Kinderkram

Na herzlichen Glückwunsch auch!

Flatsch! Der dicke Schoko-Klecks der süßlich-klebrigen Torte landete genau auf meinem Oberschenkel, während Jemand neben mir penetrant und immer lauter werdend ins Ohr quengelte, er wolle bitte bei der bevorstehenden Schatzsuche mitmachen. Das war er, mein Tiefpunkt des Tages, definitiv. Ein Tag, der einzig und allein aus Kindergeburtstag bestand. Dies musste ein falscher Film sein, zumindest ein ganz schlechter, und ich war mittendrin. Die klebrig-feuchte Schokolade, die mir jetzt jedoch kühl durch die Strumpfhose Richtung Knie rann, sagte etwas anderes. Das war kein Film, das war die bittere Realität!

„Mini, schau mal, du hast eine Einladungskarte zu Paulines Geburtstag in deinem Fach liegen!“ Mein Vierjähriger, der zuvor erst einmal in seinem Leben eingeladen worden war, freute sich natürlich riesig und hielt die selbstgebastelte Karte stolz in die Höhe. Sein Bruder Maxi war sichtlich geknickt. Nicht nur, dass er nicht eingeladen war, er ist derzeit ohnehin schwer eifersüchtig auf seinen kleinen Bruder und möchte am liebsten alles machen oder haben, was dieser auch tut und hat.

„Wir beide machen an dem Tag auch etwas ganz Schönes!“ tröstete ich also umgehend und überlegte schon mal fieberhaft, was das denn sein könnte, was einer Geburtstagsfeier annähernd würdig war.

Am Montag war es dann also soweit. Ein Wochentag, den ich sonst mit Einkaufen, Spielplatzbesuchen und ähnlichem fülle, sollte nun also aus dem Rahmen fallen. Und spontan war mir dann doch noch etwas eingefallen. Maxis Teddy könnte doch heute auch Geburtstag haben! Große Begeisterung bei meinem Fünfjährigen. Ich selbst klopfte mir innerlich schon mal auf die Schulter für meine grandiose Idee.

Na herzlichen Glückwunsch auch!So aufwendig wie eine echte Kindergeburtstagsfeier würde es schließlich nicht werden. Kindergeburtstage konnten mir auch erstmal gestohlen bleiben. Ich war froh, den der Kinder Anfang des Jahres über die Bühne gebracht zu haben und auch mindestens noch ein halbes Jahr bis zum nächsten verschont zu bleiben.

Mini brachten wir erstmal in den Kindergarten und den Mann zur Arbeit. Einkaufen mussten wir natürlich trotzdem, aber der Protest hielt sich in Grenzen. Schließlich musste ja noch einiges für den Teddygeburtstag organisiert werden. Wollte Teddy nachmittags lieber Muffins oder Eis essen gehen? Maxi schwankte zwischen beiden Möglichkeiten hin und her, überlegte es sich alle zwei Minuten wieder anders und war doch nicht zufrieden mit dem Ergebnis.

Ach was soll’s, flötete ich großzügig, wenn er sich nicht entscheiden konnte, würden wir eben beides machen, Geburtstag ist doch schließlich nur einmal im Jahr! Jubel auf der Rückbank. Also bei Marktkauf die Prinzessin Lillifee Muffins aus dem Regal gezogen und noch ein Pixi-Buch als Geschenk ausgesucht. Das mit den Piraten würde Teddy ganz sicher gefallen, versicherte mir mein Großer.

Na herzlichen Glückwunsch auch!Dann noch Pommes, Chicken Nuggets und Limo in den Einkaufswagen gepackt, schließlich muss es an einem waschechten Geburtstag auch so ungesund und lecker wie möglich zugehen – das gilt für Kindergeburtstage genauso wie für Kuscheltiergeburtstage!

Zuhause ging es auch umgehend ans Eingemachte. Kaum hatte ich die anderen Lebensmittel im Kühlschrank verstaut, mussten die Muffins schon mal vorbereitet werden. Gott sei Dank heute mal nur die Fertigmischung. Packung auf, noch Ei und Öl dazu, Rühren und schon ist der Teig fertig. Maxi dauerte das Ganze trotzdem zu lang. Warum die Muffins denn noch nicht fertig seien? Dabei war nicht mal der Ofen mit Vorheizen hinterhergekommen.

Als nächstes musste das Geschenk eingepackt werden. Lieber von Mama, Maxi selbst wollte dann doch nur auspacken. Selbstverständlich sofort, nachdem der letzte Streifen Tesafilm gerade aufgeklebt war. Es erinnerte mich an Weihnachten, wenn der Mann fünf Minuten vor der Bescherung noch mal ins Schlafzimmer rennt, weil die Geschenke noch unfertig im Schrank liegen.

Teddy freute sich dann Gott sei Dank genauso sehr über die Piratengeschichte wie mein Sohn und ließ sie sich gleich vorlesen.

In der Zwischenzeit waren die Muffins ofenfertig und konnten ihren Platz nun an die Pommes weiterreichen. Meine Güte, war denn schon Mittag? Tatsächlich. Ganz schön viel zu machen, an so einem Fake-Geburtstag – und die eigentliche Feier des Tages bei Pauline fing erst in drei Stunden an!

Na herzlichen Glückwunsch auch!Die Muffins bekamen jetzt jedenfalls ihre pinke Glasur und mein Sohn Maxi langsam die Krise. Alles dauerte zu lange und sowieso war ja nun wirklich noch nichts los hier! Als er dann noch vor dem letzten Törtchen als Bäckergehilfe die Küche verließ und mich mit dem Rest alleine ließ, rannen mir vor Frust die ersten Tränen die Wange hinunter.

“Für wen, bitte schön, mache ich denn hier den ganzen Zauber?“ fragte ich resigniert und starrte wütend auf die elf rosa Prinzessinnen-Gebäcke vor mir.

In der Mittagspause nach dem Essen war ich nicht nur dringendst erholungsbedürftig, sondern langsam auch nicht mehr so sicher, ob das mit dem Teddygeburtstag wirklich so eine grandiose Idee von mir gewesen war.

Eigentlich hatte ich mich gefreut, dass Mini auf einem Geburtstag eingeladen war und nicht darauf, selbst eine Party zu organisieren. Aber dass der Geburtstag eines Kuscheltiers genauso ausarten würde, wie der eines Kindes, das konnte ja keiner wissen. Oder hatte ich es einfach zu perfekt imitieren wollen, damit mein ältester Sohn auch ja nicht traurig war?

Jetzt mussten wir jedenfalls mal eben unsere Teddy-Party unterbrechen und Mini zu Pauline bringen. Eine Sache von zehn Minuten. Hinbringen, Küsschen geben, Hinterherwinken, Tschüss.

Dachte ich.

Doch nicht mit Mini. An der Gartenpforte verwandelte sich mein sonst so aufgeschlossener Sohn in ein schüchternes Eichhörnchen, das am liebsten auf meinen Arm wie auf einen Baum geklettert wäre. Meine Hand wollte er auf keinen Fall loslassen, die Terrasse auch nur in Begleitung betreten und schon gar nicht an der Kinderkaffeetafel Platz nehmen und in den leckeren „Anna & Elsa“-Kuchen beißen.

Na herzlichen Glückwunsch auch!„Kein Problem, dann bleibt doch gerne noch ein bisschen hier, oder meinetwegen auch bis zum Schluss!“ lächelte uns Paulines Mama entgegen. Gerne? Bis zum Schluss? Mit sechs weiteren Vierjährigen? Mein Fluchtinstinkt galoppierte gedanklich schon Richtung Gartentor, wurde aber von meinem Mini gestoppt, als er plötzlich zu weinen anfing. Also gut, blieben wir wohl noch eine Weile da.

Wahrscheinlich hätte mir das Ganze noch weniger ausgemacht, wenn ich alleine gewesen wäre. Ein Erwachsener mehr auf der Feier hätte höchstens 250 Milliliter Kaffee und ein Tortenstück mehr bedeutet. Aber ich war nicht alleine. Maxi hatte nämlich überhaupt keine Schwierigkeiten damit, aufzutauen. Schon saß er am Kaffeetisch und protestierte laut, weil bei ihm noch kein Glas Wasser stand. „Äcker“ hörte man ihn mit vollem Mund mampfen, während sein Bruder verschüchtert neben ihm saß und keinen Bissen herunterbekam.

Irgendwann schaffte Mini es wenigstens auf meinen Schoß, während Maxi schon ungeduldig wurde, weil er endlich spielen wollte. Wann die anderen Kinder denn endlich fertig wären mit Essen? Leises Zureden von mir, dass wir ja eigentlich gar nicht eingeladen waren und uns jetzt mal zurückhalten müssten, wurde mit einem filmreifen Wutausbruch unterm Tisch quittiert, während Paulines Mutter versuchte, die ursprünglich gute Stimmung nicht kippen zu lassen. Es gäbe doch gleich nach dem Essen die große Schatzsuche. Riesenjubel, vor allem bei meinem Ältesten.

Na herzlichen Glückwunsch auch!Und da kam er, der Moment, in dem ich Minis Schokoglasur auf meiner Strumpfhose wiederfand und meine Nerven eine Etage tiefer unterm Tisch wieder einsammeln durfte. Was machte ich hier überhaupt?

Warum befand ich mich plötzlich, „Viel Glück und viel Segen“-singend mittendrin auf einem Kindergeburtstag mit einem Kind, das eingeladen war, aber nicht mitfeiern wollte und dem anderen Kind, bei dem es genau umgekehrt war?

Peinlich berührt fragte ich Paulines Mutter also, ob Maxi auch noch bei der Schatzsuche mitmachen könne. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Andererseits: Wie soll ich meinem ältesten Sohn klarmachen, dass er jetzt mit mir hier drei Stunden auf der Zuschauertribüne namens Terrasse warten soll?

Die verzögerte Antwort von Paulines Mama („Hmmm…..Jaaaa dooooch, ich glaube in der Schatzkiste ist genug für alle drin, er kann mitmachen“) sowie der Tatendrang meines Fünfjährigen sowohl bei der Suche („Hier ist noch ein Pfeil! Und hier! Und hier!“) als auch beim Plündern der Schatzkiste gaben mir die Restsicherheit, dass wir sicher nie wieder bei Pauline eingeladen werden würden.

Hörbar aufatmen konnte ich erst, als Mini nach der Schatzsuche selbstsicher verkündete, wir sollten nun endlich gehen. So schnell hatte ich noch nie meine sieben Sachen zusammengepackt. Als Dankeschön für das spontane Mitfeierndürfen meines Ältesten legte ich Paulines Mama am nächsten Morgen Pralinen in Paulines Fach in der Kindergartengarderobe. Vielleicht war es aber auch mehr ein Bestechungsversuch, nicht allzu schlecht vor den anderen Müttern von Mini‘s chaotischer Familie zu reden.

Na herzlichen Glückwunsch auch!Zur Eisdiele mussten wir an diesem Rest-Geburtstags-Nachmittag jedenfalls fast joggen, so wenig Zeit blieb uns nur noch. Was für ein Tag! So viel Action brauchte mein hochsensibles Ich nun wirklich nicht! Und war die ganze Mühe eh nicht umsonst gewesen? Aber da hörte ich meinen Maxi neben mir an der Ampel zufrieden „Ein schöner Geburtstag!“ sagen. „Welcher jetzt genau?“ fragte ich, unsicher, ob er nicht vielleicht die Schatzsuche bei Pauline meinte. „Na der von Teddy natürlich! Komm, Mama, da vorne ist die Eisdiele schon!“

Na dann: Herzlichen Glückwunsch, Mama! Doch alles richtig gemacht.

2 Gedanken zu „Na herzlichen Glückwunsch auch!“

  1. Sabrina sagt:

    Ich fühle mit dir.
    Meine Tochter ist 11 Monate alt und war noch nie im Schwimmbad. Ich gehe nicht gerne schwimmen, mag mich nicht im Badeanzug/Bikini zeigen und empfinde so ein Schwimmbad mit der warmen Luft und dem Lärm auch nicht als schönen Ort. Bisher hatte ich zudem für mich die Ausrede, dass die Maus noch nicht alleine sitzen kann.

    Seit ein paar Wochen kann sie sich aber selbst hinsetzen und gefühlt jedes Baby verbringt Stunden im Freibad. Mein schlechtes Gewissen, weil ich meinem Kind den Badespaß vorenthalte, meldete sich immer lauter. Freunde von mir haben einen Pool im Garten und haben uns eingeladen. Ich sagte zu, weil ein Pool in einem Garten zumindest einen etwas geschützten Rahmen bietet und ich hoffte, dass der Nachmittag für mich weniger Stress bedeuten würde als ein Besuch im Freibad.

    Gestern war es soweit. Allerdings fand meine Tochter alles, was mit dem Pool zu tun hatte schrecklich und brüllte nur. Und ich hatte mich mit meiner Größe 46 und dem Schwabbelbauch in den eigens gekauften Plus-Size-Bikini gezwängt, weil ich dem Kind eine Freude machen wollte.
    Wir sind also schnell wieder aus dem Pool raus und haben uns umgezogen. Daraufhin beruhigte sich das Kind und lachte auch wieder. Mein Stresspegel sank merklich. Also doch noch ein schöner Tag für die Maus, die von ihrem vierjährigen Freund Flips angeboten bekam und sich fröhlich mit Wasser begoss. Na dann….

    1. Christine sagt:

      Liebe Sabrina,

      oh ich leide förmlich mit dir! Auch, wenn ich im Gegensatz zu dir gerne schwimmen gehe, aber alleine die Vorstellung der Qualen, die du durchmachen musstest! Respekt für deine Entscheidung, dass du den Nachmittag im Garten trotzdem mitgemacht hast, um deiner Tochter eine Freude zu machen!

      Immerhin weißt du nun, dass du in naher Zukunft Schwimmbäder besten Gewissens meiden kannst :) Geht dann doch lieber Eis essen oder irgendwas, was ihr beide mögt <3

      Lieben Dank für deinen ehrlichen Einblick und deine liebevolle Anteilnahme!!
      Herzlichst, Christine

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