Im Dialog

„Schwierig finde ich manchmal die Arbeit mit den Eltern.“ – Heilerziehungspflegerin Daniela über ihren Alltag in der KiTa

Villa Schaukelpferd-Klassiker


Ertragen ErzieherInnen nach der Arbeit eigentlich noch das Geschrei ihres eigenen Kindes? Wie denken Kinderärzte privat tatsächlich über Impfen und Antibiotika? Und haben Zwillingsmütter wirklich doppelt so viel Stress mit ihrem Nachwuchs? Mit diesen Fragen rief ich vor kurzem meine neue Serie ins Leben und Sie dazu auf, mein nächster Interview-Partner zu sein, wenn es um das facettenreiche Leben mit Kindern geht. Und ich freue mich ganz besonders, Ihnen heute das erste virtuelle Gespräch mit Daniela präsentieren zu dürfen, die seit zehn Jahren den Beruf der Heilerziehungspflegerin ausübt.

Daniela, Sie sind Heilerziehungspflegerin. Für Alle, die sich unter dem Beruf nichts Konkretes vorstellen können: Was liegt hinter der Berufsbezeichnung ganz Allgemein?
Hauptsächlich befassen sich Heilerziehungspfleger mit der Begleitung und der Assistenz von Menschen mit Behinderung bzw. Menschen, die von Behinderung bedroht sind. Ich vermeide hier ganz bewusst das Wort „Betreuung“, denn meiner Meinung nach geht es eher darum, den Alltag des Klienten nach seinen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen zu gestalten. Der Alltag muss so gestaltet werden, dass der Klient weitestgehend selbstbestimmt mit allen Rechten und Pflichten, die ein Mensch hat, leben kann.
Ich persönlich mag auch die Berufsbezeichnung Heilerziehungspflegerin nicht, denn erstens ist es ein furchtbares Wortungetüm und zweitens geht es weder darum jemanden zu heilen, noch jemanden zu erziehen. Es ist vielmehr eine Art Alltagsbegleitung.

Was war Ihre Motivation, Heilerziehungspflegerin zu werden?
Ich bin eher zufällig in diesen Beruf gerutscht. Ich wusste noch gar nicht so wirklich, dass es diese Arbeit gibt.
Nach meinem Schulabschluss wollte ich einfach einen Tapetenwechsel und habe ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Behindertenhilfe gemacht. Das hat mir so gut gefallen, dass ich dabei geblieben bin.
Ursprünglich wollte ich mal Krankenpflegerin werden, aber in diesem Fachbereich hätte ich während des Freiwilligen Jahres keinen Mietzuschuss bekommen. Es blieb mir also nur die Behindertenhilfe…

Sie arbeiten derzeit in einer Kindertagesstätte. Unterscheidet die Einrichtung sich von anderen KiTas? Was gehört dort zu Ihren Aufgaben?
Auf alle Fälle. Im Gegensatz zu anderen KiTas, die integrativ bzw. inklusiv arbeiten, gibt es bei uns keine Kinder, die eine körperliche Behinderung haben, da das Haus nicht barrierefrei ist.
Wir haben uns eher auf den Bereich psychische und psychosoziale Behinderungen „spezialisiert“. Unsere Kinder haben ihren Förderschwerpunkt alle im sozialen und im emotionalen Bereich.

"Schwierig finde ich manchmal die Arbeit mit den Eltern" Heilerziehungspflegerin Daniela über ihren Alltag in der KiTa
Gibt es neben Ihnen noch weitere HeilerziehungspflegerInnen in der KiTa?
Es gibt noch eine Teilzeitkraft, die aber aufgrund gesundheitlicher Probleme oft krank ist und dadurch wirklich selten vor Ort ist.
Letztendlich bin ich aber die einzige Vollzeitkraft und bin für alles Organisatorische und für alle Dokumentationen in Bezug auf die Integrationskinder zuständig.

Wie ist der Kontakt unter dem Personal?
Natürlich gibt es unter uns immer mal Meinungsverschiedenheiten, wie überall, aber ansonsten ist der Kontakt unter dem Personal super.
Wir verstehen uns alle gut und mögen uns sehr. Mit einer Kollegin bin ich sogar privat sehr gut befreundet.

Merken die Kinder, wenn Disharmonien zwischen den ErzieherInnen herrschen? Wie macht sich das bemerkbar?
Bei uns ist das glücklicherweise nicht der Fall, aber ich bin mir sogar sehr sicher, dass die Kinder das merken würden. Wir haben da so einige Kinder, die sehr empathisch und auch clever sind. Da wird auch schon mal versucht, den einen Kollegen gegen den anderen aufzuhetzen. Wenn dann die Chemie im Team nicht stimmt, hat man schon verloren.

Wie viele Kinder betreuen Sie?
Mittlerweile ist es recht „entspannt“, denn ich bin mit einer weiteren Kollegin für insgesamt 16 Kinder, 4 davon sind I-Kinder* (*Integrationskinder, Anm. der Redaktion), fest zuständig. Dazu kommen noch 3 I-Kinder aus der anderen Gruppe, für die ich offiziell Bezugserzieherin bin.
Bis zum August letzten Jahres war ich allein für 18 Kinder zuständig, weil eine offene Stelle einfach nicht nachbesetzt werden konnte. Da waren 3 I-Kinder darunter.

Mit welchen Störungen/Problemen (der Kinder) haben Sie in Ihrem Berufsalltag zu tun?
Wie oben schon erwähnt haben unsere I-Kinder alle ihren Schwerpunkt im Sozial-emotionalen Bereich (früher wurden die Kinder schwer erziehbar genannt). Es geht also immer recht wild und laut zu bei uns.
Außerdem sind darunter immer mal wieder Familienprobleme und Kindeswohlgefährdungen. Da den Überblick zu halten kann manchmal echt anstrengend werden.

Mit welchen Störungen/Problemen (der Kinder) arbeiten Sie besonders gerne? Mit welchen weniger gerne?
Ich liebe die Arbeit mit genau dem Klientel, das wir haben. Den Trubel dabei finde ich zwar anstrengend, aber ich mag ihn. Bevor ich in der KiTa gearbeitet habe, habe ich fast nur mit Klienten gearbeitet, die psychisch erkrankt waren. Manchmal auch in Verbindung mit Körperbehinderungen.

"Schwierig finde ich manchmal die Arbeit mit den Eltern" Heilerziehungspflegerin Daniela über ihren Alltag in der KiTa
Sie haben früher in der Behindertenhilfe gearbeitet. Warum tun Sie das jetzt nicht mehr?
Die meisten Arbeitsstellen in der Behindertenhilfe haben Schichtdienst und man muss zeitlich flexibel sein. Das ist mit Familie und Kind einfach kaum zu organisieren. Ich habe es nach meiner Elternzeit noch 2 Monate versucht und war todunglücklich, meine Familie kaum zu sehen, außer beim Schlafen.
Den Abschied meiner letzten Arbeitsstelle fand ich sehr schwer, da ich ein wunderbares Team und tolle Klienten um mich herum hatte.

Sie sind Mutter von einem ehemaligen Schreibaby. Sie wissen, wie (schnell) man an seine eigenen Grenzen kommen kann. In welchen Situationen kommen Sie auch schon mal im Job an Ihre Grenzen?
Witzigerweise komme ich da weniger oft an meine Grenzen, da ich nicht persönlich betroffen bin. Ich habe gelernt eine klare Grenze zwischen professionell/beruflich und persönlich/privat zu ziehen. Das muss man auch, sonst würde man wohl gelegentlich ausrasten.
Schwierig finde ich manchmal die Arbeit mit den Eltern. Gerade, wenn die Ansichten, was Erziehung angeht weit auseinander gehen.
Auch, wenn man das Gefühl hat, man reisst sich tagtäglich den Allerwertesten auf und nichts bewegt sich, kann das echt frustrierend sein.
Richtig hart war aber für mich die KiTa-Streik-Zeit, denn ich habe täglich den Notdienst organisiert und stand mit einer Kollegin jeden Tag auf der Matte. Da wir aber nur 2 Erzieherinnen waren, durften wir nur 30 Notplätze anbieten. Einige der Plätze waren schon vorab für Kinder reserviert, wo die Familien vom Jugendamt beobachtet wurden, ganz unabhängig davon, ob die Eltern berufstätig waren oder nicht.
Das täglich neu zu organisieren und dann noch ständig von Eltern angeschrien und beschimpft zu werden, wenn ich keinen Notfallplatz anbieten konnte, haben mir oft die Tränen in die Augen getrieben.

Wie reagieren Sie dann?
In Stress-Situationen: Atmen, neu organisieren und durchhalten… Mehr geht nicht.
Bei der Elternarbeit berate ich mich oft mit meinen Kollegen. Außerdem berichte ich der Leitung grundsätzlich von jedem Elterngespräch, denn es ist schon oft vorgekommen, dass Eltern zur Leitung gehen und sich über einen beschweren, weil sie mit irgendetwas nicht einverstanden sind.

Bekommen Sie in Stresssituationen Unterstützung von Ihren Kollegen oder eher kritische Blicke zugeworfen?
Wir greifen uns alle gegenseitig unter die Arme. Vorausgesetzt es ist möglich. In der KiTa geht „Überleben“ nur mit einem guten Team im Hintergrund.

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Haben Sie schon einmal mitbekommen, dass KollegInnnen von Ihnen überfordert waren und sich den Kindern gegenüber vielleicht ungerecht verhalten haben?
Klar gibt es diese Situationen. Immer mal wieder. Hin und wieder reagiere auch ich mal ungerecht und schimpfe dann. Gerade, wenn man in der Gruppe alleine ist, weil die Kollegin im Urlaub oder krank ist. Dann ist es unmöglich jedem gerecht zu werden oder zwei Kindern zum hundertachtzigtausendsten Mal zu erklären, dass man mit Bausteinen nicht wirft. Im schlimmsten Fall versorgt man dann nebenbei auch noch eine Beule oder eine blutende Wunde gleichzeitig.

Haben Sie für solch ein Verhalten Verständnis?
Klar sollten solche Situationen nicht vorkommen. Trotzdem habe ich Verständnis und versuche dann die Kollegin bzw. den Kollegen zu entlasten.

Können Sie Berufliches und Privates gut trennen oder nehmen Sie Belastendes auch schon mal mit nach Hause (bzw. in den Job)?
In der Regel kann ich gut trennen. Das machen 10 Jahre Berufserfahrung, in denen man auch Sterbebegleitungen gemacht hat oder echt fiese Schicksale kennen gelernt hat, automatisch. Man stumpft manchmal etwas ab.
Trotzdem gibt es Schicksale und Familiengeschichten, die einen betroffen machen. Aktuell gibt es bei uns einen Jungen, dem es in seiner Pflegefamilie sehr gut geht. Trotzdem stellt die leibliche Mutter immer wieder Kontakt übers Jugendamt her, um den Jungen zu sehen. Nach kurzer Zeit lässt sie ihn dann wieder fallen. Mittlerweile ist der Junge echt mitgenommen und zeigt auch um die Besuchskontakte immer wieder aggressives Verhalten.

In Hinblick auf Ihre Rolle als Mutter: Empfinden Sie den Berufsalltag als stressiger als früher ohne Kind? Gibt es Tage, an denen Sie froh wären, wenn Sie zuhause kein bedürftiges Kind erwarten würde?
Er ist deutlich stressiger. Früher bin ich nach der Arbeit nach Hause, hab mich in die Jogginghose geworfen und mich aufs Sofa gelegt. Das geht nicht mehr, denn die Maus will Aufmerksamkeit, spielen und toben.
Außerdem muss nach der Arbeit jetzt öfter eingekauft werden, da der Lieferdienst inzwischen seltener vorbeikommt.
Alle Arbeiten im Haushalt, die anfallen, werden jetzt am Wochenende erledigt. Früher habe ich am Wochenende abends ein Glas Wein getrunken, bin spät ins Bett, hab am nächsten Tag bis mittags geschlafen und dann manchmal den ganzen Tag nur Serien auf DVD geguckt.
Jetzt muss neben dem Haushaltsprogramm noch ein Animationsprogramm stattfinden.
Es gibt Tage, da kotzt mich das an. Da brauche ich auch mal meine Ruhe.

Wie denken Sie in solchen Momenten über sich?
Natürlich nagt in solchen Momenten das schlechte Gewissen an mir, denn die Maus kann ja gar nichts dafür. Sie kann nichts dafür, dass ich viel arbeite und die Tage viel zu kurz sind. Ich habe immer das Gefühl, die 2-3 Stunden die zwischen Dienstschluss und Kind-ins-Bett-bringen auf Teufel-komm-raus ausnutzen zu müssen. Das überfordert mich oft.
Auch das Animationsprogramm durchzuhalten, wenn man einfach keine Lust hat und lieber aufs Sofa möchte, ist echt furchtbar.

"Schwierig finde ich manchmal die Arbeit mit den Eltern" Heilerziehungspflegerin Daniela über ihren Alltag in der KiTa
Aus heutiger Sicht: Würden Sie sich noch einmal für Ihren Beruf entscheiden oder hätten Sie sich, in dem Wissen, was Sie heute haben, damals lieber für eine andere Ausbildung entschieden?
Ich mache immer ganz gern den Witz, dass ich im nächsten Leben Abi mache und dann etwas studiere, dass mir mit wenig Arbeit viel Geld bringt. Aber ich glaube, dass ich es wieder so machen würde.
Ich liebe meinen Job. Er erfüllt mich und er macht mir Spaß. In einem Büro zu sitzen kann ich mir gar nicht vorstellen.
Das Einzige, das ich gern ändern würde, sind die Bedingungen dieses Berufs (Wechselschichtdienst, Personalmangel, schlechte Bezahlung…)

Was möchten Sie anderen Müttern, die auch beruflich mit Kindern zu tun haben, aus Ihrer Erfahrung heraus gerne noch mit auf den Weg geben?
Nehmt euch Auszeiten! Am besten ohne schlechtes Gewissen, denn wenn ihr im Job oder zu Hause überfordert seid, tut das niemandem gut.
Fragt Kollegen und Freunde um Hilfe, wenn ihr Unterstützung braucht. Immer die Zähne zusammenzubeißen und Durchhalten ist ungesund und führt irgendwann zum kompletten Zusammenbruch…

Vielen Dank, liebe Daniela, für die ehrlichen Einblicke in Ihr vielschichtiges Leben mit Kindern, die Sie uns gewährt haben. Es ist schön zu lesen, dass Sie trotz der täglichen Herausforderungen und sogar tränenreichen Situationen immer wieder den Weg der Heilerziehungspflegerin einschlagen würden. Und ich bin mir ganz sicher, dass Ihre „Klienten“, wie Sie es so schön ausgedrückt haben, merken, mit wie viel Herzblut Sie bei der Sache sind! (Mehr über Daniela erfahren Sie auf ihrem Blog „So schön unperfekt„)

Wenn Sie, liebe LeserInnen, auch gerne bei meiner Interviewreihe mitmachen möchten, klicken Sie doch einfach hier. Dann erfahren Sie alles rund um die Teilnahmebedingungen und was Sie sonst noch wissen müssen. Ich würde mich freuen, bald von Ihnen zu lesen!

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