Lebensfragen

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?

„Liebe Maria, es tut mir leid, aber ich muss für deinen Geburtstag absagen, ich bin an dem Abend bereits verplant.“ Schweren Herzens tippte ich die Worte in mein Handy und drückte erst im dritten Anlauf auf „Absenden“. Ich war nicht nur (was selten genug vorkommt und deshalb zu meinen Highlights zählt) zu einer Geburtstagsparty eingeladen worden, sondern dazu noch zu einem waschechten Mädelsabend inklusive Übernachtung, Cocktails mit Schirmchen und Spaß ohne Ende. Es wäre für mich seit langem mal wieder ein Abend in kinderloser Freiheit gewesen, ein Angebot, das ich unmöglich ausschlagen konnte. Trotzdem tat ich es. Der Grund dafür war meine Hochsensibilität. Maria erzählte ich nichts davon.

Dass ich hochsensibel sein könnte, davon erfuhr ich zufällig an einem späten Montagabend im Jahr 2013, als ich wie gebannt eine Fernsehdokumentation zu dem Thema verfolgte, obwohl ich eigentlich schon müde genug fürs Bett war.

Hochsensibilität, manche sprechen auch von Überempfindlichkeit oder Hypersensitivität, ist der angeborene Wesenszug, Sinneseindrücke deutlich weniger (bzw. gar nicht) filtern zu können, als Nicht-Hochsensible. Es ist weder eine Krankheit noch eine psychische Störung, dennoch empfinden viele Betroffene diese (höchstwahrscheinlich vererbbare) Laune der Natur als Last und erzählen ihrem näheren oder weiteren Umfeld nichts davon. Wer will schon als Weichei oder Sensibelchen gelten?

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?Als ich meinen alten Mama-Blog, die „Villa Schaukelpferd“ schloss und ein Hauptthema für meinen neuen Blog suchte, wurde mir nach reiflicher Überlegung klar, dass ich die Hochsensibilität in den Fokus stellen wollte. Texte einer hochsensiblen Mutter für hochsensible Mütter, das war es, was mich und meinen Blog schließlich schon seit Anbeginn ausmachte – nur, dass ich früher nie einen Hehl daraus gemacht hatte.

Zu groß war die Angst, mit diesem sensiblen Thema an die Öffentlichkeit zu gehen.

Schließlich tat ich es doch. Ich wollte zu mir selber stehen und meinen Leserinnen keine Maske zeigen, hinter der ich mich verstecken konnte. Wer meinen Blog liest, der erhält ehrliche Einblicke in mein Leben. Und die Hochsensibilität ist nun mal ein bedeutender Teil, wenn nicht sogar die Grundlage, davon.

Seit November letzten Jahres schreibe ich nun ganz offiziell als hochsensible Person und ich habe es keinen Tag bereut. Im Gegenteil, es ist wie eine große Freiheit, die ich mir gönnen kann, und die vielen Zuschriften und anerkennenden Worte meiner Leserinnen zeigen mir, dass ich den richtigen Weg gewählt habe.

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?So ergeht es mir in der breiten Öffentlichkeit des Internets. In meinem privaten Umfeld sieht das schon ganz anders aus. Hier wissen nur die wenigsten Verwandten und Bekannten, dass ich zu den hochsensiblen Müttern zähle. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass ich im realen Leben Niemandem von mir aus von meiner Hochsensibilität erzähle, nein, es sogar willentlich vermeide.

Steht das jetzt im Widerspruch zu „Pusteblumen für Mama“, meinem Blog, der sich stark macht für äußerst sensible Mütter, zu ihrer vermeintlichen Schwäche zu stehen?

Wenn du und ich uns unbekannterweise auf der Straße begegnen würden, ich verwette meinen Katzen-Jute-Beutel darauf, dass du mich nicht sofort als hochsensibel identifizieren könntest. Ich laufe nämlich nicht mit einem Schild, auf dem „Achtung Hochsensibel!“ steht, durch die Gegend. Im Grunde möchte ich nämlich nicht, dass man mir meine Überempfindlichkeit direkt ansehen kann. Und ich glaube, das geht den meisten hochsensiblen Frauen so. Weil gerade die introvertierten Hochsensiblen unter uns sich aufgrund ihres Naturells nämlich schon nicht ständig in den Vordergrund stellen und mit ihrem dünnhäutigen Wesen hausieren gehen.

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?Hochsensibel zu sein, das bedeutet für uns nämlich in erster Linie erst einmal, mit uns selbst klar kommen zu wollen. Wir möchten unsere Gabe nicht breittreten und aller Welt zeigen, dass wir etwas Besseres sind. Denn das sind wir nicht. Nur, weil wir vielleicht ein gutes Gespür für die Stimmungen anderer Menschen um uns herum haben oder in einem Gespräch direkt merken, ob unser Gegenüber es ehrlich mit uns meint, macht diese Gabe uns nicht zwangsläufig stolz.

Im Gegenteil. Oft sehen wir dieses Erleben von ungefilterten Wahrnehmungen als Bürde, die wir Zeit unseres Lebens tragen müssen.

Und dennoch plädiere ich in meinen Blogbeiträgen immer wieder dafür, Frieden mit seiner Hochsensibilität zu schließen, sie als Geschenk zu sehen und sie im Alltag zu integrieren.

Als ich nach dem TV-Bericht der erstbesten Person, die mir über den Weg lief -meinem Mann- von meiner Vermutung, hochsensibel zu sein, erzählte, hatte ich Glück. Er hörte interessiert zu, beschäftigte sich kurzerhand selbst mit dem Thema und fand meine Gedankengänge ziemlich plausibel. Nicht nur, dass er fortan auch viel Verständnis dafür aufbrachte, wenn ich mal wieder Zeit für mich einforderte oder mir alles zu viel wurde, er äußerte seinerseits auch den Wunsch, in Zukunft überfüllte Massenveranstaltungen zu meiden, weil sie auch ihm nicht gut taten.

Die Hochsensibilität wurde zu einer respektierenden Größe in unserer Beziehung und ist bis heute eine Bereicherung, uns selbst noch besser kennen zu lernen.

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?Euphorisch rief ich meine Herzensfreundin an und erzählte ihr von dem Phänomen, das gerade begann, sonderbare Verhaltensweisen aus meiner Vergangenheit, Empfindlichkeiten gegenüber Sinneseindrücken, eben mein ganzes Leben in einem völlig neuen Licht erstrahlen zu lassen. Anders als mein Mann reagierte sie eher skeptisch. Hochsensibilität. War das nun wieder ein neues Wort für Etwas, das Andere vielleicht als psychische Störung betiteln würden?

Möglicherweise dachte sie, ich wolle mich in den Vordergrund stellen. Etwas Besonderes sein. Ich könnte es ihr nicht verübeln. Damals war das Wissen um diese Überempfindlichkeit noch rar gesät, es muss in ihren Ohren wie eine Krankheitsdiagnose geklungen haben oder ein Phänomen, das sich Irgendwer ausgedacht hatte, um für irgendeinen Wesenszug wieder mal irgendeinen Namen zu haben und sich in der Welt der Wissenschaft wichtig machen zu können.

Für mich war es aber kein Stempel, den ich mir stolz aufdrücken wollte, sondern eine riesen Erleichterung, mich selber mit verständnisvolleren Augen betrachten zu können.

Das Wissen um meine hochsensible Seite war wie ein entscheidendes Puzzleteil, welches ein Bild erst in seiner Gesamtheit erkennen lässt.

Aber für die Allgemeinheit war mein Wissen scheinbar noch nicht gemacht. Also überlegte ich anschließend gut, wem ich noch von meiner Hochsensibilität erzählen wollte. Denn mit Ablehnung und Unverständnis kann ich nach wie vor nicht gut umgehen.

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?Es ist eben nicht so, dass die Auswirkungen der Hochsensibilität nur Verständnis im Umfeld auslösen. Viel zu oft habe ich mitbekommen, wie Nicht-Hochsensible mit dem Kopf schüttelten, wenn ich mich über zu laute Geräusche beschwert habe oder schneller überreizt war und mich zurückzog. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich nie zu den größten und angesagtesten Cliquen in der Schule gehörte, deren unausgesprochenes Motto „Höher, schneller, weiter“ lautete.

Und jetzt lud mich Maria zu ihrem Mädelsgeburtstag ein. Eine Einladung, die ich nur zu gern angenommen hätte. Aber die Tatsache, dass es eine Übernachtungsparty war, ließ meine hochsensible Seite gleich aufhorchen. Übernachtungen woanders, insbesondere mit dreizehn aufgedrehten, kinderlosen Frauen, die es (im Gegensatz zu mir) gewohnt sind, am Sonntag ausschlafen zu können und dementsprechend nicht schon um 22 Uhr abends ins Bett kriechen möchten, lösen bei mir bereits Stress aus. Von den nächtlichen fremden Geräuschen, Gerüchen oder gar dem möglichen Geschnarche der Mitfeiernden ganz zu schweigen.

Nicht bei Maria zu übernachten war für mich aber auch keine Lösung. Leider wohnt sie nämlich eine Autobahnstunde von uns entfernt und ich fahre grundsätzlich nicht über die Autobahn. Zu hoch die Aufmerksamkeit, die ich dort aufbringen muss, zu schnell und unberechenbar manche Autofahrer. Über die Landstraße hätte ich die doppelte Fahrzeit benötigt und zwei Stunden nachts und müde Auto zu fahren, ist für mich genauso wenig eine Option.

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?Mir blieb also die Wahl zwischen einem lustigen, aber vor allem stressigen Übernachtungsgeburtstag oder einem banalen Samstagabend auf der Couch zuhause. Die Absage fiel mir schwer, aber ich bereute meine Entscheidung in Hinblick auf das potentielle Stressrisiko nicht. Nur, dass ich mich nicht getraut hatte, Maria einfach ehrlich zu sagen, warum ich nicht kommen wollte, das hing mir noch eine Weile nach.

Ich tat es aus Selbstschutz. Wer will schon vor Anderen als schwach oder ungesellig gelten?

Denn das ist wirklich die Crux an der Sache: Erzähle ich Anderen von meiner Hochsensibilität, in der Hoffnung, Verständnis für so manches Verhalten zu bekommen oder ernte ich damit eher Ablehnung?

Ich denke, es kommt immer auf die einzelne Situation an und nicht unbedingt darauf, wie nah mir Derjenige steht, dem ich mich offenbaren möchte.

Hier im Blog fällt es mir leicht, über meine Hochsensibilität zu sprechen, weil meine Leserinnen genau wegen diesem Thema mitlesen. Aber selbst bei engen Freunden und Familienangehörigen erkläre ich mein Verhalten oder meine Entscheidungen nicht über meine Hochsensibilität.

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?

Gerade Nicht-Hochsensible können nicht im Detail nachempfinden, was in uns vorgeht. Das ist kein Vorwurf, sondern nüchterne Betrachtung.

Einer Freundin zu erklären, was in mir vorgeht, kann in dem Moment hilfreich sein, wenn sie interessiert und dem Thema Hochsensibilität gegenüber aufgeschlossen ist. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie in ähnlichen Situationen in Zukunft einen Zusammenhang herstellen kann und Verständnis aufbringt. Und Maria ist z.B. ein Mensch, bei dem ich nicht weiß, wie sie auf eine ehrliche Absage und meinen Wesenszug reagiert hätte.

Die einzigen Menschen, die im realen Leben von meiner Hochsensibilität wissen, sind gerade mal eine Handvoll. Darunter befindet sich auch Maxis ehemalige Kindergartenleitung, die sich diverse Verhaltensweisen und Reaktionen unseres Sohnes nicht erklären konnte. In diesem Falle entschied ich, ihr von meiner und auch seiner möglichen Hochsensibilität zu erzählen, um hoffentlich ein wenig Licht ins Dunkle bringen zu können und ihr die Arbeit zu erleichtern.

Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?Ansonsten (aber auch bei dieser Handvoll von „Mitwissern“) halte ich es so, dass ich gut auf mich achte und meinem Gegenüber einfach Bescheid sage, wenn mir etwas zu viel wird. Ich finde, das ist grundsätzlich der beste Weg, egal, ob hochsensibel oder nicht. „Entschuldigung, ich bin zu müde, um jetzt noch etwas Trinken zu gehen.“ „Es tut mir leid, ich hatte einen langen Tag und kann dir jetzt kein Ohr mehr am Telefon leihen.“ Solche konkreten Sätze verstehen Nicht-Hochsensible eh viel besser, als ein schwammiges „Denk dran, ich bin überempfindlich“. Und die Hochsensiblen verstehen uns so oder so.

Jeder Mensch empfindet Stress anders. Unabhängig davon, ob wir nun hypersensitiv sind oder Nicht-hochsensibel. Das wichtigste ist doch, dass wir allesamt wertschätzend mit uns und unseren Gefühlen umgehen und lernen, uns klar abzugrenzen, wenn uns etwas zu viel wird. Dann brauchen wir auch kein Schild mit dem Aufdruck „Achtung Hochsensibel!“ mit uns herumzutragen und können uns genauso stark und normal fühlen wie alle Anderen.

2 Gedanken zu „Soll ich Anderen von meiner Hochsensibilität erzählen?“

  1. Sandy sagt:

    Ich weiß soooooo gut was du meinst, bzw kenne diese Situationen​auch zu Hauf.
    Es ist einfacher die Müdigkeit als Begründung zu nehmen, als die Hochsensibilität. Auf die dann folgen müssende Erklärung und die eventuelle Unverständnis hat man meist einfach keine Kraft mehr….
    Ich hoffe sehr, dass durch solche Blogs wie deiner, meiner und vielen anderen Gleichgesinnten die Aufklärung weiter fortschreitet. Vielleicht müssen wir bald keine „Ausreden“ mehr als Begründung nennen!

    Liebe Grüße,
    Sandy

    1. Christine sagt:

      Das hast du schön gesagt! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen ♡

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