Im Dialog

Wie verläuft eine Psychotherapie für Mütter mit Gefühlschaos rund ums Wochenbett? Katharina aus Graz im Interview

Als ich nach der Geburt meines ersten Sohnes in ein tiefes Loch fiel, wusste ich nicht, wieso. Der Baby-Blues, der typische Heultag aufgrund hormoneller Veränderungen, hielt nun schon seit Wochen an, ich fühlte nur Leere und mich keinesfalls bereit für die Mutterrolle. Meine Hebamme speiste mich ab mit den Worten „Das wird schon wieder!“ und mein Frauenarzt war nicht der Typ Mensch, dem ich von meiner geheimsten Gefühlswelt, meiner Ablehnung gegenüber meines Kindes, erzählen wollte. Postpartale Depressionen sind leider immer noch ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft. Und wenn eine junge Mutter daran erkrankt, benötigt sie dringend fachliche Hilfe und die Gewissheit, dass sie nicht alleine damit ist.

Katharina Kittinger-Sereinig lernte ich vor wenigen Monaten über meinen Blog kennen, als sie mir einen Kommentar zu einem meiner Beiträge über postnatale Depressionen hinterließ. Es entstand ein netter E-Mail-Kontakt, in dem sie mir von ihrer Praxis für Psychotherapie in Graz erzählte, in der sie auch Mütter mit ihren Sorgen und Ängsten behandelt. „So eine sympathische Fachkraft hätte ich damals nach meiner ersten Geburt an meiner Seite gebraucht“ schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf.

Umso mehr freute ich mich, als sie sich dazu bereit erklärte, mir ein Interview für meine hochsensiblen Leserinnen zu geben, die möglicherweise in einer ähnlichen Krise stecken wie ich damals, und die nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen oder wie eine Psychotherapie genau abläuft. Ich hoffe, dass dieses Interview einen kleinen Teil dazu beiträgt, die Krankheit namens Wochenbettdepression mehr und mehr unter dem Teppich wieder hervorzukehren. Wenn auch nur einem Menschen damit geholfen ist, hat das Interview hervorragendes bewirkt.

Liebe Katharina, erzähl‘ doch meinen Leserinnen bitte ein bisschen über dich!

Ich lebe mit meinem Mann, unseren zwei Kindern und unserem Hund in Graz. Ich schreibe gern und ich liebe es, mit dem Hund meine Runden zu drehen. Außerdem führe ich mit meinen Freundinnen gern tiefsinnige Gespräche. :)

Wie verläuft eine Psychotherapie für Mütter mit Gefühlschaos rund ums Wochenbett? Katharina aus Graz im InterviewDu hast zuerst Jura studiert – wie kamst du in den Bereich Psychotherapie?

Ich war mit meiner Studienwahl nicht besonders glücklich. Im Laufe des Studiums wurde mir immer klarer, dass ich mit Menschen arbeiten möchte und mit den Fragen, die sie bewegen. Mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass ich gut Halt geben kann und einen Raum schaffen, in dem Menschen sich sicher fühlen und zu sich selbst finden. Das hat mich bewogen die Psychotherapieausbildung zu machen.

Psychotherapie – Das Wort schreckt immer noch viele Menschen ab. Es schwingt trotz stetiger Normalisierung in unserer Gesellschaft etwas von „Gestört sein“ mit. Manche denken gar, man könne nicht die Seele, sondern nur körperliche Beschwerden heilen. Wie nimmst du diesen Menschen die Angst? Was passiert wirklich in deinen Therapieräumen?

Die KlientInnen, die zum Erstgespräch bzw in die Therapie kommen, haben den Entschluss schon getroffen und sind über die Hürde dieses Vorurteils schon hinweg. Falls es doch noch ein Thema ist, besprechen wir, wie die KlientIn/der Klient mit den Vorurteilen umgehen könnte: Mit denen, die er/sie selber hat und mit denen, die von anderen kommen.

Eine einfache Methode sich vor den Kommentaren anderer Menschen zu schützen ist, dass man sensible Dinge nur mit Menschen teilt, von denen man weiß, dass sie liebevoll mit einem umgehen. Und was heißt schon „gestört“? Wenn wir körperliche Beschwerden haben, gehen wir zum Arzt. Ist es nicht lieblos, sich selbst Hilfe zu verweigern, wenn es uns psychisch nicht gut geht?

Beim Erstgespräch klären wir die Rahmenbedingungen einer Therapie und die KlientInnen berichten von ihrer Motivation für eine Psychotherapie, erzählen schon ein bisschen oder ein bisschen mehr. Das ist unterschiedlich. Die ersten Stunden dienen dem Kennenlernen. KlientInnen müssen vor allem das Gefühl bekommen, dass sie mir vertrauen können. Und ich möchte eine Idee von dem Menschen bekommen, der mir da gegenübersitzt. Recht bald arbeiten wir mit den Methoden des Psychodramas, schauen vor allem auf die Szenen hin, die die KlientInnen aus ihrem Leben mitbringen.

Wie verläuft eine Psychotherapie für Mütter mit Gefühlschaos rund ums Wochenbett? Katharina aus Graz im InterviewLiegen deine Patienten klischeehaft auf einer Couch, um dir ihre Probleme anzuvertrauen?

Ich habe gar keine Couch. ;)
Ich arbeite im Sitzen, aber auch in Bewegung, wenn wir eine Szene „spielen“. Außerdem habe ich eine laufende Gruppentherapie, ich bin begeisterte Gruppentherapeutin. Psychotherapie in der Gruppe ist sehr wirksam und es ist unheimlich schön, mitzubekommen, wie sich die Menschen gegenseitig inspirieren und unterstützen.

Einer deiner Schwerpunkte ist die Behandlung von Frauen mit postpartalen Depressionen. Ist die Resonanz auf dieses Angebot groß?

Gar nicht groß. Klientinnen kommen zu mir eher später, wenns schon am Abklingen ist. Was aber sehr groß ist, ist das Bedürfnis über die Zeit Schwangerschaft-Geburt-Wochenbett zu sprechen. Das ist eine sehr intensive Phase im Leben vieler Frauen. Ich habe fast keine Frau, die nicht im Laufe der Therapie in irgendeiner Form zu diesem Thema kommt, da es sich doch auf das spätere Körpergefühl und ja, auch auf ihre Sexualität auswirkt.

Wochenbettdepression ist in unserer westlichen Gesellschaft immer noch ein Tabuthema. Zu viele Mütter schämen sich, dass sie mit ihrem Kind überfordert sind, vom neuen Alltag überrannt werden oder in manchen Fällen sogar Zwangsgedanken entwickeln, ihrem Kind etwas anzutun. Was sagst du dazu?

Die Mutterrolle ist einerseits eine sehr intensive Rolle, die uns viel abverlangt. Eigentlich müssten wir mit unseren Sinnen und Kräften dabei sein können und spüren dürfen wie es uns geht und wie eben auch nicht. Leider kursieren aber viele, teils widersprüchliche Vorstellungen, was das Muttersein angeht, und große Ideale von Hingabe und Liebe. Das mögen alles Aspekte der „Wahrheit“ sein, aber wenn man das Gefühl hat, alles erfüllen zu wollen oder zu müssen, wird man sich zerrissen und ungenügend fühlen. Anders geht’s gar nicht.

Es ist für viele Menschen unverständlich, dass eine junge Mutter angesichts ihrer Kinder nicht unfassbares Glück fühlt. Oder dass eine Mutter erschöpft ist. Dabei ist das total normal, wie es auch normal ist, Widersprüchliches zu fühlen oder als Lebensinhalt nicht nur die Kinder zu haben.

Wie verläuft eine Psychotherapie für Mütter mit Gefühlschaos rund ums Wochenbett? Katharina aus Graz im InterviewWieso ist es gerade für uns Frauen so schwer, zu all unseren Gefühlen, eben auch den negativen, zu stehen?

Das weiß ich nicht. In meiner Praxis fällt es Männern und Frauen gleichermaßen schwer sich zu finden und zu sich zu stehen. Ich weiß nicht, ob das ein reines Frauenproblem ist. Vielleicht ist diese Bewertung „positiv“ und „negativ“ eine problematische. Wir haben alle möglichen Gefühle zu allen möglichen Dingen und wenn wir diese Gefühle beeinflussen wollen, wird’s schwierig.

Hast du durch deine Arbeit Kulturen kennengelernt, in denen die Gesellschaft offen mit „negativen“ Muttergefühlen oder postnatalen Depressionen umgeht?

Nein.

Viele Frauen wissen nicht, ob sie unter einer postpartalen Depression leiden oder gelitten haben. Wie können sie das feststellen?

Wenn Sie die Idee haben, dass Sie unter einer postpartalen Depression leiden, dann ist das schon ziemlich viel. Auf die Idee kommt ein Mensch, dem es gut geht, nicht „einfach so“. Vielleicht fällt es manchmal nahestehenden Personen auf, vielleicht fällt es manchen Frauen selber auf. Oft vielleicht erst hinterher. Ich empfehle in so einem Fall einen Termin beim Psychiater/bei einer Psychiaterin auszumachen, den Hausarzt/die Hausärztin oder den Gynäkologen/die Gynäkologin anzusprechen.

Angenommen, eine Frau merkt, dass es ihr in ihrer neuen Rolle als Mutter nicht gut geht. Was kann sie tun? An wen sollte sie sich deiner Meinung nach wenden?

An eine Beratungsstelle, eine Psychotherapeutin, die Hebamme, Gynäkologin, den Hausarzt, eine Psychiaterin. Und an eine Vertrauensperson oder mehrere. Es ist oft gut, einfach nicht allein zu sein und jemanden zu haben, mit dem man darüber reden kann.

Wie verläuft eine Psychotherapie für Mütter mit Gefühlschaos rund ums Wochenbett? Katharina aus Graz im InterviewUnd was sollte eine Mutter mit Depressionen auf keinen Fall tun?

Schweigen, allein bleiben, glauben, dass sie die Einzige ist, die es betrifft.

Ist eine Psychotherapie auch im Nachhinein noch sinnvoll, um vergangene, postnatale Krisen aufzuarbeiten, selbst wenn der Nachwuchs schon größer ist und man selbst akut nicht in einer Depression steckt?

Wenn es der Person aus irgendeinem Grund wichtig erscheint… Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Was oft passiert ist, dass Frauen eine Beratung in Anspruch nehmen, bevor das zweite Kind kommt. Damit sie Dinge, die sie beim ersten Kind nicht so gut handhaben konnten, jetzt besser und für sich selbst leichter handhaben können.

Möchtest du abschließend meinen Leserinnen noch etwas mit auf den Weg geben?

Es ist mir ein Anliegen zu sagen, dass Sie sich nicht entmutigen lassen sollen, wenn Sie nicht auf Anhieb die richtige Psychotherapeutin/den richtigen Psychotherapeuten für sich finden! Schmökern Sie im Internet, suchen Sie zB auf www.psyonline.at nach jemandem, der Ihnen sympathisch erscheint.
Aber bleiben Sie nicht leidend und alleine, denn dazu ist das Leben zu schön!

Liebe Katharina, ich danke dir sehr für dieses Interview!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.