. Heute Morgen bin ich noch mitten im Wald aufgewacht und nun sitze ich plötzlich wieder an der großen Fensterfront des Indoor-Spielplatzes mit Blick direkt auf die wilde Nordsee. Da, wo ich viele Male in den letzten zwei Jahren saß und dachte, diese Gegend wäre das Ziel unserer Reise, denn unser Lebenstraum war es gewesen, die Kinder am Meer aufwachsen zu sehen. Bis zu dem Tag Ende letzten Jahres, an dem wir schweren Herzens entschieden, den Weg Richtung Heimat wieder anzutreten. Heimat – was ist das eigentlich? Und hat sie für mich nach fast 35 Jahren und sechs Umzügen überhaupt noch eine Bedeutung?

Heimat – ein Ort

Die berufliche Situation des Mannes, die Sehnsucht nach Verwandtschaft und vertrauter Gegend, der günstige Wechsel zur Einschulung der Kinder, … Am Ende war es eine Kombination aus mehreren Gründen, die uns die gerade erst aufgebauten Zelte wieder abbrechen ließ. Am Anfang noch schweren Herzens, fiel mir die Entscheidung mit der Zeit immer leichter, bis ich irgendwann ganz abgeschlossen hatte mit dem Wohnen an der Küste und frei war für unseren Neubeginn.

Zudem vermisste ich die Wälder aus der Heimat schon mehr als alles andere! Drei Bäume machen noch keinen Wald. Ausgiebige Spaziergänge unter grünem Blätterdach, die ich so sehr liebe, waren zwischen Deich und Hektargroßen Feldern nicht möglich. Wir mussten uns entscheiden: Sand oder Tannennadeln unter den Füßen? Der Gedanke, das Meer jederzeit für ein verlängertes Wochenende besuchen zu können, tröstete bei der Suche nach einer neuen Bleibe über die Wehmut, den Ort wo andere Urlaub machen, zu verlassen, hinweg.

Aber, so lautete unser Wunsch bei der neuen Wohnortsuche: Wenn schon Umzug, dann musste es ein Objekt direkt am Waldrand sein! Nie wieder Siedlungen, Doppelhaushälften oder Nachbarn, die nachts um Drei Party unter unserem Schlafzimmerfenster machen. Es wurde eine nervenaufreibende Suche, denn die Monate vergingen und noch immer war unser Traumhaus nicht in Sicht. Zu teuer, zu wenig Platz, zu weit weg vom nächsten Grün. Mein Mann wollte die Hoffnung schon aufgeben, aber mein Gottvertrauen war noch nicht geschwunden. Und dann, Anfang April, als unser Ende an der See schon in greifbare Nähe rückte, fanden wir endlich unser Haus.

Heimat - Ein Ort oder Gefühl?Und nun bin ich schon wieder an dem Ort, der seit einem gefühlten Wimpernschlag nicht mehr unser Zuhause ist. Nicht für ein verlängertes Wochenende, sondern für die Schlüsselübergabe und die letzten Erledigungen im alten Mietobjekt. Während mein Mann den langweiligen Part übernimmt, verbringe ich die Zeit mit den Kindern zwischen Bällebad, Abenteuerparcours und Röhrenrutsche. Die Jungs haben ihren Spaß und ich endlich mal Muße, mich diesem Text zu widmen. Die letzten Wochen hatte ich einfach keine Energie für meinen Blog. So viele Leserinnen warten immer noch auf die Beantwortung ihrer Mails und Kommentare. Ich hoffe, sie verstehen, dass ein Umzug auch noch eine Zeitlang nach dem Möbelaufbauen und Kistenauspacken wirkt; dass die Seele länger zum Hinterherkommen und Ankommen braucht.

Es ist, als befände ich mich seit geraumer Zeit in einer Blase, die mich alles leicht gedämpft empfinden lässt und das Geschehen von außen an sich vorbeiziehen sieht. Genauer gesagt seit drei Wochen, seit wir das alte Leben von einem auf den anderen Tag hinter uns gelassen und unser neues Quartier dreihundert Kilometer weit entfernt bezogen haben. Die neue Heimat so herbeigesehnt, stecke ich trotzdem immer noch zwischen den Welten, bin ich noch nicht angekommen. Und das nicht nur äußerlich.

Natürlich ist so ein Umzug Stress, das weiß ich nach insgesamt sechs Umzügen in meinem Leben quer durch ganz Deutschland nur zu gut. Und das Ganze mit Kindern zu bewältigen ist noch mal eine andere Hausnummer. Auch diese Erfahrung darf ich zum zweiten Mal machen. Dazu noch in den Sommerferien, bei 35°C im Schatten und ohne durchgängige Kinderbetreuung ist es schon für Nicht-hochsensible Mütter ein Akt, den man nur schwer als Vergnügen betrachten kann. Zwei Wochen ohne funktionierende Küche das Geschirr einer vierköpfigen Familie im Badezimmer-Waschbecken abspülen müssen sowie sich im Chaos der überall herumstehenden Kartons und noch nicht aufgehängten Lampen wohnlich fühlen sollen, erschwert für mich als ordnungsliebende Person den Prozess des Einlebens bereits auf der äußerlichen Ebene.Heimat - Ein Ort oder Gefühl?

Heimat – ein Gefühl

Was zusätzlich innerlich in mir vorgeht, kann man von außen betrachtet nicht immer sehen, denn dort funktioniere ich derzeit überraschend gut, selbst in der Kinderbetreuung. Manchmal ist mein Innenleben auch für mich nur schwer greifbar. Vieles macht mir schwer zu schaffen, nach jedem erneuten Umzug immer noch ein bisschen mehr: Der neue Supermarkt, an dessen Ordnung und Sortiment ich mich noch gewöhnen muss. Die fremden Gesichter hinter Theken und Kassen, die ich noch nicht einschätzen kann. Mir fehlen eben nicht nur meine liebgewonnenen Freundinnen, sondern auch die Bäckerin, die mich immer so freundlich bediente und die Fleischverkäuferin, mit der ich ab und zu einen kleinen Plausch hielt.

Es sind die unscheinbaren Dinge, die mich das Vertraute vermissen lassen: Das Navi, das ich selbst für kurze Strecken einschalten muss, weil ich mich noch nicht auskenne. Die neuen Gerüche im Haus, die noch nicht nach meinem Zuhause riechen. Die dünnen Wände zum Kinderzimmer, die mir jedes Geräusch unseres Jüngsten herübertragen und mich nachts aus dem Schlaf reißen wie zu Säuglingszeiten. Eine neue Heimat bedeutet, einen neuen Rhythmus zu finden. Jedes Familienmitglied für sich und dazu noch alle gemeinsam als Familie.

Noch bin ich rastlos, noch fühle ich mich nicht heimisch, obwohl mir das Haus mehr das Gefühl von Heimat vermittelt, als jedes Haus zuvor, in dem ich zuvor gelebt habe. Seit ich es zum ersten Mal im Internet sah, wusste ich sofort, dass dieses Haus auf uns gewartet hatte. Still und stark stand es da in dem etwas verwilderten Garten, umgeben von Wiesen und Wäldern. Mein Herz begann schneller zu schlagen und Tränen liefen über mein Gesicht – es war Liebe auf den ersten Blick. Die Tatsache, dass es immer noch eine Autobahnstunde von unseren Verwandten entfernt stand, wurde zur Nebensache. Wir wussten, dass wir bei der Haussuche Kompromisse eingehen mussten, und das war nun also unser Kompromiss, den wir unter den vorherrschenden Bedingungen gerne bereit waren, auf uns zu nehmen.

Heimat - Ein Ort oder Gefühl?Früher dachte ich immer, dass Heimat alleine ein Ort sei, nämlich der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Für mich nicht unbedingt ein schönes Gefühl. Ich war nie der Typ, der von seiner Heimat schwärmte. Als ich dann mit meinem Mann zusammenkam, überwog das Gefühl von Heimat: „Da, wo du bist, bin ich daheim“ wurde glaube ich zu unserer beidem Credo, das bis heute anhält. Das Haus an der Küste schließlich unsere selbsternannte Herzensheimat. Nur um festzustellen, dass ein Ort alleine auch keine Sehnsucht nach Heimat füllen kann. Und nun kehren wir zurück in die Nähe unseres Geburtsorts, um auf einer anderen Ebene eine neue Heimat für uns und für unsere Kinder zu schaffen.

Home sweet home

Die Suche nach meiner persönlichen Heimat hat mich jahrzehntelang innerlich getrieben sein lassen. Aufgewachsen in einer Wohnung, die mein Vater verließ als ich fünf war, und meine Mutter zu neuen Ufern aufbrechen ließ, als ich kurz vorm Abi stand und mich selbst noch nicht als flügge bezeichnete, war dies nie die Heimat, von der ich gerne sprach oder die ich als Heimat bezeichnen wollte. Jahrelang weigerte ich mich vor mir selbst, meinen eigenen Herkunftsort als meine Heimat zu betrachten. Zu groß war der Schmerz, zu ernüchternd die Wahrheit.

Die Gewissheit zu haben, nach meinem eigenen Auszug nie zum Elternhaus zurückkehren zu können, wie andere Erwachsene es bei ihren Eltern tun, wenn sie zu Besuch sind, hinterließ eine wunde Stelle in mir. Es war, als wäre mir der Boden unter den Füßen weggerissen worden, der Ort meiner Vergangenheit ausgelöscht. Vielleicht war das mit ein Grund, mich die darauffolgenden Jahre nie dauerhaft an einen Ort zu binden und ohne große Wehmut weiterzuziehen.

Heimat - Ein Ort oder Gefühl?Nie wirklich ankommen können, immer auf der Suche zu sein nach einem Ort oder einem Zustand, der diese Sehnsucht nach Heimat, diese Lücke, füllen kann. Wie müssen sich meine Großeltern gefühlt haben, als sie im Krieg ungefragt von Jetzt auf Gleich, entgegen ihrer Lebensplanung, aus ihrer Heimat flüchten, alles zurücklassen und sich in der Fremde ein neues Leben aufbauen mussten? Noch heute vergeht kein Tag, an dem sie nicht wehmütig von ihrer Heimat erzählen. Heimat scheint viel mehr zu sein als (irgend-)ein Dach über dem Kopf.

Heimat verspricht das Gefühl von etwas Beständigem, obwohl Leben sich einer stetigen Wandlung unterzieht. Neue Wege bestreiten, Veränderungen im Leben akzeptieren, fällt uns oft schwer. Vielleicht halten wir deswegen so gerne an schönen (Heimat-)Erinnerungen fest, weil sie im Rückblick eine Momentaufnahme und somit eine scheinbare Sicherheit suggerieren.

Heimat deckt schließlich unsere Grundbedürfnisse ab. Schöne Musik kann mir eine Art von Geborgenheit schenken. Kehre ich aus dem Ausland zurück, erfreue ich mich an deutschen Straßenschildern, an meiner Heimatsprache und den deutschen Gepflogenheiten, denn sie vermitteln mir Vertrautheit und Sicherheit. Ruhrpott-Dialekt bringt mein Herz zum Schmelzen. Komm Omma, ess de Gürksken auf! Auch das ist Heimat. Und natürlich ein liebevolles Elternhaus.

Deswegen glaube ich, dass eine Lücke, die in der Kindheit entstanden ist und ihren Ursprung in einem gestörten bzw. widersprüchlichen Heimatgefühl birgt, nie einfach so von einem Menschen oder dem schönsten Ort der Welt gefüllt werden kann. Wer Geborgenheit, Sicherheit und das Gefühl vom bedingungslosen Fallenlassen-können als Kind nicht ausreichend erfahren durfte, der hungert mitunter sein Leben lang danach. Hält womöglich krampfhaft an auseinandergelebten Beziehungen fest, nur, um geliebt zu werden oder versucht, sich ein „besseres“ Leben mit Haus, Yacht und Pferd zu erkaufen.

Ich denke, dieser Versuch, eine schöne (neue) Heimat aufzubauen, kann auf Dauer nur gelingen, wenn man versucht, versöhnlich auf die Vergangenheit zu schauen, ansonsten bleibt man ewig auf der Suche. Zu akzeptieren, dass ein lang zurückliegender Schmerz auch heute noch besteht, aber von uns nur betäubt wird. Indem wir unsere Vergangenheit in Liebe betrachten und bereit dazu sind, Vergebung zu empfinden, kann Heilung geschehen und möglicherweise echter innerer Frieden entstehen. Heimat liegt auch immer in uns selbst.

Heimat - Ein Ort oder Gefühl?An welchen Ort werden meine Kinder später denken, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden? Welche Gefühle werden dabei vorherrschen? Aufgrund meiner eigenen schwierigen ersten Mutterjahre würde es mich nicht wundern, wenn auch meine Söhnen eine gewisse Sehnsucht in ihrem Herzen tragen. Ich wünsche ihnen sehr, dass sie dann zurückschauen und verstehen möchten, um ihre eigene Heimat im Herzen (wieder-)zu finden.

Was den Ort betrifft, so hoffe ich, dass sie später noch genauso begeistert von dem rosa Haus am Meer wie von dem alten Haus im Wald sprechen werden, wie sie es jetzt schon tun. Dass die Ruhe und Stärke des Gebäudes ein wenig auf sie übergehen und sie in der Umarmung des Waldes Geborgenheit erfahren mögen. Vielleicht trägt dies ein Stück weit zur Heilung ihrer sensiblen Seelen mit bei. Und das wünsche ich mir für mich selbst auch.

6 Gedanken zu „Heimat – Ein Ort oder Gefühl?“

  1. Lea sagt:

    Liebe Christine,

    so ein spannendes Thema und ja, Orte und Gefühle – meistens sind sie irgendwie miteinander verknüpft finde ich. Positiv oder negativ, je nachdem.
    Mein Mann und ich ziehen durchschnittlich alle 2 Jahre um und das seit 11 Jahren. Das letzte Mal erst im Mai – der weitaus stressigste Umzug, den ich jemals getätigt habe. Er ist auch noch nicht fertig, denn das erste Mal ging es in so etwas wie ein Eigenheim und wir haben viel renoviert und es gibt auch immer noch einige größere oder kleinere Baustellen; aber für gerade eben ist alles getan und wir merken: die Energie fehlt auch. Bei mir, bei meinem Mann – und ja, auch bei den Kindern. Der Herbstjunge ist jetzt 3 3/4 und das war schon seit dritter Umzug. Und dazu einer, der ihm so sehr zu schaffen gemacht hat. Hut ab für Deine Leistung bis hierhin! Es ist so wahnsinnig bekloppt, mit kleinen Kindern umzuziehen :D

    Herzlichste Grüße

    Lea

    1. Christine sagt:

      Liebe Lea,

      da bist du ja inzwischen regelrecht trainiert im Umziehen – vielleicht solltest du langsam einen Ratgeber schreiben mit deinen Erfahrungen, wie man das Ganze mit Kindern halbwegs entstresst über die Bühne kriegt ;-) Ich würde ihn lesen!
      Alles Liebe euch in eurem neuen Heim – hoffentlich für länger!
      Herzlichst, Christine

  2. Sabrina sagt:

    Wie geht es euch mittlerweile hier im schönen Sauerland?
    Habt ihr euch eingelebt und ein wenig Heimatgefühl gefunden?
    Alles Gute für das neue Zuhause!

    1. Christine sagt:

      Hallo liebe Sabrina,

      lieben Dank deiner Nachfrage! Wie du an der verpäteten Reaktion auf deinen Kommentar siehst, fiel mir das Einleben in den neuen Alltag und das Ankommen etwas schwerer – obwohl es wirklich schön hier ist! Nicht nur landschaftlich gesehen, auch die Menschen hier sind sehr freundlich, fast jeder grüßt nett und unkompliziert. Die Kinder besuchen nun seit zwei Wochen die Schule und auch ich finde immer mehr in meinen neuen Rhythmus. Ein paar unausgepackte Kisten stehen aber immer noch im Weg herum ;-)
      Danke für deine lieben Wünsche! Aus deinen Worten lese ich heraus, dass du auch im Sauerland zuhause bist? :)
      Herzlichst, Christine

      1. Nadja sagt:

        Liebe Christine,
        Auch hier möchte ich noch kurz mein Schmunzeln da lassen.
        Sehr ähnlich ist doch unser Lebenslauf. Gut, ich habe ein paar mehr Umzüge auf dem Buckel. Gerade in Umzug Nr 25, für 3 Monate in einer Ferienwohnung. Alles Hab und Gut im Container und nur das “ Nötigste “ dabei. Gepackt komplett alleine mit 6 jährigem Kind im Schlepptau. Den 2. Wohnsitz meines Mannes mit aufgelöst, weil ich nur ich Hänger fahren kann und er bis zum letzten Tag arbeiten ging.
        Gezogen sind wir an die Nordsee, weil ich immer an die Küste wollte und mein Mann hier einen spannenden Job fand.
        Heimat, nach Hause kommen, kenne ich nicht. Dank meiner Kurse bin ich damit versöhnt.
        Heimat und Geborgenheit habe ich mein Leben lang immer bei Gott gehabt.
        Ich wünsche Dir immer im Gottvertrauen zu bleiben und darüber die nötige Ruhe zu finden. Das muss nicht immer und perfekt sein UND es hilft.
        Alles Liebe für dich
        Nadjs

      2. Christine sagt:

        Liebe Nadja,

        ach du meine Güte, da würde ich mich ja beim Nachzählen schon verhaspeln – gut, dass du noch den Durchblick hast, bei so vielen Umzügen! :)
        Wie wunderbar, dass du das Gefühl von Heimat und Geborgenheit dein Leben lang bei Gott gefunden hast – ich glaube, nichts kann uns mehr Kraft schenken und motivieren als unser Glaube.
        Alles Liebe dir weiterhin!
        Christine

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