Lebensfragen

Warum ich so gestresst bin, wenn die Kinder zuhause spielen


„Fertig Mama! Jetzt möchte ich was anderes machen.“ Maxi ließ die pinke Knete durch seine kleinen Hände gleiten und bröselte sie schon gelangweilt zu dem kläglichen Rest, der sich noch hartnäckig auf der Wachsdecke hielt, statt sich zu den anderen Knethäufchen zu gesellen, die sich –selbstverständlich auf unerklärliche Art und Weise- in rauen Mengen unter den Tisch verkrümelt hatten. „Jetzt schon?!“ Ich griff irritiert zu dem Teebeutelbändchen in meiner Tasse und ließ den daran befestigten Beutel mit Früchtetee noch eine Runde durchs Wasser gleiten.

Er war erst seit fünf Minuten drin im Kochwasser. In der gleichen Zeit hatte Maxi bereits ein Bild gemalt und mit der Knetmasse pinken Schokokuchen gebacken. Eigentlich hatte das ganze Aufbauen des Bastel-Arrangements länger gebraucht als das Interesse meines Sohnes an Knete, Stifte & Co. angehalten hatte, wie ich nun feststellen musste. Ich stieß einen resignierten Seufzer aus, half dem Teebeutel ins Trockene und faltete die Wachsdecke wieder zusammen, während mein Dreieinhalbjähriger schon Richtung Kinderzimmer lief.

Und während mein Früchtetee und ich neben dem wackeligen Bällepool als auserwählte Ehrengäste Platz nehmen durften, sprang Maxi schon wild darin umher und tobte fröhlich durch das Sammelsurium an bunten Plastikbällen. Ich nahm einen vorsichtigen Schluck meines Heißgetränks und erinnerte mich an den Nachmittag mit Sohn Nummer Zwei, den ich einen Tag zuvor erlebt hatte.

Warum ich so gestresst bin, wenn die Kinder zuhause spielen
Da nämlich stand ich mit dampfendem Eisen hinter meinem Bügelbrett und beobachtete Mini, wie er auf dem Wohnzimmerteppich mit seinem geliebten Baustellenspiel Straßen konstruierte und den kleinen Plastiklaster Mörtel von A nach B transportieren ließ, während sein älterer Bruder Mittagschlaf hielt. Irgendwann war er fertig. Mini, nicht Maxi; der wiederum schlummerte noch friedlich im Träumeland vor sich hin, zumindest hoffte ich es. Und während ich den Pullover mit dem Waschbären drauf auf meinem Brett ausbreitete, flitzte mein Zweieinhalbjähriger mit dem wieder eingeräumten Spielekarton an mir vorbei und kam mit einem Steckpuzzle zurück auf den Teppich gerannt.

Warum ich so gestresst bin, wenn die Kinder zuhause spielen
Auch hier war natürlich irgendwann die Lust am Spiel vergangen und wurde nach und nach gegen ein weiteres Puzzle, ein Weihnachtsbuch und die bunte Motorikschleife eingetauscht. „Mama, ich bin fertig!“ Den Satz hatte ich doch vor noch nicht allzu langer Zeit erst dreimal vernommen? Ein Blick auf meine Bügelwäsche und ich musste mit Schrecken feststellen, dass dem Waschbärpulli noch nicht viele weitere, verknitterte Kleidungsstücke aufs Bügelbrett gefolgt waren. Das ganze Szenario von Mini hatte sich tatsächlich in einem Zeitraum von gerade mal zehn Minuten abgespielt. Ich verspürte inzwischen deutlich eine innere Unruhe und tastete instinktiv nach meinem Handgelenk. Kein Wunder, dass mein Puls unbemerkt angestiegen war – bei dem Eiltempo, das mein Mini für Lesen, Puzzeln und Spielen an den Tag gelegt hatte, war wohl ein Stück der Hektik auf mich übergesprungen.

Und während ich einen tiefen Atemzug nahm, um der künstlich erschaffenen Hektik etwas entgegenzusetzen, versuchte ich gleichzeitig, bewusst den Impuls zu unterdrücken, nachzuzählen, wie oft Mini während des Bügelvorgangs noch mit neuem Spielzeug in der Hand an mir vorbeilief.

Und jetzt erlebte ich einen ähnlichen Verlauf mit Maxi am Basteltisch, Bällepool und sämtlichen Orten unserer Wohnung. Spielsachen, die herausgekramt werden, um sie zwei Minuten später gelangweilt links liegen zu lassen. Großer Andrang am Basteltisch, bis die gewaltige Euphorie nach dem ersten ausgeschnittenen Teil verflogen ist. Ein geplantes Haus aus Duplosteinen, das Papa nach Legen der Grundmauern alleine zu Ende bauen darf, weil der Nachwuchs sich schon dem nächsten Projekt zugewendet hat. Nichts hält ewig, so sagt man. Ich nahm mir fest vor, bei nächster Gelegenheit zu googlen, ob dieser Spruch womöglich von einem Kleinkind erfunden wurde.

Warum ich so gestresst bin, wenn die Kinder zuhause spielen
Am Abend saß ich völlig erschöpft in meinem Lesesessel, meinen Lieblingsroman resigniert zur Seite gelegt, nachdem ich mich dabei erwischt hatte, wie ich ein und dieselbe Passage bereits zum dritten Mal gelesen hatte, ohne, dass der Inhalt bei mir hängen geblieben wäre.
Was genau machte mir an der Sache eigentlich so zu schaffen? Sicherlich können viele Eltern bestätigen, dass die meisten Tätigkeiten (es sei denn es sind neue und unbekannte) nach kurzer Zeit ihren Reiz verlieren. Kinder in dem Alter scheinen eben noch nicht so lange bei einer Sache am Ball bleiben zu können. Nicht mal schlechte Laune hatten meine Kinder dabei gehabt. Im Gegenteil, es war die letzten Tage ausgesprochen friedlich zugegangen hier bei uns. Also warum war ich jetzt so fertig mit den Nerven?

Es war wohl eher diese eigene Unruhe, die ich bei diesem „Spielzeug-Hopping“ erlebte. Dieses schnelle Hin und Her, von einer Aktivität zur nächsten jagen, getoppt noch von Herumgehampel am Tisch und vierundzwanzigstündigem Nicht-Stillstehen oder –sitzen können, das war es, was in mir einen enormen Stress auslöste und mich am Abend, sobald die Kinder im Bett waren, müde und ausgezehrt in den Sessel plumpsen ließ. Kein schöner Zustand. Der mir in den Sommermonaten gar nicht so aufgefallen war. Klar, dachte ich, an den meisten Nachmittagen waren wir schließlich ausschließlich Draußen gewesen. In der Natur, auf Spielplätzen und überhaupt. Wo der Nachwuchs sich austoben kann und sich die Auswahl an Aktivitäten einschränkt, ohne auf die Kinder einschränkend zu wirken.

Ich schlug meinen Roman wieder auf, bereit, dem Kapitel noch eine vierte Chance zu geben. Morgen war wieder ein Tag. Voraussichtlich ein kalter Regentag. Ich würde wohl meine Nerven wieder einsammeln müssen. Oder ganz dringend Thermokleidung besorgen. Aber bis dahin würde ich, in mein Buch versunken, im achtzehnten Jahrhundert inmitten meiner Romanhelden zu finden sein. Stundenlang und ohne den Drang, etwas anderes tun zu wollen. Und so war es dann auch.

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