Kinderkram

„Stefanie hat mir den Rüssel abgerissen!“

Villa Schaukelpferd-Klassiker


Jeden Tag erleben Menschen die schlimmsten Katastrophen, die man sich vorstellen kann. Sie flüchten aus ihrem Heimatland, weil dort nur Krieg und Gewalt herrschen. Sterben während eines Autounfalls oder an Krebs, werden in der Schule gemobbt oder aufgrund ihrer homosexuellen Neigung bespuckt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man aus den Medien nicht von irgendwelchen Grausamkeiten erfährt. Und doch ist das alles nichts gegen das, was mir täglich an Problemen unter die Nase gerieben wird.

Hauptdarsteller des permanenten Wahnsinns sind meine eigenen Kinder, der Kriegsschauplatz nennt sich Spielplatz, Kinderzimmer oder alles dazwischen. Mal hat der dreijährige Bruder das Bedürfnis, mit genau der gleichen Schaufel jetzt sofort und nicht später spielen zu wollen, in einem anderen Fall sitzt der Zweijährige ausgerechnet auf dem Fleckchen Erde, das doch schon vom Älteren ins Auge gefasst wurde.

Das ist natürlich ein Grund, den Bruder in solch einer Lautstärke anbrüllen zu müssen, dass der gesamte Spielplatz erzittert und sämtliche Anwesende schleunigst ihre Sieben Sachen mitsamt dem Nachwuchs einpacken und dem Ort des Terrors den Rücken kehren. Eine weise Entscheidung, keine Frage. Die Einzige, die sich das Spektakel jetzt noch antun darf, bin sowieso nur noch ich. Ein kurzer Blick aufs Handy, ob es denn schon Zeit für den Nachhauseweg ist, reicht einem der Jungs bereits aus, um den Anderen unbemerkt mit Sand zu beschmeißen oder von der Rutsche zu schubsen.

„Stefanie hat mir den Rüssel abgerissen!“
„Boah, jetzt reicht’s! Kriegt ihr erstmal wirkliche Probleme!“ möchte ich dann laut herausschreien und manchmal tue ich das auch. Hört ja Keiner. Sind ja alle schon weg.

Im Kindergarten dasselbe Spektakel, nur, dass Mama diesmal das Opfer ist und nicht der Bruder, der noch im Fuchsbau wartet. Mein sonst so stilles und schüchternes Kindergartenkind Maxi wird gerne mal zur Furie, wenn ich es mir beim Abholen erdreistet habe, irgendein Gartentürchen zum Außengelände zu öffnen, ohne meinen Sohn vorher um Erlaubnis zu fragen. Wutentbrannt, mit einer Zornesröte im Gesicht brüllte er mir letztens schon von Weitem heulend entgegen, so dass die Erzieherin bereits mit dem Erste-Hilfe-Kasten unterm Arm über die Wiese gerannt kam, immerhin klang es, als wäre der Junge gerade vom Klettergerüst gefallen. „Alles gut, nur der tägliche Wahnsinn“ nuschelte ich müde in ihre Richtung.

Mini kann das Theater aber auch schon perfekt inszenieren. Während ich noch mit seiner Tagesmutter die letzten Dinge absprach, bevor wir uns dann verabschieden wollten, bemerkte ich bereits im Augenwinkel, wie er und sein Bruder sich bereits darum kloppten, wer von beiden gleich die Tür vom Fuchsbau schließen dürfe. Vier Hände grabschten nach der Türklinke, danach wurde geschubst und getreten, bis schließlich einer vor Wut dermaßen kreischte, weil der Andere der Sieger über die Türklinke war, dass die Tagesmutter den vermeintlich Verletzten verarzten wollte, der sich dem Geschrei nach doch sicher gerade ganz schlimm die Finger in der Tür geklemmt hatte. „Alles gut“, nuschelte ich in ihre Richtung, „nur der tägliche Wahnsinn.“

„Stefanie hat mir den Rüssel abgerissen!“
Ich gebe zu, oft kann ich das Theater um vermeintliche Kleinigkeiten nicht nachvollziehen. Vielleicht, weil das Kräftemessen zur Zeit zwölf Stunden des Tages in Anspruch nimmt. Mindestens. Und doch schaffe ich es manches Mal durchzuatmen, innerlich einen Schritt zurückzutreten und mich in den einen oder anderen Zirkus hineinzudenken.

Zirkus ist was Schönes. Besonders, wenn es enthusiastische Kinder gibt, die ihren Eltern eine Exklusivvorstellung im Wohnzimmer bescheren mit Clowns, Elefanten und Artisten, alles selbst ausgedacht und mit der eigenen Person vorgeführt. Und so kam es in einer dieser Vorführungen, dass während der Elefantenshow eins der drei ElefantenMädchen plötzlich kreischend zu Boden ging. Es heulte und weinte und bekam kaum noch Luft, die Mutter völlig aufgelöst, weil sie unter dem Gebrüll akustisch nicht verstehen konnte, welches von beiden das gebrochene Bein oder wo im Gebiss der abgebrochen Zahn zu finden war.

Nach minutenlangem Heulen schaffte es das kleine Mädchen endlich, sich mitzuteilen. Völlig aufgelöst brüllte sie hervor. „Stefanie hat mir den Rüssel abgerissäääään!!“ Der „Rüssel“, ein Geflecht zweier verknoteter Kinderarme (die eine Hand an der Nase, die andere führt vom Körper weg) war im allgemeinen Elefantengewusel von der Freundin unabsichtlich beim Toben „zerstört“ worden und nun ein Grund, die Zirkusveranstaltung auf der Stelle im Chaos enden zu lassen. Ich muss nicht extra erwähnen, dass diese Geschichte über 25 Jahre her ist und ich damals das kreischende Mädchen mit dem abgerissenen Rüssel war?

Diese Erinnerung macht es mir Gott sei Dank immer wieder möglich, die Streitereien und „Kinkerlitzchen“ meiner Kinder ernst zu nehmen. Denn, dass der Vorfall in der Wohnzimmermanege damals für mich ein echtes Drama war, daran kann ich mich bis heute erinnern. An Sprüche von wegen „Werde du erst mal älter und lerne richtige Probleme kennen“ aus ähnlichen Situationen leider auch. Vor allem daran, dass sie nicht geholfen, sondern die ganze Sache nur schlimmer gemacht haben.

Als Kind hat man nun mal im Normalfall nur mit harmlosen Dingen zu tun und dann macht man daraus eben ein Drama. Ehrlich gesagt bin ich sehr froh, dass meine Kinder noch keine „wirklichen“ Probleme kennen. Mobbing, Verfolgung, Krebskrankheiten oder Autounfälle möchte ich ihnen auch gerne ersparen. Das muss man meiner Meinung nach nicht miterlebt haben, um den Unterschied bemerken zu können. Dann doch lieber nur ein abgerissener Elefantenrüssel.

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