Kinderkram

Als die Kinder den Wald verließen

Villa Schaukelpferd-Klassiker


Was hier wie der Titel einer Zeichentrickserie aus den 90ern klingt (und jeder Vergleich ist auch beabsichtigt!), war in meinem Fall aber weder Fiktion, noch irre lustig anzusehen. Eigentlich war es nur irre. Und davon eine ganze Menge. Aber der Reihe nach.

Das Tal zählt zu unseren absoluten Lieblings-Ausflugszielen. Mit seinen vielen Wanderwegen, Bachläufen und auch der ein oder anderen Burgruine ist das Waldareal nicht nur für Reiter, Mountainbiker und Spaziergänger, sondern vor allem für Familien mit Kindern ein wunderschönes Erholungsgebiet. An einer schattig gelegenen Stelle wird der Bach etwas breiter, so dass es sich vor allem im Sommer herrlich mit Bötchen, Eimerchen und Schäufelchen dort spielen lässt. Mutter sitzt derweil am Ufer zu Füßen Wurzeln der großen Eiche, bewacht sowohl Picknicktasche als auch müffelnde Kinderschuhe und bestaunt ab und zu mit aussagekräftigen „Ohhhh“s und „Ahhhhh“s die zusammengetragenen Schlammschätze der Kinder („Guck mal Mama, das hier ist A-A!“).

So machen wir es seit mindestens drei Jahren. Ganzjährig alle paar Wochen, aber vor allem bei schwül-heißem Wetter, wenn man es unter normalen Umständen nirgendwo mehr, außer vielleicht vor der geöffneten Kühlschranktür, aushält, packe ich die Kinder nach dem Kindergarten ins Auto und fahre zu unserem Lieblingswald, wo das kühle Nass schon auf uns wartet. Und natürlich, wo Wald ist, sind auch Tiere. Von klein (Krabbelkäfer) bis groß (Pferd) ist alles dabei. Vor allem am Bach tummeln sie sich im Sommer. Hundebesitzer und Reiter gönnen ihren Vierbeinern das erfrischende Nass und Zecken und Mücken freuen sich über den vielen Besuch.

Als die Kinder den Wald verließen
Nie hat uns das etwas ausgemacht. Außer vielleicht mir, die sich entsprechend vorher von Scheitel bis Zehe mit Chemiekeulen einsprayt, dass abends nur noch die heiße Dusche mit entsprechend duftenden Gegenmitteln zur Neutralisation hilft. Ansonsten heißt es bei den Kindern am nächsten Tag Mückenstiche zählen und Zecken entfernen. Fertig. Mit dieser Erwartung fuhr ich auch an diesem einen Tag vor ein paar Wochen mit Mini und Maxi zu besagtem Wald. Aber es sollte alles ganz anders kommen.

„Mama, ich will an deiner anderen Hand laufen, hier bei mir auf der Seite ist der Hund!“ jammerte mein dreijähriger Mini bereits auf dem Parkplatz, kaum hatte er einen Fuß aus dem Auto gesetzt. Entsprechende Fellnase beschnüffelte bereits fünfzig Meter vor uns am Wegesrand das Gras und interessierte sich nicht die Bohne für zwei Kleinkinder, die gleich hinter ihm herspazieren würden. Gutes Zureden meinerseits funktionierte natürlich genauso gut wie die morgendliche Bitte, sich jetzt mal langsam die Schuhe für den Kindergarten anzuziehen.

Dass mein Jüngster bereits seit geraumer Zeit Angst vor Hunden hat, egal ob Dackel oder Schäferhund, war mir nicht neu. Unglücklicherweise liefen Hund und Frauchen aber ziemlich genau in unserem Tempo und die ganzen zwei Kilometer bis zum Bach vor uns her – der Vierbeiner natürlich leinenlos und kreuz und quer rasend durchs Geäst, über den Gehweg und wie der geölte Blitz immer wieder an uns vorbei. Nur beachten tat er uns nicht. Und schon gar nicht die Kinder. Mini hatte ihn derweil sehr wohl im Blick und wäre sicher am Liebsten wie ein Eichhörnchen auf meinen Arm geklettert, wenn er gekonnt hätte.

Als die Kinder den Wald verließen
Sobald wir am Bach ankamen (und ihn nach kurzer Zeit dann auch für uns hatten; der Hund wollte schließlich noch kurz darin baden – zumindest vermute ich es, schließlich mussten wir zwölf Meter davor hinter der Kurve und blickdichtem Gebüsch darauf warten, bis Geplätscher und Hundegebell erst leiser wurden und schließlich in der Ferne verstummten), ging das Drama aber sofort in die nächste Runde.

Kaum standen die Jungs mit hochgekrempelten Hosen barfuß im Wasser, als auch schon ein gellender Schrei zu mir ans Ufer drang. In Minis Nacken saß eine dicke Wespe, die zwar (oder trotz des lauten Gebrülls?) nicht zugestochen, aber es sich immerhin auf der nackten Haut gemütlich gemacht hatte und nicht beabsichtigte, weiter zu fliegen. Eine durchaus unangenehme Situation für meinen Sohn, die trotz meiner beruhigenden Worte („OH GOTT!!“) nicht entschärft wurde…

Ab jetzt waren also alle im Umkreis von mindestens fünf Kilometern informiert, dass da am Wasserloch etwas Schreckliches zugegen sein musste. Meine Kinder sprangen jedenfalls sofort aus dem Wasser und Richtung Picknickstelle unter meine Eiche. Erstmal die Gemüter beruhigen, dachte ich, und packte Rohkost und Kekse für die Nerven aus. Aber das nützte jetzt auch nichts mehr. „IIIIIHHHH, Mama, da krabbelt was an deinem Rücken!!“ „AAAHHH, Mama, guck mal, da fliegt eine Fliege!“ „Hilfe, ein grüner Käfer, da hinten an dem Baumstamm!“

Als die Kinder den Wald verließen
Sämtliche Waldinsekten, die selbst für eifrige Forscher nur durch die Lupe erkennbar gewesen wären, wurden nun sekündlich von den kindlichen Seismographen aufgespürt. Gemütliches Picknick am Bachufer? Fehlanzeige. Nachdem die letzte Tomate hektisch herunter geschlungen wurde, fragte mein vierjähriger Maxi auch schon, ob wir nicht langsam mal gehen könnten. Dabei waren wir nicht einmal eine Viertelstunde da! Aber es half nichts, Mini war sofort begeistert von dieser Idee und wollte nicht mal mehr die Schuhe anziehen, geschweige denn den Lieblingseimer aus dem Bach fischen („Dann kommt wieder die Wespe!!“).

Selbst den Weg zurück zum Auto schafften wir nur Händchen haltend und indem die Kinder um jede Ameise auf dem Waldboden einen großen Bogen machten. Mit Maxis flehender Bitte („Mama, gehen wir bitte nie wieder hier hin?“) war dann der Nachmittag auch für mich nun endgültig gelaufen. Was war mit meinen Kindern passiert, die sonst täglich und unermüdlich durch Wald und Wiesen springen? Ich kam mir vor, als liefen zwei Großstadtkinder an meiner Hand, die noch nie in ihrem Leben über die Siedlung hinaus gekommen sind und annehmen, Kühe seien lila und Schokolade wüchse auf Bäumen.

Als die Kinder den Wald verließen
Seitdem waren wir nicht mehr in unserem meinem Lieblingswaldgebiet. Und auch sonst ist es derzeit mit Tieren eher schwierig. Ob die Obstfliege am Frühstückstisch oder die tote Qualle am Urlaubsstrand: Jegliche Lebewesen lösen bei unseren Kindern fast jedes Mal eine Panik aus, dass man schon Verständnis dafür aufbringen könnte, würden besagte Tiere bei den Kreischanfällen meiner Söhne die Flucht ergreifen. Selbst die tote Qualle, auf die ich Maxi letzte Woche im Urlaub auf unserem bis dahin idyllischen Strandspaziergang fasziniert hinwies, entlockte meinem Sohn nur eine einzige Reaktion: „Ich will sofort wieder zurück in unser Urlaubshaus!“ Und schon waren von ihm nur noch seine Fußabdrücke im Sand zu sehen.

Ich kann nur hoffen, dass sich der Zustand schnell wieder ändert. Dass Mini und Maxi bald wieder selbstvergessen im Bach spielen und sich nicht daran stören, wenn es um sie herum summt und brummt. Ansonsten kann ich keine Garantie dafür geben, dass der nächste Blogbeitrag nicht doch den Originaltitel der Zeichentrickserie aus unserer Kindheit trägt. Dann nämlich, wenn es den Waldtieren zu bunt mit meinen Kindern geworden ist und sie Reißaus genommen haben. Maxi hat sich gestern beim Einkaufen immerhin schon mal getraut, die abgedruckte Katze auf dem Katzenfutter-Karton zu streicheln. Also, wenn das kein Lichtblick ist, weiß ich auch nicht!

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