Im Dialog

Eltern-Zeitschrift und Blogliebling: Auch andere Kinder mögen keine Nähe


Warten ist ein Zustand, den die meisten von uns sicher gerne abschaffen würden. Schlange stehen im Supermarkt oder gelangweilt auf dem Lenkrad herumtrommeln, weil die Autobahn auf dem Weg zur Arbeit mal wieder zwölf Kilometer dicht ist – da kann man schon mal genervt sein oder sich fragen, wozu das Ganze denn gut sein soll. Vor allem, wenn man auch noch Kleinkinder dabei hat. Auch ich musste letztens dreißig Minuten warten, inkl. Kleinkind, aber ich war darauf vorbereitet. Mehr noch, das Schicksal spielte mir in dieser Zeit Informationen zu, auf die ich über vier Jahre lang gewartet hatte.

Da saßen wir nun, Mini und ich. Vor dem Behandlungsraum, in dem Maxi gerade mit seinem Physiotherapeuten Krankengymnastische Übungen machte. Zumindest hoffte ich das. Der Lautstärke und dem Gelächter zufolge, spielten Therapeut und Kind eher Torwandschießen. Währenddessen beschäftigten mein Dreijähriger und ich uns im Wartezimmer. Mini fand schnell ein paar Bauklötze zum Runterschmeißen, während ich zum nächst besten „Lesezirkel“ auf dem Zeitschriftenstapel griff. Es war die aktuelle Ausgabe der „Eltern“, auf der ein lachender Vater sein fröhliches Baby in die Luft hielt. Darunter abgedruckt die Überschrift der Titelreportage: „Wie viel Nähe brauchen Babys?“

Für mich schon fast wieder zu viel des Heile-Welt-Getue. Sicherlich mal wieder ein Beitrag, der mir nur attestieren wollte, dass in meiner Familie etwas nicht so normal ist, wie es eigentlich sein müsste. Natürlich brauchen Kinder Nähe, Babys ganz besonders, warum sollte ich mir jetzt zur Bestätigung den Artikel durchlesen, um mich danach wieder als schlechte Mutter zu fühlen? Immerhin sind meine beiden Kinder schon seit ihrer Geburt nicht gerade Freunde vom Kuscheln; Körperkontakt und Nähe lösen bei ihnen oft den Drang aus, schnell wieder vom Schoß herunter zu springen oder sich aus der Umarmung zu lösen.

Eltern-Zeitschrift und Blogliebling: Auch andere Kinder mögen keine Nähe
Ich wollte die Zeitschrift schon zurücklegen und mir eine Andere nehmen, als ich den Untertitel wahrnahm: „Warum Bedürfnisse nach Körperkontakt so unterschiedlich sind und wie man damit umgeht.“ Bäm! Damit hatte ich weiß Gott nicht gerechnet. Schnell zur Seite Vierundzwanzig geblättert und schon war ich vertieft in die spannenden Fallgeschichten. Von Klara, die mit ihren zwanzig Monaten immer noch genauso wenig Nähe ertragen kann, wie als Säugling. Von ihrem Papa Tobias, der deswegen lange Selbstzweifel und das Gefühl hatte, etwas falsch zu machen.

Aber auch von Sarah, die sich von dem innigen Kuschelbedürfnis ihres Sohnes aufgrund seiner Frühgeburt fast schon erdrückt fühlte und nun froh ist, dass diese Zeiten inzwischen vorbei sind.
Ich las den Artikel und fühlte mich endlich verstanden. Niemand konnte mir bis zu diesem Nachmittag in der Praxis für Kinder-Krankengymnastik das Gefühl geben, nicht alleine mit diesem Zustand zu sein. Tobias und Sarah konnten es. Weil sie auch mit völlig anderen Erwartungen in die Mutter- bzw. Vaterschaft gegangen sind, weil auch sie mit unterschiedlichen Nähe-Bedürfnissen zu kämpfen hatten.

Gute Bindung = Viel Körperkontakt, so scheint die unabdingbare Formel in unseren Köpfen zu lauten. Und dann las ich weiter in dem Eltern-Artikel. Dass in Indien der Austausch von Zärtlichkeiten auch zwischen Eltern und Kindern vielfach noch tabuisiert ist. Dass japanische Mütter ihren Kindern höchstens Luftküsschen über die Köpfe hauchen. Und dass es afrikanische Länder gibt, in denen der Nachwuchs nicht mal angeguckt wird, weil die Angst vor dem „bösen Blick“ noch zu groß ist.

Eltern-Zeitschrift und Blogliebling: Auch andere Kinder mögen keine Nähe
Als mein Vierjähriger fertig mit Torwandschießen den Übungen war und das Wartezimmer betrat, fand er seinen Bruder und eine lächelnde Mutter vor, die wohl gerade etwas Erfreuliches gelesen hatte. Und in der Tat, das hatte ich. Denn auch, wenn ich mich schon lange mit dem Zustand arrangiert hatte, dass meine Jungs eher aus der Distanz heraus agieren, empfand ich es nach der Lektüre als weniger außergewöhnlich. Es gibt nun mal Kinder, die brauchen sehr, sehr viel Kontakt und es gibt wieder Kinder, die benötigen sehr, sehr wenig davon. Und trotzdem muss die Eltern-Kind-Bindung nicht darunter leiden.

Und wie das Schicksal so spielt, kam eine Woche nach besagtem Tag in der Praxis eine Mail von der Brigitte-Mom-Redaktion in mein Postfach geflattert. Sie hätten meinen Blogbeitrag „Hilfe, mein Kind will nicht kuscheln“ entdeckt und für so gut befunden, dass sie ihn gerne als Blogliebling auf ihrer Website vorstellen würden. Und so habe ich nun wie Tobias und Sarah die Chance, mit meiner Geschichte viele Menschen zu erreichen, die vielleicht mit ähnlichem Schicksal hadern. Manchmal lohnt sich das Warten eben doch.

Ein Gedanke zu „Eltern-Zeitschrift und Blogliebling: Auch andere Kinder mögen keine Nähe“

  1. Sheldon sagt:

    Meine erste hörte so etwa mit 6 Monaten auf zu kuscheln. Jetzt ist sie zwei und Kuscheln gibts höchstens morgens ein paar Minuten, wenn sie sich weh getan hat und wenn sie krank ist. Das fanden Mama und ich beide furchtbar!

    Die zweite ist jetzt knapp 7 Monate und kuschelte von vorneherein sehr viel lieber mit uns. Das macht sie auch jetzt noch. Wir genießen das sehr, lernen nun aber auch die Schattenseiten kennen: Nachts schläft sie immer schon sehr unruhig, außer sie darf auf Mamas oder Papas Bauch schlafen – dann geht es auch 6 Stunden ohne Trinkpause. Und wir müssen uns abwechseln, damit unsere Arme ab und an wieder durchblutet werden, unsere Rücken sind total verspannt von der ewig gleichen Rückenlage ohne sich mal umdrehen zu dürfen.

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