Kinderkram

„Beeil dich bitte, wir müssen los!“ Der lange Weg mit Kindern nach Draußen

Villa Schaukelpferd-Klassiker


Es soll ja Dinge geben, die verändern sich mit Kindern. Statt gähnender Langeweile am Sonntag gibt’s das Spaßprogramm des Sohnes ab Fünf Uhr morgens; Mama muss sich nicht mehr über jeden Fleck auf dem Sofa aufregen, immerhin ist sie es schon gewohnt, dass seit zwei Jahren immer mal wieder irgendeiner seine Schokoladenhände daran abschmiert, und dass in der Weihnachtszeit nur noch Rolf und seine Freunde den CD-Player regieren, das überhört man daran gewöhnt man sich auch mit der Zeit. Aber es gibt auch Dinge, mit denen ich mich immer noch nicht anfreunden kann. Vor allem deshalb, weil sie mindestens einmal täglich, wenn nicht sogar öfter stattfinden. Das nervenaufreibendste Szenario bei uns lautet derzeit: „Schuhe anziehen, es geht los!“

„Wir müssen losfahren“ bedeutete früher, als kinderloser Mensch: Vom Sofa zur Garderobe gehen, Jacke an, Schuhe an, im Winter Schal, Mütze und Handschuhe schnappen, Haustürschlüssel einstecken, Tür auf, die Treppe runter zum Auto, einsteigen, anschnallen, auf gehts! Bis man den Motor starten konnte, dauerte das Ganze maximal zweieinhalb Minuten.

"Beeil dich bitte, wir müssen los!" Der lange Weg zwischen Anziehen und Losfahren
Heute sieht das ein wenig anders aus: „So, Schuhe anziehen, es geht los!“ –„Nein, ich will mich nicht anziehen.“ „Doch, komm bitte zur Garderobe, damit wir es auch noch pünktlich zum (setzen Sie hier einen Ort Ihrer Wahl ein) schaffen. Halt, wo willst du hin? Das ist nicht die Garderobe.“ Nun folgt wahlweise eine kleine Auseinandersetzung, was genau ich unter dem Wort Garderobe verstehe oder ein Einfangspiel durch die Wohnung. Endlich im Flur angekommen. „Nein, nicht die Sandalen anziehen, es ist Winter, wir müssen uns warm einpacken.“ Daraufhin folgt ein kleiner bis mittlerer Trotzanfall. Sind die richtigen Schuhe angezogen, empfiehlt sich noch einmal ein Blick auf die Kinderfüße, weil garantiert der rechte Schuh am linken Fuß steckt und umgekehrt. Also noch mal das Kind bitten, die Schuhe richtig herum anzuziehen, während man selbst schon im Wintermantel bei 25°C Wohnungstemperatur schwitzt. Währenddessen schon mal schnell für den Sohn zu Mütze, Schal und Handschuhe greifen – befanden die sich gestern nicht noch ordentlich auf der Ablage? Kurzerhand wird noch mal in sämtlichen Räumen und Taschen nach den warmen Accessoires gesucht, während an der Garderobe schon lautstark der Kampf mit der Jacke weitergeht. „Ich krieg meinen Arm nicht durch den Ärmel! Die Jacke ist doof!“ Größerer Trotzanfall, bei dem das Kind mittlerweile streikend und laut jammernd auf dem Boden verharrt. Und jetzt will auch noch einer was trinken.

"Beeil dich bitte, wir müssen los!" Der lange Weg zwischen Anziehen und Losfahren
Ein Blick auf die Uhr verrät dringlichste Eile. „Wo sind deine Spielsachen, die du mit ins Auto nehmen wolltest? Wo sind Hase und Teddy? Warum liegen die Beiden noch nicht im Flur? Jetzt müssen wir wieder mit den dreckigen Schuhen über den frisch gesaugten Teppich ins Kinderzimmer laufen. Nein, bleib du bitte wo du bist und kümmere dich darum, dass du deine Jacke angezogen bekommst! Vielleicht geht es auch heute mal ohne Hase und Teddy?“ „Nein Mama!“ brüllt es im Chor. „Na schön, aber wo sind die denn jetzt? Waren sie nicht vorhin noch im Bett?“ Ein verzweifelter Ruf zum Mann, der dem anderen Kind gerade bei den Handschuhen behilflich ist. „Schatz, guck du doch bitte mal am Esstisch, vielleicht frühstücken die Zwei noch! Wie bitte? Ja mir ist auch langsam warm in den dicken Klamotten.“"Beeil dich bitte, wir müssen los!" Der lange Weg zwischen Anziehen und Losfahren

Nach schweißtreibender Sucherei sind endlich die gewünschten zwölf Duplosteine, das Pixi-Buch vom Bauernhof, „Conny geht zum Frisör“, zwei Kuscheltiere, ein Schnürsenkel und der neue Bagger gefunden. Wer mehrere Kinder sein eigen nennen darf, ignoriert in dieser Phase am Besten das Gestreite um das beliebteste Spielzeug und die schönsten Bücher. Der nächste Streit folgt sowieso, diesmal um die beliebte „Geländer-Hand“ (eine ausführliche Erklärung dazu finden Sie im Jahresrückblick). Jetzt Stufe für Stufe im Entenmarsch die vier Stockwerke runter. An der einen Hand ein Kind, in der anderen Hand am Besten noch den Müllbeutel mit Windelinhalt. Nach wenigen Stufen garantiert Gepolter, weil Duplosteine Nr. 8-12 keine Lust mehr auf das Gequetsche neben der Spielzeugkonkurrenz haben. „Nicht so laut, die Nachbarn schlafen noch!“ Gut, jetzt sicher nicht mehr. Umständliches Aufheben der Steine, während Mamas Hand ja nicht losgelassen wird. Derweil werde ich fast ohnmächtig, steigt mir doch penetrant übler Geruch aus dem Müllbeutel in die Nase.

"Beeil dich bitte, wir müssen los!" Der lange Weg zwischen Anziehen und Losfahren
Am Auto dann das nächste Drama. „Mama, ich krieg die Tür nicht auf!“ „Warum nicht? Das schaffst du doch sonst auch.“ „Aber es hat heute Nacht geregnet, da werden meine Finger nass.“ Reingekrabbel in den Wagen, erneuter Streit um das Spielzeug, lautes Fluchen meinerseits, ob man sich denn nicht schon mal in den Kindersitz begeben könnte, damit wir vorankämen. Währenddessen flitzt die kinderlose Nachbarin beschwingt und freundlich winkend aus dem Haus und braust zehn Sekunden später mit ihrem Sportwagen an uns vorbei. Ein sehnsuchtsvoller Blick in ihre Richtung und dann der Schwenk zurück in die Realität, wo zwei Knirpse mir aus dem Autositz entgegen rufen: „Mama, wann fahren wir endlich los?“ Und wenn dann, nach insgesamt zwanzig Minuten zwischen Anziehen und Einsteigen, alle Insassen angeschnallt im Wagen sitzen und es endlich losgehen kann, kommt bestimmt vom Fahrersitz ein genervtes Knurren: „Ich muss noch mal nach oben, ich hab meine Tasche vergessen.“

2 Gedanken zu „„Beeil dich bitte, wir müssen los!“ Der lange Weg mit Kindern nach Draußen“

  1. Biene sagt:

    Das kommt mir irgendwie bekannt vor :D
    Schön geschrieben!

    Liebe Grüße, Biene

  2. Rosalie sagt:

    Oh mein Gott!

    Dieses Thema ist soooooo… Auch wenn es bei uns eigentlich doch recht eingespielt funktioniert – also ich freu mich auf den Sommer – ohne Jacke, gerne auch barfuss und dann einfach das Kleidchen heben und hinsetzen, wenn man doch mal spontan Pipi muss. Das wird schön…

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