Kinderkram

Kindersatt

Dieses Wochenende habe ich es ganz besonders oft gespürt: Das Gefühl, Kindersatt zu sein. So wie man beim Kuchenessen an irgendeinem Punkt Kuchensatt ist und keinen einzigen Bissen der Süßspeise mehr verdrücken kann, obwohl man Kuchen für sein Leben gernhat, genauso satt war ich jetzt im Beisein meiner zwei Jungs.

Als wir noch in der alten Heimat wohnten, war der Samstag immer unser Pärchentag gewesen. Mini und Maxi verbrachten von früh bis spätnachmittags die Zeit bei ihren Großeltern und wir hatten den ganzen Tag für uns. Nicht, dass wir jedes Mal etwas Besonderes unternommen hätten, so wie im Jahr 2014, als wir einmal im Monat einen Ausflug machten, den ich hier im Blog dokumentierte. Manchmal genossen wir zuhause auch einfach nur die ungestörte Ruhe.

KindersattNiemand fragte dann, wann wir endlich etwas Spannendes machen würden. Keiner kam heulend zur Wohnzimmertür herein, um unmissverständlich klar zu machen, wie gemein der boxende Bruder sei. Ganz ohne schlechtes Gewissen und ohne Animationsprogramm erlebten wir Stunden der Ruhe, Gespräche unter Erwachsenen oder einen Spaziergang um den Block, auf dem nichts Kindgerechtes passieren musste (wie vorbeiwatschelnde Pinguine oder herunterregnende Himbeerlutscher oder sonst was Spannendes).

Damals war uns diese erste Hälfte des Wochenendes zu einer gewohnten Routine geworden, selbst, wenn wir die Erholung an manchen Samstagen weniger benötigten, als an anderen.

Nach unserem Umzug zweifelte ich ein wenig daran, wie gut wir mit dem „neuen“ Wochenende zurechtkommen würden, denn hier oben an der Küste leben wir alleine, ohne elterliche oder weitere familiäre Unterstützung. Wir sprangen also sprichwörtlich von Jetzt auf Gleich ins kalte Wasser und übernahmen die Kinderbetreuung selbst, nicht ohne damit auch automatisch unsere Pärchenzeit zu streichen.

KindersattInteressanterweise fiel uns die Umstellung gar nicht schwer. Es war eben so. Punkt. Aus. Es gab keine Alternative, also musste es funktionieren. Und das tat es! Nicht zuletzt deswegen, weil mein Mann mir so oft es geht den Rücken freihält und mir so viel freie Zeit am Wochenende gönnt, wie ich für mich brauche.

Ihm macht es weniger aus, den halben Tag den Kinderbespaßer zu mimen, außerdem plagt ihn auch nicht das schlechte Gewissen, wenn er die Kinder bittet, sich auch mal ein halbes Stündchen lang alleine zu beschäftigen.

Was nicht bedeutet, dass ich mich Samstag nach dem Frühstück verabschiede und erst Sonntagabend wieder auf der Bildfläche erscheine. Aber ich ziehe mich auch gerne mal für zwei Stündchen zum Lesen oder Bloggen zurück, fahre für einen Strandspaziergang hinter den Deich und wurschtel den Rest der Zeit im Haus herum.

KindersattAber selbst in meiner kinderfreien Zeit bin ich ja doch immer wieder von herumwuselnden Kinderfüßen oder Geschrei aus dem Nebenzimmer umgeben. Und selbst wenn es nur die Art der Fremdbestimmung ist, dass ich meinen Kindern zuliebe pünktlich um Eins das warme Mittagessen auf dem Tisch servieren möchte und ich dementsprechend meine Aktivitäten ums Kochen herum plane, obwohl meinem Mann und mir auch mal nur abends der Döner vorm Fernseher reichen würde.

Sonntagnachmittag machen wir dann meist alle zusammen einen Ausflug. So haben wir alle auch noch etwas voneinander, auch, wenn hinterher nicht immer die entspannteste Stimmung herrscht – irgendeiner heult am Ende ja doch meistens.

So verbringen wir die Wochenenden summa summarum ohne nennenswerten Krisen und trotzdem freuen wir uns am Ende immer, dass Montag die neue Woche im Kindergarten anfängt.

KindersattAber dieses Wochenende war es nicht so ein Dahinplätschern. Bereits gestern, am Samstag, begann nach dem Frühstück mein Unmut. Die Luft war raus. Zu viele Wochenenden, die wir weitestgehend nach den Kindern organisierten, zu wenig Zeit für uns als Ehepaar, zu viele Nörgeleien, die unsere Nerven ertragen mussten. Und meinem Mann ging es ähnlich.

Der Bruder hatte schon wieder genau den Eierlöffel gegriffen, den der Andere doch wollte. Die Gespräche bei Tisch drehten sich vorwiegend um Pipikackawurst und ähnlich spannende Themen und sowieso gingen beim Nachmittagsprogramm die Wünsche aller Beteiligten weit auseinander.

Den heutigen Nachmittag wollten wir trotzdem so familiengerecht wie möglich gestalten und überraschten die Kinder mit einem Film im Heimkino, inklusive Kakao und Chips und natürlich einem Streifen, der uns alle interessieren könnte. Wir Eltern wählten „Ratatouille“, ein Zeichentrickfilm für Kinder, der auch uns Erwachsenen gefiel.

KindersattLeider hatten wir das Fernsehniveau unserer Kinder überschätzt. Nach zwanzig Minuten saßen beide Kinder zitternd auf Papas Schoß und heulten, sie wollten einen anderen Film gucken; dieser sei doch zu angsteinflößend.

Gesagt, getan, stoppten wir das Ganze; mein Mann machte den Kindern einen Film auf Teletubbie-Niveau an und ich ging in die Küche eine Runde heulen.

Kleinkinder. Davon habe ich manchmal einfach genug. Ich als hochsensible Frau liebe tiefsinnige Gespräche und fühle mich deswegen so oft unterfordert mit meinem vier- und fünfjährigen Nachwuchs, der mich mit „Bingbangbong“, „Sam-pee-laaa“ und ähnlichen Fantasiewörtern unterhalten will.

Kinder, die mich mit ihren kindlichen Witzen („Mama, du hast eine Ananas auf dem Kopf! Hahahaaa!“) zum Mitlachen bewegen wollen, während ich nur ein müdes Lächeln erzwingen kann und eher kurz vorm Heulen bin, weil ich über solche Scherze einfach nicht lachen kann, obwohl ich es den strahlenden Kinderaugen zuliebe so gerne täte.

KindersattUnd auch, wenn ich eigentlich froh bin, dass meine Kinder noch nicht so fernseherfahren und „abgebrüht“ im Umgang mit düsteren Filmszenen sind, so sehne ich doch schmerzhaft die Zeiten herbei, in denen wir Vier bei Unternehmungen alle auf unsere Kosten kommen. Eben auch beim Fernsehen.

Tinky Winky, Dipsy, Lala, Po. Wie gerne würde ich diese Lebensphase der Kinder wie auf dem Bildschirm wegdrücken und ein anderes Programm wählen.

Kindersatt. Ich finde es gar nicht schlimm, sich diesen Zustand einzugestehen. Auch die Menschen, die man liebt und gerne hat, möchte man nicht immer um sich haben. Das gilt für die eigenen Eltern (wir denken uns ein paar Jahre zurück) genauso wie für den Ehemann oder die beste Freundin. Oder eben auch für die eigenen Kinder. Wozu gibt es sonst wohl kinderlose Hotels, in denen Eltern ihre strapazierten Nerven für ein paar Tage schonen können, um anschließend wieder voller Energie ihrem Nachwuchs zu begegnen?

In der Nachbarstadt gibt es samstags für ein paar Stunden eine öffentliche Kinderbetreuung. Die wollen wir bald mal ausprobieren.

Ich persönlich halte es mit meinen Kindern nämlich wie mit dem Kuchen. So ein Stückchen Erdbeersahne ist zuckersüß, aber bitte in Maßen!

8 Gedanken zu „Kindersatt“

  1. Lili sagt:

    Hihi, ich musste über die vielen Kuchenbilder schmunzeln, da werde ich schon vom Anschauen satt. :-)

    Mein Tag heute mit meiner achtjährigen (fast 9) Tochter war superentspannt. Vormittags lag ich auf dem Sofa und habe gelesen, während sie in ihrem Zimmer gespielt und Musik gehört hat. Zwischendurch kam sie immer mal auf einen kurzen Plausch rüber.
    Mittags habe ich uns Pizza geholt, und am Nachmittag kam eine Freundin von ihr vorbei, mit der sie dann auf den Spielplatz gegangen ist. Als die Freundin weg war, haben wir einen Film zusammen angeschaut, der uns beiden gefiel (mit echten Menschen und keinen bunten schrillen Figuren).

    Ich erzähle das jetzt natürlich nicht, um dich neidisch zu machen, sondern um dir Hoffnung zu machen, dass es wirklich viel besser wird, und zwar nicht erst wenn sie ausziehen. :-)

    Ich weiß so einen entspannten und selbstbestimmten Tagesablauf sehr zu schätzen, denn in der Kleinkindzeit habe ich unter der Fremdbestimmung immer gelitten, vor allem am Wochenende. Wenn von morgens bis abends an mir gezerrt wurde, und ich mich einfach nicht nach mir selbst fühlen konnte. Ich habe mein Bestes gegeben, aber ich habe tagsüber unzählige Male auf die Uhr geschaut und den Abend herbeigesehnt. Ich bin wirklich heilfroh, dass diese Zeit vorüber ist.

    Was mir im Nachhinein auffällt, ist dass ich in diesen so schweren Jahren kaum geweint habe, obwohl ich eigentlich ganz nah am Wasser gebaut bin. Erst später, als die Anspannung von mir abfiel und ich allmählich vertraute, dass das Schwerste vorbei ist, konnte ich über diese Zeit und meinen Schmerz weinen.

    Jedenfalls werde ich meine zurückgewonnene Selbstbestimmtheit bis ans Ende meiner Tage schätzen! Denn vorher erschien sie mir so selbstverständlich…

    1. Christine sagt:

      Hallo liebe Lili,

      dann haben meine Kuchenstücke ja genau das geschafft, was ich erreichen wollte :) Wobei ich an dieser Stelle zugeben muss, dass die meisten nicht aus meinem Backofen stammen (dann sähen sie anders aus; vor allem schwärzer :-D)

      Manchmal blitzen auch hier bei uns schon winzige Augenblicke der Hoffnung auf, in denen ich sofort entspannter in die Zukunft blicke.
      Ich danke dir jedenfalls von Herzen für deine aufmunternden Worte! ♥

      Liebe Grüße
      Christine

  2. sonja sagt:

    Liebe Christine,
    oh – der Kommentar von Lili könnte jetzt 1:1 von mir sein :-)
    das wird wirklich mit dem Alter des Kindes / der Kinder besser und ganz anders…
    meiner wird dieses Jahr 11 und schon seit einiger Zeit gibt es diese Fremdbestimmtheit nicht mehr…. und wie Lili schreibt: man weiß das dann ein Leben lang zu schätzen :-)
    eine mail kommt übrigens die Tage :-)
    liebe Grüße und gutes Auftanken…
    lg
    Sonja

    1. Christine sagt:

      Auch dir, liebe Sonja, vielen Dank für deine aufmunternden Worte – ich werde sie ab jetzt in meinem Herzen tragen :)
      Und ich freue mich schon sehr auf deine Mail! ♥

  3. Joey sagt:

    Hallo Christine,

    vor einigen Wochen wurde mir Dein Blog in einem Forum verlinkt, und vom ersten gelesenen Beitrag an wusste ich: da schreibt jemand auf, was ich fühle und denke! Seitdem lese ich immer wieder bei Dir, freue mich über aktuelle Beiträge und durchforste die alten – und zwar besonders gern in diesen „kindersatt“-Momenten. Mir tut es dann einfach gut zu lesen, dass ich kein aus der Art geschlagenes Monster bin, das ein Leben mit den an sich über alles geliebten Kindern nicht von morgens bis abends (und nicht zu vergessen: nachts) dauergenießt, sondern eine von doch offenbar gar nicht so wenigen, die dem alltäglichen Trubel nicht so viel abgewinnen können wie sie mal gehofft und tatsächlich geglaubt haben… Es ist eine unglaubliche Erleichterung, die eigenen, nicht selten schambesetzten Gefühle aufgeschrieben zu lesen, ich danke Dir wirklich für Deine Offenheit. Ich traue mich ja oft genug nicht mal, meine Gefühle zu diesem Thema auch nur im Bekanntenkreis zu offenbaren (jedenfalls nicht in ihrer Heftigkeit), und da es wohl vielen „Betroffenen“ so geht, fühlt sich jede mit der teils zur Schau getragenen Perfektheit der anderen Mütter konfrontiert und empfindet sich selbst als unzulänglich. Nun, mir jedenfalls hilft Dein Blog dabei, mich in Tiefs nicht auch noch selbst für meine gesteigerte Empfindsamkeit und ihre Auswirkungen auf meine Belastbarkeit als Mutter zu verurteilen, ich fühle mich verstanden, als hätte ich mich gerade bei einer verständnisvollen Freundin ausgeheult über was auch immer gerade wieder vorgefallen ist (und die auslösenden Vorfälle ähneln den bei Dir beschriebenen außerordentlich, ich glaube, ich habe noch keinen Beitrag gelesen, nach dem ich dachte: „kenne ich nicht“ oder „kann ich nicht nachvollziehen, wie kann sie nur…“). Und dann würde ich noch gerne Deine Seiten ausdrucken und jedem in die Hand drücken, der meine dezenten Klagen nicht ernst nimmt oder nicht verstehen will (denn es kann ja nicht sein, was nicht sein darf)!
    Was Lili schrieb, kann ich aber auch zum Teil schon bestätigen – es besteht Hoffnung auf Besserung ;) Meine Große ist fast 9 und kann sich schon schön selbst beschäftigen und verabreden, auch Gespräche oder andere Aktionen mit ihr können richtig Spaß machen – wenn nicht gerade Kleinkindgequäke und der obligatorische Geschwisterkrach und Eifersüchteleien alles aus dem Ruder laufen lasen :-/ Bei mir ist es definitiv das Zusammenspiel der beiden Kinder, das die Überforderung ausmacht. Früher war ich tatsächlich eine von diesen Honigkuchenpferdmamas, dankbar für jede Sekunde mit meiner kleinen bezaubernden Wunsch-Tochter und völlig befreit von eigenen Bedürfnissen. Erst, als sie etwa 3 war, habe ich gemerkt, dass ich ja auch irgendwann mal nicht-nur-Mama gewesen war, sondern „Joey“… Dann kam sie in den Kindergarten, und die freie Zeit hat ausgereicht, meine „Ich“-Bedürfnisse zu erfüllen. Nach 2 Jahren kündigte sich dann aber unser kleiner Rabauke an, und jetzt bin ich eben an so manchen Tag ganz schön am Kämpfen. Und all die Menschen, die dieses „Regretting Motherhood“-Gefühl so verurteilen, verfehlen absolut den Kernpunkt dahinter: wenn wir unsere Kinder nicht so sehr lieben würden, dann hätten wir doch gar kein Problem! Dann stünden wir nicht Tag vor Tag vor dem Dilemma, den Kindern alles geben zu wollen, was sie brauchen und verdient haben, gleichzeitig aber selbst so bedürftig zu sein, dass zwangsläufig eine Seite auf der Strecke bleibt. Welche Seite das (meistens) ist, dürfen die entsprechenden Menschen, die meinen, wir würden unseren Kindern schaden, dann mal raten…

    So, ich sehe schon, ich könnte auch ein Blog füllen mit meinen Gedanken zum Thema, aber ich werde mich jetzt wieder bei den Lesern einreihen ;)

    Viele Grüße und Dir einen möglichst pusteblumenreichen Sonntag morgen!
    Joey

    1. Christine sagt:

      Liebe Joey,

      sei herzlich willkommen auf meinem Mama-Blog für hochsensible Mütter! Darf ich fragen, über welches Forum du zu mir gekommen bist? :)
      Wie auch immer, schön, dass es dich hier hergeführt hat, denn wir scheinen ja tatsächlich ziemlich ähnlich zu empfinden!
      Ganz lieben Dank für deine ehrlichen Worte und dass du mich und meine hochsensiblen Leserinnen hast teilhaben lassen an deinen persönlichen Erfahrungen!
      Spannend auch zu lesen, dass du beide Seiten des Mutterseins durchlebt hast (bzw. noch durchlebst)! Danke auch für dein Statement zum Thema Regretting Motherhood. Ich stimme dir gerne zu :)

      Alles Liebe dir!
      Christine
      By the way: Einen Blog von dir würde ich sicher gerne lesen ;-)

  4. Anna sagt:

    Regretting Motherhood. Oh ja, kenne ich… Ich frage mich, ob mich jemand versteht wenn ich dazu erwähne, dass ich mein Kind die ersten 3 Jahre ALLEIN betreue. Keine Krippe, kein KiGa/KiTa, keine Omas, Opas, Onkel und Tanten!
    Solange mein Kind nicht sprachlich äußern kann, wie es ihm bei anderen ergeht, lasse ich ihn nirgendwo allein. Niemals. Mittlerweile spricht er, wird ende Mai 2 und wir proben das „mal 1 std bei Oma sein“.
    Ich seh das füe mich so: Egal, wie kaputt ich bin: Ich halte das noch durch bis er woanders schläft! Die Zeit ist endlich und er ist nur 3 Jahre SO bedürftig auf diese Weise. Das schaffe ich.

    Wie siehst du das? Verstehst du mich? Mich versteht sonst nur mein Mann. Der steht 100% hinter mir.

    1. Christine sagt:

      Naja, ich frage mich für wen du so an deine Grenzen gehst.. Dein Kind mochte vielleicht noch nicht sprechen, aber es gibt doch auch andere Merkmale, an denen du erkennen kannst, ob es ihm bei anderen gut oder schlecht geht (Schreien, nörgeln,…). Von „Selbstzerstörung“ im Sinne von Aufopfern, wo es vielleicht gar nicht nötig wäre, halte ich tatsächlich nichts ;-) Aber solange es dir und deiner Familie gut damit geht, ist doch gegen Eigenbetreuung nichts zu sagen! Schön in jedem Fall, dass dein Mann immer hinter dir steht. Das ist echt viel wert :)

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