Im Dialog

Die Intuition der Pusteblume

Was kommt dabei heraus, wenn verschiedene Menschen an ein und derselben Geschichte schreiben? Wenn jede Person immer nur einen Satz schreiben darf und der letzte Satz aus einer anderen Feder stammen muss?

Vor diese Aufgabe stellte ich die Mitglieder meines Pusteblumengartens, in dem ich ihnen -passend zum Monatsthema „Intuition“- nur den ersten Satz vorgab, aus dem sich dann eine sinngebende Erzählung bilden sollte. Dass daraus am Ende nicht nur eine grammatikalisch korrekt formulierte Story, sondern gleich ein bildhaftes Märchen für all die freiheitsliebenden Mütter unter uns entstanden ist, hätten wir sicher alle während unserer intuitiven und individuellen Suche nach einer passenden Fortsetzung, Satz für Satz, nicht für möglich gehalten.

Nicht nur mit dem Einverständnis der Autorinnen, sondern vor allem mit Freuden darf ich dir an dieser Stelle diese Ein-Satz-an-ein-Satz-Geschichte präsentieren, auf dass sie dich möglicherweise genauso zum Nachdenken anregt und eine Spur Gänsehaut zaubert…

Die Intuition der Pusteblume

Es war einmal eine zarte Pusteblume. Diese wuchs in einem wunderschönen Garten. Noch war es ruhig und windstill, aber da lag etwas in der Luft… Tatsächlich, irgendetwas ging hier vor, neugierig reckte sie sich und sah sich im Garten um. Dahinten, war da nicht etwas? Sie schaute genau hin und fand, dieser Umriss kam ihr irgendwie bekannt vor. Aber sie konnte es noch nicht so ganz greifen und erfassen, an was sie dieser Umriss erinnerte. “Hey, hallo du”, sagte sie zu dem Marienkäfer der gerade auf einem ihrer Blätter gelandet war, “dort hinten, was ist denn das, ich kann es nicht erkennen?”.

Die Intuition der PusteblumeDer Käfer antwortete: „Hmm, ich finde, das sieht doch so ähnlich aus wie du, oder nicht?“ Die Pusteblume versuchte ihr zartes Köpfchen zu recken, in der Hoffnung es besser erkennen zu können und sagte zum Marienkäfer: “ Findest du wirklich?“ Sie schaute rüber zu den stolzen Rosen, den prächtigen Sonnenblumen und den farbenfrohen Dahlien und fragte sich: “Sollte es in diesem Garten vielleicht noch so eine Blume wie mich geben?”. Wenn es doch bloß eine Möglichkeit gäbe, mit dem unbekannten Wesen Kontakt aufzunehmen!

„Wenn ich eins deiner Schirmchen mitnehme, könnten wir gemeinsam rüber fliegen und schauen, was es ist“, bot ihr der Marienkäfer an. „Oh ja!“ Stimmte die Pusteblume zu. „Aber ist das nicht gefährlich?“ „Gefährlicher, als das Unbekannte zu wagen, ist es, es gar nicht erst zu versuchen“ sagte der Marienkäfer, umschloss vorsichtig das schönste Schirmchen mit seinem dünnen Ärmchen, spreizte dann seine Flügel…und hob ab.

Erschrocken hielt die Pusteblume den Atem an, als sich das Schirmchen löste, es ziepte und kribbelte ein wenig doch tatsächlich, ein Teil von ihr flog, was für ein phantastisches Gefühl! Das Schirmchen in der Luft schaute sich ungläubig um und fühlte sich plötzlich völlig frei. Wie die Wiese und all die Blumen, die auf ihr blühten, plötzlich von oben aussahen; das Schirmchen kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Die Intuition der PusteblumeLangsam näherte es sich dem unbekannten Wesen und wäre vor Schreck beinahe abgestürzt, denn tatsächlich: da war noch eine Pusteblume! Vor lauter Aufregung wurde ihr ganz warm ums Herz, als sie den Marienkäfer bat, sie abzusetzen. Als sie bei der Pusteblume landeten, verschlug es dem Schirmchen glatt die Sprache. Der Marienkäfer sagte, er würde so lange warten und bleiben, wie es nötig wäre.

Auf einmal hörte das Pusteblumen-Schirmchen ein freundliches „Hallo“ – es kam von einem anderen Pusteblumen-Schirmchen neben ihm, das hoch erfreut schien über seinen Besuch. „Wo kommst Du denn her?“ fragte das Schirmchen verwundert. Völlig fasziniert von der Geschichte, die es da zu Ohren bekam, bedeutete das fremde Schirmchen dem Neuling, einmal einen Blick über diesen Teil seiner Wiese zu werfen, denn was es dort zu sehen gäbe, würde ihn für all seinen bisher aufgebrachten Mut belohnen.

Das Schirmchen bat den Marienkäfer, es einmal ganz hoch in die Luft zu ziehen, damit es die ganze Wiese überblicken konnte, doch vor Erstaunen wäre es fast gleich wieder abgestürzt: Soweit das Auge reichte, wuchsen viele weitere Pusteblumen der gleichen Art verteilt. Ob sie wohl voneinander wussten oder jede allein für sich „blühte“?

Die Intuition der PusteblumeWährend das Schirmchen noch staunte und seinen Gedanken nachhing, spürte es plötzlich eine leichte Brise hinter sich aufkommen, die in einen immer kräftiger werdenden Wind überging, und das Schirmchen fühlte auf einmal intuitiv, was seine Bestimmung war: Hinaus in die Welt zu fliegen, um all die Anderen kennenzulernen. Das Schirmchen freute sich sehr, nicht mehr alleine sein zu müssen. Es wusste, zusammen mit dem Marienkäfer, würde er es schaffen. Doch dieser sagte: „Du brauchst mich nun nicht mehr dafür. Ich weiß, dass du selbst die Fähigkeit besitzt, dich vom Winde tragen zu lassen. Hab Vertrauen, dass er dich führen wird, wohin deine Reise auch gehen mag!“ Es würde sich aufmachen auf eine Reise um sich so vielen Pusteblumen wie möglich zu zeigen und es würde ihnen zurufen: „Ihr seid nicht alleine, es gibt noch so viele mehr die so sind wie wir.“

Und so geschah es. Ab diesem Tag vereinte alle Pusteblumen die Gewissheit, dass es immer jemanden geben wird, der genau so ist, wie man selbst. Manchmal braucht es lediglich einen kleinen „Schubs“ und die Sicht von Oben. Das Schirmchen war noch nie so glücklich. In der Gemeinschaft mit den anderen fand es viele neue Freunde – und letztendlich zu sich selbst zurück.

Ende

Fotos mit freundlicher Unterstützung von Delia Giandeini, Sven Gauditz, Wolfgang Hasselmann und Saad Chaudhry (von oben nach unten)

3 Gedanken zu „Die Intuition der Pusteblume“

  1. Antonia sagt:

    Das ist ja eine ganz wunderbare Geschichte geworden! Kaum zu glauben, dass jeder Satz aus einer anderen Feder stammt…
    Mein Lieblingsmärchen als Kind war übrigens ‚Das hässliche Entlein‘, das fand ich immer so rührend und so traurig und das Ende dann so fantastisch erhebend…nicht allein, zusammen mit Gefährten! Ganz ähnlich…

    Liebe Grüße und weiter so***
    Antonia

  2. Miriam sagt:

    Wunderbare kl Geschichte!
    Habe mich sehr darin gesehen, denn Dank der Sicht von aussen, meiner Schwester, habe ich diese Seite und den Garten hier entdeckt.
    Danke für die ganze Inspiration!

    1. Christine sagt:

      Wie schön, liebe Miriam, das freut mich zu hören! Toll, dass du so eine aufmerksame Schwester hast ♥

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