Im Dialog

„Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken?“ Mein Leser-Interview zum Thema Regretting Motherhood

Vor ein paar Wochen bekam ich einen Kommentar von einer Leserin zum Beitrag „Regretting Motherhood – Warum ich mir das Muttersein ganz anders vorgestellt hatte“. In dem Beitrag erkläre ich meinen Frust der Fremdbestimmtheit durch Kinder und dass ich mich so schwer mit der permanenten Forderung nach Aufmerksamkeit tue. Am Ende ihres Kommentars hatte mir die Leserin einige Fragen gestellt, bei denen ich ahnte, dass die Beantwortung dieser erstens länger dauern, zweitens den Rahmen der Kommentarfunktion sprengen würde und drittens die Antworten vielleicht auch andere Leserinnen interessieren könnte. Deshalb werde ich sie heute als Leser-Interview veröffentlichen, in der Hoffnung, dass die verspätete Antwort auch noch den Weg zur betreffenden Fragestellerin findet.

Leserin D.S.: Geht es deinem Mann eigentlich genauso wie dir? Würde er sich auch für ein kinderloses Leben entscheiden, wenn er nochmal vor der Wahl stünde?

Ohje. Ausgerechnet die erste Frage, die ich unbefriedigend beantworten muss. Da dies mein persönlicher Mama-Blog von hochsensibler Mutter zu Mutter ist, hat die Meinung meines Mannes hier leider nichts verloren. Auch, wenn ich mir nur zu gut vorstellen kann, dass diese Frage Viele brennend interessiert. Ehrlich gesagt, stelle ich sie mir selbst auch manchmal, vielleicht habe ich sie auch das ein oder andere Mal meinem Mann gestellt, aber veröffentlichen werde ich seine Antwort hier nicht. Da musst du ihn schon dazu bringen, einen eigenen Blog zu starten (meine Unterstützung hättest du! ;-)).

"Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken?" Mein Leser-Interview zum Thema Regretting MotherhoodZumindest kann ich dir verraten, dass mein Mann unsere beiden Söhne von ganzem Herzen liebt und immer für uns da ist, notfalls sogar seine Arbeit hintenanstellt, wenn die Hütte hier mal wieder brennt (und glaub mir, das kommt gar nicht so selten vor). Ich weiß, das trifft nicht den Kern deiner Frage, musste aber auch mal gesagt werden.

Leserin D.S.: Was waren deine Gedanken, als du dein zweites Kind bekamst? Da hattest du ja bereits einen guten Einblick bekommen, was es heißt, Mutter zu sein.

Wer meinen Blog das erste Mal besucht und die vielen Themen zum Thema Mutterrolle bereuen und postpartale Depressionen findet, kommt über kurz oder lang sicher genau zu dieser Frage, die auch du mir gestellt hast.

Es mag Manche verwundern, aber auch unser zweites Kind war ein absolutes Wunschkind, obwohl ich nach der ersten Geburt so eine traumatische Phase durchlitt, meinen Erstgeborenen nicht genügend Liebe schenken zu können, wie das zu Zeiten der Schwangerschaft war. Warum ich mich (WIR müsste ich der Vollständigkeit halber besser sagen) trotzdem in der schweren Zeit für ein Geschwisterkind für Maxi entschieden habe, kannst du in meinem Artikel „Ein weiteres Kind trotz Wochenbettdepression?“ nachlesen.

"Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken?" Mein Leser-Interview zum Thema Regretting MotherhoodAllerdings betrug die Zeitspanne zwischen Erstgeburt und erneuter Schwangerschaft gerade mal sechs Wochen. So sehr ich die Fremdbestimmung in der Zeit schon spürte, kann ich trotzdem schwerlich behaupten, dass ich in dieser Zeit schon einen umfassenden Einblick bekommen hatte, was es heißt, Mutter zu sein.

Manche Erkenntnisse kamen leider (oder vielleicht auch glücklicherweise?) erst mit den Jahren. Zum Beispiel ist es für mich auch heute immer noch befremdlich, wenn die Kinder mit ihren inzwischen vier und fünf Jahren immer noch nicht mitbekommen, wenn sie mir auf die Füße treten oder beim Buchvorlesen den Kopf gegen mein Kinn rammen oder dass die Lust an einer Aktivität gerade mal zwei Minuten anhält. Und trotzdem wäre es für mich auch heute noch undenkbar, nur ein Kind großzuziehen. Ich hätte rückblickend nichts anders gemacht. „Entweder keins oder zwei“ könnte man sagen.

Leserin D.S.: Und zu guter Letzt die Frage: Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken? Oder versuchst du sie zu verbergen? Wird dieser Blog hier jemals für sie zum Thema?

Das ist eine gute Frage, die sich sicherlich nicht so leicht beantworten lässt.

Zuerst einmal muss ich differenzieren. Es gibt, gerade was das Thema „Regretting Motherhood“ betrifft, ja immer (mindestens) zwei Gefühle. Das eine lautet: Ich liebe meine Kinder. Das andere heißt: Ich bereue meine Mutterrolle. Leider können so viele Menschen das nicht auseinanderhalten und setzen bei Frauen, die mit ihrem Part als Mutter hadern, die Ablehnung der Mutterrolle einer Zurückweisung ihren Kindern gegenüber gleich.

"Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken?" Mein Leser-Interview zum Thema Regretting MotherhoodDas Problem ist in diesem Fall nicht das Kind an sich, sondern der riesen Berg an Verantwortung und Fremdbestimmung, den das Kind zwangsläufig (aber natürlich ungewollt) mit sich bringt (zusätzlich zum -oft unausgesprochenen- gesellschaftlichen Druck, die Frau müsse die Hauptkümmerin und Hauptverantwortliche in der Erziehung sein).

Und hier ist die Gefahr groß, dass die überlastete Mutter auch gefühlsmäßig ihren Kindern gegenüber ein Problem bekommt. Zumindest mir erging und ergeht es an schlechten Tagen auch heute noch so: Der Alltag als Mutter überfordert und lässt der Frau kaum noch Zeit für sich und ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen. Wie soll sie jetzt ihren Kindern trotzdem noch glaubhaft machen, dass diese aber nicht persönlich gemeint sind, wenn sie mal wieder schimpft oder ihren Nachwuchs in Situationen der Totalüberlastung anschreit, weil das Leben als Mutter nun einfach so ist, wie es ist, und sich in absehbarer Zeit auch erstmal nicht verändern wird?

"Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken?" Mein Leser-Interview zum Thema Regretting MotherhoodUm auf deine Frage zurückzukommen: Ich sage meinen Kindern so oft es geht, dass ich sie liebe und froh bin, sie zu haben. Denn das ist die Wahrheit, auch bei meinem Ältesten, mit dem ich nach der Geburt so einen schweren Start hatte. Allerdings glaube ich, dass Kinder auch die widersprüchlichen Schwingungen wahrnehmen, wenn die Mutter überfordert ist und oftmals vielleicht auch genervt die Beschäftigungen mit und um das Kind herum ausführt.

„Du bist schuld, dass ich jetzt in der Mutterrolle stecke und es mir dadurch schlecht geht!“ Das sage ich meinen Kindern natürlich nicht, weil es schlichtweg nicht stimmt! Sie sind nicht schuld, wenn ich mir nicht genügend Zeit für mich einräume. Aber da ich ohne Mini und Maxi nicht in der ungeliebten Mutterrolle stecken würde, würde es mich nicht wundern, wenn sie glaubten, dass meine Unzufriedenheit gegen sie persönlich gerichtet ist. Man denke nur an die Scheidungskinder, die meinen, schuld an der Trennung ihrer Eltern zu sein. Warum sollten meine Kinder also nicht auch unbewusst denken, mit ihrem Dasein verantwortlich für meine schlechte Stimmung zu sein, wenn meine Gedanken an sie mit Stress und Unmut gefüllt sind?

"Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken?" Mein Leser-Interview zum Thema Regretting MotherhoodKinder sind sehr sensitiv. Nicht nur meine Kinder. Alle Kinder. Wenn die Mama lächelt und sagt, dass alles gut ist, sie selbst aber fühlt, dass gar nichts gut ist, spürt das Kind den Widerspruch, auch, wenn es ihn vielleicht noch nicht in Worte fassen kann.

Trotzdem (oder gerade deshalb) hoffe ich, dass meine Kinder auch spüren, dass ich sie liebe, in den Momenten, wenn ich es ihnen uneingeschränkt mit Mund und Herz sagen kann, eben, weil es dann stimmig ist. Denn die Momente, in denen ich die Mutterrolle nicht verfluche, die gibt es auch. Und Gott sei Dank immer häufiger.

"Denkst du, dass deine Kinder etwas von deinen Gefühlen merken?" Mein Leser-Interview zum Thema Regretting MotherhoodMein Blog ist derzeit noch kein Thema in der Familie. Zum einen sind sie noch sehr klein und kommen mit dem Medium Notebook/Smartphone, geschweige denn Internet noch nicht in Berührung, zum anderen spreche ich auch bewusst vor ihnen nicht mit meinem Mann über „Pusteblumen für Mama“. Blogfotos von den Beiden knipse ich auch unbemerkt. Nicht „Stellt euch bitte mal da vorne hin, ich benötige neue Fotos von euch für meinen Blog“ oder so.

Erst einmal habe ich auch in ferner Zukunft nicht vor, ihnen den Blog zu zeigen. Es ist ein sehr persönliches Tagebuch für andere Mütter, nicht für meine Söhne, auch, wenn sie theoretisch natürlich Zugang dazu finden könnten im World Wide Web. Ich wünsche mir, dass ich gegebenenfalls vorher persönlich mit ihnen über schwierige Zeiten in der Kindheit sprechen kann, wenn es denn dann noch nötig sein wird und sie dann mit einem anderen Verständnis meine heutigen Gefühlsausbrüche lesen werden. Aber bis dahin wird hoffentlich noch viel Zeit vergehen. Und wer weiß, ob es diesen Blog dann überhaupt noch gibt?

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